

Wenn sich „Inland Empire“ nach knapp dreistündiger Spielzeit seinen Ende entgegen neigt und die Credits „written and directed by David Lynch“ eingeblendet werden, dann wähnt man sich endlich am Ende angelangt und das kann in diesem Fall durchaus als ironische Doppeldeutigkeit verstanden werden, ist doch zu diesem Zeitpunkt nicht nur der Schluss eines durchaus bemerkenswerten Films erreicht, sondern man ist auch an die Grenzen des vom eigenen Verstand fassbaren gestoßen. Bei „Inland Empire“ jedoch ist das Ende schlussendlich nur der Anfang für ein neues Verwirrspiel im exaltierten Bildersturm eines David Lynch, welcher nur noch rudimentär mit dem Begriff „Kino“ zu umschreiben ist. Da sitzt sie nun auf ihrem Sofa, die Protagonistin des Films (Laura Dern), selig und glücklich lächelnd, und in dem Moment befällt den Zuschauer zum ersten Mal so etwas wie ein Gefühl der idyllischen, ruhigen Entspanntheit, wie sie Lynch in den vorigen drei Stunden nicht zu geben bereit war. „Inland Empire“ unterscheidet sich an diesem Punkt nicht großartig von den Enden eines „Blue Velvet“, wo die vorstädtische Idylle zumindest vordergründig wieder hergestellt scheint, oder aber auch vom Abschluss eines „Mulholland Drive“, in dessen Zuge Betty und Rita glücklich vereint silhouettenhaft über dem Panorama der Stadt der Träume schweben. Eine Ausnahme ist hier sicherlich „Lost Highway“, den Fred in der Ewigkeit der Verdammnis voller Wahn entlang rast, bis zum Tage des jüngsten Gerichts.
Zu diesem Zeitpunkt also, an dem der Rezipient sich ermattet zurücklehnt und die letzten Bilder dieses Films in sich aufsaugen will, den Blick schweifen lässt, stellt er fest, dass die ihm bekannte Protagonistin des Films nicht alleine in diesem festlichen Raum ist. Zahlreiche andere Gestalten, die in „Inland Empire“ auf die eine oder die andere Art und Weise auftauchten, erscheinen auf der Bildfläche und bitten zum Tanz, doch zuvor fängt Lynchs Kamera vier weitere Personen ein. Personen, die in diesem Film doch nichts verloren haben, oder doch? Da sitzt sie in einem Sessel und lächelt den Zuschauer entgegen, blond gelockt ähnelt sie frappierend der imaginierten Sirene Alice (Patricia Arquette) aus „Lost Highway“. Nur ein Zufall möchte man denken, doch dann gleitet das Bild weiter auf Rita (Laura Harring) aus „Mulholland Drive“, und diese Frau sieht nicht nur aus wie Laura Harring, es ist Laura Harring. Und wer sitzt da neben Laura Dern auf dem Sofa? Ist es Betty (Naomi Watts)? Die Ähnlichkeit ist nicht zu Leugnen. Ein weiterer Schwenk und die Kamera fällt auf einen Holzstamm, der von einem Holzfäller zersägt wird und jeder, der sich mit Lynch auskennt, wird um die Bedeutung wissen. Da sind sie also alle versammelt im Sanktuarium des Irrealen, im Tempel des Traumhaften, in der Hölle des Wahnsinns und bitten zum Tanz, der „Inland Empire“ beschließt, jenen Film, der also quasi als Abschluss einer inoffiziellen Trilogie gelten kann, die über den „Lost Highway“ und den „Mulholland Drive“ zu „Inland Empire“ führte. Drei Filme, in denen David Lynch das narrative Grundgerüst des konventionellen Films bis zum Zereissen gedehnt hat, bis er das Netz schlussendlich in „Inland Empire“ in tausend Stücke zerfetzte.
Mit „Inland Empire“ hat sich David Lynch ganz ohne jeden Zweifel endgültig vom konventionellen Film verabschiedet, zumindest für den Augenblick. „Inland Empire“ ist somit weder kohärentes Filmerlebnis, noch in irgendeine Schublade zu stecken. Lynch ist endgültig zum Nihilisten der Narration geworden, den es offensichtlich nicht kümmert, ob das, was er dem Zuschauer da vorsetzt, noch irgendwie fassbar ist. Entstanden ohne richtiges Drehbuch, zusammengefügt aus spontanen Einfällen und Zwischenschnitten seiner eigenen Serie „Rabbits“, die er auf seiner Homepage veröffentlicht hat, entstand ein Film, der nur eine Konstante hat: Laura Dern. Es vermag nicht zu überraschen, dass er für sein solches Projekt keinen Verleih fand und diesen Film unter seiner eigenen Regie vermarkten musste. In den USA wollten gerade mal 100.000 Leute den Film im Kino sehen. Dafür aber tingelte Lynch mit einer Kuh (Angeblich finden Menschen Kühe toll) durch die Gegend, um für eine potentielle (und verdiente) Oscar-Nominierung seiner Hauptdarstellerin zu werben, diese Aktion blieb jedoch ohne Erfolg. Neben der Tatsache, dass diesmal komplett auf ein Drehbuch im üblichen Sinne verzichtet wurde, ist das auffälligste Charakteristikum des Films das Drehen auf Digital Video (DV), was eine nicht unwesentliche Veränderung in der Bildsprache von David Lynch evoziert hat, die auf jeden Fall zunächst einmal als gewöhnungsbedürftig bezeichnet werden muss, geht doch ein wesentliches Element der Lynchschen Bilder, nämlich sein bunter expressionistischer und surrealistische Stil ein Stück weit verloren. Und nicht nur das: Waren Lynchs Werke bislang in den meisten Fällen perfekte Bildkompositionen, wirken die Bilder nun in vielen Fällen amateurhaft, verwackelt, voller Makel.
Eins ist jedoch Gewiss: Der Film gehört Laura Dern, jener Frau die in „Blue Velvet“ die blond-naive Verkörperung der vorstädtischen Unschuld darstellte, bevor sie in „Wild at Heart“, David Lynchs erstem Roadmovie mit offensichtlichen Reminiszenen an den „Zauberer von OZ“, die Figur der Lula prägte. In „Inland Empire“ läuft Dern, sekundiert von Jeremy Irons und Justin Theroux, zur absoluten Hochform auf, irgendwo spielend zwischen typischen Hollywood-Starlett, welche die große Chance zum Comeback erhält und einer Hure aus dem Milieu des White-Trash, die ihre bitteren Monologe der Kamera entgegen rotzt. Eine Frau, die durch die Zeiten ebenso orientierungslos stolpert, wie durch den Raum. Auf der Suche nach Identität, nach einem Ausweg. Geleitet von Panik, Phobien und den Urängsten der Menschen, stolpert sie durch diesen Film, der die temporären Kontinuitäten ebenso ad absurdum führt, wie die Räumlichen. Es ist eine Odyssee, die sich ins Unendliche auswächst, irgendwo zwischen Verdammnis und Erlösung. Es ist quasi ein Film im Film im Film, der sich hier abspielt und dem Zuschauer unter Missachtung aller Grenzen entgegen geschleudert wird, welcher die erklärende Erkenntnis somit wohl vergeblich suchen wird. Selbst Laura Dern hat in Interviews zu Protokoll gegeben, dass sie nicht wirklich wisse, worum es in „Inland Empire“ eigentlich geht. Doch eines ist Gewiss: Selbst wenn der Zusammenhang im Einzelnen nicht erschlossen werden kann, man möchte niemals in eine solche Situation geraten, wie es der von Dern verkörperte Charakter offensichtlich ist, verzweifelt nach dem eigenem Selbst suchend, welches irgendwo zwischen der einen und der anderen Dimension verloren gegangen ist.
Dabei fängt alles, zumindest nach dem eigentümlichen Prolog, wie so oft bei Lynch, ganz einfach an. Die Schauspielerin Nikki Grace (Laura Dern) bekommt die Möglichkeit in dem Film „On High in Blue Tomorrows“ ihr großes Comeback zu feiern. Bald stellt sich aber heraus, dass dieses Projekt ein faktisches Remake darstellen würde, das allerdings niemals beendet wurde, da die damaligen Hauptdarsteller auf eigenartige Art und Weise ums Leben gekommen sind. Von einem Fluch ist die Rede. Und in der Tat: Je länger die Dreharbeiten wären, desto mehr beginnen für Nikki die Grenzen zwischen Film und Wirklichkeit zu verschwimmen. Und wie so oft bei Lynch, wurde dieses Schicksal bereits vorausgesagt, diesmal wieder, wie schon bei „Mulholland Drive“ durch das Erscheinen einer mysteriösen Nachbarin, die Nikki davor gewarnt hat, die Rolle anzunehmen. Die mystischen Worte dieser orakelnden Hexe werden in der Folge auf Nikki voll zurückschlagen, die sich der größten Bedrohung ausgesetzt sehen wird, die ein Mensch neben seiner physischen Vernichtung zu fürchten hat: Der Verlust der eigenen Identität, durch den Verlust der Erinnerungen, beziehungsweise der Fähigkeit diese zu ordnen. Anders ausgedrückt: Ohne Anordnung der Erinnerungsfetzen kein Gedächtnis, ohne Gedächtnis kein Erfahrungshorizont, was zum Verlust der Handlungsfähigkeit und zur Einkerkerung des eigenen Selbst in ein abgeschlossenes Zimmer ohne öffnenden Schlüssel bedeutet.
So kann „Inland Empire“ als die Suche einer Frau nach sich Selbst gelesen werden, die mehr oder weniger ziellos durch die Zeiten und die Dimensionen wandelt, die von Lynch gebeugt und gebrochen werden. Aus Realität wird Film, aus dem Film ein Film im Film, die Verlorenheit des Selbst nimmt verschlungene Pfade, die nicht nachzuvollziehen sind, die durch Filmsets driften, in dunkle Straßenecken eines längst vergangenen Polens führen, auf den Strich in Los Angeles landen, und seltsame Hasen-Menschen hervorbringen, um sich dann wieder ganz unvermittelt auf dem Filmset wiederzufinden, ständig auf der Jagd nach dem Schlüssel, der die Flucht aus der Hölle der eigenen angstgepeinigten Psyche ermöglichen würde. Der Zuschauer stets mittendrin, und ebenso hilflos und verwirrt wie die Protagonistin selber. Die Grenzen zwischen den Dimensionen explodieren und implodieren zu Gleich, kein Halt, keine Hilfe, Nichts. Nur Anarchie des Bildes auf dem Weg zum Abspann. Ein Film so faszinierend, wie anstrengend. Eine dreistündige Tortur, ebenso wie ein Genuss. Verzweiflung und Freude, Bewunderung und Wut auf diesen Film bedingen sich. Die Unmöglichkeit der umfassenden Erkenntnis wird mit „Inland Empire“ auf die Spitze getrieben. Ein Film, der mit normalen Kino – aber was ist schon normal – nicht mehr viel zu tun hat und doch schenkt Lynch seiner Hauptdarstellerin eine brillant-bewegende Szene zwischen all den Gescheiterten in der dreckigsten Ecke der Stadt der Träume. „Inland Empire“ ist der Alptraum des klassischen Erzählkinos. Es ist alles „so weird“, um ein im Film gesprochenes Zitat zu bemühen, und in der Tat dem ist nichts hinzuzufügen. Ich weiß eigentlich gar nicht so genau, was ich da gesehen habe, kann es nicht in Gänze erfassen, aber es war ungemein beeindruckend. Sollen sie ruhig weiter tanzen, die irrealen Figuren der Träume, Illusionen und des Wahns, die den Protagonisten zahlreicher Filme von David Lynch entsprungen sind und die sich am Ende an einen nicht näher bestimmten Ort zusammenfinden, einen Ort der wohl für den rationalen Verstand auf ewig verschlossen bleiben muss –Fazit: 9 von 10 Punkten.
Quellennachweis: Screenshots aus "Inland Empire". © by Studio Canal, Fundacja Kultury, Camerimage Festival, Absurda, Asymmetrical Productions, Inland Empire Productions, Concorde






8 Kommentare:
Hab ich schon seit Ewigkeiten im Regal stehen, trau mich aber bisher nicht heran. Dazu muss ich allerdings auch in der richtigen Stimmung zu sein. ;)
Dazu muss ich allerdings auch in der richtigen Stimmung zu sein
Absolut Richtig. Ich empfehle:
1. Ruhe und Muße für 3 Stunden
2. Nervennahrung
3. Ruhe und Muße für 3 Stunden
Der Film ist aber echt ganz schön wirr, gelinde gesagt. ;-)
Mit „Inland Empire“ hat sich David Lynch ganz ohne jeden Zweifel endgültig vom konventionellen Film verabschiedet
Wurde auch mal Zeit, nach seiner ganzen Mainstream-Kacke wie MULHOLLAND, HIGHWAY, ERASERHEAD und Co.!
ob das, was er dem Zuschauer da vorsetzt, noch irgendwie fassbar ist.
Habe den Film noch nicht gesehen, aber irgendwie ironisch, dass du diesem Film ohne offensichtliche Handlung und Drehbuch 9 Punkte gibst und andere Filme ohne Handlung und Drehbuch (darunter xXx) abstrafst. Meine Interprestation: Lynch könnte 5 Stunden lang die Kamera gegen eine Wand stellen und du würdest dennoch jubeln - du alter Fanboy, du :P
Wurde auch mal Zeit, nach seiner ganzen Mainstream-Kacke wie MULHOLLAND, HIGHWAY, ERASERHEAD und Co.!
Atom ROFL:D
Tu doch nicht so, weißt doch wie er es meint.;)
@ Rudi:
Hehe. Eben, du weisst du, wie ich das gemeint habe. ;-)Im Vergleich zu "Inland Empire" sind "Lost Highway" und insbesondere "Mulholland Drive" echte Kindergeburtstage. ;-)
irgendwie ironisch, dass du diesem Film ohne offensichtliche Handlung und Drehbuch 9 Punkte gibst und andere Filme ohne Handlung und Drehbuch (darunter xXx) abstrafst.
Findest du? Komm es ist schon ein Unterschied, ob ein Film wie bei "xXx" sein 08/15 Programm runterleiert, zwecks reinem Entertainment (Was ja in Ordnung ist), oder ob da ein Mann kommt und einen Film zu Vorderst unter künstlerischen Aspekten abliefert.
Lynch könnte 5 Stunden lang die Kamera gegen eine Wand stellen und du würdest dennoch jubeln - du alter Fanboy, du :P
Neeee, niemals, Kann ja nicht sein. :P Nein im Ernst: Schau dir den Film mal an, und dann sehen wir weiter... ;-)
Die Besprechung ist ja fast noch prätentiöser als der Film. *g*
Upps, sorry fürs p-Wort.
Aber ja, du bist ja nicht der Enizige mit "ungenutztem Prätentionspotential"... ;-)
Klasse Review.
Der Rest wurde eh schon alles gesagt. Ich selbst kann dem Film übrigens auch keine Bewertung beimessen. Wie TheRudi schon sagte: Hätte Lynch 3 Stunden lange eine Wand gefilmt wären wir wohl zu einem ähnlichen Schluss gekommen ;)
Wenn den Film zum ersten mal ansieht und ihn nicht als Kino sondern als eine andere, neue Art von Kunst betrachtet kommt man womöglich besser mit dem verstörenden Inhalt klar.
Nur mal so ein kleiner Tipp nebenbei.
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