

Jacques René Mesrine war Frankreichs Staatsfeind Nr. 1. Ein Leben, gelebt als Verbrecher, gelebt als Mörder, welches sein Ende 1979 im Kugelhagel der französischen Polizei fand. Ein Ende, dass im kollektiven Gedächtnis der französischen Gesellschaft ohne jeden Zweifel ihre Mythen hinterlassen hat: Hinrichtung, Mord, Notwehr? Auf jeden Fall aber ein Ende, das in Anbetracht des Lebens Mesrines, konsequent erscheinen muss. Zu 39 Straftaten bekannte er sich in seiner Autobiographie „Der Todestrieb“, die er 1977 während einer seiner diversen Haftstrafen verfasste. Aufgewachsen im gutbürgerlichen Milieu Frankreichs, führte ihn sein Weg als Angehöriger der französischen Armee erst in den Algerienkrieg, bevor er in seine Heimat zurückkehrte, und dort bald auf die schiefe Bahn gelangte. Eine beispiellose Karriere im kriminellen Milieu, aber auch in der öffentlichen Wahrnehmung folgte: Ein Rebell gegen den Staat, von abstoßendem Charakter zwar, doch gerade auch für die Medien – deren Einfluss sich Mesrine sehr wohl bewusst gewesen ist – eine faszinierende Person: „Bonnie Schneider und Clyde Mesrine“ ist in einer in den Film implementierten Tageszeitung als Schlagzeile zu lesen, und es könnte wohl keine passendere Metapher als diese geben. An diese illustre Gestalt der französischen Kriminalgeschichte, hat sich nun Jean-François Richet mit seinem Zweiteiler „Public Enemy No. 1 – Mordinstinkt“ und „Public Enemy No. 1 – Todestrieb“ heran gewagt. Zwei Filme, die nun nacheinander innerhalb weniger Wochen in den deutschen Kinos anlaufen. Ein Projekt, das zweifelsohne als überaus ambitioniert bezeichnen werden muss, besteht doch stets die unterschwellige Gefahr Mesrine als Heldenfigur in einem großen Abenteuer zu stilisieren, welches Mesrine in ein zu glorifizierendes und verklärendes Licht rücken könnte.
Es ist offensichtlich, dass sich Richet mit diesem Problem auseinandergesetzt hat, so lässt er seinen Film mit der Einblendung beginnen: „Tout Film comporte une part de fiction et aucun ne peut prétendre reconstituer à l'identique la complexité de la vie D'un homme, sur laquelle chacun conserve son propre regard“ (Jeder Film beinhaltet einen fiktionalen Anteil, und keiner kann für sich beanspruchen die Komplexität eines Menschenlebens rekonstruieren zu können, auf das jeder seinen eigenen Blick hat). Zeugt diese Einschränkung einerseits vom erkenntnistheoretischen Bekenntnis Richets zur subjektiven Perspektive, kann sie aber auch andererseits als prophylaktisch vorgezeigter Persilschein verstanden werden, der dazu geeignet ist, den „Public Enemy No. 1 – Zweiteiler“ a priori gegen Kritik zu versichern. Nach Kenntnisnahme des ersten Teils kann jedoch guten Gewissens von ersterem ausgegangen werden, wobei diese Einschätzung natürlich noch von vorläufiger Natur ist. Der zweite Teil. nämlich „Public Enemy No. 1 – Todestrieb“, wird die Charakterisation Mesrines fast zwangsläufig entweder zu dem einen oder aber dem anderen Ende bringen müssen, es sei denn es gelingt Richet das Kunststück „seinen“ Mesrine auch weiterhin so zwischen den Stühlen anzulegen, wie es ihm ohne jeden Zweifel im ersten Teil gelungen ist. Richet reüssiert mit „Public Enemy No. 1 – Mordinstinkt“ genau da, wo Bernd Eichinger und Uli Edel mit ihrem „Baader Meinhof Komplex“ gescheitert sind: Nämlich mit der geschickten Verquickung filmischer Abbildung von Zeitgeschichte mit spannend inszeniertem Kriminalfilm. Dies gelingt Mesrine auch deshalb so vorzüglich, weil er sich – ganz im Gegensatz zu seinem deutschen Pendant - gar nicht erst auf die sklavische Bebilderung von Ereignissen aus Mesrines Leben einlässt, sondern seine eigenen Schwerpunkte setzt.
Offenkundig wird dies bereits zu Beginn des Films, der Mesrines Tod im Kugelhagel vorweg nimmt und somit an den Anfang der vierstündigen Spielzeit des Zweiteilers stellt. Das macht allein schon deshalb Sinn, weil es keinen wirklichen Zweck gehabt hätte, obwohl schon natürlich legitimer Ansatz, Spannung aus einem Abschluss hin zu evozieren, der jedem Zuschauer hinlänglich bekannt sein dürfte. So steht diese Sequenz nun am Beginn von „Public Enemy No. 1 – Mordinstinkt “, und ist dabei nicht weniger packend. Somit zeigt sich schon in den ersten Minuten die atemlose Dynamik, die den gesamten Film durchziehen wird. Von Richet, der auch am Drehbuch mitgeschriebenen hat, in weiten Teilen mit Anleihen an den klassischen französischen Kriminalfilm der sechziger und siebziger Jahre versehen, wächst sich „Public Enemy No. 1 – Mordinstinkt“ unter Zuhilfenahme geschickt platzierter und eingesetzter Stilmittel, wie zum Beispiel von Splitscreens, zu einer äußerst gefälligen Mixtur aus historischem Biopic und Kriminalthriller aus. Dabei gelingt es Richet in seinen Bildern stets, zwischen den beiden im vorigen bereits angesprochenen Stühlen zu bleiben. „Public Enemy No. 1 – Mordinstinkt“ ist weder eine dezidierte und dogmatische Anprangerung und Verurteilung des Lebens von Jacques René Mesrine, noch erliegt der Film der Versuchung der romantisirenden Verklärung. Ein Spannungsfeld, dem sich der Zuschauer somit in voller Wucht ausgesetzt sehen muss: Wird er Mesrine einerseits als ein verabscheuenswertes Monster verurteilen, das seine Frau vor den Augen der gemeinsamen Kinder niederschlägt und ihr anschließend den Lauf einer Waffe in den Mund schiebt, wird er ihn andererseits als Opfer menschenverachtender Praktiken staatlicher Gefängnisbehörden in gewisser Weise auch wieder bemitleiden.
Das dieses stete Spiel mit dem Feuer der Identifikationsmechanismen so gut gelingt, ist auch ein Verdienst von Vincent Cassel, der Mesrine mit beeindruckender Präsenz verkörpert. Seine Wandlung vom Soldaten in Algerien bis hin zur kriminellen Größe gelingt ihm ebenso eindrucksvoll, wie sein ständiges Pendeln zwischen pathologischer Grausamkeit und menschlichen Momenten. Man darf gespannt sein, wie Cassel seinen Mesrine im zweiten Teil verkörpern, und zum Ende der Geschichte führen wird. In einigen Besprechungen zu diesem ersten Teil ist zu lesen, dass Cassel Mesrine nicht nur spielt, sondern gar mit diesem verschmilzt. Und auch wenn diese Einschätzung ein wenig übertreiben scheint, so wenig vermag sie in Anbetracht der Leistung Cassels zu verwundern. Sekundiert wird dieser in „Public Enemy No. 1 – Mordinstinkt“ von einer ganz und gar exzellenten Riege von Nebendarstellern, allen voran Gerard Depardieu, die in einem blutigem und hartem Film spielen, denn das ist dieser erste Teil ohne jeden Zweifel auch. Ebenso wie er in weiten Teilen an ein immer seltener zu sehendes klassisches Erzählkino erinnert. Man darf sehr gespannt sein, wie die Reise von Mesrine im Kino weitergehen wird. Am 21.05. ist es soweit, einstweilen steht mit „Public Enemy No. 1 – Mordinstinkt“ einer der lohnendsten Kinofilme in diesem Jahr fest. - Fazit: 8 von 10 Punkten.
Quellennachweis: Abbildungen aus "Public Enemy No. 1 – Mordinstinkt". © 2009 Senator






9 Kommentare:
Tolles Review, danke. Nachdem ich nun so einiges darüber gelesenen habe bleibt mir wohl nichts anderes übrig als endlich selbst ins Kino zu marschieren. ;)
Ist nicht dein Ernst! 8 von 10?? Ich hab den ersten Teil unfreiwillig in der Sneak vor ein paar Wochen gesehen und bin fast gestorben. Der Typ ist so ein schlechter Schauspieler. Die Story ist totlangweilig und die Dialoge komplett sinnfrei. Nee also ich persönlich fand diese 4 Euro Sneak-Kosten volle Möhre in den Sand gesetzte. Sorry C.H. :)
@ Candide: Unbedingt. Der Film lohnt sich wirklich. Habe mir nach der Lektüre einiger Kritiken durchaus einiges versprochen, und bin nicht enttäuscht worden.
@ Franzi: Das mit "ist nicht dein Ernst" kann ich nur zurückgeben. ;-) Wie kann man den Streifen nicht klasse finden? Und Cassel ein schlechter Schauspieler. Ich glaube du bist echt die erste die ich kenne/gelesen habe, die den Film nicht mochte. Naja, macht ja nix... ;)
Das sind zwei richtig gute. Film und Schauspieler.
@ C.H.: Also meine Mädelz waren auch nicht begeister, die mit mir in der Sneak waren aber vll sind wir Gören einfach zu Hollywood-verwöhnt^^
Höhö. *Chauvi-Modus an*: Kann in der Tat sein, dass dies ein Film ist, der nichts für die "Mädelz-Gören" ist, die dann lieber weichgespültes Hollywood-Einerlei goutieren.^^ Ach nein, Quatsch: Kann mir schon vorstellen, dass man auf so einen Streifen in der Sneak nicht wirklich Lust hat...
Hollywood verwöhnt ... Sehr schön, ich weiß gar nicht wie hoch der Anteil an Ausschußware in Hollywood ist.^^
Jaja, nicht alles was aus Hollywood kommt glänzt auch aber bei einem Streifen aus dem Genre erwartet man (durch Hollywood) tolle Outfits, unfassbar gutaussehende und charmante Ganoven, atemberaubende Frauen und spektakuläre Action Szenen! Und nicht so einen schmierigen Hauptdarsteller! An dem hab ich mich den ganzen Film lang gestört!!
Na dann ...
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