Eyes Wide Shut - Der Versuch einer Interpretation










Die folgenden Überlegungen zu Stanley Kubricks „Eyes Wide Shut“ haben das Ziel darzulegen, dass dieser Film mitnichten ein „Porno für Arme“ ist, sondern sich vielmehr nahtlos in die lange Reihe großartiger Kunstwerke Kubricks, welcher wenige Tage nach Fertigstellung des Films verstarb, einfügt. Zu diesem Zweck werden die weiteren Ausführungen weit über das Maß einer reinen Inhaltsangabe mit einfacher Bewertung in „Gut“ oder „Schlecht“ hinausgehen. Sollten Sie den Film noch nicht gesehen haben, und ihn frei von jeglichen Einflüssen konsumieren wollen, dann hören Sie an dieser Stelle auf zu Lesen.

Es ist nicht weiter überraschend, dass die meisten Filme von Stanley Kubrick entweder verehrt, oder gehasst werden. Dies ergibt sich aus ihrer Methode: Sie sind nicht für den schnellen Kino-Konsum für zwischendurch geschaffen, der dem Zuschauer am Ende des Films alle Fragen beantwortet und nichts im Unklaren lässt. Bei Kubrick ergibt sich oftmals das genau Gegenteil. Der Zuschauer hat am Ende des Films mehr Fragen, als am Anfang (Als Paradebeispiel kann an dieser Stelle „2001: Odyssee im Weltraum“ aufgeführt werden). Aus diesem Grund ist es an dieser Stelle weder Ziel noch Anspruch eine allgemein gültige Deutung des Films zu leisten. Vielmehr ist es eine der Stärken der Kubrick-Filme jedem Zuschauer die Möglichkeit einer individuellen Deutung zu ermöglichen. Folgende Ausführungen stellen somit meinen eigenen Interpretationsansatz da. Andere mögen den Film ähnlich deuten, oder aber auch etwas völlig anderes ihn ihm sehen.


„Eyes wide shut“ basiert auf Arthur Schnitzlers in Wien spielende Traumnovelle, welche dieser 1925 schrieb. Ich schreibe die folgenden Zeilen ohne diese jemals gelesen zu haben. Allerdings spielt dies meines Erachtens für das Sehen und das Verständnis des Films keine Rolle, da Kubrick das Setting der Traumnovelle zum Einen in das Hier und Heute transferiert hat, und diese zum Anderen auch nur als Inspiration diente (Siehe Abspann: „Inspired by Arthur Schnitzler's Traumnovelle“). Die folgende Auseinandersetzung mit dem Film macht eine inhaltliche Zusammenfassung der Geschehnisse im Film unabdingbar. Wer den Film bereits gesehen hat kann diesen Abschnitt gegebenenfalls überspringen. Wer den Film noch nicht gesehen hat, und den Inhalt noch nicht so genau kennen möchte, hat an dieser Stelle die letzte Gelegenheit „auszusteigen“.


Beginnen wir nun also mit der Handlung: Am Beginn des Films sehen wir die Person der Alice Harford (Nicole Kidman), welche in den kurzen Vorspann eingeblendet wird. Es ist zu sehen wie diese sich ihres Kleides entledigt. Auf diesen Moment der Nacktheit wird später noch eingegangen werden, er sollte also im Hinterkopf bleiben. Untermalt ist diese Szene von dem wunderbar melodischen Stück von Dimitri Shostakovich „Jazz No2“. Überhaupt werden weite Teile des Scores getragen allein von der ausdrucksstarken Kraft eines Pianos. Nach Beendigung des Vorspanns sehen wir also wie sich das Ehepaar Bill (Tom Cruise) und die bereits erwähnte Alice Harford, auf die Party eines ihrer Bekannten, Victor Ziegler (Sidney Pollack), vorbereitet. Dort angekommen wird Alice alsbald in einen heftigen Flirt mit einem Ungarn verwickelt, während Bill, Arzt von Beruf, sich um eine Prostituierte mit Überdosis kümmern muss mit der sich Ziegler, obwohl ebenfalls verheiratet, vergnügt hatte.


Am Abend des nächsten Tages kommt es zum Streit zwischen beiden und Alice gesteht Bill das sie ihn in vor einiger Zeit auf einer gemeinsamen Reise betrogen und verlassen hätte, wenn sie die Möglichkeit dazu gehabt hätte. Wütend und verwirrt verlässt Bill das Haus. Auf seiner Reise durch die Nacht trifft er zuerst auf die Tochter eines verstorbenen Patienten, welche ihm am Totenbett ihres Vaters und in baldiger Erwartung ihres Verlobten ihre Liebe zu ihm gesteht. Kurz darauf begegnet er in den Straßen der Prostituierten Domino, welche ihn mit in ihre Wohnung nimmt. Bevor es zum Sex kommen kann, ruft ihn jedoch seine Frau auf dem Handy an, so dass Bill die Wohnung wieder verlässt. In einer Bar trifft er alsbald seinen alten Freund und Pianist Nick Nightingale wieder, den er schon auf Zieglers Party getroffen hatte. Dieser erzählt ihm von einem mysteriösen Job. Bill ist neugierig. Er lässt sich von Nick das Passwort geben in der Absicht dieser Angelegenheit beizuwohnen. In einem Kostümverleih besorgt er sich Maske und Kostüm. Dort wird er Zeuge wie die offensichtlich minderjährige Tochter des Besitzers mit zwei Asiaten Sex hat. Mit Hilfe des Passworts schafft er es tatsächlich in die Versammlung und wird Zeuge einer Orgie. Die Warnungen einer maskierten Frau in den Wind schlagend wird er entdeckt. Da die Frau, welche versucht hat ihn zu Warnen, die ihn erwartende Bestrafung auf sich nimmt darf er das Anwesen verlassen, nicht ohne die ausdrückliche Warnung das Gesehene für sich zu behalten. Bill kehrt nach Hause zurück. Alice erwacht unter Tränen aus einem Alptraum in dem sie, im Beisein ihres Mannes, mit unzähligen Männern Sex hatte.


Der nächste Tag. Bill versucht seinen Freund Nick zu erreichen, jedoch ohne Erfolg. Der Portiers in Nicks Hotel erzählt, dass dieser schon morgens um 5 Uhr in Begleitung zweier Herren das Hotel verlassen habe. Beim Zurückgeben des Kostüms fehlt die Maske. Die Tochter des Verleihers erscheint in Begleitung der Asiaten. Offensichtlich ist sie von ihrem Vater an Diese verkauft worden. Als Bill Domino erneut aufsuchen möchte erfährt er von ihrer Mitbewohnerin das diese HIV-Positiv sei, und vermutlich nicht zurückkehren wird. Zurück auf der Straße hat Bill den Eindruck verfolgt zu werden. Aus der Zeitung erfährt Bill das Mandy, der er auf Zieglers Party das Leben rettete, an einer Überdosis verstorben sei. Er fährt ins Krankenhaus und verschafft sich die Möglichkeit ihre Leiche zu sehen. Er vermutet in ihr die Frau die ihn in der letzten Nacht warnen wollte. Kurz darauf erhält er einen Anruf von Ziegler, welcher ihn zu sich bittet. Dieser offenbart ihm ebenfalls auf nächtlichen Versammlung gewesen zu sein. Es sei alles Theater gewesen: Nick sei wohlbehalten im Flugzeug nach Hause, Mandy nicht ermordet, sondern wirklich an einer Überdosis gestorben. Bill kehrt nach Hause zurück. Neben seiner schlafenden Frau liegt die Maske. Er bricht zusammen, und erzählt seiner Frau alles. Am nächsten Tag gehen sie mit ihrer Tochter zum Weihnachtseinkauf.


So viel also zu Handlung die sich bewusst auf die Schilderung der reinen Ereignisse beschränkt hat, und es in diesem Zuge vermied auf die verwendeten Bilder, Dialoge, etc. vorzugreifen. Was ist nun aber Sinn und Zweck dieses Films? Betrachtet man die Werke Stanley Kubricks ist zu konstatieren, dass diese oftmals eine direkte Kritik der menschlichen Gesellschaft zum Inhalt haben. An dieser Stelle sollen einige Beispiel aufgeführt werden: „2001: Odyssee im Weltraum“ thematisiert und kritisiert unter anderem das menschliche Vertrauen in die Technik. Der hochmütige Anspruch der Menschen über die Technik zu herrschen, wird in diesem Film negiert: Der Computer übernimmt die Kontrolle, der Mensch ist hilflos. „Clockworck Orange“ dreht sich um die Frage der Reichweite der Justiz und geht der Frage nach in welchem Maß in die Rechte des Individuums zu Gunsten der Gesellschaft eingegriffen werden darf. „Full Metal Jacket“ wiederum behandelt die Entmenschung des Menschen im Krieg, und somit das Versagen unserer selbst ernannten Zivilisation. Diese Liste ließe sich ohne weiteres fortsetzen, hier geht es jedoch um nicht um eine Werkschau Kubricks, sondern um „Eyes wide shut“.


„Eyes wide shut“ - Die Augen weit geschlossen. Allein der Titel führt auf die richtige Fährte. Meiner Meinung nach stellt auch „Eyes wide shut“ eine direkte Kritik an der Gesellschaft da. Genauer gesagt thematisiert Kubrick die Unfähigkeit der Menschen auf ehrliche Art und Weise über ihre Bedürfnisse innerhalb einer Beziehung zu kommunizieren. „Die Augen weit geschlossen“ - Die Wahrheit wird gesehen, jedoch ignoriert. Was aber ist die Wahrheit? Kubrick skizziert die menschliche Beziehungen, in diesem Fall die Ehe, als gesellschaftliches Konstrukt unserer Zivilisation, welche im Gegensatz zur Natur, zu den „Instinkten“ des Menschen steht. Erinnern Sie sich an das erste Bild des Films? Alice streift ihr Kleid vom Körper. Die äußere Hülle fällt, was sich nun offenbart ist das Innerste, das Unverfälschte. Werden „die Instinkte“ von der Gesellschaft negiert, ist der Mensch also nicht in der Lage darüber zu sprechen, kann und wird eine Beziehung nicht funktionieren, und irgendwann als eben jenes Konstrukt entlarvt. Diese Demaskierung widerfährt auch Bill und Alice: Kinder und Betrunkene sagen die Wahrheit (in diesem Fall: Zugedröhnte): Als sich Alice Bill in der Nacht nach der Party offenbart, werden zum ersten Mal die Augen ein Stück weit geöffnet:


Bill: „He just wanna to fuck my wife?“ - Alice: „Yeah, that's right“. - Bill: „Now, I guess that's understandable.“ - Alice: „Understandable?“ - Bill: „Yeah, because you're a very, very beautiful woman.“ - Alice: „Woah, woah, wait... So, because I am a beautiful woman, the only reason any man who wants to talk with me... is because he wants to fuck me? Is that what you're saying?“ - Bill: „Well, I dont't think it's quite that black and white, but..., but I think we both know what man are like.“


Die an dieser Stelle zitierten Einlassungen Bills sind der Auslöser für die verhängnisvolle Offenbarung Alices, welche ihm erzählt, dass sie vor einigen Jahren bereit war die gesamte Beziehung für einen Marine-Offizier, den sie nicht mal kannte, aufs Spiel zu Setzen. Ihre Erzählung verdeutlicht, dass Frauen den selben Regeln unterworfen sind wie Männer: Auch sie sind nicht davor gefeit auf Grund ihres reinen sexuellen Verlangens eine Beziehung zu beenden. „You know what man are like“, diese Aussage Bills macht deutlich, dass er sich darüber nicht im klaren ist, und ein solches Verhalten nur bei Männern annimmt. Dies ist der Grund warum er wütend und desillusioniert die Wohnung verlässt. Ausgehend von diesen Beobachtungen stelle ich folgende These auf: Fast der gesamte Film dreht sich um die Darstellung des sexuellen Urinstinkt der Menschen, völlig losgelöst von gesellschaftlichen Konventionen und Beziehungen. Diese Einlassung wird von mir im folgenden an Hand einiger Beispiel verdeutlicht werden. Zuvor soll allerdings einer weiteren Frage nachgegangen werden: Warum spielt der Film in der Weihnachtszeit? Die zeitliche Verortung in die Weihnachtszeit ist ein geschickter Kunstgriff Kubricks mit verstärkender Wirkung: Weihnachten symbolisiert wie kein anderes Fest den Zusammenhalt menschlicher Beziehungen. Gerade zu dieser Zeit steht die Familie im besonderen Fokus des Betrachters. Die bunten, warmen Farben der Weihnachtsbeleuchtungen werden im ganzen Film mit den gezeigten Geschehnissen aufs schärfste im Kontrast stehen.


Diese Geschehnisse nehmen ihren Anfang auf Zieglers Party, das Spiel beginnt. Während Bill mit zwei Schönheiten durch die Räume schreitet, kommt es auf der Tanzfläche zu einem heftigen Flirt zwischen Alice und dem Ungarn Sandor Szavost (Sky du Mont). Im Zuge dieses Flirts kommt es zwischen Alice und Sandor zu folgendem Dialog:


Sandor: „You know why women used to get married, don't you? - Alice: „Why don't you tell me?“ - Sandor: „It was the only way they could loose their virginity, and be free to do what they wanted with other men. The ones they realy wanted.“ - Alice: „Fascintating.“


Sandor negiert an dieser Stelle eindeutig den Anspruch der Ehe Ausdruck der liebenden Verbindung von Mann und Frau zu sein. Er weiß das Alice verheiratet ist, trotzdem insistiert er weiter mit dem Ziel sie zu ficken. Die Verwendung des Terminus „Ficken“ geschieht an dieser Stelle, wie auch im Film, mit völliger Absicht. Er drückt „des Pudels Kern“ aus, nämlich die einfache Geilheit des Ungarn. Der Ausdruck „miteinander schlafen“ oder ähnliches würde dem Sachverhalt nicht gerecht werden. Anderer Ort, selbe Intention: Ziegler betrügt auf der Party seine Frau mit einer drogensüchtigen Nutte. Bill wird gerufen, da diese kollabiert ist. Auch hier steht wieder die reine Befriedigung des sexuellen Triebs im Vordergrund. Kurz darauf kehren Bill und Alice nach Hause zurück. Sie haben sich auf der Party gegenseitig beobachtet, sie in den Armen Sandors, er in den Armen zweier anderer Frauen. Sie reden nicht, sie ficken. Alice wirft dabei einen Blick in den Spiegel, beobachtet sich selber, scheint nachdenklich. Der Konflikt bahnt sich an – „Eyes less shut“


Am nächsten Abend kommt es zum bereits erwähnten Streit, und Bill verlässt die Wohung. Aufgelöst eilt er zu besagter Tochter eines Patienten, welcher verstorben ist. Auf dem Weg dorthin, sieht er in Gedanken seine Frau, wie sie es mit dem Marine-Offizier treibt. Im Haus des Verstorbenen entwickelt sich ein Gespräch zwischen Bill und dessen Tochter, Marion. Plötzlich beginnt diese Bill wild zu küssen:


Marion: „I love you.... I love you, I love you, I love you.... I don't want to go away with Carl [Ihr Verlobter]. - Bill: „Marion, I don't think you realize... Marion: „I do, even if I never do see you again, I want at least live near you. - Bill: „Marion, listen to me, listen to me. You're very upset right now and I don't think you realize what you are saying. “... - Marion: „ I love you!“ - Bill: „Marion, we barely know each other. I don't think we had a single conversation about anything except your fahter. - Marion: Oh, I love you.


Die gesamte Szenerie ist skurril. Marions toter Vater liegt direkt neben ihr, jeden Moment könnte ihr Verlobter auftauchen, und trotzdem entsagt sie den gesellschaftlichen Konventionen. Sie scheint dazu bereit alles aufzugeben, nur um ihren körperlichen Verlangen nachzugeben in der Nähe von Bill zu sein. Hier bestätigt sich was Alice bereits während des Streits thematisiert hat. Es ist dieselbe Geschichte: Die Bereitschaft zur Aufgabe einer gesicherten Beziehung zu Gunsten der Befriedigung des eigenen Triebs. Bill verlässt das Anwesen und wird durch die Prostituierte Domino selbst in Versuchung geführt. Er ist bereit auf das offensichtliche Angebot einzugehen. Sein Zorn auf Alice scheint auch ihm zu ermöglichen aus der gesellschaftlichen Konvention auszubrechen. Einzig der zufällige Anruf von Alice verhindert das Äußerste.


Die Reduzierung der menschlichen Existenz auf den Trieb setzt sich im Kostümverleih fort, wo Bill Zeuge wird wie die minderjährige Tochter von zwei als Frauen verkleideten Asiaten gefickt wird. Der Höhepunkt ist jedoch zweifelsohne die nächtliche Orgie. Hier wird der Mensch endgültig auf seinen Trieb reduziert. Nichts anderes ist mehr von Belang. Die Masken dienen nicht nur der Identitätsverschleierung. Sie sind vielmehr Symbol für den endgültigen Zusammenbruch gesellschaftlicher Konventionen. Wo das Gesicht durch die Maske verdeckt wird, muss auch jegliche zwischenmenschliche Beziehung enden – Es bleibt einzig und allein die Geilheit, das Ficken. - „She got her brain fucked out, period.“ (Zitat Ziegler am nächsten Abend zu Bill).


Als Bill nach Hause zurückgekehrt ist, erzählt Alice von ihrem Traum. Im Endeffekt haben beide dasselbe durchgemacht, der eine im Traum (Alice), der andere im realen Leben (Bill). Wie dieser Zeile zu entnehmen ist, schließe ich mich nicht der durchaus vorhandenen Meinung an, dass auch die Geschehnisse Bills Produkt seiner Träume ist. Eigentlich ist dies auch unerheblich, da der Erkenntnisgewinn der Protagonisten der gleiche bleibt, ob Traum oder Realität.


Nichts desto trotz möchte ich in meiner Argumentation dasselbe Bild bemühen. Der folgende Tag führt zu einem „Aufwachen“ Bills, einem Aufwachen aus seinem gesellschaftlichen Konstrukt. Angetrieben von dem schlechten Gewissen für das Schicksal zweier Menschen verantwortlich zu sein, begibt er sich zu den Stationen seiner nächtlichen Reise: Die Ergebnisse sind von negativer Natur: Nick (scheinbar) verschwunden, Mandy tot, die Tochter des Kostümverleihers an die Asiaten verkauft, Domino an HIV erkrankt. Es versagt die Gesellschaft, der Verlust der Moral findet statt. Dies alles kontrastiert mit der ewig bunten Weihnachtsbeleuchtung und dem ständigen „Merry Christmas“. - So viel zur Untermauerung meiner im Vorigen aufgestellten These.


Ausgerechnet das Gespräch mit Ziegler scheint dazu zu führen, dass Bill die Balance wiederfindet: Es sei alles nur Theater gewesen. Eine Rückkehr in den alten Trott ist also möglich? Dem ist natürlich nicht so: Die Maske auf Bills Kissen ist der Inbegriff der Tatsache das er, genau wie Alice, nicht mehr zurück kann. Dies wird Bill schlagartig klar, deshalb sein Zusammenbruch an dieser Stelle. Am Ende einer durchweinten Nacht und am Ende des Film sehen wir die beiden mit ihrer Tochter Helena im Laden. Dort kommt es zum letzten Dialog des Films in denen beide das Geschehene noch einmal besprechen. Er endet mit folgenden Worten:


Alice: „But I do love you. And you know there is something very important that we need to to as soon as possible.“ - Bill: „What's that?“ - Alice: „Fuck!“


Wie ist dieser letzte Dialog zu werten? Negativ im Sinne, dass sich nichts verändert hat? Ich glaube das nicht. Ich bin ein positiv denkender Mensch. Vielleicht ist dieses letztes „Fuck“ Ausdruck der Erkenntnis nun einen großen Schritt weitergekommen zu sein, damit verbunden die Absolution für Bill. Es scheint für beide eine gemeinsame Zukunft zu geben. Die beiden Eheleute haben seit langem, vielleicht zum ersten Mal überhaupt, auf ehrliche Art und Weise miteinander kommuniziert. Dies hätte von Kubrick allerdings auch auf konventionelle Art und Weise formuliert werden können. Das „Fuck“ ist jedoch die schlussendliche Betonung der unwiderlegbaren Tatsache der Existenz des menschlichen Triebs. Bill und Alice sind sich darüber nun im klaren, es verbindet sich schlussendlich das Erste mal in diesem Film Sex mit Liebe – Eyes wide open.


Quellennachweis: Screenshot aus "Eyes Wide Shut". © Hobby Films, Pole Star, Stanley Kubrick Productions, Warner Bros. Pictures


15 Kommentare:

Anonym hat gesagt…

Wer immer das geschrieben hat, es hat mir die Augen geöffnet und viele Ungereimtheiten meinerseits geklärt. Ganz toll gemacht - großes Kompliment!

Anonym hat gesagt…

respekt, sehr gut geschrieben

Anonym hat gesagt…

Wirklich tolle Interpretation. Sehr sehr gut !! Vielen Dank !

Anonym hat gesagt…

Der Bericht ist ordentlich. Meine Fragen wurden mir aber nicht beantwortet: Wie kam die Maske neben Alice auf das Bett? Warum war der Inhalt von Alice Traum fast gleich mit dem was Bill erlebt hat? War es Mord an der Prostituierten oder nicht? Was geschah mit Bill´s Freund?

Anonym hat gesagt…

Diese Fragen bleiben für mich auch unbeantwortet! Ich denke, dass die Antworten auf diese Fragen aber auch nicht wichtig für den Film sind aus Sicht von Kubrick, was ich etwas Schade finde. Raum für Interpretation ok, unschlüssige Szenen, die im luftleeren Raum bleiben, verärgern aber!

Die ausführliche Interpretation auf dieser Seite ist gelungen und trifft meines Erachtens die Intention Kubricks.

Abschließend hat mir der Film nicht gut gefallen, da ich nicht das tief pessimistische Menschenbild Kubricks teile bezüglich monogamer Beziehungen.

Full Metal Jacket bleibt für mich Kubricks bester Film!

C.H. hat gesagt…

Man merkt, dass der Film in den letzten Tagen wieder im Fernsehen lief. :) Nur so viel zu den Fragen, die ich hier beantwortet oder auch nicht beantwortet habe: Letztlich sollte man sowieso davon abrücken, jede Frage bis ins letzte Detail beantwortet haben zu wollen. Film ist immer Interpretation, immer Deutungsoffen. Und ob die Fragen wirklich mit unschlüssigen Szenen gleichzusetzen sind, wage ich auch zu bezweifeln. Aber ich habe den Film lange nicht mehr gesehen. Allgemeine Empfehlung: Nicht nur den Film sehen, sondern auch die Traumnovelle lesen.

Anonym hat gesagt…

Einfach super! Ich meine den Film an sich und die Interpretation. Sprach mir aus dem Herzen, meine Gedanken nach dem Anschauen waren ähnlich.

Anonym hat gesagt…

Hä!? Hier hat der Autor den Film nacherzählt, aber eigentlich wollte er doch erklären was daran genial ist? Anscheinend hat er den Müll jetzt erst verstanden und denkt deshalb, der Film sei genial.

C.H. hat gesagt…

So etwas kann ich echt leiden. Irgendwelche anonymen Kanarienvögel plappern Stuss, dass einem die Haare zu Berge stehen. Des Lesens sind sie dann auch nicht mächtig. Nun denn, ich darf mich selbst zitieren:

Die folgende Auseinandersetzung mit dem Film macht eine inhaltliche Zusammenfassung der Geschehnisse im Film unabdingbar. Wer den Film bereits gesehen hat kann diesen Abschnitt gegebenenfalls überspringen

Anstatt hier einen Kommentar hinzurotzen, den weder die Welt noch ich brauche, hätte man ja man mal meinen Text abseits der Zusammenfassung des Inhalts weiter lesen können. Danach – o Wunder, o Staune – geht es nämlich tatsächlich noch weiter. Aber das Lesen längerer Texte dürfte Verfasser solch eloquenter Kommentare ja auch überfordern. Von daher: Passt! PS: Du findest den Films scheiße? Das ist in Ordnung. Man muss nicht jeden Film gut finden. Für den Kommentar gilt jedoch selbiges. Schönen Abend noch.

Anonym hat gesagt…

Was die Maske angeht: In der Novelle steht in einem Nebensatz drin, wie die Maske auf das Bett gelangt sein mag. Bill/Fridolin vermutet das es Alice/Albertine war. Man kann es sich aber auch selbst erklären, beim aufräumen halt gefunden^^.und auch seine Interpretation, wieso sie sie auf da bett gelegt hat.
Ich finde den namen alice übrigens auch lustig, wie alice im wunderland?^^

born hat gesagt…

Sehr gute Interpretation, denke das geht in die Richtung, die Kubrick sich dabei gedacht hat bzw. der Autor der Novelle. Die hab ich aber noch nicht gelesen....

genialer Film!

Anonym hat gesagt…

Hallo :o)

Ich denke auch das Alice die Maske gefunden und aufs Bett gelegt hat und zu der Frage wieso Alice fast das gleiche träumt wie er erlebt, sehe ich den Versuch den Spiegel darzustellen, zwischen ihrer Innenwelt, die unterdrückten Triebe, die er so nicht kennt bei Frauen und ihn deshalb gerade auch bei seiner Frau erschüttern und den dazugehörigen Vergleich in der Außenwelt, welches ihn schon erotisch anzieht, aber es ihm doch verwehrt bleibt ein Teil dieser Welt zu werden/sein, genau wie in ihrem Traum, da schafft er dies ja auch nicht und wird verlacht.
So wie er äußerlich vllt. beinah in Todesgefahr schwebt beim aufgedeckt werden seiner Identität, weil er nicht dazu gehört, so hat es für mich den Anschein stirbt er auch beinah innerlich durch das aufdeckt werden seiner Rolle in ihrem triebhaften Traum, oder besser, so wie die gesellschaftlichen Konvetion der Ehe und Moral z.B. bei solchen Orgien dem Tode geweiht sind oder verbannt werden müssen, so hat er auch diesen innerlichen Konflikt bei seiner Frau nach erfahren ihrer inneren unterdrückten Gelüste, womit seine Ehe und Liebe zur ihr zu Sterben droht.
Ich nehme an das sollte diese Synchronisation ihres inneren und seines äußeren Erleben zeigen, wie der reine sexuelle Trieb den Tod der Moral und des bürgerlichen Liebeverständnis sein kann.
Äußerlich, wie innerlich ...
Wärend man in Liebe Identifikation und Halt finden kann, gilt das beim reinen sexuellen Trieb nicht, zum einen möchte dieser nicht erkannt werden und zum zweiten ist es ihm egal welche Personen beim ausleben dahinter stecken, was mit den Masken sehr schön veranschaulicht wird.
Aber am Ende siegt ja die Liebe dann doch noch über diese Wahrheit ;o)
Finde es auch nicht wirklich wichtig zu erfahren was mit seinem Freund ist oder wie Amanda (Mandy) nun wirklich umgekommen ist, sondern eher wie Bill mit dieser Ungewissheit und Situation umgeht und es endet wie es psychologisch gesehen für Jemanden wie Bill enden muss, im Zuammenbruch, was aber eine innerliche reinigende Wirkung hat, nachdem Alice seine Make am Schluß klar und deutlich vorliegt, zum Vorschein kommt oder sie nun vor Augen hat, wie er ja auch, in dem Moment ist er demaskiert und öffnet sich ihr in völliger Wahrheit ...
Und am Ende wie schon erkannt, verbindet sich dann die Liebe mit dem Trieb :o)

Anonym hat gesagt…

... sorry, an einer Stelle muss ich widersprechen: Auch wenn man die "Traumnovelle" sicherlich nicht gelesen haben muss, um einen Zugang zu Kubricks Film zu bekommen - zu sagen, sie habe "nur als Inspiration" gedient, greift definitiv zu kurz. Kubrick hat sich weitgehend sehr eng an Schnitzler gehalten - so sehr, dass sogar einige Dialogtexte aus der "Traumnovelle" stammen. Spannend sind - finde ich jedenfalls - die Änderungen, die er vornimmt.

Übrigens: Wie vertrauenwürdig ist eigentlich Ziegler? Glauben wir ihm?

Anonym hat gesagt…

Super geschrieben! Habe stellenweise Probleme gehabt das Sinnbild des Films auf die Situationen zu übertragen, doch der Text vermittelt den nötigen "Hintergrund".
Nochmal - großes Lob an den Verfasser des Textes!

Anonym hat gesagt…

Ich denke, dass die Maske als weitere Drohung der unbekannten Maskenträger dort aufs Bett neben Alice gelegt wurde.
Bill vermutet nun, Sie könnte etwas wissen - oder, er erkennt, dass die Gefahr nun auch für seine Familie naht - und beichtet deswegen?!

Kommentar veröffentlichen

In den Kommentaren können die folgenden HTML-Tags benutzt werden:

kursiv = <i>Testwort</i>
fett = <b>Testwort</b>
Links = <a href="http://www.deineURL.de/">Link Text</a>

 
Creative Commons License
Dieser Blog ist unter einer Creative Commons-Lizenz lizenziert.