

Es sind nur ganz wenige und kurze Momente des unverfälschten Glücks, die Sam Mendes seinen Protagonisten in „Zeiten des Aufruhrs“ gestattet und dies auch nur in Form einer Rückblende in die Vergangenheit, wenn er von der ersten Begegnung zwischen Frank (Leonardo DiCaprio) und April (Kate Winslet) erzählt. Auf der einen Seite der junge und selbstbewusste Kriegsveteran, der just aus Europa zurückgekehrt ist, und dort auf der anderen Seite April, die aufstrebende Schauspielerin. Es ist ein kurzer, aber intensiver Blick den beide tauschen und der die Weichen für das weitere Leben stellt: Aus Frank und April werden schon bald die Wheelers werden, die ein typisches Leben in einer typischen Vorstadt führen: Zwei Kinder, dazu das kleine, aber eigene Häuschen mit eigenem Garten. Er einfacher Angestellter, sie Hausfrau und Mutter. Doch die vordergründige Harmonie ist nichts anderes als Illusion. Dies ist schnell klar, noch vor dem Einblenden des Film-Titels wird die Weiche ein weiteres und letztes Mal gestellt werden. Im fahlen Licht der Scheinwerfer des Autos fällt die Maske der bürgerlichen Idylle zum ersten Mal. Die zahlreichen verletzenden Worte, die zwischen dem Ehepaar fallen, man ahnt es vom ersten Moment an, schlagen Wunden, die niemals werden heilen können - Zwei Menschen am Abgrund zwischen Anspruch und Wirklichkeit.
Die gekonnte Dekonstruktion der oftmals aufgesetzt wirkenden bürgerlichen Idylle, die in ihrer scheinheiligen Perfektion bildlich mit den geometrisch gepflegten Gärten der vorstädtischen Siedlungen gleichgesetzt werden kann, ist mitnichten ein neues Thema in Film und Literatur. Es ist nicht erst seit David Lynch's „Blue Velvet“ bekannt, was unter der Oberfläche der perfekten Rasenfläche an dunklem und bedrohlichem, oftmals unterdrücktem Potential schlummert. Nicht zuletzt war es Sam Mendes selbst, der im Zuge von „American Beauty“ einen bitterbösen und zynischen Blick auf eben das wirft, was wohl nicht Wenige als das erstrebenswerte Ziel des eigenen Lebens bezeichnen würden. Oder aber anders ausgedrückt: Was von der Gesellschaft als erstrebenswerter Letztwert angesehen wird. Gerade unter diesen Gesichtspunkten vermag es durchaus Wunder zu nehmen, dass es über vierzig Jahre dauerte, bis sich jemand der gleichnamigen literarischen Vorlage von Richard Yates annahm, der sich schon Anfang der sechziger Jahre mit dem Seelenleben der jungen Generation der fünfziger Jahre im Spannungsfeld zwischen aufstrebender Wirtschaft und dem damit verbundenen Konsum einerseits, sowie dem eigenen Anspruch andererseits annahm und gekonnt in ihre Einzelteile zerlegte. Doch was Mendes im Zuge von „American Beauty“ mit der großzügigen Dreingabe von überzeichnetem Witz und Humor zur offensichtlichen Satire werden ließ, wird nun im Zuge von „Zeiten des Aufruhrs“ zu einem ernst gemeinten und letztlich auch ernst zu nehmenden Drama, welches ganz im Zeichen seiner beiden Hauptdarsteller steht.
Es ist mehr als ein Jahrzehnt her, dass sich Leonardo DiCaprio und Kate Winslet im Zuge von James Camerons „Titanic“ auf der Leinwand erstmals begegneten und in eben jener Schmonzette mit eiskaltem Schicksalsgericht den Mythos des Kino-Traumpaars der Neunziger begründeten. Diese Zeiten sind bekanntlich mittlerweile längst passé: Beide haben versucht sich in der Folge von dieser einen, aber dennoch prägenden Rollen zu emanzipieren. So wusste Winslet unter anderem in „Finding Neverland“ zu Gefallen, des Weiteren wird sie in Bälde im Zuge von „Der Vorleser“ in einem mit Sicherheit kontrovers zu besprechenden Film zu sehen sein, während DiCaprio nach 1997 in einer ganzen Reihe von großen Produktionen, unter anderem „Catch me if you can“ (Steven Spielberg) oder auch „The Departed“ (Martin Scorsese) sein Profil schärfen konnte. 2009 führt sie der schauspielerische Weg wieder zusammen und wie beide Darsteller mit der Zeit gereift sind, dafür steht „Zeiten des Aufruhrs“ neben vielen anderen Dingen vor Allem. Es ist somit ein Film, der seine emotionale Intensität zuvorderst aus dem Spiel seiner beiden Darsteller bezieht. Wenn sich Frank und April ihre Enttäuschung und zerstörten Träume ins Gesicht brüllen, wenn das Mobiliar ebenso zu Bruch geht wie die Ehe, dann ist das gleichsam sehenswert wie bedrückend. Gleiches gilt für die ruhigen Momenten, in denen sämtliche Gefühlsregungen aus der Mimik der Beiden verschwunden, die Augen erloschen sind. Es sind jene Momente in denen sich das ganze im Film thematisierte Dilemma schonungslos zeigt, die diesen Film von der ersten bis zu letzten Minute prägen und die zu keinem Zeitpunkt Zweifel an dem unvermeidlichen Ende aufkommen lassen.
Der Traum „etwas Besonderes“ zu sein, beziehungsweise „something special“ wie man es im Englischen vielleicht etwas passender ausdrückt, kann eine quälende Geißel sein, die den Menschen von Innen her zerfrisst. Es gibt (mindestens) zwei ganz und gar wunderbare Szenen, die „Zeiten des Aufruhrs“ zu bieten hat, um diesen Sachverhalt auch optisch zu visualisieren. Wenn Frank Wheeler morgens sein Haus verlässt, um sich zu seinen Arbeitsplatz zu begeben, den er hasst, dann ist er einer von Vielen: Jegliche Individualität, die Frank als "someone special"auszeichnen könnte, geht im gleichförmigen Schritt der grauen Masse, die alle mit den gleichen Anzügen und Hüten uniform gekleidet sind, unter. Nichts bleibt von Frank über, was ihn aus dieser Maße herausheben könnte. Die selbe Szene, nur wenig später: Geblendet vom Traum der Auswanderung nach Paris, der nicht nur der Selbstbeweis der eigenen Außergewöhnlichkeit, sondern auch der Rettungsanker der eigenen Ehe sein soll, steht er in der Mitte einer Treppe, während die Masse sich teilend rechts und links an ihm vorbeifließt.
Das dieser Moment der quasi Selbsterneuerung jedoch nur von kurzer Dauer sein kann, daran lässt „Zeiten des Aufruhrs“ zu keinem Zeitpunkt einen Zweifel: Tiefe Frustration und das stetige Belügen des eigenen Selbst, bilden einen Teufelskreis aus dem es für Frank und April anscheinend keinen Ausweg gibt. Es ist bezeichnend, dass es ausschließlich der sich in psychatrischer Behandlung befindende Sohn der Nachbarn ist, der zu diesem Zeitpunkt als Einziger den Mut hat, die Wahrheit auszusprechen. Der Film demaskiert an dieser Stelle die bürgerliche Moral als scheinheiliges Abziehbild, welches zwei junge Menschen unter Druck setzen muss, indem es die Einhaltung von prüden Konventionen ohne Ausnahme verlangt. Ungläubig sind die Reaktionen der Freunde und Nachbarn, als sie erfahren, dass es April und nicht Frank ist, die in Paris für das tägliche Einkommen sorgen soll. Und doch, das müssen sich Frank und April letztlich eingestehen, sind sie in letzter Konsequenz zu dem geworden, was sie nie werden wollten. Diese Erkenntnis fällt Frank, gerade mit Aussicht auf mehr Geld und Verantwortung im Job besänftigt, ganz ohne jeden Zweifel leichter als April, die mit der unverhofften dritten Schwangerschaft, die sie offensichtlich als unerträgliche Last und nicht als Geschenk empfindet, die Aussicht auf ein glückliches, weil ausfüllendes Leben an sich vorbei ziehen sieht. Gefangen in einem goldenen Käfig, ist nichts von dem Idealismus einer aufstrebenden Generation geblieben: Ein Haus, Kinder und die klassische Rollenverteilung stellen das Ende des Weges dar. Der revolutionäre Geist der Wheelers muss an dieser Stelle zu einer blinden und automatisierten Abgrenzung des „Wir sind nicht so wie Die!“ verkommen, ist also nicht mehr als eine verlogene Metapher der Scheinheiligkeit, die spätestens mit der dritten Schwangerschaft, zumindest von April als eben diese Lüge enttarnt wird.
„Zeiten des Aufruhrs“ ist von Sam Mendes mit der gleichen Perfektion inszeniert, wie auch schon seine früheren Werke, und setzt noch mehr als seine anderen Filme auf die erzählerische Stärke seines Ausgangsstoffes. Die ruhigen, melancholischen und ganz und gar wunderbaren Klavier-Anschläge der musikalischen Untermalung von Thomas Newman fügen sich in den sehr gesetzten Grundton des Films ein und erinnern wohl nicht von Ungefähr an Sam Mendes „Road to Perdition“. Und auch wenn „Zeiten des Aufruhrs“ natürlich zuvorderst ein Film über eine ganz spezifische Periode ist, ist der Film doch in seiner letztlichen Intention universell veranlagt: Ob man sein eigenes Leben, vielleicht sogar seine Gewöhnlichkeit, zu akzeptieren lernt, ob man den Mut hat aus eingefahrenen Bahnen auszubrechen, oder ob man sich gar bis zu seinem letztem Tag etwas vormacht, ist ein äußerst schmaler Grat und letztlich eine menschliche Konstante. Das Ergebnis aber, dies ist gewiss, ist Ungewiss und eben auch oftmals tragisch. - Fazit: 8 von 10 Punkten.
Quellennachweis: Abbildungen aus "Zeiten des Aufruhrs". © BBC Films, DreamWorks Pictures, Evamere Entertainment, Goldcrest Pictures, Neal Street Productions, Scott Rudin Productions (uncredited)






8 Kommentare:
lasse mal nen unqualifizierten Kommentar da: 8 von 10 bei dir, du Leo-Hasser, das hätt ich nicht gedacht, dann kann ich mir den ja mit meiner Süßen ruhigen Gewissens angucken gehen
Ich lese Deine Kritik noch nicht, weil die Tage von mir noch ein kleiner Text kommt, aber ich schließe mich den teils recht hohen Wertungen nicht ganz an. Bei mir ists eine 6,5/10
@ MatzeM:
du Leo-Hasser
Das muss ich aber mal ganz entschieden zurückweisen.
@ Kaltduscher:
ich schließe mich den teils recht hohen Wertungen nicht ganz an
Ist erlaubt. ;-) Bin dann mal auf deine Begründung gespannt.
der geistesgestörte Sohn der Nachbarn
Klingt so, als wäre Shannon ein irrer Axtmörder.
Hatte als durchschnittlich Intelligenter mal wieder Schwierigkeiten mit einigen deiner Fremdwörter. Aber das Thema hatten wir ja bereits und ich will da nicht verlangen, dass du deinen eigenen Intellekt unter Wert verkaufst. Nur anmerken wollte ich es.
Klingt so, als wäre Shannon ein irrer Axtmörder.
Stimmt, ist abgeändert. ;-)
Zu den Einsatz (vielleicht) unnötiger Fremdwörter: Ja, ich pflege zum Teil einen sehr kontruierten Sprachstil, der mit Sicherheit nicht immer von Nöten ist. Und ich habe mich diesmal auch wirklich bemüht es nicht zu übertreiben, was ich manchmal (durchaus bewusst) ganz gerne tue (und das hat auch ganz bestimmt nichts mit Intellt zu tun, höchstens mit Profilierung) Ich habe den Text mal entsprechend abgeändert. Vielleicht gefällt er so ja besser... Aber, hey: Immerhin hatte ich diesmal kein "diametral" drin...;-)
Wollte damit nicht zum Ausdruck bringen, dass du deinen Text "verdummen" sollst, nur damit ich ihn verstehe.
Nein, ich glaube auch nicht, dass der Text jetzt "verdummt" ist, ich hoffe einfach, dass er nun nicht mehr so aufgesetzt wirkt. Im Zentrum meiner Rezension soll ja auch der tolle Film stehen (Von dem ich ja nicht ablenken möchte) und nicht meine Schreibe. ;-)
Weniger ist mehr, ja. (sagt der richtige, ich weiß^^)
Schöner Schlusssatz, finde ich. Nur solltest du den Text noch mal einer Rechtschreibprüfung unterziehen. ;)
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