

Die Faszination eines Films resultiert nicht immer aus der erzählten Geschichte. Natürlich nicht. Handlung ist stets nur ein Element im Zusammenspiel von Bildern, Tönen, Geräuschen und Dialogen. Diese Erkenntnis ist nun keine Sensation. Immerhin funktionieren, um nur ein Beispiel zu nennen, zahlreiche Filme des Suspense-Großmeisters Hitchcock auch (aber natürlich nicht nur) völlig losgelöst von ihren narrativen Rahmenbedingungen. Warum die Vögel in Hitchcocks gleichnamigen Klassiker Amok laufen, ist für den Spannungs- und Unterhaltungsbogen des Films erst einmal völlig unwichtig. Atmosphäre, die sich aus dem Seherlebnis des Films ergibt, ist oftmals also nicht nur der Weg, sondern auch das Ziel. „Wer ist Hanna?“ wirkt auf ähnliche Art und Weise. Ein Film, der eher assoziativ funktioniert, als das er sich auf einen konsistenten und logischen Rahmen fokussiert. Regisseur Joe Wright gelingt so ein Crossover aus Roadmovie-, Coming-of-Age- und Actionelementen, das sich in seiner ausdrucksstarken Bild- und Tonsprache durchaus sperrig, dafür aber umso interessanter präsentiert. Das Abheben von dem typischen Hollywood-Einheitsbrei, der natürlich von einem Großteil des Kinopublikums nachgefragt wird, ist folgerichtiges Resultat dieses Unterfangens. Anders als in den standardisierten Actionfilmen Marke Bruckheimer oder Bay funktioniert die Actionszene in „Wer ist Hannah?“ als punktiert eingesetztes Stilmittel eskalierender sowie implodierender Realitäten und nicht als reiner Selbstzweck.
Dass Filme stets durch visuelle und auditive Codierungen funktionieren, wird in „Wer ist Hanna?“ bereits durch die Exposition verdeutlicht. Taucht die Kamera tief hinab in das kalte weiß einer arktisch-verschneit wirkenden Landschaft, fällt das Auge auf einen weißen Schwan, der in seiner majestätischen Erhabenheit inmitten dieser lebensfeindlichen Landschaft irritiert. Es geht in dieser Szene jedoch nicht um das Tier an sich, sondern um die Metaphern und Codierungen, die sich mit dem Schwan verbinden. Seine herausragende Stellung in Mythos und Märchen lässt das von Wright nur kurz eingefangene Bild zu einer Allegorie gerinnen, die sich wie ein roter Faden quer durch den Film zieht. Zu Beginn dieser Erzählung befindet sich die titelgebende Hanna (Saoirese Ronan) noch inmitten der von ihrem Vater (Eric Bana) geschaffenen Grenzen, der sie – aus einem zunächst nicht ersichtlichen Grund – von der modernen Zivilisation isoliert und zur toughen Kampfmaschine ausbildet. Der Tod des von ihr mit Pfeil und Bogen erlegten Hirsches gerät zur ritualisierten Handlung, dessen Wiederholung zu einem späteren Zeitpunkt den Kreis schließen wird. Gleichzeitig vollzieht sich mit der Jagd das Ende eines Initiationsprozesses, der Hanna zu einer autark handelnden Persönlichkeit macht. Ihr Vater überlässt ihr die Entscheidung, ob sie nun auf die Jagd nach der mysteriösen Marissa Wiegler (Cate Blanchett) gehen, oder noch warten möchte. Hanna fühlt sich bereit, drückt den Knopf des Peilsenders und verlässt in der Folge den sie schützenden Kokon des Waldes.
„Wer ist Hanna?“ begreift sowohl seine Protagonistin als auch deren Nemesis als Figuren mit märchenhaftem Anstrich. Hanna ist folglich nicht nur durch die technisierte und kommunikative Umgebung der von uns als normal empfundenen modernen Zivilisationen herausgefordert, beeindruckt und bedroht, sondern wird vielmehr aus den Buchseiten des Märchens hinein in das Hier und Heute katapultiert. Mit anderen Worten: „Wer ist Hanna?“ vertauscht geschickt die Ebenen und kehrt diese sowohl für die Protagonistin als auch für den Rezipienten um. Was für den Rezipienten Wirklichkeit ist, ist für Hanna Märchen und vice versa. Folglich findet die finale Auseinandersetzung zwischen Hanna und Wiegler nicht auf den Straßen Berlins, sondern inmitten eines stillgelegten und verfallenen Märchenparks statt. Grimms böser Wolf verschmilzt geradezu bildlich mit der bösen Hexe zu einem Kosmos der Bedrohung, der nur und ausschließlich von Hanna bezwungen werden kann. Wright konstruiert einen Film, dessen Realitäten schwammig sind und der sich über seine Stimmungen und Gefühle erzeugenden Bilder seine Bahn bricht. Wie in den meisten Märchen vollzieht sich der Kampf zwischen Gut und Böse dabei durch schiere und bloße Gewalt. Die kleine Gretel stößt die böse Hexe in den Ofen und lässt sie verbrennen. Hanna bricht das Genick der Frau, die sie für Wiegler hält, mit einer Leichtigkeit als ob sie ein Streichholz in zwei Hälften zerteilen würde. In einer Gesellschaft (wie der unsrigen), die Gewalt dankenswerterweise für gewöhnlich ablehnt, muss die Drastik von Grimms (oder anderen Märchen) antiquiert erscheinen, oder eben – wie im Fall von „Wer ist Hanna?“ Unbehagen erzeugen.
Die kaltblütige Killerin Hanna passt nun wirklich nicht in das Bild des kleinen Mädchens, das im 21. Jahrhundert als Idealtypus gilt. Film ist auch in diesem Fall wieder nicht nur ein Medium zum Erzählen von Geschichten, sondern auch für Transfer und Modernisierung, denn es ist ein überaus düsteres Märchen welches da in „Wer ist Hanna?“ erzählt wird. Wright macht diesen Bezug immer wieder deutlich, manchmal sogar deutlicher als er müsste. Die Realität des Hier und Jetzt wird mit den im Film auftauchenden Figuren kontrastiert und gebrochen. Das junge britische Mädchen, mit dem sich Hanna anfreundet, ist überzeichnete Karikatur, gleiches gilt für Hannas Verfolger samt dessen „Neonazi-Schläger“. Wiegler hingegen ist das Paradebeispiel der bösen Hexe. Zwar schön, jedoch kaltblütig und manisch bis zum Erbrechen. Eingefangen wird dieses überaus interessant Szenario, dessen Konstante der stilistische Bruch ist, von der Kamera von Joe Wright. Mal schnell, dann wieder langsam, geradezu elegisch und erhaben, wird Hannas Geschichte von Wright beeindruckend bebildert. Spielt insbesondere die junge Ronan auf bemerkenswertem Niveau, vollzieht sich das Gesamtkunstwerk „Wer ist Hanna?“ jedoch erst durch den zugehörigen und herausragenden Soundtrack von den Chemical Brothers. Kino ist nicht immer Kunst. In diesem Fall schon. - Fazit: 8 von 10 Punkten.












