

If you've ever seen a one trick pony then you've seen me
Have you ever seen a one-legged dog making its way down the street?
If you've ever seen a one-legged dog then you've seen me.“
Das Flüstern der Geister längst vergangener Zeiten dominiert die ersten Bilder und Minuten in „The Wrestler“. Sie erzählen eine Geschichte von Ruhm, Ehre, Anerkennung und Triumphen. Sprachfetzen von aufgeheizten Kommentatoren und Zuschauern, große Titelstorys in überregionalen Zeitungen, beeindruckende Fotos mit Siegesposen – Ein Leben in Bildern. Das diese Collage der Vergangenheit von Randy „The Ram“ Robinson (Mickey Rourke), von Darren Aronofsky mit bemerkenswerter Ruhe eingefangen, längst zu einem vergessenen Echo der Geschichte verkommen ist, die nur noch von Randy selbst tief in seinem geschundenem Herzen getragen wird, daran ist vorm ersten Augenblick an nicht zu zweifeln. Die Bürde eines verbrauchten Lebens, sie wiegt schwer auf den breiten Schultern jenes abgehalfterten Wrestlers, von dem dieser Film erzählt. Ein Mann, der sich in den Achtzigern auf dem Höhepunkt seines Lebens befand, doch diese Tage sind längst vorbei. Mittlerweile ist er in einem Wohnwagenpark innerhalb jenes sozialen Milieus angelangt, welches man gemeinhin als White Trash bezeichnet. Was der Zuschauer von Randy zu sehen bekommt, ist ein Wrack. Ein abgehalfterter Klumpen von zuckendem Fleisch, mit Narben übersät. Ein Körper, der durch den jahrelangen Missbrauch von Stereoiden und Anabolika zugleich aufgepumpt und zerstört ist. Zu seiner Tochter (Evan Rachel Wood), die er ein Leben lang vernachlässigte, hat er keinen Kontakt. Er ist allein. Seine Familie ist das Wrestling, sind die Zuschauer, die ihn einst zum größtem Wrestler überhaupt machten, die ihn liebten, die ihm zu Füßen lagen. Es sind jene Momente des kurzen Rausches, der Bestätigung und Anerkennung durch sein Publikum, von denen Randy nicht lassen kann und warum er nun, weit über 40, seinen Körper immer noch zu Markte trägt. Das er sich dabei nicht schont, seinen Körper bis zum Äußersten malträtiert und quält, dankt ihm dieser eines Tages mit einem Herzinfarkt. Eine Notoperation rettet ihm zwar das Leben, doch die Diagnose ist niederschmetternd: Nie wieder Wrestling.
„Then you've seen me, I come and stand at every door
Then you've seen me, I always leave with less than I had before
Then you've seen me, bet I can make you smile when the blood, it hits the floor
Tell me, friend, can you ask for anything more?
Tell me can you ask for anything more?“
Dass sich das Wrestling vor allem in den USA einer riesigen und anhaltenden Beliebtheit bei den Massen erfreut, ist bekannt. Eine Sportart, die zuvorderst eine große Show ist, bei der der Ausgang der Kämpfe im Vorfeld bereits festgelegt ist und gezielt Story-Lines entwickelt werden um die Zielgruppe zu unterhalten. Darren Aronofsky wirft in „The Wrestler“ einen behutsamen, aber nicht sentimentalen Blick auf die Branche. Er zeigt die Kameradschaft unter den Kämpfern, die sich gegenseitig respektieren, wissen sie doch alle um die Qualen und Risiken, die sie bereitwillig auf sich nehmen um den Fans eine große Show zu liefern. In der Tat: „Tell me, friend, can you ask for anything more?“ - denn auch wenn der Ausgang der Kämpfe und einige Aktionen gefaked sind, vieles andere ist eben nicht. „The film is very clear that wrestling is staged, but is it fake when you're a 260-pound guy jumping 10 feet onto a concrete floor?“ hat Aronofsky selbst zu diesem Thema gesagt. Und so ist seine Kamera auch unerbittlich nah dran, wenn sich diese modernen Gladiatoren mit Tischen, Stacheldraht, Glasscheiben und Tackern malträtieren, so dass sie nach dem Kampf von den Ärzten jedes mal aufs Neue zusammengeflickt werden müssen. Nicht weniger eindrücklich der Blick des Films auf diejenigen alten Kämpfer, die ihr Wrestling-Leben bereits hinter sich gebracht haben und noch einen Schritt weiter sind als Randy selbst. Bietet „The Wrestler“ somit einen ungewöhnlichen und bislang wenig thematisierten Blick auf das professionelle Wrestling, löst er sich in seiner Intention natürlich von dieser spezifischen Sportart und kann als universelle Parabel auf die Droge nach Anerkennung und der Sehnsucht nach Ruhm verstanden werden. Einem Gefühl, dem nicht Wenige bis zum Ende ihres Lebens hinterher jagen werden.
„Have you ever seen a scarecrow filled with nothing but dust and wheat?
If you've ever seen that scarecrow then you've seen me
Have you ever seen a one-armed man punching at nothing but the breeze?
If you've ever seen a one-armed man then you've seen me.“
Darren Aronofsky ist mit seiner Kamera stets ganz dicht dran an seinem gefallenem Helden, zeigt diesen ohne ihn vorzuführen. Zeigt seine drittklassigen Kämpfe in stinkenden Hallen. Zeigt die Schmerzen des alten Mannes, der sich nur noch mühsam in Form bringen kann, bis sein Körper ihm den Dienst versagt. „The Wrestler“ erzählt eine Geschichte voller Tragik, in der zu Hoffen zwar erlaubt ist, doch letztendlich eine Utopie bleiben muss. Randy, dieser im Herzen gutmütige Riese, der im Leben verloren scheint und seine Sicherheit nur im Ring finden kann, hat nur scheinbar die Wahl. Für kurze Zeit versucht er sich an einem Leben abseits des Rings, der für ihn die Welt bedeutet. Verkauft Delikatessen in einem Supermarkt und unterhält die Leute dabei mit dem ihm eigenen Charme. Versucht den Kontakt zu seiner Tochter Stephanie wiederherzustellen und findet letztendlich ein wenig Halt und Zuneigung bei der Stripperin Cassidy (Marisa Tomei). Schnell wird deutlich, dass die sich die Beziehung zwischen Beiden nicht nur im geschäftlichen Licht der Bühne abspielt, sondern das sich beide verbunden fühlen. Die Stripperin und der Wrestler. Zwei im Geiste Verwandte, gehen sie doch beide einem Job nach, in dem die biologische Uhr unbarmherzig tickt. Das mögliche Glück, es scheint so nah und ist gleichzeitig doch so fern. Zu tief sind beide in ihren Welten mit ganz spezifischen Regeln verwoben, als das sie den Mut und die Fähigkeiten hätten, dieses Netz zu zerstören und endgültig aufeinander zuzugehen. Dies gilt insbesondere für Randy, dessen Scheitern im Leben eine ewig währende Konstante zu sein scheint, während Pam, wie Cassidy abseits der Bühne wirklich heißt, ihr reales Leben inklusive Sohn auf die Reihe bekommt. Nein, Aronofsky erzählt mit „The Wrestler“ weder eine sonderlich originelle noch einzigartige Geschichte. Doch hat er den Mut den Weg zu Ende zu gehen. Er tut dies mit Ehrlichkeit, Zurückhaltung und dem nötigen Gespür für seine Figuren. Niemals ist man versucht über diesen verbrauchten Wrestler zu lachen, niemals ist man diesem Mann fremd. Seine zaghaften und unbeholfenen Versuche sein Leben in den Griff zu bekommen, sind voll emotionaler und anrührender Intensität. Dieser Film braucht den Begriff „Meisterwerk“ nicht. Er ist Kleinod des Kinos.
„Then you've seen me, I come and stand at every door
Then you've seen me, I always leave with less than I had before
Then you've seen me, bet I can make you smile when the blood, it hits the floor
Tell me, friend, can you ask for anything more?
Tell me can you ask for anything more?“
Diese emotionale Tiefe ist nicht zuletzt das Verdienst von Mickey Rourke. Jenem gefallenen Helden Hollywoods, der in seiner Karriere vom absoluten Höhepunkt in die tiefsten Niederungen abgestürzt ist. Der seinen Körper im Zuge einer zweifelhaften Karriere als Boxer ebenso ruiniert hat wie Randy, den er in diesem Film verkörpert. Es käme einer Lüge gleich, würde man behaupten, dass die Intensität und Dichte, mit der Rourke diese Rolle spielt, sich nicht auch und vor allem aus der Tatsache speist, dass er in „The Wrestler“ ein Stück weit sein eigenes Leben abbildet. Mit welcher Ehrlichkeit und Aufopferung sich Rourke in dieser Tour de Force selbst entblößt ist bemerkenswert und man kann nur erahnen wie schwer es ihm gefallen sein muss, sein Innerstes in diesem Maße zu öffnen. Hätte Rourke für diese Rolle den Oscar für den besten Hauptdarsteller erhalten, es wäre mit Sicherheit nicht unverdient gewesen. Doch auch die restliche Besetzung des Films spielt auf formidablem Niveau. Die wunderbare Marisa Tomei in der Rolle der feinfühligen und verletzlichen Stripperin und vor allem Evan Rachel Wood, die in nur drei Szenen auftaucht, doch sind dies Szenen in denen einem das Herz schier zerspringen möchte ob des sich abspielenden zwischenmenschlichen Dramas. Letztendlich ist „The Wrestler“ eine bemerkenswerte Studie über einen Menschen, der seinen Weg zu Ende geht, so tragisch dieser auch sein mag. Randy „The Ram“ Robinson geht diesen Weg mit Stolz und voller Passion - Nicht umsonst werden im Film von Aronofsky immer wieder Verweise auf die Passionsgeschichte eingestreut. Die Richtung die Randy einschlagen wird ist, dies ist dem aufmerksamen Zuschauer von Beginn an klar, ist ein Vorbestimmter: Manchen ist das Talent gegeben im Leben zu bestehen, manche leben für die Show. Man wünscht Randy so sehr, dass er die richtige Abzweigung findet, weiß jedoch auch um die Utopie dieser Möglichkeit. Trotz, oder gerade wegen dieses Wissens, tut es so weh Randy auf seinem Weg zu begleiten. Und wenn dieser Film in seinen letzten Momenten noch leiser wird, als er es ungeachtet der abgebildeten Gewalt ohnehin schon war, dann ist das der einzige denkbare Abschluss - „Bring it!“ - Fazit: 10 von 10 Punkten.
„These things that have comforted me, I drive away
This place that is my home I cannot stay
My only faith's in the broken bones and bruises I display.“
Quellennachweis: Abbildungen aus "The Wrestler". © Kinowelt Filmverleih






14 Kommentare:
Dieser Film braucht den Begriff „Meisterwerk“ nicht. Er ist Kleinod des Kinos.
Schöner Satz zu einer wahrlich schönen Kritik zu einem wahrlich schönen Film ;)
Isch han es prophezeit *g*
Have you ever seen a Twix, broken in two halfs?
If you've ever seen a Twix, broken in two halfs,
then you've seen me.
Have you ever seen a bottle, half full of water?
If you've ever seen a bottle, half full of water,
then you've seen me.
Flo, soll ich dir jetzt ernsthaft erklären das dieses Lyrics ganz und gar wunderbare Allegorien auf diesen fertigen, abgehalfterten und zerstörten Wrestler sind, der weitermacht obwohl er nur noch humpelt, ächzt, keucht, und zittert? Du bist doch ein echter Kostverächter, hehe... ;-)
Haste jetzt alle Schokoriegel durch, Flo? :D
@C.H.: Das sind Allegorien auf The Ram? Echt jetzt? Erzähl mir nix, das ist aber eine sehr gewagte Theorie ;)
@Kaltduscher: Eine Milchschnitte ist kein Schokoriegel :P
Mensch, so melodramatisch wie Dein Review ist der Film doch gar nicht.;)
Aber mal was anderes, gilt jetzt nicht unbedingt für das vorliegende Review. Ich finde es ja echt putzig wie die große Gossip-These "Rourke spielt sich selbst" zur Vermarktung des Filmes genutzt und auch in 95% aller Besprechungen aufgenommen wird. Finde ich auch völlig in Ordnung. Nur hat diese Verbindung zwischen Rourke und der Filmfigur einen Haken. Randy hat im Film ja offensichtlich eine wesentlich professionellere Berufsauffassung als Rourke, der schon in den 80ern desöfteren mit dem Ende seiner Schauspielerei kokettierte. Ein Typ der offensichtlich nicht ins Hollywoodbusiness paßte. Als er Anfang der 90er versuchte als Profiboxer Fuß zu fassen und der Boulevard sich einig über seinen Abstieg war, vergaß man zu bedenken, daß Rourke in seiner Jugend eine Karriere als Profiboxer anstrebte, daß dies ein Jugendtraum von ihm war und er ihn sich einfach erfüllen wollte. Knete hatte er dafür ja genug, und ich glaube, daß er schon vor Sin City und The Wrestler keine Probleme hatte die Miete aufzubringen. Aber ein schöner Aufhänger für das Image des Filmes ist der Vergleich allemal.;)
Mensch, so melodramatisch wie Dein Review ist der Film doch gar nicht.;)
Hehe. Na, find ich aber schon, und dein Abschlußsatz ist ja auch nicht gerade Nicht-Melodramatisch. ;-) Vielleicht liegt es aber auch daran, dass ich während des Schreibens nonstop - und Flo bekommt jetzt bestimmt nen Herzkasper :D - den Springteens Song in der Endloswiderholung gehört habe. ;-)
Zu Rourke: Klar, die Paralellen haben ihre Grenzen, und werden jetzt für das Marketing noch dazu künstlich verwischt. Da gebe ich dir völlig recht. Aber Rourke ist imho auch genau deswegen der Richtige gewesen, weil er weiß wie es sich anfühlt im Ring zu stehen, warum man das macht, warum nach Anerkennung durch die Fans strebt. Und ich denke in diesem Punkt sich Rourke und Randy sehr, sehr ähnlich...
Na, find ich aber schon, und dein Abschlußsatz ist ja auch nicht gerade Nicht-Melodramatisch.
Moooment, ich habe da lediglich die deutsche Tagline für korrekt befunden. Love. Pain. Glory. erscheint mir chronologisch nicht korrekt zu sein.;)
kaum ein Film hat doch so offensichtliche Parallelen zwischen Fact and Fiction zu bieten, die auch noch so offensichtlich sind.
Die finanzielle Seite fand ich auch eher zweitrangig, Rourke war ja auch nie weg von der Schauspielerei, nur tauchte er eben in drittklassigen Film und dazu meist in Nebenrollen auf. Von daher passt das schon, die Fallhöhe mag in der Realität eine geringere gewesen sein, nichtsdestotrotz steht ja auch eher der emotionale und auch gesellschaftliche Absturz im Mittelpunkt. Ich meine auch gelesen zu haben, dass Rourke am Drehbuch mitschrieb, was dem ganzen natürlich nochmal eine persönliche Note geben würde.
@ tumulder:
Ok, ich meinte auch den vorletzten Satz: Den mit den über die Augenlidern von harten Kerlen schwappenden Tränen... ;-)
@c.h.
Was ist denn schon ein Satz gegen ein ganzes Review.*gg*
@jmk
Die Parallelen stehen ja außer Frage. Und wie ich schon schrieb gehen die Hinweise darauf auch völlig in Ordnung.
Die Rezension ist weltklasse muss ich schon zugeben. Und selten fand ich einen Film ebenfalls so weltklasse, wie diesen. Angefangen mit Mickey Rourke, als auch den beiden anderen Damen ein super Film.
Sammelt irgendwer ncoh die alten Wrestling-Karten?
Oh, danke, gleich so euphorisch... ;-) Aber die Vorfreude auf dem Film hat sich auch echt gelohnt. Und es war auch wirklich scnhön, dass der in dem kleinem Saal lief...
spring_teen - nice one!
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