

Filme, die sich auf die eine oder andere Weise mit dem Dritten Reich und dem Nationalsozialismus beschäftigt haben, waren auch in den fünf Monaten dieses Jahres öfter in den Kinos zu sehen, als dem Einen oder Anderen vielleicht lieb ist: Den diesjährigen Reigen rund um das Hakenkreuz eröffnete Brian Singer, indem er sich in „Operation Walküre“ daran versuchte, dem deutschen Widerstand um Stauffenberg ein Denkmal zu setzen. Um Widerstand, diesmal den polnischen, geht es auch in Edward Zwicks „Unbeugsam“. Von Widerstand zugunsten der gerechten Sache berichtet auch „John Rabe“, der die Geschichte eines Nationalsozialisten erzählt, welcher in China das Leben von hunderttausenden Menschen rettet. Und während Stephen Daldry Kate Winslet zu ihrem längst überfälligen Oscar führte („Der Vorleser“), musste sich der von einer solch intensiven Beschäftigung mit der deutschen Geschichte geplagte Zuschauer wirklich langsam fragen, warum bei all diesen Filmen am Ende nicht mehr stand, als (gehobenes) Mittelmaß – wenn überhaupt. Dass es auch anders geht, beweist nun „Der Junge im gestreiften Pyjama“, der ohne jeden Zweifel zu den besten Filmen gehört, die in diesem Jahr bislang in den Kinos zu sehen waren. „Operation Walküre“, „Der Vorleser“ „Unbeugsam“, „John Rabe“ sind allesamt Filme, die man nicht gesehen haben muss. „Der Junge im gestreiften Pyjama“ hingegen sollte man sich nicht entgehen lassen.
„Der Junge im gestreiften Pyjama“ rekurriert auf der gleichnamigen Romanvorlage des irischen Schriftstellers John Boyne. Erschienen 2006, und mittlerweile in 32 Sprachen übersetzt, war dem Jungendroman sowohl bei der Kritik, als auch bei den Lesern ein überwältigender Erfolg beschieden. Boyne erzählt in diesem Roman die Geschichte des achtjährigen Bruno (Asa Butterfield), der während des zweiten Weltkrieges im nationalsozialistischen Deutschland aufwächst. Als sein Vater (David Thewlis), Offizier bei der SS, eines Tages nach Polen versetzt wird, folgt die Familie dem Vater. Doch die neue Umgebung gefällt Bruno ganz und gar nicht. Im fehlen seine Freunde, seine altkluge zwölfjährige Schwester Gretel (Amber Beattie) geht ihm ebenso auf die Nerven, wie sein neuer Hauslehrer, dessen nationalsozialistischer Unterricht bei Bruno nicht gerade auf Begeisterung stößt. Doch eines Tages sieht er in der Ferne ein großes eingezäuntes Gelände, auf dem Bauern in gestreiften Pyjamas arbeiten. Als er seine Mutter (Vera Farmiga) nach diesen Personen fragt, bekommt er keine Antwort, sondern nur das Verbot sich außerhalb des häuslichen Grundstücks aufzuhalten. Natürlich ignoriert Bruno das Verbot seiner Mutter, und begibt sich zu dem Ort, den er aus der Ferne gesehen hat. Dort angekommen trifft er auf Shmuel (Jack Scanlon), einem Jungen in seinem Alter, der auf der anderen Seites des Zauns sitzt.
Der Holocaust, eines der schrecklichsten Verbrechen in der Geschichte der Menschheit, erzählt durch die Augen eines Kindes. Eine Perspektive, die in gewisser Weise auch schon in Roberto Benignis hoch gelobter Tragikomödie „Das Leben ist schön“ zum Einsatz kam. Doch während dort der Holocaust als Spiel getarnt wird, als Scharade, die sich ein Vater zum Schutz seines Sohn erdacht hat, blickt „Der Junge im gestreiften Pyjama“ direkt durch die unwissenden und noch unschuldigen Augen eines Kindes auf die Geschichte. Die Funktionsmechanismen dieser beiden Filme sind jedenfalls ähnlicher Natur, nutzen sie nämlich gezielt den Wissensvorsprung des informierten Zuschauers, der den kindlichen Protagonisten der Filme weit voraus ist. Im Falle „Der Junge im gestreiften Pyjama“ erweist sich diese Perspektive, als großer und entscheidender Gewinn des Films, weil es dem Film ermöglicht seine Geschichte ohne große und übertriebenen Gesten und Bildern in Szene zu setzen. Regisseur Mark Herman hat den Film in einem angenehm zurückhaltenden Tenor inszeniert, der an wirklich keiner Stelle den unnötigen Effekt über die Sache stellt, und dabei ganz genau um die Wirkung seiner symbolbehafteten Bilder weiß, die keiner großen Worte bedürfen. Und so bleibt der Geschichte, trotz der stark konstruierten Naivität Brunos, stets glaubwürdig, und findet seine Zentren einerseits auf der Makroebene (Holocaust-Thematik), als auch auf der der Mikroebene der einzelnen und vordergründig heilen Familie, die auf Grund der Position und der Einstellung des Vaters, zusehends Risse bekommt.
Vor allem der junge Asa Butterfield weiß in diesem Kontext in seiner Rolle als Bruno zu überzeugen. Er ist das Zentrum des Films. Wäre sein Schauspiel nicht gelungen, der Film hätte auch scheitern können. So aber trägt der junge Darsteller „Der Junge im gestreiften Pyjama“ in seinen zahlreichen Nuancen scheinbar mühelos über die komplette Spielzeit, aber auch die anderen Darsteller können in ihren Rollen überzeugen. Es ist ein sehr harmonisches Ensemble, welches sich in diesem Film zusammengefunden hat.Unterstützt wird dieses Spiel durch einen jederzeit überwältigenden und melodischen Score, der sich nahtlos in die jeweiligen Szenen einfügt. Handwerklich, wie schauspielerisch auf hohem Niveau, inhaltlich aufrüttelnd und berührend, wird sich „Der Junge im gestreiften Pyjama“ mühelos seinen Platz in den zahlreichen Filmen über den Holocaust sichern. Ein Film, der vielleicht der bessere „Das Leben ist schön“ ist, weil er der unaufgeregtere, stimmigere, aufwühlendere und bewegendere Film von beiden ist. Ein Film noch dazu, der in seinem letztlichen Abschluss, von einer unerbittlichen Konsequenz ist, die gerade mit dem Roman nicht vertraute Zuschauer in einen Zustand der Erschütterung versetzen wird, der lange über den Kinobesuch anhalten wird, und somit von nachhaltiger Natur ist. - Fazit: 9 von 10 Punkten.
Quellennachweis: Abbildungen aus "Der Junge im gestreiften Pyjama". © 2009 Walt Disney






9 Kommentare:
Ja, so in etwa sehe ich das auch. Die Einleitung haben wir Brüder im Geiste ja sowieso gleich begonnen.
Ich lese das Buch gerade mit einer siebenten Klasse. Den Schülern und mir gefällt es ganz gut. Den Film finde ich konzeptionell ebenfalls gelungen. Die Änderungen zur Vorlage ergeben Sinn, lassen Bruno nicht ganz so naiv erscheinen. Und so sehr ich dir bezüglich der musikalischen Begleitung zustimme, zerstören die schönen Bilder zusammen mit der gefühlsduseligen Begleitung meines Erachtens etwas von der dreckigen Grausamkeit des KZ. Bitte nicht falsch verstehen: Es funktioniert so wie es inszeniert worden ist, aber es wäre nach meinem Gefühl noch wirkungsvoller, hätte man zumindest gegen Ende einen härteren Gang eingelegt...
Hm, von diesem "Vorwurf" der verschwimmenden Weichzeichnung hab ich auch gelesen. Ich kann dem aber nach 60 Jahren Aufklärung über den Holocaust nicht zustimmen. Andererseits mag dieses Argument nur für Erwachsene gelten, nicht für noch Heranwachsende, die einfach noch nicht die entsprechenden Kenntnisse besitzen. So scheint in der Tat eine Nachbereitung von Roman und Film zwingend notwendig. Zum Ende: Eine noch hätere Gangart? Ich muss ganz ehrlich sagen, dass mich lange kein Film mehr so mitgenommen hat, wie der hier...
Uwe Boll war ein Witz ;) auf eine trashige Art und Weiße ist er nun mal Kult. Denn seine Fans muss er haben sonst würde er nicht noch immer Geld für seinen Schrott bekommen ^^
Schicke Seite ist das hier übrigens, das werd ich malim Augebehalten ;)
"Denn seine Fans muss er haben sonst würde er nicht noch immer Geld für seinen Schrott bekommen" -- Noch eines der Rätsel dieser Welt, die ich nicht verstehe. ;-) PS: Danke für das Lob.
Das Buch ist wunderbar.Echt toll.Ich kann es nur weiter empfehlen.Es ist wert!
Ich kann das Buch auch nur wärmstens empfehlen!
Ich habe den Film gestern zum ersten mal gesehen. Ich habe geweint und tue es fast noch immer.
Ich habe den Film erst am Ende des Jahres 2012 gesehen.
Sprachlos.
War aerger, traurig, lachelte und.. Sprachlos.
Weisst jemand, ob es vielleicht E-book des deutschsprachigen Romanes gibt? Wenn ja, wo kann ich das finden? Bin Deutschstudentin hier in meinem Land. Ich interessiere mich sehr fuer dieses Roman. DiV.
LG aus Indonesien,
0fi :-)
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