Rezension: "Match Point"










Es ist die geschickt platzierte, gleichwohl nicht immer subtile, Metapher, die den Film umrahmt, die ihm seine Richtung weist, ohne schon auf den letzten Schluss hinzuweisen. Vorbestimmung, in Allen's „Match Point“ gibt es diese nicht, nein, das Leben ist vielmehr eine Abfolge von Zufällen, Glück und Pech, welche durch Menschenhand nicht beeinflussbar ist, und keinen bestimmten Regeln unterworfen sind. Das Ergebnis eines Tennis-Matches wird eben von mehr bestimmt, als von der Summe der Fähigkeiten seiner Spieler. Talent, Ehrgeiz, Mut, sicher, das gehört alles irgendwie dazu, ist das Leben, doch im entscheidenden winzigen Moment, ist es dann der Zufall, der über Sieg oder Niederlage bestimmt. In der Sekunde, wo der Ball an der Netzkante hängen bleibt, wo beides möglich ist, nämlich dass der Ball auf die andere Seite fällt, oder eben zurück auf die eigene Seite tropft, entscheidet sich das Schicksal, das Spiel, vielleicht das Leben.


Es ist diese schön photographierte Sequenz zu Beginn des Films, die dem Zuschauer verdeutlicht, worum es in „Match Point“ gehen wird, aber eben nicht nur. Woody Allen hat mit diesem Drama einen vielschichtigen Film geschaffen, welcher zahlreiche Genres miteinander vermischt, erstaunlich kalt, zeitweise wie eine Groteske auf die britische Upper-Class, in Wahrheit jedoch vielmehr als das, nämlich eben auch – philosophisch angehaucht – ein Statement hinsichtlich der Tatsache, dass das Leben nicht immer gerecht, dass das Glück nicht wählerisch ist, und das der Zufall sich nicht um Anstand und Moral schert. „Match Point“ ist der Titel des Films und der Match Point, das ist jener Moment im Spiel eines jeden Tennis-Spieler, welchen er herbeisehnt, vor dem er sich aber auch ein wenig fürchtet. Der Match Point, der Punkt mit dem das Spiel siegreich beendet werden kann, die ultimative Chance die es zu nutzen gilt, denn es könnte gleichzeitig auch die letzte Gelegenheit sein. Ein Fehler, ein Windstoß, eine Unebenheit des Platzes, Glück oder Pech und da haben wir ihn wieder, jenen entscheidenden Moment, der das Blatt in die eine oder die andere Richtung wenden kann. Aber „Match“, welch raffinierte Doppel-Deutigkeit von Allen, das ist nicht nur die Bezeichnung für eine Tennis-Partie, sondern eben auch die englische Bezeichnung für eine Beziehung zwischen Mann und Frau, auch im Deutschen gibt es dazu eine Entsprechung, nämlich in der altmodischen Bezeichnung, dass jemand eine „gute Partie“ gemacht habe.


All diese Anspielungen stehen für die Geschichte dieses Films, sie verbinden sich mit den Protagonisten, definieren diese, spielen mit ihnen, ja sie führen sie zeitweilig sogar vor, denn die Handelnden sind nichts anderes als Marionetten in dem diabolischen Spiel des Zufalls, dass sie nicht kontrollieren können, obwohl sie es versuchen, denn wie wäre sonst der Aufstieg des gescheiterten irischen Tennis-Profis Chris Wilton (Jonathan Rhys Meyers) zu erklären. Dieser hatte zu wenig Talent, zu wenig Biss um sich auf der Tour durchzusetzen, gleichwohl er hätte es schaffen können, wenn er, glaubt man den Aussagen seiner Mitspieler, bei einigen entscheidenden Bällen ein wenig mehr Glück gehabt hätte. Und doch, das Glück, dass ihm als Profi offensichtlich verwehrt blieb, scheint nun im vollen Umfang auf ihn einzuprasseln. Durch seine Tätigkeit als Tennis-Lehrer lernt er den reichen Unternehmer-Sohn Tom Hewett (Matthew Goode) kennen. Von diesem wird er nicht nur in die Londoner High-Society, sondern eben auch in die Familie Hewett eingeführt. Dort kann er nicht nur Toms Vater (Brian Cox) für sich begeistern, sondern auch dessen Tochter Chloe (Emily Mortimer), die sich prompt in ihn verliebt. Und so nimmt das Schicksal seinen Lauf: Sie heiraten, er bekommt durch die Beziehungen zu seinem reichen Schwiegervater einen wohlsituierten Job, eine neue Wohnung, und wäre da nicht die Freundin von Tom, die erfolglose amerikanische Schauspielerin Nola (Scarlett Johansson), alle, insbesondere Chris, könnten wunschlos glücklich sein.


Es ist im ersten Abschnitt des Films vor allem der von Allen inszenierte ironische Seitenhieb auf die britische High-Society, welcher den Ton der Musik angibt. Tennis, der weiße Sport, ist diesen Film die ultimative Metapher, steht sie eben doch auch exemplarisch für die Lebensweise der Oberschicht. Dekadent, eingebildet, auf den äußeren Stil bedacht, wird diese von Allen karikierend überzeichnet mit Besuchen in der Oper, der obligatorischen Moorhuhnjagd, und alles was noch so dazugehört, schlussendlich akustisch in den opernlastigen Score kulminierend. Der Aufstieg des Einzelnen geschieht in dieser Welt eben nicht durch Talent, sondern durch die richtigen Beziehungen, durch das Vorhandensein von Seilschaften, die wie selbstverständlich genutzt werden. Und doch ist auch dies für Woody Allen nur Fassade, um seinen Film in andere Bahnen zu lenken, eine Richtung zu geben, die von Beginn an angelegt war, dem Zuschauer muss dies klar sein, seit dem Moment wo Chris in den Film eingeführt wird, ein Buch lesend, welches den Titel „Schuld und Sühne“ trägt. Der Schlüssel für diese Wendung ist natürlich Nola, diese erfolglose Schauspielerin, die sich ihrer Wirkung auf Männer jedoch ganz genau bewusst ist, in ihren besten Momenten von einer atemberaubenden Aura umgeben, so in der Situation als sie Chris trifft (Grandios gespielte Szene!), doch ansonsten das Gegenteil von ihm darstellt. Wo er sich anpassen kann, die Situation zu nutzen scheint, vom Glück begünstigt ist, bildet sie den Gegenpart in der Gleichung des Zufalls. Was bei ihm gelingt, misslingt bei ihr. Wo er in der Upper-Class Einlass findet, scheitert sie. Die Illusion eines glücklichen Lebens, bleibt in ihrem Fall eine Illusion, und sie muss dafür bezahlen, dass sich das Pendel zu ihren Ungunsten verschoben hat, es hätte vielleicht auch anders laufen können.


Aber hätte es das wirklich? Bei dem Bild, dass von Allen in „Match Point“ entworfen wird, muss man sagen „Nein hätte es nicht.“ Allen's Geschichte ist kalt, düster und pessimistisch. Das Verbrechen bleibt ungesühnt, nicht nur auf der juristischen Ebene, nein, auch auf der moralischen, denn Chris zerbricht nicht wie sein literarisches Vorbild aus „Schuld und Sühne“ an seiner Schuld, nein, er scheint sehr gut mit ihr Leben zu können, denn in seiner Auffassung heiligt der Zweck eben doch die Mittel. Woody Allen ist natürlich manipulierend wo er nur kann, spielt mit dem Zuschauer, der sich ertappen muss, dass er mit Chris sympathisiert, mit einer Figur also, die nicht zur Identifikation taugt, auch wenn sie nicht das pure Böse eines Mr. Ripley verkörpert, genauso wenig wie irgendeine andere Figur in diesem Film. Und so steht das Glück, der Zufall, stoisch auf seiner Seite, und wenn Allen gegen Ende des Films zum zweiten Mal die Metapher des Netzrollers bemüht, in Form eines Rings, nur diesmal fällt dieser auf die eigene Seite von Chris zurück, Pech für ihn also, dann möchte man aufatmen, möchte daran glauben, dass das Glück doch eine Moral hat, doch Justitia bleibt aus, ein weiteres Mal spielt Allen mit der Erwartung des Zuschauenden, denn es wendet sich der scheinbare Nachteil zum Vorteil, die Moral hat ihren Matchball vergeben, ein Resultat, für die Kenner von „Verbrechen und andere Kleinigkeiten“ weniger überraschend, als für andere vielleicht, und dennoch in ihre finalen Zuspitzung so ausdrucksstark, dass man ausrufen möchte: „Spiel, Satz und Sieg Mr. Allen!“ - Fazit: 9 Punkte.


Anmerkung: „Match Point“ lief gestern um 22.15 im ZDF völlig deplatziert im Rahmen der Reihe „Sommernachtsfantasien“. Ich habe im Übrigen auch Fantasien, die sich darum drehen, dass da mal in die Redaktionen Leute gesetzt werden, die von Filmen auch Ahnung haben. Wie dem auch sei, dass war gestern der erste Film seit langem, den ich mal wieder im Fernsehen und auf Deutsch gesehen habe, und ich weiß auch warum (abgesägter Abspann, etc.). Aus diesem Grund habe ich natürlich nur die synchronisierte Fassung gesehen, die im Übrigen nicht schlecht war, so dass ein wesentliches Element, nämlich die Bedeutung Sprache (Überbetonter Britischer Akzent), wie sie mir für die Karikatur der britischen Oberschicht elementar scheint, natürlich verloren gegangen sein müsste. Nach kurzer Recherche im Netz kann ich bestätigen das dem so ist, so dass die Sichtung des Films unbedingt im Englischen Original erfolgen sollte, um das filmische Vergnügen noch zu erhöhen.



Quellennachweis: Screenshots aus "Match Point". © by BBC Films (presents), Thema Production, Jada Productions, Kudu Films


6 Kommentare:

TheRudi hat gesagt…

Hab grad nur auf die Bewertung geschielt und die war einen Punkt besser als meine. Mir ist der Film wie vielen in seiner letzten Viertelstunde zu unnötig, allem voran die Geistererscheiung. Die hat's nicht mehr gebraucht, aber ein ordentliches Thriller-Debüt von Allen.

C.H. hat gesagt…

Hilfe, hab die doch gerade erst Online gestellt, bist du fix... ;-)

Dann scheine ich aber einer der Wenigen zu sein, der die letzte Viertelstunde nicht unnötig findet, sondern vielmehr als finale Zuspitzung, und in ihrem Aufbau auf "Schuld und Sühne" Bezugnehmend, dessen Ende Allen ins Gegenteil verkehrt...

Kaiser_Soze hat gesagt…

Mir geht Allen nicht rein, weswegen ich MATCH POINT wohl links liegen lasse...

C.H. hat gesagt…

Tja, Selbst Schuld... ;-)

tumulder hat gesagt…

Ich hatte es Dir ja versprochen:D

C.H. hat gesagt…

Hattest du, ja, und ich bin froh, dass du Recht hattest. Hat sich gelohnt! ;-)

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