Gastbeitrag: Rezension zu "Abbitte"

An dieser Stelle eine ausführliche Rezension zur aktuell im Kino laufenden Literaturverfilmung "Abbitte". Die Rezensionen verprechen großes Kino. Silke Hellwig wird mit diesem Gastbeitrag der Frage auf den Grund gehen ob dieser Anspruch gerechtfertig ist.



"Abbitte"– Liebesdrama ohne „Taschentucheffekt“


England, 1935, ein paar Jahre vor dem Zweiten Weltkrieg auf dem Grundstück der Villa der Familie Tallis. Die 13-jährige Briony Tallis (Saoirse Ronan) beobachtet, wie ihre ältere Schwester Cecilia (Keira Knightley) im Unterkleid aus einem Brunnen steigt, während Robbie, der Sohn der Haushälterin, (James McAvoy) diese beobachtet. Robbie hat sich in Cecilia verliebt. Cecillia erwidert diese Gefühle, so dass beide in der Bibliothek des Hauses übereinander herfallen. Dabei werden sie von Briony beobachtet. Aus Eifersucht beschuldigt sie Robbie eines Verbrechens, dass er nie begangen hat. Ein Tat mit fatalen Konsequenzen für alle Beteiligten.


Die großen Töne des Lobes, die von jeglichen Kritikern über diesen Film eintrafen, sind wohl nicht abzustreiten. Die Buchverfilmung von Autor Ian McEwans ist Regisseur Joe Wright eindeutig gelungen, auch wenn sich trotz der ganzen positiven Aspekte ein paar Kritikpunkte eingeschlichen haben, die den ganz oben auf dem Podest stehenden Film doch etwas ins Schwanken gebracht haben. Kommen wir jedoch zuerst zu den erfreulichen Dingen:


Großen Respekt ist den Schauspielern Keira Knighley und James McAvoy entgegenzubringen, die in ihrer Rolle als Liebespaar brillieren. Zuerst verhaltend und distanziert gegenüber weicht diese Haltung intensiver Leidenschaft und Verlangen, die keinen Zuschauer unbeeindruckt lässt. Leider ist dieses Glück nur von kurzer Dauer und schnell wird das Leben der trauten Zweisamkeit auseinandergerissen; alles zu verdanken einer kleinen eifersüchtigen Schwester.


Ebenfalls zu erwähnen ist die außerordentlich gute Filmmusik, die im wahrsten Sinne des Wortes mit dem Film verschmilzt. Wichtiger Gegenstand von „Abitte“ ist die Schreibmaschine, die in der Musik perfekt mit der Handlung übereinstimmt und mehr zum Ausdruck bringen kann als tausend Wörter. Wer diesen Film gesehen hat oder sehen wird, kann in diesem Punkt nur zustimmen.


Ein weiterer sehr bewegender Moment ist die Szene am Strand im Pavillon, wo die Soldaten „Dear Lord and Father of Mankind“ singen. Diese Minuten haben mir eine Gänsehaut über den Körper laufen lassen, wie ich sie bei Musik schon lange nicht mehr erlebt habe. Einfach wunderschön.


Leider weist der Film einige verwirrende Unstimmigkeiten und Enttäuschungen auf, die ich, trotz des wirklich guten Endergebnisses, nicht verheimlichen möchte.


Ich bin in den Film gegangen mit der Erwartung einer bewegenden Liebesgeschichte, doch irgendwie muss die unsichtbar gewesen sein oder ich habe auf dem Weg vom Popcorn zum Kinosessel meine Emotion verloren. Die Dramatik und die Gefühle waren zwar vorhanden, doch die Umsetzung war zu emotionslos, sodass meine mitgebrachten Taschentücher leider in der Packung bleiben mussten. Es fehlten die Momente der wirklichen Verzweiflung und auch der Wut, darüber, was ungerechtes geschehen war.


Ein weiterer negativer Aspekt ist das Auftauchen einiger Szenen, die dem Zuschauer das Gefühl gaben, rein gar nichts von dem Film zu verstehen. Man saß im Kino und war völlig verwirrt, da die Handlung des Filmes auf einmal gar keinen Sinn mehr ergeben hat. Am Ende stellte sich dann heraus, dass diese Szenen fiktiv waren und von der erwachsenen Briony ausgedacht worden waren, doch wer diese Information nicht vorher besessen hatte, gehörte wohl zu den Menschen, die mit einem Fragezeichen im Gesicht im Kino saßen; ich eingeschlossen.


Doch trotz dieses Missverständnisses wird die Stärke des Filmes ganz deutlich sichtbar im letzten Teil, wo Briony als ältere Frau über die geschehenen Dinge spricht, die sie in einem Buch niedergeschrieben hat. Es ist das Geständnis einer Frau, die sich mit ihrem Fehler auseinandergesetzt hat, den sie verstanden hat und den sie respektiert hat. Diese Minuten sind das beste am ganzen Film und lassen alle verwirrenden Gefühle verschwinden, denn nun versteht man die Vorgänge und Geschehnisse und einem wird die Stärke und Kraft dieser Frau bewusst. Ihre Worte dringen tief in das seelische Empfinden des Zuschauers ein; Respekt!


Geschrieben von: Silke Hellwig

Quellennachweis: Screenshot aus "Abbitte". © Working Title Films, Relativity Media, Studio Canal, UIP

2 Kommentare:

Wamena hat gesagt…

Treffende Rezension. Auch ich habe den Film sehr genossen. An den tiefen Eindruck, den das Buch bei mir hinterlassen hat, konnte der Film jedoch nicht heranreichen. Aber das ist ja meistens so. Filme können einfach nicht so vielschichtig sein wie ihr literarische Vorbild. Es ging mir auch durch den Kopf - wie hier auch angsprochen -, dass viele Hinweise, Zusammenhänge dem Kinogänger unverständlich bleiben müssten, schade eigentlich. Meine Schwägerin die mit mir im Film war und das Buch nicht kannte, konnte das bestätigen, hat aber dennoch den Film hoch gelobt.

S. H. hat gesagt…

Erst einmal danke für deinen Kommentar. Ich denke, auch ich sollte das Buch dringend einmal lesen, denn das scheint dich ja sehr beeindruckt zu haben. Und der Film war in erster Linie ja wirklich sehr gut! Von daher bin ich sehr gespannt auf das Buch. Und dann wird ja vielleicht auch noch einiges klarer, was im Film verloren gegangen ist ;)

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