Rezension: "Little Miss Sunshine"










Little Miss Sunshine“ war ohne jeden Zweifel „Everybody's Darling“ im Filmjahr 2006 - Von den Kritikern gefeiert und vom Publikum geliebt. Dieser Dualismus kommt durchaus seltener vor, als man denkt, aber in diesem Fall hat es anscheinend gepasst, und es dauerte nicht Lange bis man „Little Miss Sunshine“ als Meisterwerk deklarierte und ihn zum modernen Klassiker empor schrieb. Nun ist das natürlich alles schon ein wenig übertrieben, und doch aber zumindest ein kleines bisschen, oder auch auch mehr, gerechtfertigt. Den beiden Regisseuren Jonathan Dayton und Valerie Feries, die im übrigen miteinander verheiratet sind, ist es gelungen einen inspirierenden und witzigen Mix aus Komödie und Road-Movie aus dem Hut zu zaubern, die sich selber nicht ernster nimmt als unbedingt nötig. Erzählt wird eine kleine nette Geschichte, die keineswegs innovativer Natur ist, welche sich um die Wünsche und Sehnsüchte der Menschen dreht, ihren Vorstellungen, und den Enttäuschungen, die das Leben mit sich bringt.


Liebe, Verzweiflung, und Tod, das sind keine einfache Themen, denen man sich aber unverkrampft nähern kann. Mit einem Auge für das Detail, und ohne den Zuschauer für Blöd zu verkaufen. Natürlich dreht es sich in „Little Miss Sunshine“ darum, dass jeder an sich glauben, seine Träume verwirklichen soll, und doch: Der berühmte „American Dream“ ist in diesem Film nicht mehr als eine leere Hülse, die immer weiter an Bedeutung verliert, je näher wir dem Ende des Films kommen, denn weder ist das Leben einfach, noch kann jeder Traum in Erfüllung gehen. Manchmal werden wir enttäuscht, und müssen das Beste aus der Situation machen – Darum, und noch um viel mehr geht es in „Little Miss Sunshine“


Es sind die Protagonisten, die den Film so unwahrscheinlich sympathisch wirken lassen: Da ist die kleine Olive (Abigail Breslin), ein wenig pummelig und hyperaktiv, ist es ihr Traum einmal bei der Schönheitswahl zur „Little Miss Sunshine“ dabei zu sein. Für diesen Traum steht sie täglich vor dem Fernseher und imitiert die Posen und Bewegungen ihrer Vorbilder (?). Unterstützung erfährt sie dabei von ihrem Opa (Alan Arkin), ein harter Knochen, der aber seine Enkeltochter über alles liebt, und mittlerweile bei den Hoovers mit in einem Haus lebt, da er aus dem Altenheim wegen seines Konsums von Heroin und Pornos rausgeflogen ist. Seinem Vater hat Richard Hoover (Greg Kinnear), Oberhaupt der Familie, wohl auch deshalb nicht mehr sonderlich viel zu sagen.


Aber Richard ist ja sowieso auch viel zu beschäftigt, um irgendjemanden vernünftig zu zuhören, versucht er doch (erfolglos) den „American Dream“ in Form von Motivationsseminaren gewinnbringend an den Mann zu bringen. Sein Nietzsche-Lesender Sohn Dwayne (Paul Dano) indes, befindet sich gerade einer der pubertären Selbstfindungsphase und hat ein Schweigegelübde abgelegt, bis zu dem Zeitpunkt wo sich sein Traum vom Air-Force Piloten erfüllt. Zusammengehalten wird der ganze Laden von Richards Frau Sheryl (Toni Collette), die sich nicht nur um Mann, Kinder, und ihren Schwiegervater kümmern muss, sondern seit neusten auch noch um ihren Bruder Frank (Steve Carell). Der ist nicht nur der größte Proust-Kenner des Landes, sondern auch noch unglücklich in einen seiner Schüler verliebt, was seiner Hochschul-Karriere ebenso wenig förderlich war, wie seinem Lebensmut.


Das also sind die Hoovers, man möchte fast sagen eine ganz normale Familie, so wie sie unter jedem Dach des Welt zusammenleben könnte. Nun, vielleicht ein wenig überzeichnet, doch zum einen nur ein ganz klein wenig, und zum anderen gehört die Überzeichnung zur Komödie dazu. Und als eines Tages der große Moment gekommen ist, und die siebenjährige Olive zum „Little Miss Sunshine“ Wettbewerb fahren darf, setzt sich die ganze Familie, da weder der drogenkonsumierende Opa, noch der suizidale Frank allein gelassen werden kann, in den altersschwachen gelben VW-Bus der Hoovers und die Reise beginnt. Die Tour wird die Familie nach Los Angeles führen, doch bis dieses Ziel erreicht werden wird, wird viel geschehen. Das Getriebe des Autos gibt den Geist auf, Schicksalsschläge werden nicht ausbleiben – für jeden Einzelnen. Und doch wird diese Odyssee die Familie zusammenbringen, der alte VW ist natürlich Allegorie auf diese Familie, wie sie doch allen Widrigkeiten zum Trotz funktioniert, wie sie sich näher kommt. Doch es ist kein Kitsch, der hier geboten wird, es ist ein grundehrlicher Optimismus, der mit der hohlen Phrase des American Dreams nichts mehr zu tun hat. Wie sollte er auch? Keiner der Reisenden, außer vielleicht Olive, wird den Traum, dem er zu Beginn des Films nachhing, erreichen, und doch ist am Ende mehr gewonnen, als verloren.


Vor der Landschaft aus Sonne, Sand und Staub der amerikanischen Südstaaten, eingefangen von ruhigen und melancholischen Bildern, entspinnt sich somit die Geschichte von „Little Miss Sunshine“. Eine Erzählung, die auf jede Wendung, und ist sie noch so tragisch, mit demselben schwarzen Humor reagiert, dabei jedoch niemals die imaginäre Grenze, die so wichtig ist, weil sich schnell alles ins Gegenteil verkehren könnte, überschreitet. Ein großes Lob an dieser Stelle an Jonathan Dayton und Valerie Feries und allen Beteiligten, die in jeder Szene, jedem Bild das richtige Timing gefunden haben. Anerkennung aber auch an die beteiligten Schauspieler. Herausheben aus diesem exzellenten Cast, der mit Herz und Seele schauspielert, sind ohne Zweifel Abigail Breslin und Steve Carell.


Der Klimax des Films verdichtet sich punktgenau zu seinem Ende, zum entscheidenden Momentum, in der Tat einer der am Besten inszenierten Auflösungen eines Films der letzten Jahre. Es ist nicht einfach nur die Ablehnung des amerikanischen Traums, der sich hier in Form der Schönheitswettbewerbe der Kinder manifestiert, nein, es ist eine schallende Ohrfeige. Dem Spektakel wird der Spiegel vorgehalten, und im Angesicht der Grimassen, die einem aus diesem Spiegelbild entgegen starren, jenem eingefrorenen Lachen der durch Make Up und Kostüme künstlich übersexualisierten Kinder, wünscht man sich, dass das Spiegelglas zerspringen möge. Die beiden Regisseure des Films haben hinterher gesagt, dass auf die entscheidende Szene des Films, als Olive ihren Auftritt hat, quasi mehr Zeit verwendet wurde, als auf den Rest des Films. Und wer „Little Miss Sunshine“ bereits gesehen hat, natürlich werde ich an dieser Stelle das Finale Furioso nicht enthüllen, der kann eigentlich nicht anders, als einzugestehen, dass sich der Zeitaufwand gelohnt hat.


Little Miss Sunshine“ ist völlig zu Recht ein Erfolg geworden, darf gefeiert und über den grünen Klee gelobt werden. Der Film erzählt nicht nur von der verbindenden Kraft, die eine Familie entwickeln kann (und sollte), man merkt ihm auch das Engagement was die Beteiligten in diese kleine Komödie gesteckt haben. Eine Komödie die witzig, aber nicht albern ist. Eine Komödie die manchmal ätzend ist, ohne seine Protagonisten der Lächerlichkeit preiszugeben. Ein Film der eine grundehrliche Message verbreiten möchte, ohne den Zeigefinger zu erheben. Ein Film der zu Rühren vermag, ohne in Kitsch zu verfallen. Ein Film, der optimistisch ist, ohne den Zuschauer für Blöd zu verkaufen. Das alles ist „Little Miss Sunshine. Und wenn ich dem Film an dieser Stelle keine 10 Punkte gebe, dann aus dem Grund weil er den Hype, der sich um ihm aufgebaut hat, nicht nötig hat, ebenso wenig wie er zur Gänze perfekt ist, eben ganz genau wie das „richtige Leben“. Fazit: 9 von 10 Punkten.


Quellennachweis: Screenshots aus "Little Miss Sunshine". © by Big Beach Films, Third Gear Productions LLC, Deep River Productions, Bona Fide Productions, 20th Sentury Fox


15 Kommentare:

Kaiser_Soze hat gesagt…

Nein, nein, nein, bitte nicht du auch noch.

LMS (was für ne Abkürzung *g*) ist zwar sehenswert, aber keinesfalls ein Fast-Meisterwerk.

C.H. hat gesagt…

Wie Meinen? Was hast du denn zu Bemängeln? Das müsste ich schon wissen, um darauf zu reagieren... ;-)

TheRudi hat gesagt…

Sehe ich ebenso. Ein überaus netter Film, der mir beim ersten Sehen gefallen hat, bei der Zweitsichtung jedoch fraglos etwas einbüßen würde. Den als Meisterwerk zu titulieren ist dann durchaus gewagt.

C.H. hat gesagt…

Also mich würde ja echt mal interessieren, wer "Little Miss Sunshine" hier als Meisterwerk tituliert hat. Ich jedenfalls nicht ;-)

Vielleicht sorgt ja mein Punkte-System für etwas Verwirrung. Wie ich ja auch geschrieben habe, ist der Hype um diesen Film, von wegen Klassiker und so, mit Sicherheit übertrieben. Ebenso hat er ohne Zweifel seine Schwächen --> Wie gesagt, in seinem Aufbau wenig innovativ, ist die Storyline wenig überraschend, etc. So What?

Maßgeblich für meine (Punkte) Bewertungen ist jedoch wie der Film auf mich wirkt (Und somit nicht, ob er mit 9 Punkten vllt. zu nahe an einem der "ganz Großen" ist) , und da hat er nun mal voll eingeschlagen. Von den Schauspielern, von den Bildern, bis hin zu seinem Humor. Und da muss ich echt sagen, dass "Little Miss Sunshine" wirklich mehr verdient hat, als nur "nett" zu sein. "Nett" ist ja bekanntlich der kleine Bruder von "Scheiße". ;-)

Er mag nicht in allen Belangen perfekt sein, na und? "Magic Moments" - Wenn sich die Familie zu "Super-Freak" auf der Bühne versammelt (Im Übrigen großartig gespielt), dann ist dies für mich, rein subjektiv emotional gesehen, einer dieser magischen Momente, der den Höhepunkt auf einen wunderschönen Film darstellt, dem man seine herzliche und familäre Machart einfach ansieht, und die ich ihm dann auch abnehme. Und dann bewerte ich diesen Film eben mit 9 Punkten, nicht mit 10 (Aus den genannten Gründen), aber eben auch nicht mit 8, oder gar nur 7 Punkten. Andere mögen ihm 9 oder 10 Punkte geben, und ihn stereotyp als Meisterwerk abfeiern - Meine 9 Punkte kommen aber anders zustande.

Nun mag der Film auf euch eine andere Wirkung gehabt haben, was zwar schade, aber natürlich in Ordnung ist. Hauptsache der Kaiser kommt mit jetzt nicht wieder damit, dass er den Humor des Films nicht witzig fand ;-)

JMK hat gesagt…

ich mag den Film auch sehr, auch bei der zweiten sichtung, stellt sich keine Langeweile ein, insofern kann ich CHs Wertung durchaus nachvollziehen, Meisterwerk oder nicht, sobald ein Film beim Zuschauer (grosse) Emotionen nachhaltig erzeugt hat er schon mal sehr viel richtig gemacht.

Kaiser_Soze hat gesagt…

Der Film hat schon eine ähnliche Wirkung auf mich gehabt, aber nichtsdestotrotz ist er einfaches, wenn auch wirklich gutes Kino, oder anders: LMS hebt sich deutlich ab im Bereich der Independent-Sparte, überzeugt vor allem durch die Schauspieler, ist letzten Endes dadurch nicht gleich ein besonders guter Film.

9 Punkte bedeuten für mich, dass der Film nur wenig falsch, um nicht zu sagen fast alles richtig macht, ihm also wenig bis zur Vollendung fehlt. Und da ist bei LMS eben noch ein wenig Platz nach ganz oben, imho.

C.H. hat gesagt…

@ jmk: Meisterwerk oder nicht, sobald ein Film beim Zuschauer (grosse) Emotionen nachhaltig erzeugt hat er schon mal sehr viel richtig gemacht.

Exactly!

@ Kaiser_Soze:
Abgesehen davon das ich den Unterschied zwischen "wirklich gutem Kino" und "besonders gutem Film" nicht wirklich erkenne, hört sich das doch schon gleich ganz anders an, als "Nein, nein, nein, bitte nicht du auch noch." ;-)

TheRudi hat gesagt…

und es dauerte nicht Lange bis man „Little Miss Sunshine“ als Meisterwerk deklarierte und ihn zum modernen Klassiker empor schrieb. Nun ist das natürlich alles schon ein wenig übertrieben, und doch aber zumindest ein kleines bisschen, oder auch auch mehr, gerechtfertigt

„Little Miss Sunshine“ ist völlig zu Recht ein Erfolg geworden, darf gefeiert und über den grünen Klee gelobt werden.

Deine Worte ;)

C.H. hat gesagt…

Ahaa! ;-) Das sind in der Tat meine Worte. Nun, die kann man auch anders lesen. Auch ich kann nur das hervorheben, was mir in die Argumentation passt: ;-)

und es dauerte nicht Lange bis man [Also nicht Ich] „Little Miss Sunshine“ als Meisterwerk deklarierte und ihn zum modernen Klassiker empor schrieb. Nun ist das natürlich alles schon ein wenig übertrieben, und doch aber zumindest ein kleines bisschen, oder auch auch mehr, gerechtfertigt

Und wenn ich dem Film an dieser Stelle keine 10 Punkte gebe, dann aus dem Grund weil er den Hype, der sich um ihm aufgebaut hat, nicht nötig hat, ebenso wenig wie er zur Gänze perfekt ist, eben ganz genau wie das „richtige Leben“. Fazit: 9 von 10 Punkten.

Aber ist das nicht in der Tat alles ein wenig Wortklauberei? Ich weiß, dass der Film nicht perfekt ist, und darin sind wir uns alle einig. Mit dieser Rezension wollte ich zum Ausdruck bringen, dass der Film bei mir einfach einen Nerv getroffen hat - Meisterwerk hin oder her. JMK hat doch wirklich reicht: Manchmal spielt das einfach keine Rolle, und ich kann einen Film abfeiern, auch wenn er nicht lupenrein ist ;-)

Kaiser_Soze hat gesagt…

Bewertungspunkte sind eh Schall und Rauch. ;)

TheRudi hat gesagt…

Manchmal spielt das einfach keine Rolle, und ich kann einen Film abfeiern, auch wenn er nicht lupenrein ist

DAS hab ich nie bestritten ;)

C.H. hat gesagt…

@ Kaiser: Stimmt, und trotzdem verwenden wir sie alle, die lieben Punkte oder Prozente... :-)

@ Rudi: Stimmt haste nicht, wollte ich aber noch mal betonen ;-)

Anonym hat gesagt…

Fazit
ihr _ _ _ _ _ _ _ _ _ _ _

Flo Lieb hat gesagt…

Ein überaus netter Film, der mir beim ersten Sehen gefallen hat, bei der Zweitsichtung jedoch fraglos etwas einbüßen würde.

Gut, äh, Zweitsichtung hat nix eingebüßt. Stimme dir vielmehr zu, der Film ist zwar kein Meisterwerk, muss er ja aber auch nicht sein (selbst wenn er 10 von 10 kriegen würde). Die Moral von der Geschichte ist sehr schön, die Musik klasse, die Darsteller punktgenau besetzt. Da kann man neben Breslin und Carell auch ruhig noch Dano besonders hervorheben. Wie dem auch sei, ein überaus netter Film.

C.H. hat gesagt…

Gut, äh, Zweitsichtung hat nix eingebüßt

Top! ;-)

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