
Die Einsamkeit ist ein gefürchteter Begleiter, auf leisen Sohlen drängt er in eines Menschen Leben, nistet sich dort ein, verrichtet sein unheilvolles Werk an der Seele, ist das Geschwür, dass ein tiefes schwarzes Loch reißt, dass nur schwerlich zu schließen ist. Doch Einsamkeit ist mehr als das reale Alleinsein, also der Zustand von anderen Menschen physisch getrennt zu sein, sondern beschreibt auch die psychische Barriere, die Personen von einander trennt.
Die unsichtbare Mauer zwischen Menschen also, die oftmals sogar zusammen eng in einer Beziehung leben, und doch die kommunikative und zwischenmenschliche Basis in ihrem Leben verloren haben. Einsamkeit ist somit die Folie von „Tagebuch eines Skandals“, vor deren Hintergrund sich die Geschichte zweier Menschen, wie sie einerseits unterschiedlicher nicht sein können, sich dabei aber andererseits doch sich auf verschiedenen Ebenen nahe stehen, in all ihrer Tragik entspinnt. Regisseur Richard Eyre adaptiere für diese kleine cineastische Perle den gleichnamigen Bestseller der Autorin Zoe Heller, versah diesen mit einem von Patrick Marber geschriebenen hervorragenden Drehbuch, und verpflichtete mit Judi Dench und Cate Blanchett zweier Könner des Faches, die in „Tagebuch eines Skandals“ eine schauspielerische Performance auf herausragendem Niveau abliefern.
Der Wechsel zwischen Psycho-Thriller und Melodram, das ständige Pendel-Spiel zwischen beiden Genres, ist für diesen Film ebenso stilprägend wie wie der Wechsel zwischen den emotionalen Reaktionen, die „Tagebuch eines Skandals“ beim Rezipienten hervorzurufen vermag, unentwegt wechselnd zwischen Mitleid und Abscheu, sind dies doch auch emotionale Charakteristika, die nahe beisammen liegen. In der von Eyre inszenierten Geschichte findet sich kein Platz für den glatten, reinen, unschuldigen Charakter, wie die Welt ja auch in Realitas nicht von „Engeln“ und „Teufeln“ in Reinkultur bevölkert wird. Der Zuschauer muss sich also positionieren, wird sich dabei ertappen wie er die Seiten wechselt, wie er mitleiden und hassen wird, ist somit involviert im Ganzen, kann sich diesem nicht entziehen, und wird am Ende keinerlei Absolution vorfinden, so wie vielleicht erhofft, sondern das Gegenteil wird der Fall sein, da das Leben in all seiner Ambivalenz weitergeht, ja sich vielleicht sogar wiederholen wird.
Und auch wenn diese Geschichte keine Engel vorsieht, so kommt die Wirkung, welche die junge, hübsche und idealistische Lehrerin Sheba Hart (Cate Blanchett) auf ihre Umgebung unzweifelhaft haben muss, diesem Bild ziemlich nahe. Sie mag nicht wirklich zu dieser Welt passen, in die sie dort eintritt, jenem rauhen Alltag einer öffentlichen britischen Schule, wo die Lehre im Dilemma von schwacher sozialer Herkunft der Schüler und dem ausgebranntem Zustand eines großen Teils des Kollegiums auf der Strecke bleiben muss, und doch ist gerade dieser Sachverhalt dafür verantwortlich, dass Sheba jener Farbtupfer ist, der ein Loch in den grauen und tristen Alltag dieser Welt reißt.
Diese Wirkung – elegant, freundlich, hell, voller Optimismus – bleibt der Umwelt somit nicht verborgen, am allerwenigsten der verhärmten, kurz vor der Pension stehenden, Lehrerin Barbara Corvett (Judi Dench), die in all ihrem bitteren Zynismus das Prinzip des Überlebens an der Schule perfektioniert hat. Respektiert und Gefürchtet bei dem Schülern, in ihrer eigenen Außendarstellung kalt und herzlos wirkend, evoziert sie somit eine Mauer der Einsamkeit um ihre Person, obschon sie im innersten Selbst, wohl die verletzlichste Person des ganzen Films darstellt. Corvett, allein und verlassen, Trost findend in ihre Katze und dem Tagebuch, welches sie immer während führt, hasst die Welt, weil sie sich selber hasst. Sie hasst sich dafür, dass sie anders als andere ist – Eyre skizziert diese Person eindeutig als Frau lesbischer Orientierung – und diese Eigenwut projiziert sie auf ihre Mitmenschen, die sich folglich von ihr abwenden.
Nicht so Sheba Hart, die dieser Frau seit jenem Tag in der Schule wohlwollend gegenübersteht, an dem sie von Corvett vor ihren eigenen Schülern, die sie nicht unter Kontrolle bekommen hatte, unverhofft Hilfe erfuhr. Zwischen beiden Frauen entspinnt sich eine Freundschaft, vor allem auch weil sich beide Frauen in einigen Punkten, Corvett erfasst das schnell mit ihrem scharfen Sachverstand, gar nicht mal so unähnlich sind. Schon früh ahnt der Zuschauer, dass diese Verbindung unheilvoll sein wird, wir sehen den Film durch die Augen von Corvett, wissen was diese wirklich denkt, was sie in ihr Tagebuch schreibt, und sehen die Unwissenheit von Sheba Hart, der wir aber nicht helfen können. Zug um Zug zieht Barbara Corvett, dieses „verletzliche Monster mit bodenloser Sehnsucht nach Liebe“, wie Judi Dench ihre Rolle charakterisiert hat, das Netz um Sheba Hart engmaschiger. Nach außen hin verständnisvolle Freundin, treibt sie ihr übles Spiel der Manipulation voran, mit dem letztendlichen Ziel, resultierend aus psychotischer Neurose und Verblendung, Sheba von ihrer Familie zu lösen, sie für sich allein zu gewinnen. Eine Vorstellung, natürlich Illusion, doch in ihrer emotionalen Intensität umso stärker, und gerade deshalb so gefährlich.
Der Skandal des Films ist schlussendlich der Schlüssel der Barbara Corvett die endgültige Möglichkeit in die Hand gibt, ihre Freundin an sie zu ketten. Mag die Erscheinung von Sheba Hart noch so engelsgleich sein, unschuldig ist auch sie nicht, und am Ende wird sie fallen, fallen weil auch Sheba Hart nicht frei von Einsamkeit ist. Früh einen älteren Mann geheiratet, das Leben damit verbracht ihre zwei Kinder aufzuziehen, ist sie im Inneren leer, ausgebrannt, verbraucht, einsam. Somit treffen die Avancen, die ihr ein 15 jähriger Schüler macht, auf offene Ohren. Sicher, zu Beginn ziert sie sich, weist diesen Zurück, und doch ist sie geschmeichelt, fühlt sich begehrt, ist von diesem jungen Mann angezogen, und gibt sich schließlich der Affaire, ungeachtet der drohenden Konsequenzen, hin.
Die Falle schnappt in den Moment zu, als der Skandal Bestandteil des Tagebuchs von Barbara Corvett wird, an jenen unheilvollen Tag, als sie Sheba mit ihrem jungen Liebhaber erwischt, sie davon in Kenntnis setzt, sie nicht verrät und damit in der Folge in der Hand hat. Niemals zuvor hat man Judi Dench so bösartig, so dunkel, so grausam gesehen, begonnen von ihrem Erscheinungsbild, bis hin zu ihrer Darstellung ihres Charakters. Und auf der anderen Seite Cate Blanchett mit derselben Intensität, ebenso brillant, nicht zu vergessen Bill Nighy als ihr Ehemann.
„Tagebuch eines Skandals“, ein Film einem Kammerspiel gleichend, getragen von seinen zwei brillant aufspielenden Darstellerinnen. Keine leichte Kost, aber doch gleichzeitig Haute Cuisinse, weil es den Kern eines Films verdichtet, auf den Punkt bringt, und somit auf das wesentliche reduziert. Eine Geschichte aus dem Leben, in all ihren Facetten, eine Studie über die Einsamkeit, und was diese mit dem Menschen anrichten kann, aber auch über Begehren und (fehlgeleitete) Liebe. In ihrem Tenor ohne unnötigen Pomp vorgetragen, sondern nuanciert erzählt, selbst wenn das Eine oder andere gesellschaftliche Stereotyp bemüht wird, ebenso berührend wie verstörend. So gelungen weil er keine klaren Antworten vorzeichnet: Sheba Hart macht sich strafbar, tut Verbotenes, und doch können wir sie verstehen. Barbara Corvett ist ein Monster, eine Hexe, mit einem Zynismus ausgestattet, über den wir zeitweise vielleicht sogar lachen, verabscheuen wir sie für ihre Taten, und haben doch ein wenig Mitleid, weil wir die Gründe verstehen, warum diese Frau ist wie sie ist.
„Tagebuch eines Skandals“ ist somit ein Film wie er zu selten gemacht wird, was durchaus auch unsere Schuld ist, den diese Projekte werden vom breiten Publikum zu wenig gewürdigt. Erzählerisches Kino auf das man sich Einlassen muss, dass es einem aber auch dankt, wenn man dazu bereit ist. Ein Film über den es schwierig ist zu schreiben, weil mit Worten nur schwer zu umschreiben ist, was die geballte Macht aus Bild, Score und Schauspiel für ein Gesamtbild generieren, was für eine Wirkung erzeugt werden kann. Ein Film, den man sich somit ansehen sollte, ja muss, und der somit von mir Hoch gewertet wird – Fazit: 9 Punkte
Quellennachweis: Screenshots aus "Tagebuch eines Skandals". © by BBC Films, DNA Films, Ingenious Film Partners, Scott Rudin Productions, UK Film Council, 20th Century Fox







2 Kommentare:
Für mich selbst war der Film damals auf den Punkt gebracht: Sehr kammerspielartig inszenieren Marber und Eyre ihre Geschichte, die irgendwie (nicht nur wegen ihrer Kürze) sehr viel besser für eine Theaterbühne als die große Leinwand geeignet scheint.
Ich hab ihn damals aber gemeinsam mit vielen anderen Filmen bzgl. des Jahresrückblickes gesehen, womit evtl. fehlende Aufmerksamkeit zu erklären wäre.
Im übrigen find ich deinen Rezensionsstil äußerst gelungen, liest sich immer sehr gut und schlüssig.
"Kammerspiel" - das war das Wort das ich während des Schreibens die ganze Zeit gesucht, und zum Glück gegen Ende des Films noch gefunden habe, denn du hast Recht, der Film ist in nur 88 Minuten erzählt, und Eyre kommt ja auch noch vom Theater. Und doch, der Film ist in einem wesentlichen Aspekt für die Leinwand geschaffen: Ich habe lange nicht mehr einen Score gehört, der das Gezeigte so elementar gestützt und verstärkt hat. Das hat mir sehr gut gefallen!
Noch ein Wort zum Rezensionstil: Man lernt nie aus. Ich habe mich bemüht in den letzten Reviwes den von mir lange Zeit praktizierten Dreiklang von "Inhalt-Kritik-Fazit" aufzubrechen, da ich durch die stärke Vermischung dieser Teile ein Gesamtbild meiner Besprechungen erhoffte, dass dem komplexen Werk eines Films mehr gerecht wird. Von daher freut es mich, dass dieses Vorhaben geglückt zu sein scheint.
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