Rezension: Tim Burton`s "Corpse Bride"










Es ist einer jener Momente, in welchem das ganze Potential dieses Films seine volle Kraft entfaltet, einer Blüte gleich, die sich öffnet nur um sich einen Wimpernschlag später wieder zu schließen. Jener Augenblick als die ganze graue, dunkle und unfreundliche Welt, in der die Sonne nicht zu existieren scheint, in der der selbstsüchtige Vorteil Güte und Menschlichkeit übertölpelt, in der zwei junge Menschen ein unerwünschtes Schicksal aufoktroyiert werden soll, in den Hintergrund tritt. Nur kurz zwar, nur zart angedeutet, aber eben doch vorhanden in diesen flüchtigen Sekunden, als die vorsichtigen, fast schüchternen Töne eines einzelnen Pianisten durch den leeren Saal hallen und das erste Mal so etwas wie Emotion und Gefühl in diese Welt bringen, die doch sonst nur das genaue Gegenteil bereit zuhalten scheint. Es ist die Geschichte des jungen Viktor (Johnny Depp) und der jungen Viktoria (Emily Watson), von der Tim Burton zu erzählen weiß. Zwei Menschen, einander versprochen ohne das sie jemals gefragt worden wären, für einander bestimmt weil es der Vorteil und der schnöde Pragmatismus so zu verlangen scheint. Doch auch in jenem kurzen Moment, als die Melodie des Klaviers erklingt, sich also alles zum besseren Wenden könnte, kennt das Schicksal keine Gnade und holt wenig später zu einem weiterem Schlag aus und Viktor findet sich auf Grund eines dummen Versehens im Wald in den Armen einer toten Braut (Helena Bonham Carter) wieder und wird von ihr in das Reich der Toten gezogen, während Viktoria unwissend und hilflos auf Erden zurückbleibt.


Tim Burton's „Corpse Bride“, auf einem alten russischen Märchen basierend, erzählt eine Geschichte, wie sie sich bei Burton immer wieder in seinen Filmen finden lässt. Ein Film, der vom Leben, der Liebe und dem Tod erzählt, ebenso wie er von unerfüllter Sehnsucht, Güte und Hoffnung zu berichten weiß. Dies alles verpackt in eine Geschichte, die ihr Anliegen behutsam vorbringt, welchem es sich zu nähern gilt, die den Zuschauer ohne Weiteres in ihren Bann zu ziehen weiß, wenn er nur bereit ist zuzuhören und hinzusehen, sich also auf die Magie einzulassen, die Burton mit seinen Bildern immer wieder zu erzeugen weiß. Gerade „Corpse Bride“, ein Trickfilm im Stop-Motion Verfahren gefertigt, der auf der einen Seite auf Grund seiner Machart natürlich immer auch ein wenig künstlich daherkommen muss, auf der anderen Seite jedoch gerade durch seine liebevoll gefertigten Puppen mit ihren staksigen Beinen wieder zum Leben erweckt wird, ist es, der geradezu allegorisch für das künstlerische SchaffenTim Burtons stehen kann. In feinsinniger Handarbeit gefertigt, mit einem immensen Aufwand hergestellt, ist dieser Trickfilm nicht einfach nur ein Film, vielmehr wirkt er ungeheuer plastisch, quasi irgendwie Kunst zum anfassen.


Und ebenso wie die feinen mechanischen Räder in den Köpfen der Puppen ineinander greifen, um Wut, Trauer und Freude in die Gesichter zu zaubern, ist es Tim Burton der aus der märchenhaften Vorlage einen Film gemacht hat, der in seinen einzelnen Facetten ineinander greift und ein Gesamtbild zu erzeugen weiß, das sich in gerade einmal 76 Minuten komprimiert, seinen Weg zu den Herzen der Zuschauer bahnt. Ein weiteres Mal, wie auch in „Sleepy Hollow“ oder aber auch „Sweeney Todd“ kleidet Burton das viktorianische Setting seines Films in traurige, dunkle und ausgewaschene Farben. Und doch gelingt es ihm auch hier mit diesem Stilmittel nicht in Redundanz zu verfallen, sondern stellt in „Corpse Bride“ dem Diesseits ein Jenseits gegenüber - Zwei Welten, die sich diametral gegenüberstehen. Wo die Welt der Lebenden eine Hort der Traurigkeit zu sein scheint, tobt im Jenseits der sprichwörtliche Bär, in einer Welt die laut, schrill, bunt und fröhlich ist. Wahrscheinlich hatte der Tod an sich nie einen größeren Reiz, als in diesem Film, wo die eigentlich Lebenden tot scheinen, und die Toten lebendig. Diese Gegenüberstellung, als Stilmittel ebenso offensichtlich wie wirkungsvoll, erfüllt seinen Zweck. Es ist ohne Zweifel der morbide Humor eines Tim Burton der sich an dieser Stelle, in dieser Form, ein weiteres Mal seine vergnügliche Bahn bricht: Und so wartet auf Viktor im Jenseits nicht der dreiköpfige Höllenhund Cerberus, der den Eingang zum Hades bewacht, sondern sein eigener, schon längst verstorbener Hund, der ihn, ein wenig klapprig zwar, aber dennoch schwanzwedelnd in der Unterwelt willkommen heißt.


Die Braut, sie ist das Zentrum des Films, welchem die volle Tragik dieser kleinen Mär inhärent ist. Einst verliebt in einen Mann, der sie nach der Hochzeit dahin mordete, im Wald verscharrte und ihr Vermögen an sich riss. Nein, die ewige Ruhe bleibt der verschmähten Braut versagt, geliebt möchte sie werden und so wartet sie in der Ewigkeit auf den Einen, der ihr einen Antrag machen wird. Das dies Viktor ist, dass er das ja eigentlich gar nicht wollte, dass er ja schon einer Anderen versprochen ist, dies ist wohl Schicksal zu nennen. Und so ist es in der Folge natürlich diese ménage à trois, die sich um Liebe, Hoffnung, Erwartungen und Opferbereitschaft dreht, die den Film antreibt, die ihn mit Leben füllt und zu seiner vollen Wirkung bringt. Und wieder ist es ein Piano, wieder eine Szene, in der das Lied von vorne gespielt wird, diesmal kraftvoll, nicht schüchtern, jener Moment in dem die Grenzen zwischen den Lebenden und den Toten verschwimmen, in der sich die Blüte in ihrer ganzen strahlenden Kraft öffnet, hier in der Welt der Toten, ganz im Gegensatz zu der Welt der Lebenden.


Tim Burton's
„Corpse Bride“ besticht zum Einen durch seine erzählte Geschichte, doch kann die nur ihre volle Kraft entfalten, weil Burton um Diese herum zum Anderen seine expressionistischen Visionen verwirklicht, voller skurriler Charaktere und Einfälle, in Bildern die auf der einen Seite matt und milchig, dann wieder knallbunt und strahlend sind. Der Film besticht durch seine Einfälle, aber eben vor allem durch seinen Score, der natürlich von Burton's kongenialen Partner Danny Elfman komponiert wurde, und in seiner Bandbreite von ruhigen und melancholischen, bis hin zu jazzigen und fröhlichen Stücken reicht, und sich in den Film so mühelos einpasst, als sei der Film für diese Musik gedreht worden, und nicht umgekehrt. „Corpse Bride“ animiert zum Lachen, ebenso wie er zu Bewegen vermag. Man kann sich ohne weiteres in seinen Bildern verlieren, oder aber auch in jeden einzelnen Ton seiner Musik. Oder aber man lässt alles gleichzeitig auf sich wirken, und erfreut sich an einem Film der, wollte man ihn in zwei Worten zusammenfassen, schlicht und ergreifend „wundervoll und bezaubernd“ geworden ist - Fazit: 9 von 10 Punkten.


Quellennachweis: Screenshots aus "Tim Burton's Corpse Bride". © by Warner Bros. Pictures, Tim Burton Animation Co., Laika Entertainment, Patalex Productions, Will Vinton Studios


14 Kommentare:

Kaltduscher hat gesagt…

Bis heute eine meiner Bildungslücken *duckundweg

Kaiser_Soze hat gesagt…

Jawohl!

TheRudi hat gesagt…

Mann, mann, mann. Ob deiner teils poetischen Ergüße und (passenden) Verwendung von Fremdwörtern komm ich mir mal wieder vor, als hätte ich meinen Abschluß an der Rütli-Schule gemacht. "aufoktroyiert", "diametral", scheiß Studenten immer ;)

Mr. Vincent Vega hat gesagt…

Sprachlich ansprechende, inhaltlich schöne Besprechung. Und sogar höher bewertet als ich, dabei bin ich doch the world's greatest Burton-Fanboy. ;)

C.H. hat gesagt…

@ Rudi:

Ob deiner teils poetischen Ergüße

Naja, meine Reviews sind eben auch oft ein Spiegel des Films und so bekommt ein expressionistischer Filme, eben auch eine expressionistische Review. ;-)

@ Mr. Vincent Vega:

Und sogar höher bewertet als ich, dabei bin ich doch the world's greatest Burton-Fanboy. ;)

Kann ja nicht sein. Was gab's bei Dir für den Film? 8 Punkte? Kann mir nicht vorstellen, dass "the world's greatest Burton-Fanboy" diesen Film noch weiter "unten" angesetzt hat. ;-)

milo hat gesagt…

ok tut mir leid, hab mir noch keine gedanken drüber gemacht. ab jetzt wird deine arbeit gewürdigt.
grüße =)

fincher hat gesagt…

Da hast du aber beim Filmtitel "Corpse Bride" zweimal das "e" bei Corpse vergessen. :D Einmal im Posttitel und ein zweites Mal im zweiten Absatz mittig.

Dany Elfman

Der gute Mann wird so geschrieben: Danny Elfman, mit zwei "n". :) Bin ja schon weg!

C.H. hat gesagt…

Peinlich. Die Kritik ist gerechtfertigt! ;-)

Kaiser_Soze hat gesagt…

Wunderschönes Re-Design. Passt jetzt besser zum Thema. ;)

C.H. hat gesagt…

Danke ;-). Einige Feinheiten werden wohl noch folgen. Im Übrigen: Der Internet-Explorer ist der größte SCHEIß. Mann kann sich sicher sein: Wenn etwas bei 3 Browsern (FF, Opera, Google) korrekt angezeigt wird, ist dies bei dem MIST-DING von Microsoft unter Garantie nicht der Fall sein... :(

TheRudi hat gesagt…

Schönes neues Design. But how is that possible with Blogspot?

C.H. hat gesagt…

Schön, dass das Design zu Gefallen weiß, mir gfällt es nämlich auch. ;-)

But how is that possible with Blogspot?

Ach Blogger gibt einem was die Modifikation des HTML-Codes des Templates angeht, ja alle Freiheiten. Mann kann sich da austoben bis man zufrieden ist, oder man seinen Blog zerschossen hat. :) --> Mit ein bißchen "rumfriemeln" und zuviel Zeit, kann man da also schon ordentlich was machen, was über die reinen Vorlagen von Blogger hinausgeht. ;-)

Der Shorsh hat gesagt…

So, nun will hier auch mal was schreiben.
Ich habe den Film neulich im Fernsehen gesehen und war hellauf begeistert. Ich kann dir in deiner Kritik nur zustimmen. Deine Ausflüchte die Rezension mit poetischen Ergüssen zu spicken finde ich bei diesem Film, der sich ja auch hin und wieder durch seine recht poetische und sehr schöne Sprache auszeichnet, durchaus gerechtfertigt.
BTW: Dass die filmische Darstellung der Figuren quasi auf "Augsburger Puppenkistengrundkonzept" basiert wusste ich nicht, finde ich aber sehr herausragend und eine gigantische Meisterleistung.

Flüge hat gesagt…

Der Film ist einfach zu schön. Ich habe ihn mir sogar neulich auf Blu Ray gekauft, weil er gerade bei Saturn für 12, 99€ war. Der Film ist wieder eine Meisterleistung von Tim Burton, wie vermutlich jeder seiner Filme.

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