

Mux (Jan Henrik Stahlberg) leidet. Er leidet jeden Tag. Warum? Er verzweifelt an unserer Gesellschaft:
„Jede Gesellschaft bekommt die Helden, die sie verdient. Michael Schumacher ist ein Held, weil er schnell um die Kurven fährt und keine Steuern zahlt.“
Straftäter kommen mit ihren Taten durch, oder werden nur milde bestraft. So die Auffassung von Mux, einem studierten Philosophen und Idealist. Aber Mux ist nicht untätig, er kämpft gegen den Verfall der Moral und gegen die Unordnung: In der Bahn begibt er sich auf die Jagd nach Schwarzfahrern, in Läden auf die Jagd nach Ladendieben. Auto-Raser werden von ihm angehalten, müssen 100 Euro zahlen und hinterher montiert er ihnen, als pädagogische Maßnahme, das Lenkrad ab. Graffiti-Sprayern sprüht er die eigene Farbe ins Gesicht. All dies wird im Übrigen auf Video festgehalten, zur öffentlichen Abschreckung. Dies ist die Rahmenhandlung von „Muxmäuschenstill“ (Regie: Marcus Mittermeier). Einem deutschen Independent-Film aus dem Jahr 2004, der mir zwar schon längere Zeit bekannt war, aber erst vor kurzem von mir gesehen wurde. Mittlerweile habe ich „Muxmäuschenstill“ drei mal gesichtet, und bin mir immer noch nicht schlüssig, wie ich diesen Film nun abschließend beurteilen soll. Vielleicht wird sich im Laufe dieser Rezension ein wenig mehr Klarheit ergeben.
Sind wir nicht alle der Meinung, dass Straftäter zu lasch bestraft werden? Kann es sein, dass jedes Jahr unzählige Menschen sterben müssen, weil sie von Autofahrern die zu schnell fahren, alkoholisiert sind – oder Beides – aus dem Leben gerissen werden? Muss jeder Neubau sofort,mit sinnfreien Parolen beschmiert werden? Was ist eigentlich mit den ganzen pädophilen Straftätern, die das Leben von unschuldigen Kindern zerstören? Können wir dann nicht Mux verstehen, der mit seinen eigenen Methoden versucht diese Situation zu ändern? Der Film generiert seine Existenzberechtigung aus diesen essentiellen Fragen, die sich wohl jeder schon einmal gestellt hat. Mux kommt die Funktion zu ausführendes Instrument jener Taten zu sein, an die die meisten Menschen zu irgendeinem Zeitpunkt auch schon mal gedacht haben werden. Das bei dem Zuschauer trotzdem zu keinerlei Zeitpunkt Sympathie für Mux aufkommt liegt an der Charakteristik der Mux'schen Figur: Er, der selbst ernannte Weltverbesserer und Philosoph, agiert aus einem Gefühl der eigenen Überlegenheit. Seinen Assistenten, den Langzeitarbeitslosen Gerd (Fritz Roth) hat er aus Folgendem Grund eingestellt:
„Ich habe unter den Kandidaten Gerd ausgewählt, weil er mich an meinem vor kurzem verstorbenen Hund erinnert – Vielleicht sinds die Augen!“
„Wenn ich früher am Morgen nach Hause kam, hörte ich schon Bobby [Der Hund], wie er mit dem Schwanz gegen die Tür schlug. Wie die Zeit vergeht. Ich habe Gerd Bobbys Lieblingsdecke gegeben.“
Neben Mux Bett liegt stets ein Kant-Brevier und dieser handelt auch aus dem Anspruch heraus Kants Diktum vom kategorischen Imperativ zu entsprechen. Dieser besagt, dass eine Person stets nach derjenigen Maxime handeln solle, von der man wollen würde, dass jene auch Gesetze würden. Es ist offensichtlich, dass Mux jenes Theorem pervertiert, da er davon ausgeht, dass sich die geltenden Gesetze seinen Moralvorstellungen anpassen sollten. In seinen Handlungen bricht Mux somit den rechtsstaatlichen Charakter mit der unsere gesellschaftliche Ordnung hergestellt und bewahrt wird. Dem Staat und seinen angeschlossenen Institutionen ist das Gewaltmonopol inne. Mux jedoch ignoriert dieses Prinzip. Er ist Polizist, Ankläger, Richter, und Vollstrecker in Einem und bricht somit mit dem zweiten wichtigen Grundsatz demokratischer Prinzipien, nämlich der kontrollierenden Funktion der Gewalteneilung
Mit der Zeit wird klar, dass Mux an seiner eigenem Weltbild zerbrechen wird. Seine Beziehung zu der hübschen Kira (Wanda Perdelwitz) muss scheitern, weil sie ein normales Mädchen ist, und mit seinen Konventionen die Mux per se als allgemeingültig definiert, nichts anfangen kann.
„Ich bin das, was man einen Einzelgänger nennt.“
Zivilcourage wandelt sich zur Selbstjustiz, auch Kira bekommt das letztendlich zu spüren. Der Film endet konsequent. „Muxmäuschenstill“ lautet der Titel, und der ist mit bemerkenswerter Raffinesse gewählt worden, so viel ist sicher. Inszenatorisch unterstützt der Film das Gezeigte. Es wird gezielt der Eindruck vermittelt, dass der Zuschauer Zeuge einer Dokumentation wird, nicht eines Spielfilms. Regelmäßig werden die Vergehen der Bürger mit ihrem Paragraphen eingeblendet. Meines Erachtens sind jedoch der filmischen Inszenierung des in diesem Film thematisierten gesellschaftlichen Reizthemas einige grundlegenden Probleme inhärent:
1. Der Film möchte als Satire verstanden werden, oder etwa nicht? Das ist nämlich das Hauptproblem. Wenn es eine Satire sein soll, dann ist diese nicht konsequent genug umgesetzt, beziehungsweise gehen die satirischen Elemente gegen Ende des Films verloren. Wenn es keine Satire sein soll, muss man sich die Frage stellen, was er stattdessen darstellen möchte. Der Zuschauer wird gerade am Anfang lachen, dieses Lachen bleibt jedoch schnell im Hals stecken, und zwar in dem Masse wie Mux die Balance verliert. Seine Strafaktionen, die Bilder, die Dramaturgie wird immer härter. Am Ende ist von einer Satire nichts mehr zu spüren. Selbst der tiefschwarze Humor, der gerade den Anfang des Films durchzieht, ist verloren.
2. Zudem überhöht sich der Film selber in seinem eigenen Anspruch. Anspielungen auf Kant und Goethe bestimmen das Geschehen des Films. Kira ist Mux' Gretchen. Als er sie kennenlernt fragt er Sie: „Kennst du Faust?“ An anderer Stelle spricht er den ebenfalls von Faust inspirierten Satz: „Ich weiß, nun steh ich hier ich armer Thor, und bin so klug als wie zuvor.“ Die zahlreichen Anspielungen auf Kant wurden im vorigen bereits von mir dargelegt.
3. „Muxmäuschenstill“ möchte zu viel. Anstatt sich auf das Thema der Selbstjustiz zu beschränken, holt der Film zu einem weit ausholenden Rundumschlag auf unsere Gesellschaft aus. Insbesondere die Medien werden unter anderem in einer visuell überaus gelungenen Sequenz kritisiert. Gleichzeitig geht er auch auf das Thema der gesellschaftlichen Beeinflussung und Instrumentalisierung ein. Mux kann nur mit Hilfe von Informanten arbeiten, irgendwann wird er so erfolgreich, dass er überall Zweigstellen errichten kann, er bekommt immer mehr Zulauf, auch Resultat der Berichterstattung in den Medien. Leider werden die letzteren Themen nur angerissen...
Hingegen ist es die große Stärke des Films von dem Zuschauer eine Selbstreflexion einzufordern. Im Verlauf des Films wird man dazu gezwungen sich grundlegenden Fragen zu stellen. Unterstützte ich Mux Handlungen? Wenn ja, bis zu welchem Punkt? Ist Mux Vorstellung von Moral und Ethik kongruent zu meiner Eigenen? Und so weiter, und so weiter...
Alles in Allem ist „Muxmäuschenstill“ ein mutiger, wichtiger Film mit gesellschaftlicher Relevanz. Als Satire funktioniert dieser jedoch nur eingeschränkt. Auch bin ich der Meinung, dass er dem Durschnittszuschauer zu viel abverlangt. Sind wir ehrlich: Die wenigsten machen sich die Mühe eine Film, den sie gesehen haben, hinterher ausreichend zu reflektieren. Unter diesem Gesichtspunkt könnte „Muxmäuschenstill“ falsch, bzw. gar nicht verstanden werden. Aus diesem Grund verweigere ich „Muxmäuschenstill“ die sonst an dieser Stelle obligatorisch folgende Punkte-Bewertung und Beurteilung in „Gut oder Schlecht“. Der Film ist wichtig, regt zum Diskutieren an. Solche Filme werden viel zu wenig gemacht – Und das ist was in diesem Fall zählt, mehr als seine Schwächen.
Quellennachweis: Screenshots aus "Muxmäuschenstill". © by Schiwago Film






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