Am heutigen Dienstag, dem 3. Juni 2008, hat sich eine der größten Katastrophen der deutschen Verkehrsgeschichte zum zehnten Mal gejährt. Am Vormittag des 3. Juni 1998 entgleiste bei Eschede der ICE 884 „Wilhelm Conrad Röntgen“ auf der Fahrt von München nach Hamburg. 101 Menschen verloren bei dem Unglück ihr Leben.
1998 war ich gerade mal 12 Jahre alt, und habe dieses Unglück nur am Rande mitbekommen. Doch ich erinnere mich noch genau an die Fernseh-Bilder von damals, durch die mit schlagartig bewusst wurde, dass dort in Eschede etwas „ungeheuer Schlimmes“ passiert sein muss. Heute fahre ich in aller Regelmäßigkeit, oftmals zwei mal in der Woche, mit der Bahn durch Eschede, und durchfahre somit die Unglücksstelle. Es ist am heutigen Tage beim Passieren des Ortes einfach nicht vorstellbar, was sich an jenem schicksalhaftem Tage, an diesem Ort abgespielt haben muss.
Der Doku-Film „Eschede Zug 884“, der am letztem Freitag in der ARD und am heutigen Abend im NDR lief, stellt den Versuch da dieses an sich unfassbare Ereignis zu rekonstruieren. Müßig zu erwähnen, dass dieses Projekt gleichermaßen ambitioniert, wie sensibel ist. Der Spiegel stellt im Zuge einer Besprechung dieses Films für mein Dafürhalten die richtige Frage: „Taugt das Zugunglück von Eschede, die größte Katastrophe des Eisenbahnverkehrs der deutschen Nachkriegsgeschichte, zum Stoff für einen Fernsehfilm? Für ein Doku-Drama zumal, in dem neben Archivmaterial und Interviews mit Hinterbliebenen der 101 Opfer auch Szenen enthalten sind, in denen Schauspieler und Helfer von damals die Geschehnisse nachspielen?“ [1]
Der Versuch das ganze Ausmaß der Katastrophe durch einen Film zu verdeutlichen, ist ohne Zweifel keine einfache Angelegenheit. „Eschede“ ist kein Stoff, aus dem man einen Katastrophenfilm zur Unterhaltung strickt, wie in letzter Zeit so oft geschehen („Die Sturmflut“, „Das Wunder von Lengede“). Dazu ist dieses Ereignis zu nah am Heute, zu unaufgearbeitet, und damit nicht abgeschlossen. Bis heute gibt es quasi keinen offiziell Schuldigen, aber dazu später mehr. Die ARD schlussfolgert in einem Informationstext zu diesem Film deshalb folgerichtig: „Das Zugunglück von Eschede hat seinen Platz noch nicht im kollektiven Bewusstsein der Deutschen gefunden, noch keinen Platz in der Reihe der abgearbeiteten Tragödien.“ [2]
Regisseur Raymond Ley hat es meiner Meinung nach vollbracht mit „Eschede Zug 884“ einen Film fertig zu stellen, dem es gelungen ist der Tragweite dieser Katastrophe wenigstens ansatzweise gerecht zu werden. Laut Aussage der ARD wurde für diesen Film zwei Jahre lang recherchiert, mehr als 100 Zeugen ermittelt, und über 50 Interviews geführt. [3]
„Eschede Zug 884“ rekonstruiert die Katastrophe vom 3. Juni 1998 mit Hilfe zahlreicher Interviews Beteiligter. Wir lernen unter anderem den Lehrer Harald Korb kennen, der bei dem Unglück seine Frau verlor, und sich unter anderem auch bei Eines Tages seine Geschichte erzählt. [4] Oder auch Jens Hager-van der Laan der Frau und Kinder verlor, während der selbst auf einem beruflichen Termin in Köln weilte. Beide, und viele andere erzählen in der Rückschau von ihren Erlebnissen, immer wieder ergänzt durch nach gedrehte Spielfilmszenen. Gerade diese Erzählungen sind es, die den Zuschauer der Katastrophe näher bringen, machen sie doch das Geschehen auf eine gewisse Art und Weise fassbarer
Die Verwendung sogenannter Re-Enactment-Passagen mag man kritisieren können, wären sie doch wahrscheinlich einmal für die Wirkung und die offensichtliche Intention des Films, nämlich „zu bewegen – und zu informieren“, um ein weiteres Mal den Spiegel zu zitieren, nicht unbedingt nötig gewesen. [5] Gleichzeitig lassen diese Szenen jedoch auch das Grauen erahnen, dass in seinem gesamten schrecklichen Ausmaß unmöglich durch den Film transportiert werden kann. Doch allein die Andeutungen lassen erahnene, welch unfassbare Bilder sich den 2000 Rettungskräften an der Unglücksstelle geboten haben muss.
Folgerichtig lässt Ley auch die zahlreichen Helfer zu Wort kommen, und gibt ihnen die Gelegenheit ihre Eindrücke von damals zu schildern. Ihre Äußerungen, auch die von Anderen in den Printmedien, verdeutlichen das gesamte Ausmaß des Unglücks. So schreibt der Journalist Joachim Gries, der als Escheder einer der ersten Menschen war, die die Unglücksstelle erreichten: „Ich kletterte die Böschung hoch, an den Rand der eingestürzten Brücke, und verschaffte mir einen Überblick. Was ich sah, habe ich nicht mehr vergessen. Das Bild, das sich mir auftat, hat mich verwirrt, verstört.“ [6]
Ein Zivildienstleistender, der zum Unfallort ausrückt beschreibt die Situation folgendermaßen: „Plötzlich stößt unser Fahrer gepresst hervor: "Oh Gott, lass' das nicht die Leichen sein!" Es sind Leichen: in einer Reihe auf den Asphalt der rechten Fahrbahnseite gelegt, nur vereinzelt mit bereits durchgebluteten Tüchern abgedeckt. Leblose Körper. Männer, Frauen, Kinder. Die Reihe ist lang - blanker Horror in der gleißenden Sonne.“ [7]
Und so generiert sich „Eschede Zug 884“ neben dem Ziel die Angehörigen der Opfer, sowie Überlebende, zu Wort kommen zu lassen, in gewisser Weise auch als Würdigung für die zahlreichen Helfer, die dort das menschenmögliche geleistet haben, um den Verunglückten zu helfen, und die in der Folge selbst zum Teil durch das Erlebte erheblich traumatisiert worden sind.
Apropos „das Menschenmögliche“. Genau dieses zu tun, wurde augenscheinlich im Vorfeld dieser Katastrophe versäumt. Die Ursache des Unglücks ist zum heutigen Tage ermittelt, dies wird gerade auch in „Eschede Zug 884“ klar ventiliert. Heute wissen wir, dass ein Radbruch, hervorgegangen aus Materialermüdung dazu führte, dass sich dieses Rad verkantete und auf der Höhe Eschede eine Weiche verstellen konnte. Dies führte dazu, dass der ICE entgleiste, und eine Brücke rammte, die dadurch zum Einsturz gebracht wurde und auf den ICE stürzte. Während die ersten Waggons die Brücke noch passieren konnten, schoben sich die nachfolgenden Waggons wie eine Ziehharmonika zusammen.
Regisseur Ley hat in seinem Film immer wieder Sequenzen eingebaut, die Zitate von Zeugenvernehmungen von Bahnmitarbeitern beinhalten. Aus diesen Auszügen wird ersichtlich, dass schlussendlich eine verhängnisvolle Interdependenz aus Zeitdruck, Unwissenheit, sowie wirtschaftlicher Druck zu dem Unglück geführt hat. „Erich Philipp, ehemaliger Leiter der Soko "Eschede", erläutert [im Film], wie Materialmängel als Fehlmessungen interpretiert wurden und die Weiterfahrt des Zuges genehmigt wurde. Sein Fazit: "Dass man es möglich gemacht hat, dass er weiterfahren kann – das ist der Fehler im System gewesen."“ [8]
Die ARD äußert sich im bereits zitierten Informationstext zum Fim zur Schuldfrage folgendermaßen: „30.000 DM zahlte die Deutsche Bahn AG für jeden Todesfall an die Hinterbliebenen. Inoffiziell beurteilen Vorstandsmitglieder und Pressesprecher den "Unfall" von Eschede als schrecklichen Wendepunkt. Nur sagt dies niemand vor der Kamera. Im Film kommt jedoch Hartmut Mehdorn zu Wort, der in einem Interview mit Sandra Maischberger 2001 Eschede als "Katastrophe" erklärte. Kein Wort über eine Mitschuld des Unternehmens.“ [9]
Die Deutsche Bahn hat sich zu keinem Interview für diesen Film bereit erklärt, und somit de facto die Aussage verweigert. Einer der Zeugen im Film trifft den Punkt, wenn er ausführt, dass der Konzern alles in seiner Macht stehende getan hat, um im juristischen Sinne für dieses Unglück nicht verantwortlich zu sein. Auch ich stelle mir die Frage: Was sind 30000 DM für das Leben eines Menschen? Für das Leid der Angehörigen und Freunde?
Ley gibt auf die trotzige Haltung der Bahn die richtige Antwort: In zwei Einblendungen lässt er Mehdorn in dem im vorigen erwähnten Interview der Bahn zu Wort kommen: „Also muss man jetzt mit dieser Katastrophe ordentlich umgehen, und das tun wir ja“ [10]
Man muss es so deutlich sagen: Die DB hat es nicht verstanden sich „anständig“ zu verhalten, und in der Tat mit diesem Film eine weitere Gelegenheit verstreichen lassen, sich angemessen zu diesem Unglück zu positionieren. Dieses Verhalten ist beschämend. Es geht doch wirklich nicht darum, dass jetzt irgend eine Einzelperson für Eschede haftbar gemacht wird, vielmehr wäre es die Geste, die zählt: "Es wäre für mich ein großes Glück gewesen, wenn jemand die Verantwortung übernommen hätte", sagt zum Ende des Films Jens Hager-van der Laan.
„Eschede Zug 884“ ist ein wichtiger Film, weil er eine der größten und Schrecklichsten Katastrophen der deutschen Nachkriegsgeschichte zurück in das kollektive Bewusstsein der deutschen Gesellschaft holt. Er ist wichtig, weil er die Betroffenen zu Wort kommen lässt, und die, die geholfen haben. So erfährt erst im Zuge des Films ein Sanitäter, das einer der Personen, um dessen Leben er entgegen aller Vorzeichen gekämpft hat, überlebt hat. Und dieser Film ist wichtig, weil er den Finger auf die offene Wunde des unangemessenen Verhaltens der DB legt.
PS: Auch heute, am Tag der Trauerfeier zum zehnten Jahrestag, ist Hartmut Mehdorn nicht erschienen, sondern nur ein Vertreter. Das passt ins Bild.
Nachweise:
[1] Luley, Peter: Wenn das Leben entgleist.
[2] Die szenische Dokumentation „Eschede Zug 884“.
[4] Korb, Harald: „Sie sah aus, als ob sie schlafen würde“.
[5] Luley, Peter: Wenn das Leben entgleist.
[6] Gries, Joachim: Der Journalist, der das Fotografieren vergaß.
[7] Theby, Sebastian/NDR: Horror in der gleißenden Sonne
[8] Luley, Peter: Wenn das Leben entgleist.






2 Kommentare:
Sehr schöne Zusammenfassung, obwohl ich die Doku noch nicht gesehen habe. Werde jetzt einmal OTR bemühen:)
Ja, die Doku ist wirklich zu empfehlen, obwohl es natürlich in der Natur der Sache liegt, dass sie nicht wirklich Spaß macht, klar...
Da war ich seit langer Zeit mal wieder mit den Öffentlich-Rechtlichen wirklich zufrieden.
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