Rezension: "Face/Off - Im Körper des Feindes"










Als der Polizist und Leiter einer Anti-Terror Einheit Sean Archer (John Travolta) vor Jahren im Zuge eines Anschlages des Terroristen Castor Troy (Nicolas Cage), der eigentlich ihm selbst gegolten hat, seinen Sohn verlor, ist er auf der unerbittlichen Jagd nach diesem einen Mann. Dieser persönlichen Vendetta ordnet Archer, der von Hass, Wut und Verzweiflung getrieben ist, alles unter.


Seine Familie, Frau und Tochter, droht ihm ebenso zu entgleiten, wie sein eigenes Leben. Als sich eines Tages die Möglichkeit zum Zugriff bietet, zögert Archer keine Sekunde und jagt Troy bis zum bitteren Ende. Er hat Erfolg, doch in der Stunde seines größten Sieges, als sich der Kreis endlich zu schließen scheint, kommt alles anders als geplant.


Troy hatte noch im Vorfeld seiner Festnahme eine riesige Bombe in Los Angeles versteckt, und die Einzigen, die wissen, wo sich diese befindet sind Troy und sein Bruder Pollux, der mittlerweile in einem Hochsicherheitsgefängnis sitzt. Da Troy zum einen nicht gefragt werden kann, weil er im Zuge seiner Festnahme schwer verletzt wurde und im Koma liegt, und zum Anderen sowieso nicht reden würde, muss der Weg der Erkenntnis für Archer über Pollux führen. Im Zuge einer höchstgeheimen Mission lässt sich Archer zu Troy umoperieren und wird in das Gefängnis eingeschleust, um Pollux zum Reden zu bringen.


Der Plan scheint zu gelingen, denn Pollux fällt auf den Schwindel herein, und nennt Archer, im Glauben seinen Bruder vor sich zu haben, das Versteck der Bombe. Als Archer das Gefängnis verlassen möchte, tritt ihm jedoch sein eigenes Selbst gegenüber. Castor Troy ist mittlerweile aus dem Koma erwacht, und hat die Ärzte gezwungen, ihm das Gesicht und das Aussehen Archers zu verpassen, danach tötet er alle Mitwisser. Während Troy im Körper Archers nun zum gefeierten Helden der Stadt wird, ist Archer in Troys Körper dazu verdammt, dies alles hilflos mit anzusehen. Seine einzige Hoffnung: Die Flucht aus dem Hochsicherheitsgefängnis.


„Face/Off - Im Körper des Feindes", unter der Regie des Action Spezialisten John Woo, gehört ohne Zweifel zu den besten Action-Filmen der neunziger Jahre, und hätte auch gute Chancen in jedem Ranking der besten Actioner überhaupt gelistet zu werden. „Face/Off“ ist aber auch der Film, in dem Nicolas Cage, der im selben Jahr auch in „Con Air“ „brillieren“ durfte, in einem Action-Film beweist, dass er dazu fähig ist, einem Charakter Tiefe zu verleihen. Das Cage ein begnadeter Mime, gerade im dramatischen Genre sein kann, wenn er nur will, hat er ja nur zwei Jahre zuvor mit „Leaving Las Vegas“ eindrucksvoll bewiesen.


Zugegeben: Auf die Ausgangshypothese des Films muss man sich einlassen können, um richtig Spaß an „Face/Off“ zu finden. Da wird einem Menschen das Gesicht vom Schädel geschnitten, und einem anderen Menschen aufgesetzt. Des weiteren wird die Stimme verändert, die Augenfarbe, der Körperbau, einfach alles – Und schon ist man gefangen im falschen Körper. Das ist in der Tat eine ziemlich beunruhigende Perspektive, und so ist das Zögern Archers diesem Plan zuzustimmen, also zu seiner größten Nemesis zu werden, mehr als verständlich.


Es ist allein schon diese Ausgangsposition, die aus „Face/Off“ einen besonderen Film macht. Hier verbinden sich endlich eine intelligente, durchaus tiefschürfende Geschichte, mit der Action unter der begnadeten Inszenierung Woos. Sicher, die Perspektive des Films ist, gerade in der Exposition, in ihrem Grundtenor auf das plakative Schwarze und Weiße, der ultimative Kampf „Gut“ gegen „Böse“ zugeschnitten, doch der Film braucht dieses klaren Bilder, um überhaupt funktionieren zu können.


Nach dem ersten großen Showdown kehrt sich das Böse in ihrer Äußerlichkeit zum Guten, und umgekehrt. Anders ausgedrückt: Alle Beteiligten mussten bis zu diesem Zeitpunkt die Rollen klar und deutlich in ihrer Manifestation herausgearbeitet haben. Folgerichtig wird Archer zu Beginn mit aller Macht als gebrochene Persönlichkeit stilisiert, der man ihren Schmerz schon von weitem ansehen kann. Ihm gegenüber steht sein Antagonist Castor Troy: Ein Psychopath, wie er im Buche steht (Die Einführungssequenz in der Kirche ist grandios). Sowohl John Travolta, als auch Nicolas Cage waren sich diesem Sachverhalt natürlich bewusst, und haben alles in ihrer Macht stehende dafür getan, die Charakteristika ihrer Protagonisten in aller Deutlichkeit herauszuschälen.


Das dieses Unterfangen gelungen ist, kann mithin als größtes Kompliment für die beiden Schauspieler geltend gemacht werden. Sowohl John Travolta, als eben auch Nicolas Cage zeigen in diesem Film was sie können, und es wäre töricht in diesem Fall groß etwas an den Schauspielern aussetzen zu wollen, wobei mir Cage um eine Nuance besser gefallen hat.


Troy und Archer bleiben somit auch nach dem Körpertausch als solches durch Mimik und Gestik unterscheidbar, und das ist de facto einer der eminent wichtigen Mosaiksteinchen im Kunstwerk „Face/Off“. Groß auch die Szene, sowohl vom Drehbuch, als in der letztlichen Umsetzung von Cage, als der umoperierte Archer sich zum ersten Mal im Körper seines größten Feindes sieht. Die Wut, der Schmerz, die Verzweiflung ist durch das transportierte Bild essentiell erfahrbar, und hebt sich in ihrer Konzeption wohltuend vom Schema F des Actionsfilms, in dem der Held die Welt rettet, eben weil er der Held ist, wohltuend ab.


Und wenn sich mit zunehmender Spieldauer des Film, der Terrorist in der Haut des Familienvaters und Polizisten um Stadt und Familie kümmert, und der Polizist im Milieu des kriminellen wandelt, erhält plötzlich auch das bis dato klare schwarz-weiße Bild erste Schattierungen. Plötzlich empfindet der Zuschauer dezente Gefühle der Sympathie für Troy, als er seine „Tochter“ vor einem allzu aufdringlichen Halbstarken beschützt. Gleichzeitig bekommt die Person Archer leichte moralische Rissen, als er – um sich selbst zu retten – die autoritären Kräfte des Staates attackieren muss. Natürlich werden diese Szenen von Woo legitimiert. Zum einen verzichtet Archer natürlich darauf Polizisten absichtlich zu töten, auch wird seine Anstachelung des Aufstands dadurch entschärft, dass eben dieses Gefängnis als Ort der Hölle stilisiert wird, einem Ort, „an dem die Genfer Konventionen nicht gelten.“


Freilich, diese Szenen sind der stringent ablaufenden Handlung ,die konsequent auf den finalen Showdown zu läuft, untergeordnet – gleichwohl bleiben sie in ihrem Erscheinen erwähnenswert, erhöhen sie doch die Dichte der in Face/Off ventilierten Geschichte ungemein. Und so stehen in dieser Inszenierung von John Woo inhaltliche Dichte und virtuos inszenierte Action direkt nebeneinander.


Gleich zu Beginn schöpft Woo aus dem vollen, und inszeniert eine virtuos inszenierte Verfolgungsjagd zwischen Helikoptern, Flugzeug, und Streifenwagen, um diese in jene finale Schießerei münden zu lassen, die letztendlich zu der schweren Verletzung Castor Troys führt. Es ist nicht zu letzt die wohlüberlegte punktuelle Dosierung der Actionsequenzen, die ein weiteres Mosaiksteinchen im positiven Gesamtbild ausmacht. Zur Mitte des Films folgt die zweite große Actionsequenz. Dramatisch, schnell, aber auch im für Woo typischen Einsatz von verlangsamten Bildern, inszeniert sich diese als „Tanz des Todes“, bei dem ein kleines Kind mit Kopfhörern zu den Klängen des friedlichen und harmonischen „Somewhere over the rainbow“ zum Zeugen werden muss, was dieser Szene noch eine skurrile, und damit wirkungsvolle, Krone aufsetzt.


Der „Heroic Bloodshed“ erreicht seinen Höhepunkt in der grandios stilisierten Szene (Weiße Tauben, Slowmotion, Choräle) gegen Ende des Films in der Kapelle am Strand. “The eternal battle between good an evil, saint an sinner“, wie es Castor Troy ausdrückt, strebt hier ihrem Höhepunkt entgegen. Die Szenerie könnte nicht passender sein, treffen doch hier die beiden Protagonisten, Agonist und Antagonist, das absolut Reine und das absolut Böse, wieder aufeinander, um ihre Vendetta zu beenden. Das der Film nicht in diesem finalen Showdown mündet, ist die einzige wirkliche Schwäche, die man Woo und den Machern wirklich ankreiden muss. Atmosphärisch dicht, virtuos inszeniert, in ihrer Epik von geradezu apokalyptischem Ausmaße , wäre dieses Szene perfekt gewesen, um den Kreis zu schließen.


Doch leider findet der Film an dieser Stelle kein Ende, es folgt die letzte große Actionsequenz, in ihrer Konzeption sollte sie wohl das „Tüpfelchen auf dem I“ sein. Doch an dieser Stelle, nach der vorangegangen epischen Stilisierung, wirkt die nun folgende Schnell-Boot Sequenz seelenlos und seltsam deplatziert, und erinnert an Actioner in der Art von „Con Air“. Sagen wir es in aller Deutlichkeit: Das hätte es nicht mehr gebraucht und ist der Grund, warum „Face/Off an der Höchstwertung vorbei schrammt.


Gleichwohl schließt sich am Ende des Films der Kreis, und der Zuschauer hat einen großartigen Action-Film gesehen. Archer hat über seinen Antagonisten gesiegt, und sein persönliches Trauma überwinden. Einst nahm ihm Troy sein Vermächtnis in Form seines kleinen Sohnes, doch nun am Ende revanchiert sich Archer: Er nimmt wiederum Troy sein Vermächtnis, und macht es zu seinem – Denn das Böse darf kein Vermächtnis haben. Fazit: 9,5 von 10 Punkten


Quelle: Screenshots aus "Face/Off - Im Körper des Feindes". © by Touchstone Pictures, Paramount Pictures, Douglas/Reuther Productions, WCG Entertainment Productions


Siehe auch:


"The Rock - Fels der Entscheidung"
"Con Air"
"Nur noch 60 Sekunden"

8 Kommentare:

TheRudi hat gesagt…

und hätte auch gute Chancen in jedem Ranking der besten Actioner überhaupt gelistet zu werden

Naja, kommt drauf an, wie lange man die Liste gestaltet ;)

Nach dem ersten großen Showdown kehrt sich das Böse in ihrer Äußerlichkeit zum Guten, und umgekehrt.

Das ist einer der Pluspunkte der Geschichte. Guter Travolta wird Böse und umgekehrt.

(...) bei dem ein kleines Kind mit Kopfhörern zu den Klängen des friedlichen und harmonischen „Somewhere over the rainbow“ zum Zugen werden muss (...)

Meine Lieblingsszene des Filmes.

Doch leider findet der Film an dieser Stelle kein Ende

Word!

Schöne, ausführliche "Lobhudelei" ;) - Ich selbst würde den Film eher um die 6 einordnen, aber das, entscheidet wie immer jeder für sich.

C.H. hat gesagt…

"Lobhudelei"? - Wie, Wo? ;-)

Aber nur 6 Punkte? Das sind ja fast ebenso wenig Punkte, wie "The Rock" von dir bekommen hat...

Naja, aber du hast es ja schon gesagt: Es ist ja sowieso immer Geschmackssache... ;-)

Kaiser_Soze hat gesagt…

Mit Abstand der beste der drei Cage-Actioner, die du bis dato rezensiert hast. Wenn auch etwas überbewertet. Aber ok.

TheRudi hat gesagt…

Die 6 Punkte sind ja "ok", also der Film weiß durchaus zu unterhalten, haut mich aber nicht vom Hocker. Da schau ich mir lieber zum 25. Mal Stirb Langsam an, wie zum 4. Mal Face Off. So in der Kategorie halt ;)

C.H. hat gesagt…

@ Kaier und Rudi: Relative Einigkeit also an dieser Stelle. Fein! ;-)

Kaiser_Soze hat gesagt…

Wann kommt denn eigentlich das neue "Kino, TV & Co. sucht..."?

C.H. hat gesagt…

Gute Frage, nächste Frage ;-)

Nein, im Ernst: Diese Woche werden ich erst mal zusehen, die Cage-Festspielwochen mit der noch fehlenden Rezension zu "60 Sec." abzuschließen.

Und dann muss man mal sehen: "Film Noir", das Genre, was ich ebenso mag, wie ich davon kaum einen Film gesehen habe, ist erstmal verschoben. Und das aus gutem Grund: Es tut sich ja was auf dem deutschen Noir-Markt. So gibt es ja nun endlich "Double Indemnity" auf DVD, und Koch hat die Film Noir-Collection gestartet. Also werde ich da erst mal Wissenslücken schließen, bevor ich hier klugscheißen kann... ;-)

Aus diesem Grund plane ich die Kategorie der "Super Comic-Verfilmung" vorzuziehen. "Release" ist für Ende Juni, Anfang Juli geplant.

Und dann wird es hier wahrscheinlich ab Juli sowieso für 2 Monate etwas ruhiger werden. Prüfungen, und Abschlussarbeit an der Uni werfen ihren unheilvollen Schatten voraus. Schüttel!

Anonym hat gesagt…

weiß jemand wann face/off im deutschen Fehrnsehn das nächste Mal ausgestrahlt wird?

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