Rezension: "Gran Torino"















Meine Rezension zu Clint Eastwoods „Der fremde Sohn“, der als erster der beiden in diesem Jahr unter der Regie von Clint Eastwood anlaufenden Filme in die deutschen Kinos kam, beschloss ich mit den Worten: „[...] machen 'Der fremde Sohn' trotz seiner Schwäche zu seinem sehenswerten Film, der jedoch nicht in der Liga von Eastwoods letzten drei Filmen spielen kann.“ Mit seinem Rassismus-Drama „Gran Torino“ hat Clint Eastwood jetzt nicht nur nachgelegt, sondern noch mal in diesem Jahr ordentlich an der Qualitätschraube gedreht. Es ist ohne Zweifel ein sehr persönlicher Film den Eastwood mit diesem Drama gedreht hat. Ein Film, der mit Sicherheit sein eigenes Leben reflektiert, beziehungsweise seine Sicht auf die Welt, vor allem aber eine Auseinandersetzung mit seinen eigenen Filmrollen ist. Eastwood führt an dieser Stelle den Weg weiter, den er einst im Zuge seines Abgesangs auf das Western-Genre mit „Erbarmungslos“ begonnen hatte. Dort war seine Rolle des Bill Munny eine unverstellte und deutliche Abrechnung mit den Mythen und Idealen seines eigenen Rollentypus, den Eastwood in Leones Spaghetti-Western kultivierte – und die ihn schauspielerisch auch groß machte. Die zweite Rolle, die mit Eastwoods Namen automatisch verbunden wird, ist die des Cops Harry Callahan. So wie auch in Eastwoods Western, ist auch „Dirty Harry“ Sinnbild für die Skepsis an der Funktionalität staatlicher Methoden und in gewisser Weise auch Plädoyer für das über das Gesetzt gestellte, eigenmächtige und gewaltsame Handeln, sofern diese Aktionen einer angeblich gerechten Sache dienen. Oder mit anderen Worten: „Dirty Harry“ kann als Statement für Selbstjustiz gelesen werden. Ein Film, der also in seinen intendierten Werten zutiefst konservativ, manche sagen (zu Recht) reaktionär ist, der aber den schauspielerischen Ruhm von Eastwood zementierte. Und wie schon im Falle von „Erbarmungslos“, scheint Eastwood noch nicht am Ende seiner Beschäftigung mit den eigenen Rollen angekommen. Was Erbarmungslos für die die „Italo-Western“ ist, ist „Gran Torino“ in Bezug auf „Dirty Harry“.


Gran Torino“ erzählt von Walt Kowalski (Clint Eastwood). Einem Veteran des Korea-Krieges, der in Detroit jahrzehntelang für Ford gearbeitet hat, und nicht nur seine geliebte Frau zu Grabe tragen muss, sondern auch noch dem Verfall seines Viertels zusehen muss. Zu seinen eigenen Söhnen hat er ein distanziertes Verhältnis, mit seinen Enkeln und deren modernen Lebensgewohnheiten kann er nichts anfangen. Und so verbringt er die Tage damit, Bier trinkend und Zigaretten rauchend auf seiner Veranda zu sitzen, und sein Viertel zu beobachten. Und was er da sieht, das gefällt dem ausgemachten Rassisten ganz und gar nicht. Das Viertel, durch den wirtschaftlichen Niedergang zusehends verarmt, fällt in die Hände von rivalisierenden Straßen-Gangs. In seiner Nachbarschaft ziehen zu seinem Verdruss asiatische Immigranten ein. Diese „Sumpfratten“, wie er sie voller Verachtung nennt, haben in seinen Augen in seinem Viertel nichts verloren. All seine Vorurteile scheinen zunächst ihre Bestätigung zu finden, als der junge Thao (Bee Vang ) eines Tages im Zuge eines Banden-Rituals versucht Walts geliebten 1972er Ford Gran Torino zu stehlen. Walt kann den Diebstahl verhindern, und als er einen Tag darauf noch die Gang von seinem Rasen vertreibt, die Thao dazu zwingen will, erneut bei ihren Machenschaften mitzumischen, wird er quasi aus Versehen zum Helden seiner neuen Nachbarn, von denen er doch so gar nichts wissen will. Nur die Schwester von Thao, Sue (Ahney Her), vermag zu dem verbitterten alten Mann durchzudringen, so dass Walt mit der Zeit einen Schritt auf die ihm eigentlich verhasste fremde Kultur zugeht.


Die Geschichte, die Clint Eastwood an dieser Stelle erzählt, sie ist eine einfache. Ohne viele Wendungen richtet er den Fokus auf die Figur des Walt Kowalski und damit auch auf sich selbst. Es würde zu weit gehen, diesen Film als totale und ultimative Dekonstruktion des Harry Callahan zu verstehen, noch ist es dessen bloße und plumpe Veralberung. Passender wäre es wohl „Gran Torino“ als Eastwoods gekonnte Ironisierung seines eigenen Filmmythos zu bezeichnen. Eastwood hat offensichtlich noch nicht alles zu seiner eigenen Rolle erzählt und er erzählt es in diesem Film, der somit um einiges persönlicher ist, als es „Der fremde Sohn“ in diesem Jahr war. Dabei ist der eastwoodsche Charakter keinesfalls eindimensional angelegt, sondern viel mehr in seinem Wesen höchst ambivalent, zwischen Rassisten und weichem Kern pendelnd. Der Zuschauer vergisst schnell, und das ist auch ganz eindeutig der gewollten Manipulation von Eastwood geschuldet, wem man da eigentlich seine Sympathien schenkt. Das man sich mit diesem Misanthropen und übelsten Rassisten identifiziert, ist ein Automatismus, dem man sich nur schwer entziehen kann.


Und so gefällt sich Eastwood in der ersten Hälfte damit, sein eigenes Film-Image zu ironisieren, dass es eine wahre Freude ist. Der knurrige Blick, das verbissene und finstere Gesicht. Die stetigen Beschimpfungen und Spitzen gegenüber seinen eigenen Verwandten, dem Pfarrer der sich nach dem Tod von Walts Frau seiner annehmen möchte und vor allem gegenüber den zahlreichen Immigranten im Viertel, verkommen schnell zu Phrasen, deren Ernst duch den bewirkten Humor in den Hintergrund gerückt wird. Und so werden rassistische Beschimpfungen zu kleinen Neckereien unter Freunden, so nennt ihn sein Friseur stets „dreckiger Pollacke“, während Walt diesen als „Spaghetti-Fresser“ tituliert. Das dies ein schmaler Grat ist, dass sich Eastwood in diesem, seinen Film wenig um politische Korrektheit schert, steht außer Zweifel. Gleiches gilt für den Zuschauer, der in diesem Film ob des schrulligen Kowalski häufig und laut lachen wird. Dass dabei über einen Mann gelacht wird, dem Sätze wie "Ich schieß' euch ein Loch ins Gesicht und schlaf' danach wie ein Baby" völlig ernst sind, bleibt in diesem Stadium des Films gekonnt im Hintergrund. Dass sich die zweite Hälfte dann mit der Läuterung dieses Mannes beschäftigt, die Khartasis zum letztendlichen Ende geführt wird, mag man als konstruiert und arg simpel erachten, und ist seiner Dramaturgie ganz sicher nicht besonders innovativ, doch ist es letztendlich das, was Eastwood mit diesem Film sagen möchte: So ist „Gran Torino“ in seiner Intention eben auch Absage an die Ideale eines Callahan. Die martialische und selbstlegitimierte Geste des bewaffneten Mannes verkommt zu einer mit Trommelwirbeln unterlegten ironisierten Metapher. Die Gewalt, die Kowalski in diesem Film eigenmächtig für eine gute Sache einsetzt, schlägt voll auf die zurück, die er schützten wollte. Kowalski kommt mit den Methoden eines „Dirty Harry“ nicht zum Ziel – Was du sähst, wirst du ernten – sagt Eastwood in diesem Film. Am Ende rüstet sich der alte Haudegen zum letztem Gefecht. Doch in „Gran Torino“ sind es am Schluss die staatlichen Institutionen, die gebraucht werden, um der Situation Herr zu werden.


Eastwood spielt seine Rolle mit einer Eindringlichkeit, die an der Wichtigkeit, die er „Gran Torino“ offensichtlich selber beigemessen hat, keinen Zweifel lässt. Eine ganze Reihe unbekannte Darsteller, allen voran natürlich Bee Vang und Ahney Her, helfen dem Film über seine eigentlich einfache Handlung, und verschafft ihm eine Komplexität, die dem Thema Rechnung trägt. „Gran Torino“ ist ein Film, der in seinem Inszenierungsstil für einen Eastwood im Vergleich zu seinen letzten Werken, relativ locker ist, dabei jedoch viel zu sagen hat: „Gran Torino“ wirft einen ehrlichen Blick auf das heutige Amerika. „Gran Torino“ nimmt sich der Problematik des Rassismus und den Auswirkungen der Spirale der Gewalt an. „Gran Torino“ ist ein Film über Einsamkeit. Und natürlich ist „Gran Torino“ Eastwoods kritische Reflexion des eigenen kreativen und künstlerischen Schaffens im Herbst einer langen Karriere. Eastwood hat bereits angedeutet, dass dies seine letzte Hauptrolle gewesen sein könnte. Und auch wenn Eastwood seinen Kowalski oft mit einem Augenzwinkern versieht, und der Zuschauer dies mit einem Lachen goutiert, ist man nicht davor gefeit sentimental zu werden, wenn der alte Mann am Ende von „Gran Torino“ die ersten melancholischen Töne des Abschluss-Songs anstimmt. - Fazit: 9 von 10 Punkten.


Quellennachweis: Abbildungen aus "Gran Torino". © 2008 Warner Bros. Ent.


8 Kommentare:

Shorsh hat gesagt…

Der positiven Bewertung dieses, in meinen Augen "Klassikers",kann ich nur zustimmen. Auch wenn ich die Dirty Harry Reihe leider nicht gesehen habe, hat der Film dennoch den oben beschriebenen Eindruck deutlichst vermittelt. Es ist eben nicht alles so einfach, wie Mr. Callahan sich das gedacht hätte, einmal die Wumme rausgeholt und die "Bösen" Jungs weggepustet, sondern die Einmischung Kowalskis in diese komplizierte Bandenszene ( die sehr gut durch die simple Sprache ( Jo Mann, Lass fahren Mann, komm, Mann) dargestellt wird), zeigt Aktion und Reaktion sehr genau. Aber wie du sehr richtig bemerkt hast, empfindet der Zuschauer sehr schnell Sympathie mit dem "alten Opa", der mit "coolen Sprüchen" ( cool/lustig müssen sie schon deshlab sein, weil 80% des Kinos sich den Bauch halten)geradzu um sich wirft, ohne dass sich im ersten Moment kaum jemand Gedanken über diese Aussagen macht. Aber auch das gehörte zu der Ironisierung von Dirty Harry, die Sprüche dort sollen wohl von nicht minderer Qualität gewesen sein.
Dass Eastwood nun nicht die gwohnte Synchronstimme hat, wirkt nicht ganz so tragisch, denn auch die "neue" Stimme passt zu dem fiesen grantigen Gesicht, nachdem die "alte" ja leider nicht mehr unter den Lebenden weilt.

C.H. hat gesagt…

Dass Eastwood nun nicht die gwohnte Synchronstimme hat.

Das ist mir echt nicht aufgefallen, aber ich schau ja auch kaum noch was auf deutsch... ;-)

Rajko Burchardt hat gesagt…

ist man nicht davor gefeit sentimental zu werden, wenn der alte Mann am Ende von „Gran Torino“ die ersten melancholischen Töne des Abschluss-Songs anstimmt.

Fand ich auch. Das Ende macht die Sache erst richtig rund. Dennoch kein Meisterwerk, dafür ist er zu kleinteilig.

Marcus kleine Filmseite hat gesagt…

oh ja, kann eigentlich jedes wort unterschreiben. gerade das ende ist doch perfekt. hier spielt eastwood noch einmal wunderbar mit den erwartungen des zuschauers und seinem eigenem dirty harry-mythos.

C.H. hat gesagt…

Dennoch kein Meisterwerk, dafür ist er zu kleinteilig.

Ja, das stimmt sicher. Man muss ja nur mal die letzten Filme von Eastwood sehen: "Million Dollar Baby", "Flags of ouzr Fathers", "Letters from Iwo Jima" - Alle formal und inhaltlich stärker (Wobei, ich glaub ich hab "Flags" mit 8 bewertet, "Gran Torino hier also besser - Ich sag ja: sentimental ;-). Aber ich bin mir such sicher, dass dieser Film, schaut man in 50 Jahren auf die Karriere von Eastwood zurück, in der Retrospektive einen wichtigen Platz einnehmen wird...

Milan hat gesagt…

Mir hat der Film auch sehr gut gefallen

Anonym hat gesagt…

Habe mir gerade Gran Torino angeschaut und verstehe dessen positiven Bewertungen überhaupt nicht. Der Film wimmelt von eindimensionalen Figuren. Soziale Probleme werden, wie in tausend anderen amerikanischen Filmen mit Gewalt " gelöst". Message des Films: Verbrecher erschießen oder lebenslang ins Gefängnis.

Anonym hat gesagt…

Zu dem Kommentar des Anonymen schreiber kann ich nur sagen das der Film eindeutig an die Intellektuelleren, erfahreren Kinogänger ist. Der Film ist der Tiefgehend und bewist das alle 2min. Jeder seiner Sätze, jeder Handlung des Filmes ist von 2 Seiten aus zu sehen. Das macht ihn zu einem für alle Schichten der Gesellschaft anschaulichen Film, wobei lediglich die Menschen, die über Filme nachdenken, den Film auch wirklich verstehen.

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