„TV-Ereignis“ des Jahres, so wurde die vierteilige Roman-Verfilmung „Krieg und Frieden“ unter anderem beworben. Wer in den letzten Wochen ZDF gesehen hat, der weiß das vor der Werbung für diese TV-Reihe niemand verschont geblieben ist.
Das Werk „Krieg und Frieden“ des russischen Schriftstellers Tolstoi erzählt von dem Leben und der Geschichte verschiedener russischer Familien während der napoleonischen Bedrohung Russlands. Neben dieser konkreten Gefahr für das Land, geht aber auch, bzw. vor Allem um Konfliktpotentiale innerhalb der russischen Gesellschaft. Der Roman, welcher zur Mitte des 19. Jahrhunderts erschien, gehört ohne Zweifel zur Weltliteratur und wurde bereits mehrfach verfilmt.
Gestern lief also der erste Teil dieser neuesten Verfilmung und ich habe es mir selbstverständlich nicht nehmen lassen mir ein eigenes Bild zu machen. Tja, das habe ich nun auch, und um es kurz zu machen: Für mich war wohl der erste Teil auch der gleichzeitig Letzte Teil. OK, es war keine Katastrophe was da gestern um 20.15 über die Mattscheibe lief, ein mittelschwerer Unfall war es indes aber schon. Die Gründe dafür sind zahlreich.
Beginnen wir doch mal mit den Schauspielern. Jochen Hieber schreibt auf FAZ-Online, dass er eine Verfilmung mit einer Schauspielerriege von „bisweilen bestechendem Format“ gesehen hätte. Wirklich? Dem kann ich nur entgegenhalten, dass die Leistungen wohl eher durchschnittlich waren. Mir ist aus dem ersten Teil kein Charakter in Erinnerung geblieben, der aus seiner Rolle irgendetwas erwähnenswertes gemacht hätte. Solides Runterspielen der Rolle, so schien das Motto.
Wenn ich es mir recht überlege, dann kann ich dies noch nicht einmal den Schauspielern direkt zum Vorwurf machen. Das Drehbuch ist meines Erachtens eine Farce. Es tut mir wirklich Leid, aber ich erwarte bei so einem europäischen Großprojekt doch mehr Tiefe und weniger sinnfreie Plattitüden. Peter Luley hat dies auf Spiegel-Online richtig erkannt, als er der Verfilmung Rosamunde Pilcher Niveau attestiert und als Beleg dafür den überaus kitschigen Satz zitiert: "Bete zu Gott, die besten Ehen werden im Himmel geschlossen" Prost, Mahlzeit!
Und mal ganz nebenbei: Die vielfach angepriesene Schauspielegarde aus der „Ersten Reihe“ ist auch nicht vertreten. Erinnert sich hier einer an die vierteilige Napoleon-Verfilmung die vor ein paar Jahren ebenfalls als europäisches Großprojekt im ZDF lief? Dort durften sich Schauspieler wie: Christian Clavier, Gerad Depardieu, John Malkovich, Isabella Rossellini, Alexandra Maria Lara, oder auch Heino Ferch austoben. Die Namen von Alexander Bayer, Clémence Poésy, Alessio Boni, Hannelore Elsner, Benjamin Sadler oder Malcolm McDowell sind dann doch eindeutig ein anderes Kaliber.
Tja, und was wird gemacht, wenn man inhaltlich nicht überzeugen kann und Ausgaben von 26 Millionen Euro erklären muss? Man ersäuft im Prunk! Immerhin ist der Film in dieser Hinsicht konsequent, da dies sich schon im überbordnenden Vorspann angekündigt hat. Nicht das ich hier falsch verstanden werde: Oppulenz in der Ausstattung muss nicht zwingend was Schlechtes sein. Stanley Kubrick's Kostümschinken „Barry Lyndon“ kommt beispielsweise mit einer ebenso großen Oppulenz daher, doch bieten seine Dialoge und seine Geschichte einen ebenso ansprechenden Inhalt. „Krieg und Frieden“ hingegen tut nichts anderes als sich in den Kostümen, Landschaften und in der Musik selbst zu sonnen, anstatt dies auch zu nutzen.
„Krieg und Frieden“ heißt der Titel und in der aktuellen Verfilmung, so scheint es, liegt der Augenmerk mehr auf dem Frieden. So weit so gut, doch Tolstoi legt in seinem Roman auch Wert auf die genaue Skizzierung der Schlachten, so zum Beispiel der Schlacht bei Austerlitz. Es ist mir völlig klar, dass dieser Roman gekürzt werden musste. Folglich habe ich auch weniger ein Problem damit, dass die Schlacht bei Austerlitz im ersten Teil in 10 Minuten abgefrühstückt wurde. Ich habe aber sehr wohl ein Problem mit der gestrigen Inszenierung der Schlacht – Nämlich viel zu harmlos. „Die zehn Minuten, die er [der Regissuer] im ersten Teil der Dreikaiserschlacht bei Austerlitz am 2. Dezember 1805 widmet, halten die Waage zwischen malerischer Gefechtsordnung und dem realem Grauen im Gemetzel“, schreibt wiederum Jochen Hieber zu diesem Thema.
Hat Der eigentlich einen anderen Film gesehen? Das, was ich gestern gesehen habe, war ein Witz: Von den Schrecknissen des Krieges war nichts zu sehen. Ab und an fielen ein paar Soldaten um, Kanonen pflügten ein wenig die Erde um: Das wars schon! Die Krönung war dann aber der Auftritt unseres Helden in der Schlacht. Gekleidet in eine schneeweiße Offiziersuniform marschierte er mit dem Säbel voran in die Schlacht. Und nachdem er einige Franzosen (natürlich klinisch sauber) zu Boden gestreckt hatte, und er von einem französischen Soldaten getroffen worden war, durfte er dann zu Boden sinken, den Blick gen Himmel wenden und die Augen schließen. Ach ja: Die Uniform natürlich immer noch schneeweiß und makellos.
Also, ich muss ja nicht zwingend Gewalt und Blut in einem Film sehen, aber machen wir uns doch nichts vor. Auf dem Schlachtfeld von Austerlitz sind damals mehr als 15000 Soldaten gefallen, ich möchte sagen: verreckt. Aufgespießt von Bajonetten, verstümmelt durch Geschosse, etc. Wenn man sich dazu entscheidet eine Schlacht in einem Film darzustellen, dann bitte nicht auf so eine verharmlosende Weise. Entweder mache ich es richtig oder gar nicht. Und das Argument mit der FSK zieht auch nicht. Man muss es ja nicht übertreiben, und dann passt das auch mit der lieben FSK. Imre Grimm von HAZ-Online gibt diesbezüglich eine sehr schöne Episode zum Besten:
„"Wir Frauen im Team mussten die Männer überzeugen, dass es kein Kriegsfilm wird“, gab ZDF-Redakteurin Birte Dronsek am Rande der Pressevorführung des Films zu. Dann blickte sie Produzent Mojto von der Seite an. Der nickt ebenso kurz wie gottergeben und schließt die Augen. Hätten sie’s mal gelassen.“
Welch ätzende und gleichzeitig passende Bemerkung. Wie überhaupt Grimms Vergleich mit einer überdimensionierten Telenovela den Nagel auf den Kopf trifft, den daran musste ich auch denken, als ich den ersten Teil gestern gesehen hatte. Tja, und all die in dieser Rezension angesprochenen Mängel führen dazu, dass die aktuelle Inszenierung von „Krieg und Frieden“ nicht überzeugen kann.
"Nach diesem Film wird jeder glauben, dass Sie das Buch gelesen haben", mit diesem Slogan bewirbt das ZDF diese Verfilmung. Wenn das stimmen sollte, dann müsste der Roman ja ziemlicher Käse sein. Wie wir aber alle wissen: Das ist er mit Sicherheit nicht. Und somit gilt wohl eher das Gegenteil: Jeder der Film gesehen hat, sollte besser noch mal den Roman lesen.
PS: Und wer jetzt an dieser Stelle einwenden möchte, dass ein Verriss doch bitte erst nach Sehen sämtlicher Teile stattfinden dürfe, dem möchte ich Folgendes mit auf dem Weg geben: Chance gehabt, Chance vertan. Wer mich 360 Minuten vor den Fernseher bringen möchte, der muss von Anfang an seine Leistung bringen, dann hilft es auch nichts, wenn die anderen Teile besser sein sollten – Wobei ich das ehrlich gesagt nicht glaube.
Quellennachweis: Screenshot aus "Krieg und Frieden". © Lux Vide, EOS Entertainment, Pampa Production, Channel Two Russia, Grupa Filmowa Baltmedia & Studio Filmowe Projektor, RAMCO, Mosfilm, Baltmedia, Lietuvos Kinostudija, SF Projektor, ZDF






4 Kommentare:
Deine Rezension zu "Krieg und Frieden" findet auch bei mir offene Ohren.
Einen Punkt, den du allerdings nicht betont hast, wäre noch zu überprüfen, inwiefern die Darstellung der Romanerzählung (bzw. die davon abgebildeten Teile) im Film in richtiger Art und Weise dargestellt worden sind.
Könnte man natürlich machen, muss an dieser Stelle auf Grund der mangelnden Sachkenntnis des Autors leider entfallen. Außerdem: Bist du der Meinung, dass die Qualität eines Films zwingend abhängig ist von der Kongruenz zur Romanvorlage? Ich hätte nichts gegen eventuelle Änderungen einzuwenden, wenn Diese den Film voran bringen...
Nein, ein Film hängt sicherlich ncith unittelbar von dem ab, was die Romanvorlage hergibt. Wichtig ist, was man daraus macht und mit welchen Mitteln man dieses in die Tat umsetzt. Nur hat es auch in der Vergangenheit Fälle gegeben, in denen historische Tatsachen in Filmen nicht richtig wiedergegeben wurden.
Sinnvoll wäre es zu schauen, ob dies bei den 4 Teilen von "Krieg und Frieden" evtl auch der Fall ist.
Dieser sehr objektiven Rezension kann ich nicht im Geringsten zustimmen. Oben genannte Mängel sind für mich keinerlei nachvollziehbar.
Als Sie die, Ihrer Meinung nach fantastischen Schauspieler der Napoleon-Verfilmung aufzählten, kam mir nicht einer bekannt vor, wohingegen die des Krieg und Frieden-Films sofort Klick machten. Es ist wohl nicht Ihre Stärke, schauspielerische Leistung zu bewerten, andernfalls hätten sie diese für besagten Film als beeindruckend und mitreißend beschrieben. Kein Schauspieler kann etwas dafür, wenn der Zuschauer schlichtweg null Einfühlungsvermögen beweist und sich erst gar nicht auf den Film einlässt.
Tiefe herrscht in diesem Fall in absolut angemessenem Maße, was ihnen aufgefallen wäre, hätten sie alle Teile unter dem Apekt gesehen, dass die Verfilmung den Zuschauer 5 1/2 Stunden beansprucht. Oder ist es Ihr Ziel bei einem Film pausenlos ins tiefe Grübeln zu verfallen oder ergriffen das Taschentuch zu zücken?
Schöne und beeindruckende Kulisse macht bei einem derartigen Film eine Menge aus, wären Sie zufrieden gewesen mit einfachen Studioafnahmen?
Ich glaube nicht, aber nein, auch diesen zweifellos gelungenen Aspekt des Films müssen sie schlecht reden.
Mir würde noch sehr viel mehr Positives über diesen, meinen Lieblingsfilm, einfallen. Ich muss es schließlich wissen, da ich ihn jährlich einmal am Stück anschaue. Diese Tradition nenne ich Krieg-und-Frieden-Tag. Und sind Sie übberrascht, dass es auch Fans des Films gibt? Bei allem Respekt, diese Rezension hätten Sie sich aber sowas von sparen können. Darüber kann man schlichtweg den Kopf schütteln. Schade.
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