Krieg heißt Töten. Diese Bemerkung ist ebenso simpel wie essentiell. Der Krieg lässt mit schöner Regelmäßigkeit zivilisatorische und ethische Konstrukte menschlicher Gesellschaften kollabieren. So zahlreich wie die Gründe eines militärischen Konflikts, sind die Auswirkungen desselben auf den Menschen: Das andauernde Einwirken von Gewalt, Verstümmlung und Tod auf den Soldaten lässt es wahrscheinlich werden, dass das einzelne Individuum verroht und verkommt – Die Seele stirbt.
Der Anti-Kriegsfilm ist die cineastische Rezeption dieses unerfreulichen Themas, welches wohl so alt wie die Menschheit selbst ist. Der Anti-Kriegsfilm möchte sich positionieren, manchmal anklagen, oder aber auch einfach nur den Versuch unternehmen die Realität darzustellen, beziehungsweise überhaupt erst verständlich zu machen. Die verschiedenen Ansätze dieses Genres sind ebenso zahlreich wie die Gründe, die zu einem Krieg führen. Jeder dieser Aufhänger ist jedoch richtig und wichtig, und es wäre zu begrüßen, wenn aus diesen „filmischen Mahnungen“ Lehren gezogen würden (Manchmal muss man einfach auch mal ein bisschen Idealist sein.)
Die Grenzen zwischen Kriegs – und Anti-Kriegsfilm sind natürlich fließend, und es scheint durchaus gerechtfertigt die Frage aufzuwerfen, ob es überhaupt „den Anti-Kriegsfilm“ geben kann. Die cineastische Darstellung des Krieges läuft immer Gefahr diesen in die Nähe eines abenteuerlichen Unternehmens zu rücken, welches der Dimension des Krieges letztendlich nicht gerecht werden kann. Ich bin jedoch der Meinung, dass sehr wohl eine Differenzierung zwischen Kriegsfilm und Anti-Kriegsfilm möglich ist, welche das Augenmerk weg von der reinen Darstellung militärischer Prozesse lenken, hin zu einer Perspektive die versucht eine übergeordnete Ebene zu erreichen. Der Anti-Kriegsfilm gehört somit sowohl zu den anspruchsvollsten Film-Genres, als auch den Wichtigsten.
Der Anti-Kriegsfilm grenzt sich somit von Machwerken anderer Intention ab, die leider noch viel zu oft in die Kinos gebracht werden. Ich spreche an dieser Stelle von unsäglichen Katastrophen wie „Wir waren Helden“ (USA 2002), welcher Mel Gibson in unerträglicher Heldenhaftigkeit darstellt. Gerade dieser Film unterliegt dem Irrtum einen kritischen Beitrag leisten zu können, indem die Gewaltdarstellung intensiviert wird. Leider reicht das nicht aus, wenn man anschließend den einzelnen Soldaten heroisiert. Spielbergs Beitrag „Der Soldat James Ryan“ (USA 1998) hat dies nicht viel besser gemacht. Die erste halbe Stunde am Strand war zwar die bis dato cineastisch gewalttätigste Kriegsinszenierung. Aber macht dies einen Anti-Kriegsfilm aus, wenn im weiteren Verlauf des Films der heldenhafte, altruistische Soldat beschworen wird? Die Antwort lautet natürlich: Nein!
Im Folgenden sei auf einige bedeutende Beispiele des Antikriegsfilms verwiesen, welche allesamt den Krieg unter verschiedenen Gesichtspunkten thematisieren. Diese Auswahl ist natürlich bei Weitem nicht vollständig, und in ihrer Zusammenstellung meiner willkürlichen Auswahl unterworfen. Mir geht es bei dieser Auswahl darum einen möglichst breiten Querschnitt zu skizzieren, der möglichst viele Ansatzpunkte im Aufbau und der Fragestellung des Anti-Kriegsfilm berücksichtigt. Genau wie meine Auswahl, sind natürlich meine Interpretationen subjektives Resultat meiner Sicht auf diese Filme. Es sei an dieser Stelle ausdrücklich jeder angehalten, sich selber ein Bild zu vermitteln.
Stanley Kubricks Doppel gegen den Krieg: Bild 1: "Wege zum Ruhm"; Bild 2: "Full Metal Jacket"
Stanley Kubricks „Wege zum Ruhm“ (USA, 1957) hat die Perspektive auf die Rolle des „kleinen Mannes“ gelenkt, der nicht mehr als die Marionette im Spiel der verschiedenen Interessen der Eliten ist. In den französischen Schützengräben im ersten Weltkrieg inszeniert Kubrick eine Tragödie um einen Offizier, welcher versucht seine Männer vor einem zum Himmel schreienden Unrecht zu bewahren, und unweigerlich scheitern muss. Der Erste Weltkrieg war geprägt von der Symbiose einer adelig konservativ geprägten Militärführung und der Entfesselung der Vernichtung, welche durch die Industrialisierung in den Diskurs des Krieges eingeführt wurde. Kubrick zeigt den einfachen Soldaten als das, was er ist: Er ist in den Planspielen der Militärs nicht mehr wert, als das Gewehr was er trägt. Humanitäre Ideale – verkörpert durch Colonel Dax (Kirk Douglas) – werden im Krieg negiert. Das ist die Botschaft dieses Films.
Es ist wiederum Kubrick der in seinen zweiten Anti-Kriegsfilm „Full Metal Jacket“ (USA 1987) das Augenmerk zum einen auf die staatliche Ebene lenkt, als auch auf die Ebene des einzelnen Individuums. Die staatlich forcierte Ausbildung des Soldaten muss darauf abzielen aus dem einzelnen Menschen eine „Tötungsmaschine“ zu formen. Anders ausgedrückt: Es geht darum aus dem einzelnen Individuum ein willenloses Instrument zu erschaffen (Die Rekruten verlieren zu Beginn der Ausbildung sowohl die individuellen Insignien der Frisur, als auch ihren Namen). Die von Kubrick inszenierte Kritik an der Zivilisation ist offensichtlich: Wer glaubt, dass im Krieg moralische Grundsätze intakt bleiben können, der irrt. Dieser vermeintlich funktionierende Dualismus des Menschen – ein Soldat, der in seinen Überzeugen noch moralische und ethische Grundsätze vertreten kann, wird in „Full Metal Jacket“ negiert. Essentiell für „Full Metal Jacket“ sind die zwei Privates Paula und Joker. Der langsame, ungeschickte, übergewichtige Private Paula dreht am Ende der Ausbildung durch. Er erschießt erst seinen Ausbilder und dann sich selbst – Im Endeffekt hat die Ausbildung funktioniert bei Paula, er ist zu einem Killer-Instrument geworden. „Born to Kill“ auf dem Helm und Friedenszeichen an der der Uniform. Das sind die Insignien des Private Joker und Ausdruck der Individualität, welche dieser zu bewahren sucht. Doch letztendlich scheitert auch Joker, als er eine verwundete Vietnamesin erschießt. Die Entmenschlichung des Soldaten ist abgeschlossen, sie ist Komplett.
Coppola, Stone und der Krieg in Vietnam: Bild 3, "Apocalypse Now"; Bild 4: "Platoon"
„Apocalypse Now (Redux)“ (USA 1979/2001) von Francis Ford Coppola hingegen unternimmt nicht nur eine Reise durch den Dschungel, sondern gleichzeitig auch eine Reise in die tiefsten Abgründe der menschlichen Seele und Psyche. Coppola versucht in diesem Film der Frage nachzugehen, was der Krieg aus dem einzelnen Menschen macht. Die cineastische Antwort auf diese Frage besteht aus einem mehrstündigen Albtraum in Filmgestalt, der seine Wirkung bis Heute nicht verloren hat. Apocalypse Now ist mit Sicherheit nicht leicht zu verstehen, aber der Krieg ist es ja schließlich auch nicht. Coppolas Vision ist zutiefst pessimistisch, in ihrer Wirkung stellenweise grotesk, dann wieder verstörend. Die Suche des Captain Willard (Martin Sheen) nach dem abtrünnigen Colonel Kurtz (Marlon Brando) ist nicht mehr als eine Metapher. Willard ist auf der Suche nach sich selbst, und was er am Ende in Form des wahnsinnigen Kurtz findet, ist nicht nur sein eigenes Selbst - Degeneriert und zerstört von den Schrecken des Krieges - sondern gleichsam die dämonische Maske des Krieges. Ein Abgesang auf unsere Zivilisation!
Oliver Stones „Platoon“ (USA 1987) ist wohl auch seine eigene Geschichte. Stone, der als Soldat in Vietnam gekämpft hat, inszeniert diesen Krieg in einer Form der schonungslosen Offenbarung. Zentral für das Verständnis des Films sind 3 Protagonisten. Der junge Soldat Chris Taylor (Charlie Sheen) fungiert als Erzähler des Films. Sergenant Barnes (Tom Beringer) und Sergenant Elias (Willem Dafoe) sind die beiden Gegensätze. Der eine durch den Krieg verroht und zur unkontrollierbaren Tötungs-Maschine gereift, der andere ob des Erlebten verzweifelt, desillusioniert und drogenabhängig. Stone nimmt dem Krieg und den darin beteiligten Soldaten jegliche Form der Glorifizierung. Was am Ende bleibt ist das essentielle Elend, welches der Krieg nach sich zieht. Das Diktum Clausewitzs, nämlich das der Krieg die Fortsetzung der Politik mit anderen Mitteln sei, muss vor diesem Hintergrund wie Hohn klingen.
Bild 5: "Flags of our Fathers"/"Letters from Iwo Jima"; Bild 6: "Der schmale Grat"
Clint Eastwoods Film-Duo über die Schlacht um Iwo Jima „Flags of our fathers“ & „Letters from Iwo Jima“ (USA 2007) hat es sich zur Aufgabe gemacht den Krieg von beiden Seiten zu beleuchten. Während „Flags of our fathers“ davon handelt konkrete Kriegsmythen zu demaskieren, konzentriert sich „Letters from Iwo Jima“ verstärkt auf die Mikroebene des einzelnen Soldaten. Wichtiger als diese einzelnen Ansätze sind jedoch in diesem Fall die spezifische Wucht und Wirkung, welche die Filme durch ihre Symbiose erzielen. Identische Einstellungen und Szenen aus der jeweilig anderen Perspektive vermitteln, dass sich die einzelnen Soldaten (Menschen) in ihren Ängsten und Wünschen kaum voneinander unterscheiden. Mehr noch: Im Sterben ist Jeder gleich! Was das Projekt von Eastwood auszeichnet ist der Mut die Geschichte von zwei Seiten, der amerikanischen und der japanischen, zu erzählen – Und zwar in je einem eigenen Film, die natürlich untrennbar miteinander verbunden sind.
Zu guter letzt sollen an dieser Stelle ein paar Worte zu Terrence Malicks „Der schmale Grat“ (USA 1998) verloren werden. Der Film, der sich um den Krieg im Pazifik zwischen den USA und Japan dreht, ist meiner Meinung nach ein ganz besonderer Vertreter des Anti-Kriegfilms. In seinem Grundtenor sehr philosophisch, getragen von nachdenklichen Kommentaren der Soldaten aus dem Off, versucht dieser sich dem Krieg zu nähern. Malick stellt in seinem Film die ganz konkrete Frage, warum es die Menschheit überhaupt immer wieder dazu kommen lässt, sich gegenseitig umzubringen. Malicks Botschaft ist eindeutig: Krieg ist unlogisch und ein Verbrechen an der Schöpfung. Die Inszenierung des Films geschieht in starken Bildern. Szenen des Wahnsinn und des Krieges werden immer wieder unterbrochen von langsamen, wunderschönen Aufnahmen der Natur. (Die erzielte Wirkung ist in Worten nur schwer zu umschreiben) „Der schmale Grat“ kommt in seinem Wirken ohne die explizite Darstellung von Gewalt aus. Es reicht den grandiosen Schauspielern aufmerksam in die Gesichter zu sehen, in denen sich Wahnsinn, Verzweiflung, Wut, Trauer und unendliche Leere widerspiegeln. Es ist ein schmaler Grat auf denen die Soldaten wandeln – Die einen Sterben, andere schaffen es mit dem Erlebten klar zu kommen, bei einigen zerbricht das Leben in der Heimat, andere hingegen zerbrechen von Innen. Am Ende des Films sehen wir die Überlebenden auf dem Weg zur nächsten Insel. Der Wahnsinn geht weiter.
Jeder der im Vorigen angesprochenen Filme würde an dieser Stelle eine ausführliche Rezension verdienen (Bislang ist dies auf diesem Blog nur für das „Iwo Jima-Doppel“ der Fall). Diese Filme sind jedoch allesamt Meilensteine, denen die Gemeinsamkeit der Höchstwertung von 10 Punkten innewohnt. Sie nähern sich dem Krieg auf verschiedenen Wegen und versuchen Antworten zu geben. In den meisten Fällen sind diese ambivalent und nicht eindeutig, das können sie auch gar nicht sein. Dennoch vertreten sie einen klaren Standpunkt. Und noch eines ist ihnen gemein: Auch wenn sie immer einen bestimmten Konflikt (Erster Weltkrieg, Zweiter Weltkrieg, Vietnam) thematisieren, in ihrer Botschaft stehen sie universal für die Schrecken des Krieges.












6 Kommentare:
Großartiger Beitrag, der allerdings trotz eingestandener Willkür in meinen Augen einen der Klassiker des Genres nicht nennt: Johnny zieht in den Krieg / Johnny got his gun, der den Bogen zwischen "Wege zum Ruhm" und "der schmale Grat" schlägt.
Vielen Dank. Es ist in der Tat Segen und Fluch zugleich, dass niemals das volle Sprekrum berücksichtigt werden kann.
Und auch wenn mir der Inhalt von "Johnny got his gun" bekannt ist, muss ich gestehen, dass ich Diesen tatsächlich noch nicht gesehen habe. Vielleicht hätte ich ihn dann ja sogar aufgeführt.
Aber vielleicht schreibe ich zu diesem Thema irgendwann auch noch mal einen zweiten Beitrag. Immerhin hätten es auch Filme wie "Im Westen nichts Neues" oder deutsche Vertreter wie "Die Brücke und "Das Boot" verdient Erwähnung zu finden...
Toller Beitrag, der eine Kontroverse diskutiert, die schon seit Kubricks WEGE ZUM RUHM gehalten wird.
Bis auf "Diese Filme sind jedoch allesamt Meilensteine, denen die Gemeinsamkeit der Höchstwertung von 10 Punkten innewohnt." kann ich dir nu zustimmen.
Mach weiter so. Das gefällt. :)
Vielen Dank. Und was die Wertungen engeht: Da habe ich, zugegeben, wohl etwas zu hoch gegriffen. Aber nur ein bisschen... ;-)
Ein Klassiker ist auch "Die Brücke" von Bernhard Wicki aus dem Jahr 1958. Ich bilde mir ein, dass Spielberg den sogar in "Der Soldat James Ryan" zitiert. Die Schluss-Szene des Films folgt einer ähnlichen Dramaturgie.
Den Film (also "Die Brücke") habe ich mittlerweile gesehen. Der Film ist gut, allerdings nicht ganz frei von Schwächen, die ich in aller Kürze HIER thematisiert habe.
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