Rezension: "Jarhead - Willkommen im Dreck"










Hat die cineastische Aufarbeitung des amerikanischen Traumas Vietnam mehr als nur einen exzellenten Beitrag, der sich gegen den Krieg in Vietnam und im Allgemeinen positioniert, hervor gebracht, so kann dies von den Ereignissen der Jahre 1990/91 nicht behauptet werden. Der Beginn der Operation „Desert Storm“, als Folge der irakischen Besetzung Kuwaits, markierte die finale Zuspitzung im Konflikt zwischen dem Irak und der Weltgemeinschaft. Im Januar 1991 begann schließlich mit dem Einsetzen massiver Luftschläge von Seiten der Koalitionsstreitkräfte unter Führung der USA der zweite Golfkrieg. „Jarhead – Willkommen im Dreck“ ist einer der ersten Filme, die sich dieses Themas angenommen haben. Sam Mendes dritter Spielfilm beschäftigt sich dabei nicht mit der Frage nach den Gründen oder die Rechtfertigung dieses Konflikts. Die Politik per se und andere Fragen interessieren ihn in diesem Fall nicht, sie werden zurückgestellt zu Gunsten der perspektivischen Fokussierung auf den einzelnen Soldaten.


Für die angebliche Aussparung eines politischen Statements in Bezug auf „Jarhead“ ist Mendes von mehreren Seiten kritisiert wurden. Zu Unrecht, wird doch übersehen, dass die politische Message des Films bereits in seinem Zentrum selbst angelegt ist. Es ist der Staat, der seine Einwohner zu jenen Killer-Maschinen ausbildet, welcher dieser schlussendlich im Krieg einsetzt. Strukturelle Gewalt ist und war zu allen Zeiten wesentliches Merkmal der menschlichen Zivilisation. Eine Erkenntnis, mit Sicherheit nicht gerne gehört, in ihrem Kern jedoch tautologisch, und deshalb nicht zu leugnen und damit wesentlich auch für diesen Film. Der Staat hat aber eben besondere Verantwortung für die Individuen, die er dazu anleitet zu töten, und die damit lernen moralische Grundsätze zu negieren, die normalerweise zum gesellschaftlichen „Common Sense“ zählen, und auch wenn Mendes darauf verzichtet, die Frage nach Sinn und Legitimation dieses Krieges explizit zu stellen, so ist diese eben doch der Struktur von „Jarhead“ inhärent, und somit wesentliches Merkmal seiner Intention.


„Jarhead“ steht dem Krieg somit durchaus kritisch gegenüber, auch wenn dieser, laut der eigenen Aussage seines Regisseurs, Schwierigkeiten hat in die Schublade des Anti-Kriegsfilms zu passen. Der Anti-Kriegsfilm, obwohl in seiner Ausprägung vielfältig, ist schon per Definition ein schwieriges Genre. Manche meinen, dass es den „echten“ Anti-Kriegsfilm nicht geben könne, da jegliche cineastische Rezeption des Krieges, gleichzeitig auch eine abenteuerliche und identifizierend wirkende Komponente beinhalten würde. Ich teile diese Ansicht nicht, bin ich doch der Meinung, dass es zwischen Kriegsfilm und Anti-Kriegsfilm Grenzen gibt, die zweifelsohne fließend, aber eben doch existent sind. (Siehe auch den Beitrag zum Aufbau und der Methodik des Anti-Kriegsfilms auf diesem Blog). Gleichwohl, es bleibt die Aufgabe des Zuschauers die Intention eines Films zu erfassen. Dass auch die bestgemeinte Botschaft eines Films propagandistisch missbraucht werden kann, steht außer Zweifel, und ist Faktum, welches von „Jarhead“ eindringlich vor Auge geführt wird. Die Pervetierung der „legendären“ Walküre-Sequenz aus Coppolas „Apocalypse Now“, macht diesen Sachverhalt auf drastische Art und Weise deutlich, verkehrt die von Coppola ventilierte Botschaft ins Gegenteil, und führte eben deshalb auch bei eben diesem zu einigem Unbehagen. Mendes konnte ihn jedoch erfolgreich davon überzeugen, dass die Verwendung von Szenen aus einem der wichtigsten Anti-Kriegsfilme aller Zeiten zur „Aufgeilung“ der Soldaten eben jenen ironischen Unterton haben würden, welcher für den Film von eminent wichtiger Bedeutung ist.


Mendes „Jarhead“ enthält somit nicht nur Reminiszenzen an „Apocalypse Now“, sondern bemüht auch und vor allem Stanley Kubricks „Full Metal Jacket“ - In einigen Szenen, gerade zu Beginn des Films, wird dieser gar in gewisser Weise kopiert. Diese Annäherung ist natürlich bewusstes Stilmittel und gewollt: Kubrick beschreibt in seiner Vision des Anti-Kriegsfilms die Entmenschlichung des Soldaten zu Gunsten der „tödlichsten Waffe der Welt“ - nämlich dem Marine und sein Gewehr. Mendes macht sich die kubricksche Vorarbeit zu Nutzen, kann sie somit in der Darstellung verkürzen, ohne die Intention zu verlieren, da diese grundsätzliche Begebenheit in „Jarhead“ als Folie für den eigentlichen Sinn und Zweck des Films dient. Denn auch wenn „Full Metal Jacket“ und „Jarhead“ in ihrer Exposition parallel verlaufen, in dem Sinne nämlich, dass gezeigt wird wie die leeren Schädel der Rekruten (Jarhead - Schraubverschlüsse - leeres Gefäß) mit dem Gedankengut des Militärischen gefüllt werden, die Indokrtinierung der „Born To Kill–Mentalität“ also zum ultimativen Ende gebracht wird, schlagen beide Film in der Folge divergierende Richtungen ein.


Während Kubrick seinen Protagonisten den Krieg gibt, für den sie ausgebildet worden, und es in der Folge um das Versagen des Einzelnen geht, in der Hölle von Vietnam seine Individualität bewahren zu können, verweigert Mendes den Marines in „Jarhead“ eben genau das, wofür sie ausgebildet worden sind, und tangiert mit seinem Beitrag eine Ebene, die bislang in der Kriegs-Rezeption des Films, wenig bis gar nicht thematisiert worden ist. Willkommen im Dreck, und der Zuschauer (also wir) sind mittendrin. „Jarhead“ basiert auf dem gleichnamigen Buch von Anthony Swofford, welcher auch im Film in dem Protagnositen Tony Swofford, genannt Swoff (Nuanciert, und ausdrucksstark: Jake Gyllenhaal), das Zentrum der Geschichte bildet. Swoff, Scharfschütze und eben genau die Killermaschine, die im vorigen skizziert wurde, befindet sich nun im Zuge der Operation „Desert Shield“ zusammen mit einer halben Million anderer Soldaten in der Wüste Saudi-Arabiens und beschreibt das Warten auf einen Einsatz, der für die Allermeisten vorbei sein wird, bevor er begonnen hat.


Bis zu diesem Zeitpunkt heißt es warten, trinken, trainieren, trinken, essen, masturbieren, warten und noch mehr trinken. Es ist die völlig skurril anmutende Szenerie, aus der „Jarhead“ einen großen Teil seiner Wirkung zielt. Die Soldaten marschieren in der Wüste ohne bestimmtes Ziel, sie schießen auf imaginäre Feinde. Doch es ist vor allem die Warterei, das Nichtstun, welches an den Nerven zerrt. Das Nichtstun lässt Zeit zum Denken, und an dieser Stelle geht Mendes einen entscheidenden Schritt weiter, als Kubrick. „Jarhead“ gibt seinen Protagonisten eine Vergangenheit, die gerade bei „Full Metal Jacket“ völlig außen vor gelassen wird, und diese Vergangenheit, besser gesagt die sozialen Netzwerke der Soldaten, werden zum eigentlichen Problem eines jeden Marines: Die Sorge um die eigene Familie, die Angst, dass einen die Frau oder Freundin verlassen wird, während man in der unbarmherzigen Sonne der Wüste schwitzt und dabei ist nichts zu tun, quälen den Einzelnen über alle Maßen. Wohin das führt, ist völlig klar: Gereizte Stimmung, Aggressionen, Übersprungshandlungen.


Mendes führt den Zuschauer auf genau diese Ebene, denn wie die Soldaten warten auch wir auf den Zeitpunkt, wo es endlich losgeht, und als es endlich soweit ist, bleiben wir in der selben Situation gefangen wie der einzelne Marine: „Die tödlichste Waffe der Welt“ wird anscheinend nicht mehr gebraucht, und wird von den hochtechnisierten Waffen der Neuzeit förmlich überrollt. Die Luftwaffe, intelligente Bomben und Marschflugkörper dominieren den zweiten Golfkrieg mit ihrer geballten Zerstörungskraft, die dem Rest der Welt in den Medien als eine Art „sauberer und schneller Krieg“ verkauft wird – In Wahrheit, das wissen wir, ist dies jedoch die reinste Propaganda, und der „saubere Krieg“ wie er oftmals postuliert wird, ist nicht nur Illusion, sondern eben auch gedankliche Pervetierung.


Den Marines bleibt somit zum großen Teil nur die Aufgabe des Beobachters. Sie stehen auf dem Highway des Todes, wo der „saubere Krieg“ sein wahres Gesicht zeigt, sie sehen die Ölquellen brennen, und jeder einzelne Marine fragt sich, was er eigentlich an dieser Stelle verloren hat, wo ihm doch seine eigentliche Tätigkeit verweigert wird. Dies alles kulminiert in den finalen Showdown, wo Swoff und sein Partner das finale Ziel im Fernrohr ihres Präzisionsgewehr haben. Ein Auftrag, ein Ziel, ein Schuss, und dieser Krieg hätte – es ist so zynisch wie es klingt, für die beiden einen finalen Sinn bekommen. Doch auch dieser Schuss wird ihnen versagt, die Luftwaffe beendet, was sie begonnen hat. Die Marines kehren nach Hause zurück, ohne jemals einen Schuss abgefeuert zu haben.


Kein Schuss, und doch hat dieser Krieg den Soldaten verändert, allein durch das, was er gesehen hat: „A story. A man fires a rifle for many years. and he goes to war. And afterwards he comes home, and he sees that whatever else he may do with his life - build a house, love a woman, change his son's diaper - he will always remain a jarhead. And all the jarheads killing and dying, they will always be me. We are still in the desert.“ - Und mit dieser Aussage schließt sich der Kreis hinsichtlich der politischen Message von „Jarhead“. Es ist der Staat, der das Individuum zum Soldaten macht, und ihn somit verändert, und der sich deshalb letztlich seiner Verantwortung gegenüber seiner Soldaten bewusst sein sollte, und sich dementsprechend ganz genau überlegen sollte, wo und warum er diese einzusetzen gedenkt.


Sam Mendes hat mit diesem Film einen sehr nachdenklichen Streifen abgeliefert, in seinem Aufbau zwar stringent, aber eben auch teilweise quälend langsam, äquivalent zur Quälerei des Wartens der Soldaten. Der Krieg bleibt über weite Strecken des Films für uns Zuschauer ebenso gesichtslos, wie für die Protagonisten des Films, und damit löst er sich in gewisser Weise von der konkreten Begebenheit des zweiten Golfkrieges, hin zu einer universell gültigen Aussage. Welche Halbwertszeit der Film haben wird, wird man mit den Jahren sehen müssen. Das Bild des Krieges, wie es in diesem Film zur Zeit des Golfkrieges gezeigt wird, wird sich weiter ändern, beziehungsweise hat sich bereits geändert. Die Zeiten, in denen konventionelle Armeen zweier Staaten aufeinander treffen, scheinen zumindest fürs erste endgültig vorbei. Gültig ist hingegen, und das war die Grundintention von Mendes, das Problem des Wartens, die Untätigkeit eines großen Teils der Soldaten, ein Schicksal welches auch heute wieder im Irak von tausenden GIs im Irak geteilt wird – Nur diesmal ist der Krieg eben nicht nach wenigen Tagen vorbei gewesen. Fazit: 8 Punkte.



Quellennachweis: Screenshots aus "Jarhead - Willkommen im Dreck". © by Universal Pictures, Red Wagon Productions, Neal Street Productions, Motion Picture KAPPA Produktionsgesellschaft

12 Kommentare:

Kaiser_Soze hat gesagt…

Word. Gut geschrieben. ;)

CineKie hat gesagt…

Jetzt habe ich glatt Lust bekommen, mir den Film endlich einmal anzuschauen. Ich hab den schon seit Monaten auf HD DVD im Regal stehen, konnte mich bislang aber nicht aufraffen ...

tumulder hat gesagt…

Ist auf jeden Fall ein Film dem eigentlich mehr Aufmerksamkeit gebührt. Fand ihn ziemlich gut, vor allem die letzte Szene im Bus.

C.H. hat gesagt…

@ CineKie: Es lohnt sich!

@ tumulder: Stimmt... ;-)

TheRudi hat gesagt…

Dieselbe Bewertung hab ich ihm damals nach dem Kino auch gegeben. War durchaus gut, nur etwas arg ruhig. Dein Review - welches mir sehr ausführlich scheint, Respekt - les ich mir später durch ;) Muss jetzt nämlich noch was arbeiten.

C.H. hat gesagt…

Ja, ich hatte durchaus etwas mehr zu sagen, zu diesem Film. Hoffentlich findet dann nicht nur die Bewertung deine Zustimmung, sondern auch der Inhalt... ;-)

TheRudi hat gesagt…

Ausgesprochen gute Rezension, ich will nicht sagen, dass ich positiv überrascht bin, weil das leicht beleidigend klingt, sondern ich selbst finde den Film, Mendes' Intention und gerade mein Problem (wenn auch positiv verkehrt, was sicherlich nicht mal falsch sondern wahrscheinlich auch richtig ist) gut erfasst. Lässt sich schön lesen und mich vermuten, dass du in diese Richtung evtl. studierst (?).

Lange Rede, kurzer Sinn: empfehlenswerte und gut zu lesende, da beeindruckend geschriebene, Kritik.

*THUMBS UP*

C.H. hat gesagt…

Danke. In der Tat, studiere Geschichte und Politik,bin also schuldig im Sinne der Anklage... ;-)

TheRudi hat gesagt…

Wie süß, ich bin selbst Historiker ;)

C.H. hat gesagt…

;-)

The-Duke hat gesagt…

Kann meinen Vorrednern nur beiflichten. Klasse geschrieben Kritik, die trotz des hohen sprchlichen Niveaus stets verständlich daherkommt. Nicht so wie bei Rajko, wo ich jeden zweiten Satz erstmal bei Wikipedia nachschlagen muss ;). Zum Film selber, ich unstreiche alles, was du genannt hast. Wie ich finde einer der "besten Anti-Kriegsfilme", wenn man dies denn so überhaupt nennen kann, der letzten Jahre. Sam Mendes ist ein Meister seines Fachs.

C.H. hat gesagt…

Ja, wenn Mendes so weiter macht, wie bislang, dann können wir uns wohl noch auf Einiges einstellen, besser gesagt: Freuen!

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