Rezension: "Milk"










Die Geschichte wiederholt sich nicht“ ist wohl einer der geflügelten Sätze, die auch Nicht-Historikern bekannt sein dürften. Mal ganz unabhängig von der Frage ob man diesem Satz zustimmen möchte oder nicht, verbindet sich mit diesem aber ganz ohne jeden Zweifel die Hoffnung, dass der Mensch und die Gesellschaft aus ihren Fehlern lernt. Geschichte, hier im Sinne negativer Erfahrungen und dunkler Kapitel der Menschheit, wiederholt sich nur dann, wenn man bereits begangene Fehler zum wiederholten Male begeht. Im letztem Jahr kam es in Kalifornien zur Verabschiedung des sogenannten „Antrag 8“, der es Homosexuellen untersagt untereinander zu heiraten. 30 Jahre zuvor gab in den USA Bestrebungen homosexuelle Lehrkräfte, sowie deren Unterstützer aus den Schulen zu entfernen, um zu Verhindern das diese ihre sexuelle Orientierung auf die ihnen anvertrauten Schutzbefohlenen weitergeben. Diese Annahme paranoider und reaktionärer Konservativer ist natürlich hanebüchener Unsinn und der „Antrag 6“ wurde in der Folge von den Bürgern Amerikas auch mehrheitlich abgelehnt und trotzdem muss dieser Sieg gerade in Anbetracht der Entscheidung zum „Antrag 8“ 30 Jahre später ein wenig fahl schmecken. Immer noch werden Homosexuellen, so wie vielen anderen gesellschaftlichen Gruppierungen auch, Ressentiments entgegengebracht, die sich aus einem konservativ-religiösen und oftmals eben auch reaktionären Weltbild mit fundamentalistischem Anstrich speisen. Und auch wenn gerade der europäische Blick in die USA nur zu gern mit einer an die eigene Überlegenheit aufgeklärter Werte glaubenden hochgezogenen Augenbraue versehen wird, sollte man sich nicht davon täuschen lassen, dass es auch in Europa und in Deutschland noch weit hin ist zu jenem Idealtypus Toleranz, den es letztendlich zu erstreben gilt.


Die Freiheitsbewegung der Farbigen in den USA, die Emanzipation, oder aber eben auch die Homosexuellen-Bewegung, all dies sind Beispiele dafür, dass der Kampf um Gleichberechtigung und Toleranz ein Ständiger ist, der immer wieder seine Opfer fordert, der aber zwingend geführt werden muss - Und von diesem Kampf erzählt „Milk“. Regisseur Gus Van Sant thematisiert in diesem Bio-Pic somit das Leben von Harvey Milk (Sean Penn) und dessen Kampf um die sogenannten „Gay-Rights“ in Kalifornien und den USA in den siebziger Jahren. Harvey Milk, der schließlich 1977 als erster bekennende Homosexueller in den Stadtrat von San Francisco und damit in ein wichtiges öffentliches Amt gewählt wurde, ist somit das zentrale Element des Films. Doch wie so oft in der Geschichte ist auch Harvey Milk ein tragischer Held, so wurde er 1978 von seinem ehemaligen Kollegen Dan White (Josh Brolin), der kurz zuvor von seinem Amt zurückgetreten war, ebenso erschossen wie auch der Bürgermeister der Stadt. Doch damit nicht genug, endete der Prozess gegen White mit einem skandalösen Urteil, welches auf Totschlag und nicht auf Mord lautete. Die Verteidigung hatte argumentiert, dass White auf Grund eines durch den Konsum von Fast Food induzierten Zuckerschocks nicht mehr voll zurechnungsfähig gewesen sei, und das Gericht gab dieser Verteidigungs-Strategie statt.


Gus Van Sant beschränkt sich in seinem Film auf die Jahre 1970-1978 und somit im Grunde auf die politisch relevanten Jahre in Milks Leben. Seine Vorgeschichte bleibt hingegen blass und weitestgehend unbeleuchtet. Und auch wenn diese enge zeitliche Fokussierung natürlich die Charakterisierung von Milks Person erschweren muss, ist diese Perspektive auf Grund der Intention des Films, der zu einem Plädoyer für den Kampf für die eigenen Rechte aufruft, durchaus legitim. In kurzen, aber eindrucksvollen Episoden gelingt es Van Sant schnell auf erzählerisch und inszenatorisch überzeugende Art und Weise die soziostrukturellen Hintergründe der amerikanischen Gesellschaft in den siebziger Jahren zu skizzieren. Unterdrückung, Diskriminierung und Verfolgung von Menschen, die auf Grund ihrer sexuellen Orientierung dann eben offenbar doch nicht so gleich sind wie alle Anderen, werden von van Sant mit sicherem Gespür für die wirkungsvolle und dabei manchmal wunderbar ironische Symbolik thematisiert. Dies alles versieht Van Sant immer wieder mit bewegten Bildern aus der Zeit, die den dokumentarischen Anspruch des Streifens noch verstärken. Herausgekommen ist ein Film, der ohne jeden Zweifel nicht nur ein unterhaltsamer Film ist, sondern eben auch das Recht für sich beanspruchen kann ein wichtiger Film zu sein, aus dem es Lehren zu ziehen gilt. „Milk“ ist nach „Brokeback Mountain“ der zweite Film innerhalb weniger Jahre der sich dem Topos der Homosexualität widmet und der dafür für den Oscar für den besten Film nominiert worden ist. Doch wo sich Ang Lee in seinem Western-Drama dafür entschieden hat mit dem aufrüttelndem und mutigem Bekenntnis zur Bitterheit ein Bild zweier Liebender zu skizzieren, die aus der von der Gesellschaft geschaffenen Hölle aus pejorativen Moral- und Wertvorstellungen nicht ausbrechen können, zeigt Van Sant in seinem Film umso deutlicher wie wichtig es ist, sich nicht nolens volens in eine von außen a priori vorgegebene Rolle zu fügen, sondern viel mehr „die Schranktüren zu öffnen“ und für seine Sache einzustehen. In gewisser Weise stehen somit „Brokeback Mountain“ und „Milk“ in einer wechselseitigen Beziehung zueinander, die in ihrer Summe eine noch vielschichtigere Perspektive auf das Thema bieten können, als wenn man sie separiert von einander betrachtet.


Die Seele des Films ist natürlich Sean Penn, der die Rolle des liebenswerten und politisch engagierten Protagonisten mit absolut beeindruckender Präsenz verkörpert. Sein abgestimmtes und nuanciertes Spiel, dass sich der jeweiligen Situation mühelos anpasst, muss als außergewöhnlich bezeichnet werden. Dabei ist sein Harvey Milk, im politischem wie auch im privatem Sinn, kein undifferenziert leuchtender Held: Die nicht immer sauberen Schachzüge und Methoden der Politik hat er schnell und rigoros adaptiert, seine privaten Beziehungen sind immer wieder zum Scheitern verurteilt. Penn spielt hier somit einen Menschen, der eben nicht völlig frei von Fehlern ist und alles andere würde „Milk“ auch nicht gut zu Gesicht stehen. Gleiches gilt für Brolin, der ebenso wie Milk von der klugen Entscheidung der Verantwortlichen profitiert, dass seine Rolle des Dan White mit der nötigen Ambivalenz ausgestattet worden ist: Weder irrer und verblendeter Killer, noch bornierter Fanatiker, ist er vielmehr eine kompliziert anmutende Persönlichkeit, die sich jedweder vorschnellen schwarz-weiß Zeichnung versagt und somit die Chance eröffnet einen Film voll Tragik und Relevanz zu erzählen. Es ist diese Mixtur aus ansprechender Inszenierung mit dem Sinn für die gekonnt platzierte Symbolik, hervorragenden Schauspielern, sowie der Nachzeichnung einer politisch brisanten Epoche, die immer noch relevant ist, die „Milk“ zu einem ausgezeichneten Drama werden lässt, dass in seiner grundlegenden Intention noch dazu universell verstanden werden muss: Kämpfe für deine Rechte! - Fazit: 8 von 10 Punkten.


Quellennachweis: Abbildungen aus "Milk". © Constantin Film


5 Kommentare:

Flo Lieb hat gesagt…

Wie ich neulich in ähnlicher Form schon bei moep0r schrieb: Danke für das Wort “Ressentiment”, das hab ich (leider) schon lange nirgends mehr gehört.

tumulder hat gesagt…

Sehr gut.

lalia hat gesagt…

wolltest du nicht noch was über die Oscars schreiben?
Immerhin hätte es auch gleich gepasst, da ja Sean Penn als bester Hauptdarsteller ausgezeichnet wurde ^^

C.H. hat gesagt…

Ne, also nen eigenen Post zu den Oscars werde ich hier nicht verfassen. Macht sowieso jeder. ;-) Aber kann ja mal an dieser Stelle ein kurzes Fazit liefern: Sean Penn hat es natürlich mehr als verdient. Seit ich "Milk" gestern gesehen hatte, wusste ich das es eng wird für Rourke. Schade ist es trotzdem ich hätte es Mickey so gegönnt. Kate Winslet ist für mich die einzige richtige Wahl gewesen, wenn auch wahrscheinlich für den falschen Film ausgezeichnet. Penelope Cruz geht in Ordnung, ebenso wie der Oscar für Heath Ledger. Großer Gewinner mit 8 Oscars ist natürlich "Slumdog Millonair". Mal sehen ob der wirklich so gut ist, wie es nun den Anschein hat. Der große Verlierer des Abends war dann (nicht unerwartet) "Benjamin Button". Ansonsten war es eine Verleihung, die ihren Höhepunkt am Anfang hatte und dann ohne große Überraschungen ihren Lauf genommen hat.

lalia hat gesagt…

Danke ;)
ja, die Preisträger waren wohl nicht so überraschend, aber die Musical Showeinlagen, die würden mich ja interessieren ^^ und die Laudes würden mich auch interessieren, und hach, noch so viel mehr. hätte ich doch die Nacht durchgemacht *mist*

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