Rezension: "Wolke 9"

Als „Wolke 9“ im Zuge der diesjährigen Filmfestspiele von Cannes seine Premiere feierte, war dem Film ein Erfolg beschieden, den sich die Beteiligten rund um Regisseur Andreas Dresen wohl vorher auch nicht erwartet hatten. Erträumt vielleicht, aber ganz sicher nicht Erwartet. In Cannes aber wurde „Wolke 9“ nicht nur vom Publikum mit stehenden Ovationen gefeiert, sondern wurde auch in der Reihe „Un Certain Regard“ mit dem „Coup-de-Cœur-Preis“ ausgezeichnet. Nun sind Preise und Auszeichnungen keinesfalls automatisch eine Garantie von Qualität, und doch lassen die Reaktionen in Cannes und auch später in Deutschland bei den Kritikern und bei den Zuschauern darauf schließen, dass Dresen mit diesem Film einen Nerv getroffen hat, da dieser einen Aspekt thematisiert, der ohne Zweifel in der Gesellschaft bislang eher selten thematisiert wurde, soweit man man das an dieser Stelle derart pauschal konstatieren kann.


Auf jeden Fall jedoch tangiert dieser Film ein Thema, welches bislang in der Art, wie es „Wolke 9“ letztendlich thematisiert und umgesetzt hat, wenig bis gar nicht im Kino zu sehen gewesen ist. Wir leben in einer Gesellschaft die immer älter wird, dies ist nicht zu Leugnen. Diese Entwicklung steht aber einem Bild entgegen, gerade im Film, welches der faktischen Realität diametral gegenüber steht. Sex (und Liebe) sind zwar mittlerweile unverzichtbarer Bestandteil des Kinos, werden zum Teil gezielt als Lock-Mittel eingesetzt, beschränken sich aber in ihrer letztendlichen Visualisierung oftmals auf die Darstellung junger, schöner und ästhetischer Körper. Sexualität im Alter? Die gibt es ganz ohne Zweifel, ist bislang aber nur in wenigen Fällen gezeigt worden. Eine Art gesellschaftlicher Tabuisierung scheint über diesem Thema zu liegen – Einem Tabu, dem Andreas Dresen mit diesem Film entgegentreten wollte: „Es gibt ein paar Filme zu dem Thema, aber die sind anders. Die haben meistens einen Sepiaton. Und Klaviermusik! Ich wollte auch nichts skurril gefärbtes, nichts Putziges. Nicht 'Harold und Maude' zum Beispiel.“ [Stabrey, Anne (Hrsg.): „Wolke 9“, S.45 f.]


Vor diesem Hintergrund entspinnt sich die Geschichte von der „Wolke 9“ zu berichten weiß. Eine Erzählung, die sich um eine klassische ménage à trois dreht. Inge (Ursula Werner) ist eine Frau, die in den Mittsechzigern angekommen ist, ihre Rente mit kleineren Änderungschneidereien aufbessert, sowie mit ihrem Mann Werner (Horst Rehberg), mit dem sie ihre Tochter großgezogen hat, seit nunmehr dreißig Jahren verheiratet ist. Mit anderen Worten: Inge führt ein völlig normales Leben, das stringent den vorbestimmten Bahnen folgt, die man gemeinhin als typisch bezeichnen könnte. Bahnen, die scheinbar nur eine Richtung kennen, ebenso wie die Eisenbahn, die dem Lauf der Schienen folgt. Doch während Werner, der in seiner Freizeit eben am liebsten diesem Eisenbahn-Hobby frönt, mit diesem Leben zufrieden scheint, ist dies bei Inge augenscheinlich nicht der Fall. „Soll das bereits alles gewesen sein?“ ist eine Frage, die sich für Inge in dem Moment umso dringlicher stellt, als sie den 76jährigen Karl (Horst Westphal) kennen und eben auch lieben lernt. Eine Liebe, die sich eben auch durch die Sexualität definiert, mit der Folge das beide sofort im Bett, respektive auf dem Teppich von Karls Wohnzimmer landen. Von diesem Moment an ist Inge zwischen Werner und Karl hin und her gerissen, wird auf der einen Seite von der Angst vor den Konsequenzen gepeinigt, sollte Werner von der Affaire jemals erfahren, gleichzeitig aber verzehrt sie sich auf der anderen Seite vor lauter Sehnsucht nach dem Mann, der im Herbst ihres Lebens an ihre Seite getreten ist.


„Wolke 9“ spricht ohne Zweifel die richtigen Probleme und Fragen an und thematisiert diese auf eine ruhige, zurückhaltende, angenehme Art und Weise. Der Stil der Inszenierung von Dresen ist bedächtig, er erzählt die Geschichte seiner Protagonisten in nuancierten und authentischen Bildern, denen jegliche Effekthascherei fremd ist. Das Fehlen jeglicher musikalischen Untermalung trägt dazu ebenso bei, wie die fast dokumentarischen Bilder, die Dresen mit seiner Kamera einzufangen weiß. Wo aber die großartigen visuellen Effekte in den Hintergrund treten, müssen andere Faktoren, sprich in diesem Fall die Schauspieler, die entstandene Lücke füllen und dies gelingt den beteiligten Akteuren auf beeindruckende Art und Weise. Dies gilt insbesondere für Ursula Werner, aber eben auch für ihren Film-Mann Horst Rehberg, die dem Film im seinen späteren Verlauf, immer mehr einem Kammerspiel gleichend, den Stempel aufdrücken. Es gelingt den Schauspielen, und das ist ihr Verdienst, eine glaubwürdige Realität in der Fiktion Film zu evozieren, eine Tatsache, die vor allem auch der Methodik geschuldet ist, die Dresen bei „Wolke 9“ angewandt hat. Ohne ein wirkliches Drehbuch ausgestattet, das die Dialoge bereits zur Gänze ausformuliert hat, entstanden die Szenen direkt aus der Improvisation der Schauspieler heraus, welche dem Film in ihrer Spontanität zu der Authentizität verhilft, die er letztendlich ausstrahlt.

„Wolke 9“ nähert sich einem seiner wesentlichen Anliegen, nämlich der Darstellung von Sexualität im Alter, völlig unverkrampft und das sich dies eben auch auf die Kinoleinwand transportiert, ist wiederum ein großes Verdienst der beteiligten Schauspieler, muss der Schritt zur völligen Nacktheit vor der Kamera doch zweifellos großen Mut erfordern. Die erste Sex-Szene zwischen Inge und Karl kommt dann auch relativ plötzlich, kein langes Warten, kein langsames Hinführen des Zuschauers, sondern es ist der umgekehrte, der direkte Weg der Konfrontation, den Dresen hier wählt. Der den Zuschauer an dieser Stelle mit dem konfrontiert, was er vielleicht anstößig finden könnte, eben auch weil er es nicht kennt. Dresen gelingt es in diesen Szenen seine Darsteller gekonnt und angemessen in Szene zu setzen. Die Kamera fungiert als begleitende Beobachtern, aber nicht im voyeuristischen Sinne – Es ist eine äußerst schmaler Grat, auf den der Film hier balanciert, der aber erfreulicherweise zu keinem Zeitpunkt das Gleichgewicht verliert. Es ist das Normalste der Welt, das ist es was Dresen dem Zuschauer an dieser Stelle verdeutlichen will, man muss das Gezeigte nicht ästhetisch finden, aber darum geht es ja auch nicht, sondern eben um das Plädoyer für die Akzeptanz des Normalen und dies gelingt „Wolke 9“ auch auf luzide Art und Weise.


Aber natürlich erschöpft sich der Film, der gerade in seinem Anfang auch sehr humoristisch angehaucht daherkommt, nicht auf die reine Darstellung des Sexuellen. Es sind vielmehr die Konsequenzen, die mit fortschreitender Spieldauer thematisiert werden, genauso wie mit dem Irrglauben aufgeräumt wird, eine Ehe würde im fortschreitenden Alter einfach so weiterlaufen ohne das an dieser gearbeitet werden müsse. Eine Beziehung, beziehungsweise eine Ehe ist per se ein sensibles Gebilde, an dem fortwährend gearbeitet werden muss, gerade eben auch im Alter wo sich oftmals eine schleichende Routine einschleicht, die sich schnell zur akuten Bedrohung ausweiten kann. „Ich hätte nicht gedacht, dass uns das noch passieren kann“, geradezu paradigmatisch ist diese Äußerung von Werner, nachdem Inge ihren Seitensprung gebeichtet hat und ist somit Versinnbildlichung für den im vorigen skizzierten Irrglauben, dem er aufgesessen ist. Ab diesem Moment wandelt sich „Wolke 9“ zum emotional intensiven Kammerspiel, das in seiner Bandbreite die vorhandenen Gefühle von Inge und Werner an die Oberfläche spült: Verzweiflung, Schmerz, Verletztlichkeit, Wut, Trauer, Stolz, Liebe und Sehnsucht. Dresen erzählt von den Konsequenzen und Folgen, welche die jeweiligen Entscheidungen evozieren. Der Film verschließt und das ist zu honorieren, zu keinem Zeitpunkt die Augen vor den gestellten Problemen und Fragen.


Nun könnte der Leser nach der bisherigen Lektüre den Eindruck gewinnen dass „Wolke 9“ frei von jeglichen Schwächen, zur Gänze gelungen sei. Dem ist leider nicht so. „Wolke 9“ ist ganz ohne jeden Zweifel ein wichtiger Film, der faszinierend und eindrücklich erzählt ist, der den Zuschauer beeindrucken und zur Reflektion zwingen wird. Der somit Viel von dem in sich trägt, was Kino in seiner besten Form ausmachen kann, auch weil Andres Dresen über die gesamte Spielzeit die richtigen Fragen anspricht – Das ist sehr viel Wert! Und doch begeht der Film in seiner letztendlichen Hinwendung einen entscheidenden Fehler, der sich aus einer misslungenen Konzeption des Drehbuchs speist. Ein Fehler, der so schwerwiegend ist, dass er viel von dem wieder zerstört, was sich der Film vorher aufgebaut hat. Dies ist ausdrücklich zu bedauern, kann aber eben nicht geleugnet werden. Plötzlich bedient der Film konventionelle gesellschaftliche Stereotypen, erhebt den sprichwörtlichen Zeigefinger und propagiert moralische Dogmen, die eine eindeutige Haltung implizieren, welche dem Anspruch von „Wolke 9“ nicht gerecht werden und zu hinterfragen sind. Andreas Dresen begeht explizit den Fehler klare Antworten auf die im Film thematisierten Fragen geben zu wollen, auf die er besser keine Antwort gegeben hätte und übersieht somit, dass nicht die Antwort das Ziel war, sondern die Frage an sich. - Fazit: 6 von 10 Punkten.


Anmerkung: dot-friends.com Review. Mein Dank, insbesondere für das zweite Ticket geht an dot-friends. Dot-Friends arbeitet im Auftrag von Senator Entertainment.


3 Kommentare:

TheRudi hat gesagt…

diametral gegenüber steht

Scheint eine deiner liebsten Aussprüche zu sein, die finde ich ziemlich oft bei dir. ;)

luzide

i.e.?

Langsam schlagen hier alle den Weg eines Vincent Vega ein, Reviews für die Intellektuellen. Bringt man euch in eurem Studium nicht bei, Arbeiten so zu verfassen, dass sie jeder Horst vom Bau zu verstehen mag? All diese Fremdwörter, herrje, aber na gut.

C.H. hat gesagt…

Ich habe meine Favoriten. Schlimm ich weiß. Wenigstens hab ich mit hier mal das "ventiliert" erspart. ;-)

luzide = klar, einleuchtend

Bringt man euch in eurem Studium nicht bei, Arbeiten so zu verfassen, dass sie jeder Horst vom Bau zu verstehen mag?

Meine Dozenten reden alle so, und das färbt ab. Aber ich bemühe mich, es nicht zu übertreiben. :)

tumulder hat gesagt…

Langsam schlagen hier alle den Weg eines Vincent Vega ein, Reviews für die Intellektuellen.[sic]

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