

Es scheint mittlerweile fast so, als ob in der aktuellen Kinolandschaft die Gleichzeitigkeit des Ungleichzeitigen eingetreten wäre: Sowohl das Publikum, als auch die Kritik (oder sollte man besser vielleicht sagen: Vor allem die Kritik) gefällt sich zur Zeit darin, einen auf Konsens gestrickten Blockbuster nach dem anderen abzustrafen. Man denke an dieser Stelle nur an „Wolverine“ oder „Terminator – Die Erlösung“, die in der öffentlichen Wahrnehmung als einfallslos, glatt und berechnend bezeichnet worden sind. Nun ist diese Kritik natürlich keinesfalls von der Hand zu weisen, doch komischerweise ist einem Großteil der Kinogänger die andere Seite von der Medaille auch nicht recht. Jüngstes Beispiel in der Riege der von weiten Teilen der Kritik verschmähten Filme, die eben schon in ihrer Veranlagung mehr sein wollen als massenkompatible Unterhaltung, ist zur Zeit ohne jeden Zweifel Jim Jarmuschs „The Limits Of Control“. Der jüngste Streich des Amerikaners sei prätentiös, anmaßend, selbstverliebt und elitär, so ein oft zu hörendes und lesendes Urteil über den Film. Nun ist dieser Vorwurf, und man möge der hier vorliegenden Rezension an dieser Stelle den Anfall von polemischer Spitzfindigkeit verzeihen, genau in dem Fall gar nicht mal so verkehrt, wenn allein die bloße Aufforderung seinen Verstand zwecks Rezeption eines Films zu benutzen, als elitärer Habitus aufgefasst wird. Letztlich ist es nämlich genau das, was Jarmusch in „The Limits Of Control“ einfordert, und was der Film letztlich auch zum Inhalt hat, nämlich das Spiel um die Subjektivität jeglicher Wahrnehmung und damit auch die Beschäftigung mit dem inflationär gebrauchten, aber nicht ohne Grund nur schwer zu definierenden Begriff der Realität(en).
Spätestens seit dem (berechtigtem) Erfolg von „Broken Flowers“, der sich nicht zuletzt mit dem Gewinn des Großen Preises der Jury (2005) im Zuge der Filmfestspiele in Cannes manifestierte, dürfte Jim Jarmusch auch einem größerem Publikum bekannt sein. Nahm er sich im Zuge von „Broken Flowers“ noch dem Genre der dramatischen Komödie an, ist es nun bei Jarmuschs jüngstem Streich vordergründig das Genre des Thrillers, welches zum Zuge kommt. Die Handlung ist im Fall von „The Limits Of Control“ eher Mittel zum Zweck, als essentieller Bestandteil, und von daher schnell zusammengefasst: Ein wortkarger und ruhiger Mann - zwar ohne Namen, dafür jedoch stets adrett gekleidet - trifft auf einem Flughafen auf einen anderen Mann. Dieser schickt ihn auf eine Reise, die unseren Protagonisten quer durch Spanien führen wird. Stets geleitet von kurzen Nachrichten aus einer Streichholzschachtel, die von mysteriös anmutenden Figuren überbracht werden, gelangt der „Held“ der Geschichte immer näher an sein Ziel. Mit diesen schlanken Sätzen ist dann in der Tat auch der Inhalt zusammengefasst, der „The Limits Of Control“ über seine 118 Minuten währende Spielzeit trägt. Ein Plot, der weder besonders originell konstruiert, noch kunstvoll verschlungen ist, sondern sich seinem letztlichem Ziel auf direktem Wege nähert. So muss es zumindest scheinen, denn geradlinig und damit unverschlungen ist dieser Weg (und damit die Narration) nur für den Eingeweihten – und der Zuschauer vor der Leinwand gehört nicht zu diesem ausgewähltem Zirkel der Wissenden.
Welche Geschichte Jim Jarmusch in „The Limits Of Control“ erzählen möchte, ist somit alles andere als offensichtlich, doch führt er mit der ihm eigenen Ruhe und Bedächtgikeit durch den Film. Es ist eine Langsamkeit im positivem Sinne, die sich quer durch das Œuvre von Jarmusch zieht, und auch und vor allem in „Broken Flowers“ zu beobachten war. Damit durchbricht Jarmusch die inszenatorische Hektik, die viele seiner Kollegen mittlerweile überkommen hat, und erweitert die Singularität des Moments von Zeit zu Zeit zu einer gefühlten Unendlichkeit. „The Limits Of Control“ ist ein schwer zu dechiffrierendes, kryptisches Konstrukt voller Symbolik und doppelbödigen Metaphern, die den Zuschauer wahlweise ermüden oder faszinieren werden. Letztendlich ist es jedoch genau diese aus den Bildern erzeugte Atmosphäre, die den Film definiert und ausmacht. Übergeordnete Fragestellung ist dabei stets die nach der Subjektivität des Seins und der individuellen Perspektivität der Wahrnehmung. Es kommt nicht von ungefähr, dass die Besucher, die an den stets mit zwei Espresso in zwei Tassen ausstaffierten Tisch des Protagonisten herantreten, zu Botschaftern der kulturellen Künste werden: Literatur, Musik, Film, Malerei, aber auch die Naturwissenschaften finden Erwähnung. All diese Disziplinen sind eben stets Resultate der menschlichen Kultur, und damit letztlich auch stets Resultat der subjektiven Perspektive des Künstlers auf die Welt. Genau genommen geht es in „The Limits Of Control“ gewissermaßen um Alles und Nichts zur selben Zeit. Um Alles, weil diese Fragen mit zum wesentlichsten der Individualität gehören, aber auch um Nichts, sofern an „The Limits Of Control“ die Erwartung der klaren Antwort gestellt wird: „Sometimes the reflection is far more present, then the thing, they reflect.“
Letztlich aber ist die Frage nach dem Alles oder Nichts nicht wirklich systemrelevant, wie es so schön heißt, entwirft Jarmusch mit „The Limits Of Control“ doch auch einen erfrischend altmodisch anmutenden Film, der gerade auch in seiner Machart an längst vergangene Zeiten des Kinos erinnert. Ob nun die zahlreichen Bezüge auf die Filmgeschichte an sich, die vielen langen Einstellungen der Kamera, stets durchzieht den Film eine Brise des Nostalgischen. „Ich finde Kino manchmal dann am schönsten, wenn alle schweigen“ sagt die von Tilda Swinton gespielte „Blonde“ an einer Stelle des Films, bevor Jarmusch „The Limits Of Control“ folgerichtig in sprechendes Schweigen taucht. Bricht Jarmusch an dieser Stelle die Dimensionen, indem er die von Swinton verkörpere Person scheinbar wissen lässt, dass sie in einem Film agiert, wird das von Jarmusch meisterhaft zelebrierte Brechen der Perspektive zum wiederkehrendem Stilmittel des Films, das „The Limits Of Control“ einige nachdrückliche Momente beschert. Kino wird an dieser Stelle im wahrsten Sinne des Wortes wieder zur Kunst, die gleichwohl unterhalten soll, aber allein schon um der Kunst Willen eine Existenzberechtigung besitzt. Das von Jarmusch versammelte Ensemble ist in diesem Fall nur Mittel zum Zweck, genau wie die nur wenig ausgearbeiteten Figuren des Films nur Platzhalter für die jeweilig kolportierte Metapher sind: Nicht umsonst sind sie ihrer Namen und damit einem der wichtigsten Insignien der Individualität beraubt.
Das sich schauspielerische Schwergewichte wie John Hurt, Bill Murray und allen voran Oscarpreisträgerin Tilda Swinton bereitwillig zu Platzhaltern degradieren lassen, sagt viel über die Reputation von Jarmusch aus, die dieser offensichtlich genießt. Gerade auch der Auftritt von Tilda Swinton wächst sich in „The Limits Of Control“ zu einem magischen Momentum des Kinos aus. Lob und Anerkennung aber auch für Isaach De Bankolé, der die Rolle des fast stummen Unbekannten fast ausschließlich mit seiner minimalistischen Mimik und Körpersprache trägt. „The Limits Of Control“ gelingt auch deshalb, weil De Bankolé an der Aufgabe als Zentrum des Films fungieren zu müssen eben nicht scheitert. Jim Jarmusch hat mit „The Limits Of Control“ ein visuell eindrückliches Gedankenspiel geschaffen, wie es lange nicht mehr im Kino zu sehen war. Stets von einer ungemein eingängigen und nachdrücklichen musikalischen Untermalung unterlegt, die nicht unwesentlich zu der im Film oftmals herrschenden surrealen Stimmung von„The Limits Of Control“ beiträgt. Ein Film, der dem eine Menge anzubieten hat, der die Bereitschaft besitzt sich auf diesen Film einzulassen. Freunde klarer Antworten jedoch werden in „The Limits Of Control“ enttäuscht werden. Letztendlich geht es dem Zuschauer so, wie dem Mann ohne Namen in „The Limits Of Control“, der immer wieder vor Gemälden steht, die er mit seinem Geist zu ergründen sucht. Auch der Zuschauer steht, oder sitzt in diesem Fall vor einem Gemälde, das er in knapp zwei Stunden zu interpretieren versucht. Dass er dabei an die Grenzen des Fassbaren stoßen muss, dass er daran scheitern muss das Gemälde in Gänze zu erschließen, ist dabei von Jarmusch durchaus intendiert. Mit anderen Worten: „The Limits Of Control“ - Fazit: 8,5 von 10 Punkten.
Quellennachweis: Abbildungen aus "Limits Of Control". © 2009 Tobis






8 Kommentare:
Da hat aber gestern noch einer in die Tasten gehauen. Brauch ich mich ja gar nicht mehr bemühen *g*. Dachte mir, dass dem Lyncher C.H. das hier gefällt.
Den muss ich auch noch sehen. Obwohl ich von Jarmusch noch nicht viel kenne (erst zwei Filme).
Und zu später Stunde erklomm die feierliche Ergriffenheit fast sentimentale Höhen. Bevor uns jedoch die Rührseligkeit zu Boden zwingt, um den Popanz der "Grenzen des Fassbaren" mit gebührender Ehrfurcht betrachten zu können, sollten wir zunächst einmal durchatmen, auf die DVD warten, Papier und Bleistift nutzen, etwas über die angefertigten Notizen nachdenken und uns dann (bei Weizenbier/Rotwein/Rum und ja!-Kanbberbox) austauschen. Die Notwendigkeit des Scheiterns können wir dann immer noch feststellen; wäre ja nicht das erste Mal.
@ Flo:
Wobei ich nicht sagen würde, dass "TLOC" in irgendeiner Weise als "lynchesk" zu bezeichnen ist, dazu ist die Bildsprache des Films viel zu reduziert, ganz im Gegenteil zu den doch sehr expressiven Bilderwelten von Lynch. Gleichwohl ist beiden Regisseuren natürlich in der Tat ihre Komplexität gemein...
@ fincher:
Das macht ja nix. ;-) Bis gestern hab ich von Jarmusch auch nur zwei Filme (Ghost Dog, Broken Flowers) gesehen.
@ "Anonym":
Hehe. In der Tat: Eine Zweit- und Drittsichtung muss her, und es wird wohl darauf hinauslaufen, dass uns dann noch einiges mehr auffällt. Vielleicht kann des Rätsels Schleier sogar gelüftet werden, doch hilft mir das im Moment nicht weiter... ;-)
So, gelesen. Letztlich ist deine Rezension ja nur - verständlicherweise - ein Vorstoß an die Peripherie des Filmes. Diese stimmt jedoch mit meinen Eindrücken im Grunde zu 95% überein. Was jeder aus dem Film liest - in diesem Falle natürlich ist - ist individuell. Einig sind wir uns, so denke ich, jedoch, dass es sich hier um ein kleines Meisterwerk handelt. Wenn schon nicht im Kontext der Filmgeschichte, dann zumindest für das Kalenderjahr 2009.
"in diesem Falle natürlich ist"
wird zu: in diesem Falle natürlich ich. ;-)
Schade das der Film durch die Bank von Kritikern niedergemacht wurde . Mir hat er außerordentlich gut gefallen 8 von 10 Punkten und eine gute Rezension oben .Geb dir in vielen Aspekten recht.
...aaber fincher findet in wirklichkeit, das jarmusch ein langweiler ist...^^ ;D
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