Rezension: "Burn after Reading"










Das Hauptquartier der CIA in Langley, Virgina: Ein Agent (David Rasche) stürmt aufgeregt in das Büro seines Vorgesetzten (J.K. Simmons), der sich zum wiederholten Male an diesem Tag die Frage stellt, was denn heute eigentlich passiert ist. Mehrere Leute sind tot, so Viel ist sicher, die Verbindung zwischen diesen einzelnen Individuen bleibt aber auch für die Top-Spione der CIA im Dunklen. Und welche Rolle spielen bei dieser ganzen Farce die Russen? Ist der Kalte Krieg nicht längst vorbei? Aber immerhin: Alle Beteiligten, die Unangenehmes über die Firma würden ausplaudern können sind ja nun entweder tot, in einem komatösen Zustand, in dem das Reden bekanntlich schwer fällt, oder aber können mit Geld zum Schweigen gebracht werden. Und so sei ja dann schlussendlich alles im Ordnung, merkt der eine Agent am Ende dieser absurden Lagebesprechung an. Außerdem habe die CIA ja aus diesem Debakel ihre Lektion gelernt: Das was sich da ereignet hat, dürfe sich auf keinen Fall wiederholen – Auch wenn man immer noch nicht weiß, was sich da Eigentlich genau ereignet hat.


Dieser schwarz-humoristische und absurd-komische Dialog ist ohne Zweifel der Höhepunkt von „Burn after Reading“, dem neuesten Streich der beiden Brüder Joel und Ethan Coen, die sich mit Filmen wie „Fargo“, „The Big Lebowski“ oder dem jüngst (und zu Recht) mit vier Oscars ausgezeichneten „No Country for old Men“ einen Namen gemacht haben und die nunmehr – seit eben jenem Oscar-Streich – längst nicht mehr nur Kino-Insidern ein Begriff sind. Dumm nur, dass das im vorigen beschriebene Highlight des Films gleichzeitig auch das Ende des Films darstellt. Nun ist es mit Sicherheit kein Fehler, wenn sich der Aufbau eines Films bis zum Finale sukzessive verdichtet, um Diesen dann mit einem lauten Knall zu beenden. Im vorliegenden Fall jedoch kann dieses Faktum als geradezu symptomatische Schwäche von „Burn after Reading“ gedeutet werden, weil sich in diesem Moment erstmals das ganze Potential entfaltet, was der Film eben bis dahin nur angedeutet hat und in dem Moment wo die Coen-Brüder ihr ganzes Können zeigen, ist der Film dann leider vorbei.


Erzählt wird auch in diesem Fall eine Geschichte, wie sie kennzeichnend für einen Coen ist. Schräge Charaktere, die sich in einer Welt zurecht finden müssen, die alles andere als Perfekt oder Ideal ist. Die Coens erzählen mit schöner Regelmäßigkeit von Menschen die glauben zu jedem Zeitpunkt alles kontrollieren zu können, die Fäden stets in der eigenen Hand zu behalten. Das dies ein Irrglaube ist, dass die Coen'schen Figuren stets zum Einen an ihrer eigenen Hybris als zum Anderen an dem nicht zu kontrollierenden Faktor des Zufälligen scheitern, ist eine Konstante die sich durch das Schaffen der Coens zieht und sich in ihren Filmen immer wieder manifestiert. Glück haben, wenn überhaupt, nur die Naiven – Der Rest wird früher oder später ins Stolpern geraten. Einmal mehr versuchen die Coens in „Burn after Reading“ eine gelungene Mischung aus Thriller und schwarzer Komödie zu erschaffen, doch dieses Mal gelingt das, was in vorherigen Fällen gelungen ist, nur eingeschränkt. Anders Ausgedrückt: „Burn after Reading“ ist ein Film, den man nicht wirklich als Schlecht bezeichnen kann, der aber für einen Coen, gerade im Vergleich zu seinem direkten Vorgänger, durchaus als enttäuschend bezeichnet werden kann und muss.


Ja, es ist wahrlich kein sonderlich gelungener Tag für CIA - Analyst Osbourne „Ozzie“ Cox (John Malkovich), als dieser auf Grund seiner Alkoholprobleme suspendiert wird. Frustriert beschließt er daraufhin seine Memoiren zu verfassen, eine Lebensgeschichte im Dienst der Firma also, die in dieser Erzählung nicht allzu Gut wegkommen wird. Seine Frau Katie (Tilda Swinton) ist von dieser jüngsten Entwicklung alles andere als begeistert, fürchtet sie doch in Zukunft für ihren Mann aufkommen zu müssen. Und da sie sich, was Männer angeht, sowieso schon längst anderweitig orientiert hat, so betrügt sie ihren Mann mit dem langjährigen Bekannten der Familie Harry Pfarrer (George Clooney), beschließt sie kurzerhand in aller Heimlichkeit die Scheidung einzuleiten. Doch wie es der Zufall so will, respektive die Coens wollen, gerät eine CD mit delikaten Daten, die Katie über ihren Mann gesammelt hat über Umwege in die Umkleide eines Fitnessstudios, wo sie in die Hände des latent prolligen und naiven Fitnesstrainers Chad Feldheimer (Brad Pitt) fällt, der den Datenträger auch prompt als „höchst geheimen Scheiß“ zu klassifizieren weiß. Diesen Fund nehmen er, und vor allem seine Kollegin Lina Litzke (Frances McDormand), die dringend das Geld für vier Schönheitsoperationen braucht, zum Anlass, um diesen ordentlich zu versilbern. Dies ist der Startschuss für ein Spiel, welches mit Nichten von den Protagonisten gespielt wird, es ist vielmehr der Zufall und das Schicksaal das mit den Protagonisten spielt und somit an der Nase herumführt.


Was zweifellos das Potential zu einer waschechten, rabenschwarzen Screwball-Comedy mit dezenten Thriller-Anleihen gehabt hätte, bleibt in der Summe enttäuschend schwach. Die Dialoge, die für eine Screwball so wesentlich sind, zünden nur in den wenigsten Fällen. Die Story kommt nur langsam auf Touren, es ist viel Geduld erforderlich, für die der Zuschauer erst spät und dann nur spärlich belohnt wird. Wären nicht die herrlich skurrilen Figuren, verkörpert durch die beteiligten Schauspieler, der Film wäre ohne Zweifel in Wertungs-Regionen abgerutscht, die man bislang nicht mit den Coens in Verbindung bringen musste. Weil aber insbesondere Brad Pitt in der Rolle des überdrehten, leicht debilen „Bewegungs-Musik-H2O-Junkies“ eine sichere Bank ist und mit für die komischsten Szenen des Film sorgt, weil George Clooney in der Rolle des dauerjoggenden Depps gewohnt souverän agiert, weil Malkovich in seiner Rolle des ständig fluchenden Ex-Agent durchaus gefällt, weil Tilda Swinton, noch eisiger spielend als sonst, zur selbstironischen Statue erstarrt, weil Frances McDormand ebenso naiv wie liebenswert schrullig ist, weiß der Film trotz seiner vorhandenen Schwächen auf der Ebene das Schauspiels durchaus mehr als nur zu Überzeugen.


Es sollte von daher offensichtlich ein Spaß-Projekt der Coens werden, die die Rollen ihren Schauspielern derart auf den Leib geschrieben haben, dass man diesen die Lust am Schauspielen wirklich in jeder Szene ansieht. Es ist von deshalb umso bedauerlicher, dass das Potential der Story vor diesem Hintergrund vernachlässigt wurde. „Burn after Reading“ hätte ganz ohne Zweifel das Potential zu Mehr gehabt, hätte mit beißender Satire ein Gesellschaftsbild skizzieren können, dass dieser den Spiegel vorhält, doch ist dies nur im Ansatz gelungen. Doch wäre dies mit Sicherheit zu verschmerzen gewesen, wenn der Makel des Verharrens in Ansätzen nicht auch für die restlichen Aspekte gelten würde: Der Humor, der Spaß, die Dialoge – All dies beschränkt sich leider auf (immerhin) gut gemachte Ausgangspunkte. „Wer verbrennt sich hier die Finger“ ist der deutsche Untertitel von „Burn after Reading“. Nach Sichtung des Films muss konstatiert werden, dass es die Coens selbst sind, die sich diesmal verdammt heiße Pfoten eingehandelt haben, denn das war knapp! - Fazit: 6 von 10 Punkten.


Quellennachweis: Abbildungen aus "Burn after Reading". © by Mike Zoss Productions, Relativity Media, Studio Canal, Working Title Films, TOBIS Film


8 Kommentare:

TheRudi hat gesagt…

Mehrere Leute sind Tot

Schreibt man das echt so? Fällt mir hier bei dir öfters auf, dass du Worte groß schreibst, die ich selbst klein schreiben würde.

Alle Beteiligten (...) sind ja nun entweder tot (...)

Hier schreibst es zum Bleistift wieder anders. Du verwirrst mich, C.H.!

dem jüngst (und zu Recht) mit vier Oscars ausgezeichneten

*Schreiend mit dem Kopf gegen die Wand stürz*

Franzi hat gesagt…

Ach, hast du es auch endlich geschafft dir den Film anzuschauen.

Ich stimme dir beim vorletzten Absatz komplett zu. Die Schauspieler sind wirklich toll gewählt und machen einen super Job Vor allen Dingen Brad Pitt übertrifft alles mit der Fitness Trainer Rolle. Hätte niemals gedacht, dass er so ein komisches Talent hat. TOP!

tumulder hat gesagt…

@therudi
Du mußt das mit den verdienten Oscars einfach in einem anderem Kontext lesen;)

Departed
L.A. Crash
Return of the King
A Beautiful Mind
Gladiator
Titanic

Und über die anderen der letzten 10 Jahre läßt sich auch diskutieren.;)

The-Duke hat gesagt…

Also bei all diesen Oscargewinnern halte ich nur "Gladiator" für Daseinsberechtigt. Der Rest, ok, gefallen mir alle die Filme, aber der Oscargewinn sagt schon seit Jahren nichts repräsentatives mehr aus - da wurde zu oft geschludert und vergleichsweise zig mal bessere Filme nicht beachtet. Aber nett anzusehen ist die Show immer noch :D .

A

TheRudi hat gesagt…

Der letzte verdiente Gewinner in der Kategorie war in meinen Augen Eastwoods UNFORGIVEN von ´92.

tumulder hat gesagt…

Ich habe Braveheart und Forrest Gumb bewußt nicht erwähnt.;)

C.H. hat gesagt…

@ Rudi:

Du verwirrst mich, C.H.!

Das macht nichts, auch ich bin des Öfteren von mir selbst verwirrt. Ansonsten hast du natürlich Recht, was die Feinheiten der deutschen Rechtsschreibung angeht. ;-)

dem jüngst (und zu Recht) mit vier Oscars ausgezeichneten

Der Satz war nur für dich, sonst hättest du ja dieser Review noch in Gänze zustimmen müssen. ;-)

@ Franzi:

Jop!

Zur Oscar-Debatte:

Die ist genauso politisiert und konsensgeschwängert wie jede andere Preisverleihung. So What? Also bitte keine Aufregung, bringt eh nichts ;-) (Nichts desto trotz halte ich "No Country..." für einen ausgezeichneten Film).

Alexander Langer hat gesagt…

@Franzi:

Du hast wohl nie "Snatch - Schweine und Diamanten" gesehen, oder? Der Brad, der Pitt, er kann einfach alles. Vor allem kann er die Angela.. ;-)

Ich streifte vor einer Woche mit ner alten Freundin durch die Stadt und nahm die DVD auf ihre Empfehlung hin mit. Ich muss sagen mich hat der Film ziemlich gelangweilt und zwar dermaßen, dass ich ihn vor Ende ausgeschaltet habe und seither nicht den geringsten Drang verspüre mir die letzten Minuten auch noch zu geben (Brad wurde gerade von seinem Kumpel George im Wandschrank erschossen).

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