

Passt ein Märchen wie "Benjamin Button" in die Reihe Ihrer düsteren Thriller?“ - Eine interessante und richtige Frage, die David Fincher im Verlauf des Interviews mit der Süddeutschen Zeitung gestellt worden ist. Eine Frage, die deshalb so wichtig ist, weil sie in nur einem Satz die suggestiven Erwartungen verdichtet, die Connaisseure des kreativen Schaffens Finchers, der in der künstlerischen Beurteilung seines Oeuvre wohl eher als Auteuer und weniger als rein exekutiver Handwerker verstanden werden muss, mit diesem mittlerweile assoziieren und dementsprechend gerne mit dem Adjektiv des fincheresquen belegen. David Fincher also verstanden als ein Mann, dessen stringenter und handwerklich perfekter Inszenierungsstil in gewisser Weise auch immer, zumindest muss es diesen Eindruck erwecken, eine Aura des Gefühlskalten evoziert. Und in der Tat, Sentimentalitäten jeglicher Couleur waren Finchers Sache bislang nicht, beinhalteten ein großer Teil seiner bisherigen Werke doch auch immer eine zutiefst pessimistisch konnotierte Seite höchst dekonstruktivistischer Natur.
So setzte Fincher Serienkiller-Thriller „Sieben“ nicht nur auf der formal-narrativen Ebene der handwerklichen Inszenierung Maßstäbe, sondern richtete sich in der Metaebene dezidiert gegen unsere Gesellschaft, der ein Spiegel mit erschreckendem Bildnis vorgehalten wird. „Sieben“ endet in so eindeutiger und verstörender Eindringlichkeit, dass der letztendliche Flügelschlag des Optimismus („Ernest Hemingway once wrote, "The world is a fine place and worth fighting for." I agree with the second part.“), der schon zuvor so grandios scheitern musste, nicht mehr als eine zweifelnde Metapher sein kann. Selbst „Zodiac“, David Finchers zweitem Film im Serienkiller-Genre, kann sich der Lesart des Düsteren nicht versagen, geht doch auch in diesem Fall das Leben des Protagonisten auf der Jagd nach dem Verbrecher in die Brüche. Und auch in der subversiven, satirisch angehauchten Parabel auf die unerträgliche Beliebigkeit normierter westlicher Wohlstandsgesellschaften, in denen sich jeder Einzelne durch das Versprechen materieller Befriedigungen dem Diktum des kapitalistischen Marktes unterwirft, die „Fight Club“ ohne jeden Zweifel ist, spricht ein fast animalischer Pessimismus: Der Ausbruch aus dem Gefängnis der Beliebigkeit kulminiert in totalitaristischen Strukturen, die das bewusste Erleben der eigenen Vitalität und Existenz nur durch Gewalt und Schmerz erfahrbar werden lässt.
Und nun also „Der seltsame Fall des Benjamin Button“, der mit den bisherigen künstlerischen Schaffens David Finchers auf Grund seiner verträumten und märchenhaften Perspektive doch so gar nichts gemein zu haben scheint, obschon Fincher selber der Meinung ist, dass „Benjamin Button“ gar nicht so anders als seine bisherigen Filme sei. Und in der Tat, betrachtet man nur die Oberfläche man ist geneigt, dem ersten Blick zu folgen, und nicht Fincher selbst, doch der zweite und der dritte Blick gehen tiefer und ermöglichen den Blick auf eine Geschichte der wundervollen Tragik, die bewegend und voller Fantasie ist. Die - zu einer Parabel der Endlichkeit stilisiert - immer noch die Spuren des fincheresquen Pessimismus in sich trägt, diese jedoch in die tröstliche Erkenntnis der Kraft des „Akzeptieren Könnens“ kleidet und in den Kreis des Weltenlaufs einbettet, denn wo es die Krähe des Pessimismus gibt, muss auch der Kolibri des Optimismus existent sein, der in „Benjamin Button“, ganz im Gegensatz zu Finchers bisherigen Filmen, Superiorität zu seinem finsteren Gegensatz genießt: „My name is Benjamin Button, and I was born under unusual circumstances. While everyone else was agin', I was gettin' younger... all alone.“ Fürwahr es ist eine faszinierende Vorstellung, die Scott Fitzgerald in seiner gleichnamigen Novelle entworfen hat, auf der der Film aufbaut, auch wenn die letztendliche filmische Adaption nur noch wenig mit der eigentlichen literarischen Vorlage zu tun hat, dabei aber natürlich das wesentlichste Element übernommen hat: Ein Mensch körperlich geboren als Greis, der fortan rückwärts altert um sein Leben schlussendlich als Kind zu beschließen.
Die Endlichkeit des Seins, sei sie nun Fluch oder Segen, sie ist es die diesen Film dominiert: Sei es durch die bildliche Metapher der rückwärts laufenden Uhr, einst erschaffen von einem blinden Uhrmacher, als materielle Allegorie auf sein Gefühlsleben, wünscht er sich doch nichts mehr als die Rückkehr seines im Ersten Weltkrieg gefallenen Sohnes, sei es durch Benjamin Button selbst (Brad Pitt), dessen innere geistige Uhr vorwärts, die äußere körperliche Uhr jedoch rückwärts läuft, oder sei es durch die im Sterben liegenden Daisy (Cate Blanchett), die ihrer Tochter durch das Tagebuch Benjamins im New Orleans des Jahres 2005 ihre und Benjamins wundersame Lebens- und Liebesgeschichte berichtet, welche in New Orleans im Jahr 1918 an dem Tag ihren Anfang genommen hat, als Benjamin Button unter den bereits erwähnten ungewöhnlichen Umständen das Licht der Welt erblickt. In der Folge wächst Benjamin, von seinem Vater, der sowohl den Tod seiner Frau im Kindbett, als auch das greise Aussehen seines neugeborenen Sohnes nicht verkraften konnte, verstoßen und an der Schwelle eines Altenpflegeheims abgelegt, in der Obhut der großherzigen Betreiberin des Heims (Taraji P. Henson) auf. Dort lernt er eines Tages Daisy, die Enkelin eines der Heimbewohner kennen und während Beide in der Folge zunächst unterschiedliche Pfade einschlagen, so bereist Benjamin an Bord eines Schleppers die Meere und Daisy wird eine berühmte und erfolgreiche Balletttänzerin, werden sich ihre Wege im Laufe der Jahre doch immer wieder kreuzen.
Für nicht weniger als 13 Oscars wurde „Benjamin Button“ nominiert und es scheint quasi unvorstellbar, dass der Film in den technischen Kategorien nicht als Sieger vom Platz gehen wird, nicht umsonst galt Fitzgeralds Novelle lange Zeit auf Grund ihrer Konzeption als unverfilmbar, mussten doch die verschiedenen Stadien der Alterung des Protagonisten über die Jahrzehnte glaubhaft dargestellt werden, sollte der ganze Ansatz nicht von Vornherein der Lächerlichkeit preis gegeben werden. Dieses Problem ist nunmehr im Zeitalter der digitalen Technik nicht länger virulent, die künstliche Alterung und Verjüngung von Brad Pitt wird in „Benjamin Button“ zu einer Manifestation technischer Brillanz, die zu erstaunen und beeindrucken weiß, sich dabei doch nicht mehr als gebührlich in den Vordergrund drängt, hat der der Film doch seine stärksten Momente in den Szenen wo sich Daisy und Pitt vom Alter her körperlich angeglichen haben, so dass die Technik in diesen Szenen den Hintergrund treten kann. Doch bis es soweit ist, ertappt sich der Zuschauer ein ums andere mal, wie er völlig fasziniert dem jungem alten Brad Pitt ins Gesicht schaut, wie auch überhaupt der Film gewissermaßen in zwei Teile zerfällt. Ist es zunächst eine Groteske, die ihren Humor aus dem Zeigen der etwas anderen Schwierigkeiten des Aufwachsens von Benjamin bezieht und die Tragik, die eigentlich dahinter steht, erst mal nur behutsam andeutet, werden sich die Gewichte in der Folge gehörig verschieben, bis hin zu dem unvermeidbaren Ende.
Sicher, wer latente Parallelen zu „Forrest Gump“ festzustellen vermeint, der liegt ganz sicher nicht verkehrt, schrieb doch Eric Roth eben nicht nur das Drehbuch zu Gump, sondern eben auch zu „Benjamin Button“. Und so wird der Film auch in diesem Fall durch die Augen der Hauptfigur erzählt, dessen Leben in Form kaleidoskopartiger Ausschnitte verschiedener Erlebnisse gezeigt wird, die nicht drauf abzielen eine wahre Realität wiederzugeben, sondern vielmehr die vielleicht sogar etwas naive Sicht des Benjamin Button auf die Dinge der Welt widerzuspiegeln. Es sind jene Szenen auf den Meer, in der russischen Kälte mit Elizabeth Abbott (Großartig: Tilda Swinton) und später wieder in seiner Heimat, in denen sich Fincher inszenatorisch im Hintergrund hält, in denen der Effekt unbedeutend wird, in denen der Film von einer fast poetischen und nuancierten Ruhe getragen wird, die zum magischen Filmmoment wird. Die Liebe und der Tod, sie gehören zusammen, das ist nichts Neues, aber das gilt vor allem auch für diesen Film, der diesen Aspekt geradezu verschärft. Es wird viel gestorben in diesem Film, oftmals stilisiert und begleitet von Benjamin, der - im Altersheim aufgewachsen - schon früh lernen musste, was es bedeutet Abschied zu nehmen. Der dazu verdammt ist, dass er Menschen, die ihn sein Leben lang begleiteten, verliert, während er immer jünger wird. Das ihm und Daisy nur eine schmales Zeitfenster der wahrhaftigen Zweisamkeit vergönnt ist, befinden sich doch beide auf entgegengesetzten Fahrtrichtungen des Lebens, ist voll der Tragik, driften doch die beiden Enden der Scheren nach der einen, gleichen und mittleren Phase des Lebens wieder unbarmherzig auseinander. Vermag es da Wunder nehmen, dass die gemeinsamen Szenen zwischen Benjamin und Daisy voll des Glücks nicht auch immer eine gewisse Traurigkeit in sich tragen? Nichts währt endlich, eine Lektion die Benjamin schon früh in seinem ungewöhnlichen Leben lernen musste, der sein Schicksal, und das ist der Schlüssel, jedoch zu akzeptieren lernt (auch weil er es niemals Anders kannte).
„Der seltsame Fall des Benjamin Button“ ist ein wunderbar melancholischer Film mit zutiefst traurigem Grundtenor, dem Hoffnung jedoch nicht fremd ist. Keinesfalls. Eine Parabel über die Vergänglichkeit der Zeit, das Altern, den Verlusten, die das Leben mit sich bringen. Aber natürlich auch eine große Geschichte über eine zeitlose Liebe zwischen Benjamin und Daisy, die diesen Film in seinem selbst gesponnenen und dichtem Bedeutungsgewebe dominiert und trägt und somit zum Mittler der Geschichte wird. Ein Film der, die nötige Fantasie vorausgesetzt, ein Großer ist, weil er weiß das seine ruhige Bedächtigkeit Stärke ist, nicht Makel. Getragen von zwei wunderbaren Schauspielern, Brad Pitt in seiner dritten Zusammenarbeit mit David Fincher und einer bezaubernden Cate Blanchett, eingehüllt in eine Aura der Würde und Schönheit, erhebt sich „Benjamin Button“ zu voller Größe. Wenn zur Mitte des Film Daisy in einem rotem Kleid für Benjamin im Licht der Sterne tanzt, so wunderschön, bewegend und traurig zugleich, dann ist das einer jener Momente voller Magie, in denen der Film, der doch vor allem von der Endlichkeit der Zeit berichtet, schlussendlich zur Unendlichkeit des singulären Augenblicks findet. - Fazit: 9 von 10 Punkten.
Quellennachweis: Abbildungen aus "Der seltsame Fall des Benjamin Button". © 2008 Warner Bros. Ent.






12 Kommentare:
"Eine Frage, die deshalb so wichtig ist, weil sie in nur einem Satz die suggestiven Erwartungen verdichtet, die Connaisseure des kreativen Schaffens Finchers, der in der künstlerischen Beurteilung seines Oeuvre wohl eher als Auteuer und weniger als rein exekutiver Handwerker verstanden werden muss, mit diesem mittlerweile assoziieren und dementsprechend gerne mit dem Adjektiv des fincheresquen belegen."
Na dann. ;-)
Ansonsten: Deinem letztendlichen Fazit kann ich, wie man meiner Kritik ja entnehmen kann, nicht zustimmen. Ich behaupte einfach mal, ich besitze Fantasie (was du ja voraussetzt), doch grade den Szenen, die du hervorhebst, konnte ich nichts abgewinnen. Wie Daisy für Benjamin im Mondlicht tanzt - ja, das könnte ein Moment voller Magie sein, wäre Daisy nicht diese unsympathische Ziege, die, wenn ich mich da richtig erinnere, zu dem Zeitpunkt des Films doch nur mit ihm in die Kiste will.
Vielleicht habe ich die Grundaussage des Films nicht verstanden, den tieferen Sinn einzelner Szenen (beispielsweise im Hotel in Russland), doch würde das nur bestätigen, was ich schon weiß: Kein Film für mich.
"„Der seltsame Fall des Benjamin Button“ ist ein wunderbar melancholischer Film mit zutiefst traurigen Grundtenor, dem Hoffnung jedoch nicht fremd ist"
Komischer Satz.
Stimme dir in vielen Punkten gar nicht zu. Fincher hätte den pessimistischen Grundton beibehalten müssen, die seine anderen Werke bestimmen.
Ansonsten: Langsam schreibst du mir zu geschwollen ;-) Nichts für ungut.
Ansonsten: Langsam schreibst du mir zu geschwollen ;-) Nichts für ungut.
Ohja, wie Flo schon mal schrieb, bei Dir fühlt man sich immer ungebildet. Aber es war schon schlimmer ;)
Deiner Kritik stimme ich in den meisten Punkten natürlich nicht zu, aber das wirst Du Dir sicherlich denken können ;)
Wow das ist aber eine positive Kritik. Bis jetzt hab ich eigentlich immer das Gegenteil gelesen. Anscheinden muss ich mir nächstes wochenende meine eigene Meinung bilden in dem Kino meines Vertrauens :D
@ Xander81:
unsympathische Ziege
Du arme Seele in Not. ;-)
@ Kaiser_Soze:
Nichts für ungut.
Kein Problem, kann ich mit Leben... ;-)
Fincher hätte den pessimistischen Grundton beibehalten müssen, die seine anderen Werke bestimmen.
Das mag ein Faktor dafür sein, warum dir der Film nicht gefällt, bzw. warum du zu diesem keinen Zugang findest. Nur, finde ich es gewissermaßen Fincher gegenüber unfair, ihn für seinen Wandel (Und für mich findet sich auch in Benjamin Button noch eine Note Pessimismus) quasi per se zu kritisieren.
@ Kaltduscher:
Aber es war schon schlimmer ;)
Das meine ich aber auch. ;-)
@ All: "Benjamin Button" ist für mich einer jener verträumten Filme, die im "objektiven" Sinne ganz besonders schwer zu rezensieren sind. Entweder man findet Zugang zu dem Film, oder aber eben nicht (Was schade ist). Gleichwohl: Ich bin immer noch davon überrascht, dass der Film in der mir bekannten Bloggerszene doch so tendenzell negativ besprochen wird.
@ C.H: Arme Seele in Not? Ne, nicht wirklich.
Was deinen letzten Absatz betrifft: Geschmäcker sind halt verschieden - und bei so einem Film scheint wirklich zu gelten: Man mag ihn, oder eben nicht.
du arme Seele in Not, da muss ich an Arielle und die Hexe Ursula denken XD
Film nicht gesehen, daher keine Meinung.
Die Szenen in der UdSSR waren mir selbst dann doch zu ruhig und den Tanz von Daisy fand ich im Gegensatz zu manch anderem Moment nicht unbedingt magisch. Aber ansonsten stimme ich vielen Aspekten zu.
@C.H.
Wenn das nur das einzige wäre, das ich zu kritisieren hätte. ;)
Auweia. Die Szene, wo Daisy für Benjamin tanzt ist schön, stimmt, aber ich hab da nichts trauriges oder dergleichen gefühlt. Schade eigentlich...und ich dachte ich wär ein emotionaler Mensch ;D
(merk gerade: hab wohl eine ähnliche Einstellung wie Xander81 :D Daisy ist doch n notgeiles Weib, das den alten Greis in Benjamin "klar machen" will XD)
Und deine Rezension ist super geschrieben! Find irgendwie den ersten Satz im vierten Abschnitt erwähnenswert ;)
Ja, finde ich auch schade. Tortzdem danke... ;-)
Eine sehr schöne Kritik, der ich nur zustimmen kann. Auch ich fand übrigens die beständigen Vergleiche zu "Forrest Gump" etwas überstrapaziert. Da kann man auch sagen "GoodFellas" und "Es war einmal in Amerika" erzählen die gleiche Geschichte.
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