

Eine Rezension zu einem Film von David Lynch ist niemals nur Rezension, möchte man sich nicht ausschließlich auf das beschränken, was man sieht, sondern auch immer in gewisser Weise auch Deutung. Deshalb gilt auch in diesem Fall: Diese Besprechung enthält mehr als nur einen Spoiler. Wer auf der Suche nach einer reinen Seh-Empfehlung ist, dem möchte ich an dieser Stelle "Lost Highway" mit der simplen Bemerkung "Es lohnt sich!" ans Herz legen.
"Da steh' ich nun, ich armer Tor, /Und bin so klug als wie zuvor!" - Der berühmte Ausspruch von Goethes Faust kommt dem Zuschauer unweigerlich als erstes in den Sinn nachdem der Abspann von David Lynch's "Lost Highway" einsetzt. Der zweite, dritte Gedanke führt jedoch schon weiter falls man zu diesem Zeitpunkt nicht schon völlig entnervt den Fernseher ausgeschaltet und die DVD in die Ecke geschleudert hat. David Lynch, wieder einmal ist er es, entführt den Zuschauer in seine eigene Welt, die schwer zu deuten, in diesem Fall kaum zu lesen ist, zu wahrer Verzweiflung oder aber zu wahren Stürmen der Reflektion führen kann. Bei jeder Sichtung eines Film von David Lynch scheint mir das Vorurteil, das ihm von vielen Seiten entgegen gebracht wird, nämlich das er selber nicht wisse, was er da eigentlich tut, im verstärkten Maße zu verblassen. David Lynch, der Meister der manipulativen Bildsprache, hat mit "Lost Highway" einen Film geschaffen, der auf der narrativen Ebene nicht mehr zu fassen ist, der in seiner Gänze von Niemanden zu fassen ist, außer vielleicht von seinen Schöpfer. Wo "Blue Velvet" noch von einer linearen Erzählung dominiert wird, wo "Mulholland Drive" in seinen Versatzstücken auf der narrativen Ebene zu einem stringenten Ganzem zusammengesetzt werden kann, entzieht sich "Lost Highway" diesen Versuchen, die im Endeffekt auch nicht Mehr sind, als angelernte Automatismen des einzelnen Rezipienten, der jeden Film nach gewohnten Mustern wahrnimmt und in dem Moment, wenn ihm dieser versagt wird, vor essentielle Probleme gestellt wird.
Möchte man "Lost Highway" wenigstens ansatzweise erfassen, so scheint es mir essentiell sich gedanklich von den narrativen Grundgerüsten, die einem Film typischerweise zu Grunde liegen, zu trennen und sein Augenmerk auf eine weitaus abstraktere Ebene zu fokussieren. Anders ausgedrückt bedeutetet dies, um mit Lynch zu sprechen, sich an das zu halten, was auf der Leinwand gezeigt wird und sich nicht zwanghaft an dem festuzuklammern, was einem von seinen Sehgewohnheiten innerlich aufoktroyiert wird. In dem Moment, wo dieses geschieht, wird "Lost Highway" zu einem persönlichen Spiegel, zu einen Film der den konventionellen Film in seiner logisch-narrativen Konnotation von Grund auf zerstört, um schlussendlich zu einer Allegorie zu werden, welche den eigentlichen Spielfilm transzendiert, weil Lynch es jedem Einzelnen ermöglicht seine eigenen Schlüsse zu ziehen. In diesem Augenblick gibt es kein "Richtig" und kein "Falsch" mehr, der Film mag sich für den Einzelnen zu einem kohärenten Gesamtbild zusammen fügen, oder eben auch nicht. Der Eine wird aus dem Gesehenen heraus Antworten generieren können, der Andere kann dies vielleicht nicht. "Lost Highway" ist in seiner Summe vor Allem eine Aneinanderreihung verschiedener Bilder die nebeneinander stehen, sich teilweise auch überlappen und somit vor allem ein Kunstwerk ist, das von dem Betrachter gedeutet werden muss. Eine Rezension kann niemals mehr sein als Abbild der subjektiven Wahrnehmung des Rezensenten, in diesem Fall gilt dies sogar in einem noch stärkerem Maße, als bei anderen Filmen. Und so scheint es mit auch nur konsequent, das die Argumentation an dieser Stelle ebenso bruchstückhaft sein muss, wie der Film an sich.
Es ist das der erste gesprochene Satz im Film "Dick Laurent is dead" der zu Beginn vom Zuschauer zunächst noch gleichgültig zur Kenntnis genommen wird, in seiner Wiederholung am Ende des Films jedoch die schlagartige Erkenntnis evozieren muss, das narrative Konzeptionen in der Bedeutung eines linear chronologischen Ablaufs in "Lost Highway" keine Rolle mehr spielen. Der Film, der in seiner ganzen Intention düster und bedrohlich wirkt, in seiner Bildsprache gerade am Anfang geprägt ist von einer surralen schwarzen Leere, wird noch irrealer, wenn man die Begebenheit kennt, die David Lynch zu diesem Film inspiriert hat. Eines Abends nämlich klingelte jemand an der Tür von Lynch, der sich in seinem Haus in Los Angeles befand um ihm eben diesen einen Satz über die Sprechanlage mitzuteilen, dass nämlich Dick Laurent tot sei. Alles Lynch nach eigener Aussage zum Fenster rannte, war niemand zu Sehen. So kam es also das diese Begebenheit Aufhänger für "Lost Highway" wurde, der zumindest für mich auf einer Ebene spielen muss, die schon längst die Sphäre des real fassbaren überschritten hat.
"Lost Highway" ist ein schierer Alptraum in der Gestalt eines Films. Sex, Gier, Verbrechen, Macht, Besessenheit sind die Zutaten aus denen Lynch wieder einmal eine seiner Visionen zusammensetzt. Verstörend und schockierend brechen sich die Lynch'schen Bilder in aller Gewalt ihre Bahnen, ohne Rücksicht auf der Verluste. David Lynch erzählt in diesem Film, der formal am ehesten als Mysterie-Thriller mit Noir-Anleihen zu umschreiben ist, zu Vorderst die Geschichte des Musikers Fred Madison (Bill Pullman) der mit seiner Frau Renee (Patricia Arquette) ein eher trostloses Leben führt. In der Ehe kriselt ist, verdächtigt Fred doch seine Frau ihn mit einem Anderem zu betrügen. Als die Beiden immer wieder Video-Kassetten vor ihrer Tür finden, welche ihre Wohnung nicht nur von Außen, sondern auch von Innen zeigen, mach sich Verwirrung breit, erst Recht nach dem Auftauchen des seltsamen Msytery-Man (Robert Blake). Als Fred eines Tages eine neue Kassette findet, welche ihn bei der Ermordung seiner eigenen Frau zeigt, springt Lynch unvermittelt zur nächsten Szene, die Fred im Gefängnis zeigt, zum Tode verurteilt wegen des Mordes an seiner Frau. So weit so Einfach, doch als die Wärter wenige Tage später unvermittelt einen fremden Mann in Freds Zelle finden, Fred ist verschwunden, ist die Verwirrung perfekt. Es ist der junge Auto-Mechaniker Pete (Balthazar Getty), der sich an nichts erinnern kann und in der Folge aus der Todeszelle entlassen wird. Als er für den Mafia-Boss und Porno-Produzent Mr. Eddy (Robert Loggia) arbeitet, lernt er die schöne Gespielin des Kriminellen Alice (Patricia Arquette) mit der er nicht nur eine Affaire beginnt, sondern sich mit ihr auch daran macht einen Überfall zu begehen, um sich aus dem Staub machen zu können.
Was sich auf den ersten Blick als Variation des wenige Jahre später entstandenen Films "Mulholland Drive" entpuppen könnte, nämlich als Imagination von Fred der in seinem Versuch der eigenen Realität zu entfliehen, in einem schizophrenen Akt die Identität wechselt, greift jedoch auf den zweiten Blick in der Einfachheit dieser Aussage zu kurz. Als sich gegen Ende des Films Pete wieder zu Fred transformiert, in dem Moment als die Täuschung nicht mehr aufrechtzuerhalten ist, spricht dies zwar dafür, die Tatsache aber das Fred zum Überbringer der Botschaft "Dick Laurent is dead" an sich selbst wird, führt die Theorie ad absurdum, zumindest in dem Sinne, als das sie noch einer linearen Entwicklung folgen würde, wie sie für die Realität essentiell ist. Es ist somit ein Kreislauf der sich da abspielt, ein Inferno von apokalyptischem Ausmaß, das sich in der Ausformung einer Möbiusschleife, die kein Anfang und kein Ende nimmt, generiert und zur ultimativen Hölle verkommt. Meiner Meinung nach ist nichts, was wir in diesem Film sehen, real in dem Sinne, dass es gerade wirklich geschieht. Der Film ist eher wie ein alptraumhaftes Echo, es mag geschehen sein, vor langer Zeit. Es mag einen Fred gegeben haben, der seine Frau umgebracht hat, der seine Schuld in Form von Schizophrenie verdrängt hat, vielleicht schon längst gerichtet wurde und nun seine Schuld zu tragen hat - Wieder und Wieder, Lynch's moderne Version des Sisyphos, der immer wieder und wieder den Stein den Berg herauf tragen muss, um doch letztlich doch zu scheitern.
Trau deinen Augen, das ist der ultimative Ratschlag von David Lynch in Bezug auf seine Filme. Die erste Episode, die Geschichte von Fred und Renne, sie scheint real und sie ist es doch nicht. Die Wohnung ist kalt, bedrohlich, düster, voller schwarzer Ecken, welche die Protagonisten verschlucken. Lynch Bildsprache ist surreal, die musikalische Untermalung bedrohlich, nervenzereissend, die Abblendlungen langsam. Lynch erzeugt beim Zuschauer großes Unbehagen. Das gleiche Unbehagen beschwört auch der Mystery-Man herauf, welcher zumindest für mich der Schlüssel zu "Lost Highway" ist. Nein, meine Einleitung dieser Rezension mit Goethes Faust kam nicht von Ungefähr. Es ist das Erscheinen des Mystery-Man auf der Party, der in seiner äußerlichen Manifestation dem Gründgens'schen Mephistopheles gleicht, welcher den Weg weist. "You invited me." schleudert der Versucher Fred triumphierend entgegen, "It ist not my custom to go, where I am not wanted." Es ist augenscheinlich ein unheilvoller Pakt den Fred da schon vor einiger Zeit abgeschlossen hat. Vielleicht hat er sich vom Teufel höchst selbst die Erkenntnis erkauft, mit wem ihm seine Frau betrügt. Relativ zu Beginn des Films wird Fred von einem Hund in der Nachbarschaft geweckt, doch er kennt den Hund nicht, dabei sollte er ihn kennen. Ähnliches muss auch Faust erleben: "Siehst du den schwarzen Hund durch Saat und Stoppel streifen?“/ Bemerkst du, wie in weitem Schneckenkreise/ Er um uns her und immer näher jagt?/ Und irr' ich nicht, so zieht ein Feuerstrudel/ Auf seinen Pfaden hinterdrein." Ist es ein Zufall das der Mystery Man im Film mehrfach aus einer brennenden Hütte heraus erscheint?
Der Pakt wurde also beschlossen und dem Teufel kann man nicht entfliehen, auch Fred kann dies nicht. Seine Transformation in Pete gewährt ihm nur kurzen Aufschub. Der Leibhaftige in Form des Msytery-Man findet ihn auch dort. Pete ist im Grunde das genaue Gegenstück zu Fred. Jung, dynamisch, potent. Doch dieses imaginierte Szenario kann keinen Bestand haben. Pete bekommt Renee ebenso wenig, wie Pete Alice. Beide Frauen, die doch in Wahrheit Ein und Dieselbe Person sind, benutzten und hintergehen ihren jeweiligen Mann. In genau diesem Moment endet die Illusion, Pete wird wieder zu Fred. Es ist der Mystery Man, der Fred nachdrücklich dazu ermahnt seine wahre Identität zu erkennen - "Her name is Renee!" Fred ist zu diesem Zeitpunkt schon längst verloren, weigert sich jedoch noch dies einzusehen, erkennt nicht das er zu einem Spielball einer Macht geworden ist, die er nicht kontrollieren kann. Die Videos zu Beginn des Films, sie stehen für das, was bereits geschehen ist, für das was nicht mehr rückgängig zu machen ist. Der Kreis hat kein Ende und doch ist er wandelbar, er kann im zweiten, dritten, vierten Umlauf einen anderen Verlauf nehmen, doch das wiederkehrende Resultat , das ist ist Zwangsläufig - "Dick Laurent is dead", ist der Stein den Berg wieder herunter gerollt. Dies ist die ultimative Hölle, gefangenen im Kreislauf der Ewigkeit. Fred Madison wird den "Lost Highway" bis zum Tage des jüngsten Gericht entlang irren, denn der Ausgang wird ihm in seinem Wahn versperrt bleiben.
Natürlich, dies ist nur eine, meine ganz persönliche Lesart, in ihrer Konzeption fragmentarisch, nicht zur Gänze zu einem Gesamtbild zusammengesetzt, doch muss dieses Bild auch gar nicht stimmig sein, kann es nicht sein. Mehr als einmal scheint Lynch die dritte Dimension zu durchbrechen, führt physikalische Gesetze ad absurdum, und erschafft damit eine Umgebung, die mit konventionellen Vorstellungen nicht mehr fassbar ist. Doch ist dies auch das grundlegende faszinierende Element dieses Films. Ohne Anfang, ohne Ende, sind wir verloren, der menschliche Verstand muss kapitulieren, will er die Ewigkeit begreifen - Fazit: 10 von 10 Punkten.
Quellennachweis: Screenshots aus "Lost Highway". © by October Films, CiBy 2000, Asymmetrical Productions, Lost Highway Productions LLC






8 Kommentare:
Na, da habe ich Dir ja nicht zuviel versprochen, oder?
Nein, wie die Wertung ja unschwer verdeutlicht. ;-)
Und, dein Ansatz zur Deutung? Ödipus, Möbius, einfache Schizo oder doch eher "mein" Ansatz frei nach Faust? - Oder einfach keine Deutung und einfach auf sich Wirken lassen?
Wie gesagt beim Auftauchen des Mystery-Man auf der Party ist mir als erstes sofort der Mephisto in der Verkörperung von Gründgens in den Kopf geschossen. BTW: Das erste kurze Auftauchen dieses Kerls im Ehebett von Fred war ja mal echt übelst Scary... ;-)
Ich kann mit allen vier Ansätzen etwas anfangen. Und wenn ich sie vermische geht es mir am besten;) Das eine funktioniert auch gut zusammen mit dem anderen. Wunsch und Wirklichkeit werden natürlich auch hier zusammengebracht, ganz klar am Ende durch Alices/Renees "Du wirst mich nie besitzen" zum Ausdruck gebracht. Meines Erachtens der beste Lynch überhaupt, wenn auch jeder Film so einzigartig ist, daß Vergleiche nicht unbedingt legitim sind. Aber allein die audiovisuelle Brillanz Lynchs kommt in Lost Highway wie in keinen seiner anderen Filme zum Ausdruck. Wie immer ein an Perfektion grenzender Cast unterstreicht das noch alles. Die Tatsache, daß das formale Können Lynchs in kaum einer Rezeption seiner Filme eine größere Gewichtung findet ist einzig und allein Resultat der inhaltlichen Stärke seines Lebenswerkes. Und ich komme nicht um hin festzustellen, daß sein ganzes Können, seine ganze Genialität als Künstler in keinem anderen seiner Filme dermaßen zum Ausdruck kommt wie es bei Lost Highway der Fall ist.
Stimmt, wenn ich es mir recht Überlege mische ich ja auch ordentlich durch. Ansonsten habe ich dem nichts mehr hinzuzufügen. ;-)
Ich zitiere mich mal selbst: "Den Text les´ ich mal in Ruhe."
Freu mich schon auf dein "Schindlers Liste"-Essay. :) Wird bestimmt ein Veriss? :D
Da würde ich nicht drauf Wetten ;-) Allerdings ist auch nicht das 08/15 Meisterwek-Geheule zu erwarten, das an jeder Ecke zu hören ist. Wird aber noch ein Wenig dauern...
Auch einer meiner Lieblingsfilme, wer Augen hat zum erkennen, der sehe und wer Ohren hat zum verstehen, der höre :o)
Für Jemanden der den Film nur weltlich betrachtet, wird er skurril und vllt. beängstigend sein, aber für Jemanden der den Film aus geistiger Sicht heraus betrachtet, ein Meisterwerk, der bildlich die Tiefen eines menschlichen Bewusst- oder auch Unterbewusstsein darstellt und die Hölle in der es gefangen ist/sein kann, das Bündnis mit dem Teufel, das Spiel das er mit einem treibt, dem man sich selbst ausgeliefert hat, der Lost Highway ...
Ein Film zudem ich auch die Bibel in Vergleich nehmen könnte, mit wetlichen Augen betrachtet voller Ungereimtheiten und Irritationen, aber geistig betrachtet finden Dinge Sinn, ihre Entsprechungen und Gültigkeiten.
Lynch schafft es mit diesem Film das wenn der Verstand anfängt sich damit auseinander zu setzen, und der Verstand hat zudem die neurotische Angewohnheit einen Sinn entdecken zu wollen, er gleichzeitig dadurch nach und nach transformiert/transzendiert wird und man die Anschauungsdimension wechseln muss, ansonsten findet man für den Verstand und Geist keine befriedigende Erklärung und Ansicht ...
Wie ich schon schrieb, ein Meisterwerk von Film der einen durch unbeschreibliche Kameraführung, Musik, Schauspieler und Kulisse in den Bann zieht :o)))
Grüße und ne gute Zeit
CKL
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