Rezension: "Public Enemy No. 1 – Todestrieb"















„Der zweite Teil, nämlich 'Public Enemy No. 1 – Todestrieb', wird die Charakterisation Mesrines fast zwangsläufig entweder zu dem einen oder aber dem anderen Ende bringen müssen, es sei denn es gelingt Richet das Kunststück 'seinen Mesrine' auch weiterhin so zwischen den Stühlen anzulegen, wie es ihm ohne jeden Zweifel im ersten Teil gelungen ist.“ - Dies war einer der zentralen Sätze meiner Rezension zum ersten Teil des französischen Zweiteilers rund um das Leben von Jacques René Mesrine. Nachdem “Public Enemy No. 1 – Mordinstinkt“ eine der größten positiven Überraschungen des diesjährigen Kinos darstellte, und einmal mehr das große Potential des französischen Kinos untermauerte, musste man umso gespannter sein, wie Richet seine vierstündige Studie eines Kriminellen zum Abschluss bringen würde. Konnte er sich im ersten Teil noch den Luxus des nicht beendeten ersten Teils erlauben, so ist offensichtlich, dass es der zweite Teil ist, der über den letztendlichen Erfolg oder Misserfolg dieses Projekts entscheiden wird. Jean-François Richet hat, das kann ohne jeden Zweifel konstatiert werden, diesbezüglich nicht versagt. „Todestrieb“ ist ein gelungene Fortsetzung, die es allerdings versäumt das Niveau des Erstlings noch zu übertreffen. Doch ist dies angesichts der qualitativen Güte von „Mordinstinkt“ ein Meckern auf hohem Niveau.


Wie auch schon im ersten Teil bebildert Richet gekonnt die wichtigsten Episoden aus dem Leben Mesrines. Seine Verhaftung 1973 und seine darauf folgende Flucht. Weitere Überfälle und die erneute Verhaftung inklusive Verurteilung, nebst seines medienwirksamen Auftritts vor Gericht. Die spektakuläre Flucht aus dem Gefängnis La Santé. Und auch in der Folge blieb Mesrine seiner Linie treu: Raub, Mord, und Überfälle – Abermals eingefangen in schnellen und atemlosen Bildern, die die Geschichte vorantreiben. Unterbrochen nur von den Szenen, in denen Richet versucht hinter das Gesicht seines Protagonisten zu blicken: Das Verfassen seiner Autobiographie während der Haftzeit, sowie das Interview mit der Journalistin Isabelle Wangen. Doch letztendlich bleiben die Versuche des Films Mesrine abseits seiner Taten und Persönlichkeit zu beleuchten, auf Ansätze beschränkt. Das Spiel Mesrine mit den Medien verkommt in „Todesspiel“ zu einer Einbahnstraße: Es wird zwar gezeigt, wie Mesrine die Öffentlichkeit zu nutzen weiß, doch die andere Seite, die Reaktion der Öffentlichkeit mit all ihrer Faszination und Romantisierung des Verbrechers, bleibt ebenso unbeleuchtet, wie es der Film auch versäumt seinen Film in einen größeren gesellschaftlich-politischen Kontext der Zeit zu verorten.


Vincent Cassel, für die Rolle in diesen beiden Filmen völlig zu Recht mit dem César geehrt, schultert auch diesen zweiten Teil mühelos, doch nun unter geänderten Vorzeichen. Die Bürde Mesrine über mehrere Jahrzehnte spielen zu müssen, wird in diesem Fall zu einer Manifestation der schauspielerischen Klasse Cassels. Der Mesrine des zweiten Teils, zusehends übergewichtig, hat zumindest was die Physis angeht, nicht mehr viel mit dem Mesrine aus dem ersten Teil zu tun. Cassel trägt dieser Veränderung nicht nur Rechnung, sondern er lebt sie quasi mit einem völlig veränderten Auftreten seines Mesrines. Sekundiert wird dieser, wie auch schon im „Mordinstinkt“ von einer ganzen Riege exzellenter Nebendarsteller. Gelang es Richet im Vorgänger stets Mesrine im Spannungsfeld zwischen Monster und Chameur konsequent zwischen den Stühlen zu halten, gelingt ihm dies auch in der Summe der beiden Filme, doch profitiert er diesbezüglich ganz entscheidend von der Vorarbeit von „Mordinstinkt“, der das Monster in aller Brutalität überdeutlich gezeichnet hat. Somit kann es sich der Film in „Todestrieb“ erlauben die Gewichte ein wenig zu Gunsten von Mesrine zu verschieben.


Sei es in den Szenen mit seiner Tochter, seinem Vater, oder aber auch in den Sequenzen in denen Mesrine in „Todestrieb“ die Attitüde des gerechten Outlaw in bester Robin Hood Tradition zugestanden wird, stets suggeriert der Film zumindest unterschwellig ein positiv angehauchtes Bild des Kriminellen. Das dies nicht zum prägenden Bild des Films wird, ist maßgeblich dem ersten Teil geschuldet, der zweite Teil gibt dem Monster Mesrine erst wieder gegen Ende eine Bühne. Am deutlichsten wird dieser Sachverhalt jedoch in der kurzen Sequenz, in der Mesrine auf Kommissar Broussard (Olivier Gourmet) trifft: Während Mesrine ein – gleichwohl pervertiertes – Ideal einer romantisierten Ehrvorstellung vertritt, die es ihm verbot sich seiner Verhaftung im „Beisein einer Dame“ gewaltsam zu entziehen. In der Sekunde in der dieser Satz fällt, weiß der Zuschauer schon um das Ende des Films. Die Polizei schert sich wenig um die Verlobte Mesrines, die neben ihm im Auto sitzt. Und somit verlässt Richet, zumindest was diesen Sachverhalt angeht, doch den Platz zwischen den Stühlen: Der französische Staat löst das Problem Mesrine auf eine Art und Weise, die zumindest im Film keinerlei Spielraum für Interpretationen lässt: Ankläger, Richter und Henker vereinen sich in einer Person. Das Ende von Jacques René Mesrine kommt einer Hinrichtung gleich. Das die letzten Minuten im Leben von Mesrine, die “Public Enemy No. 1“ eröffnen und auch beenden, in ihrer Inszenierung zu handwerklichen Spitzenklasse gehören, bedarf an dieser Stelle schon keiner besonderen Erwähnung mehr. - Fazit: 8 von 10 Punkten.


Quellennachweis: Abbildungen aus "Public Enemy No. 1 – Todestrieb". © 2009 Senator


9 Kommentare:

Flo Lieb hat gesagt…

Hab immer noch kein Interesse, den Film zu sehen. *duckundweg*

Candide hat gesagt…

Der Film steht bei mir diese Woche auf dem Programm. Deine Kritik fand ich da schon motivierender als die von tumulder, mal sehen ob es mir ähnlich ergehen wird

Kaiser_Soze hat gesagt…

Häh, gibts da zwei Teile von?

Candide hat gesagt…

Jup! Mordinstinkt war die A-Seite jetzt kommt mit Todestrieb die B-Seite ;)

C.H. hat gesagt…

@ Candide:

Für mich hat auch der zweite Teil wunderbar funktioniert, was vor allem daran liegt, dass die Vorarbeit im ersten Teil geleistet wurde. So kann sich "Todestrieb" auch die eine oder andere Tendenz erlauben. Im Übrigen ist der zweite Teil auch eine ganze Ecke ruhiger...

@ Kaiser:

Und ich darf noch hinzufügen, dass ich dir dringend anraten möchte über den Erwerb oder die Ausleihe der beiden Filme nachzudenken, so sie auf DVD/BluRay erschienen sind. Es lohnt sich! ;-)

tumulder hat gesagt…

Ich finde Todestrieb erlaubt sich überhaupt keine Tendenz und ruhiger ist der nur in der letzten Viertelstunde. Immer noch ein okayer Gangsterfilm, aber wirklich neues verrät er nicht. Mesrine charmanter Lebemann (check), Mesrine Überfall (check), Mesrine Presse (check), Mesrine rächt sich an dem, der ihn verhöhnt (check). Alles schon in Mordinstinkt erzählt worden. Nur vielleicht in einer anderen Reihenfolge und auch das Ende geht anders aus.

C.H. hat gesagt…

"Ich finde Todestrieb erlaubt sich überhaupt keine Tendenz."

Also da bin ich wirklich anderer Meinung. ;-) Das Wechselspiel zwischen dem "Monster" Mesrine, der seiner Frau die Knarre in den Mund schiebt, und dem Charmeur mit sympathischen Zügen wurde in "Mordinstinkt" imho noch um einiges ausgefeilter gestaltet, da sich dort die positiv und negativ konnotierten Szenen Mesrines kontinuierlich abgewechselt haben. "Todestrieb" jedoch zeichnet Mesrine in der Summe um einiges positiver. Der eruptive Ausbruch brutalster Gewalt zeigt sich eigentlich nur in der Sequenz zwischen Mesrine und dem Journalisten in der Höhle. Ansonsten hat Richet in diesem zweiten Teil sehr viel Wert auf das Bild des in gewisser "gerechten" Kriminellen ("gerecht" natürlich in pervertierter Form gelegt. Er gibt der Familie, die ihn durch die Polizeisperre schleust Geld, er bringt den Entführten Millionär - wie versprochen - nicht um, sowieso wird er als ein nach einem Codex handelnden Verbrecher gezeichnet, etc. Am deutlichsten wird dies - wie gesaqt - in dem Gespräch mit Broussard. Man darf wohl davon ausgehen, dass diese Szene a) bewusst Aufnahme in den Film gefunden hat und b) offensichtlich in ihrer Intention auf das Ende Mesrine gemünzt ist. Während Mesrine, wie er selbst erklärt, im Beisein einer Frau keinen Gewaltexzess starten will, inszeniert Richet am Ende in aller Drastik das Gegenteil auf staatlicher Seite: Schon von 20 Kugeln durchbohrt, lässt er einen Polizisten noch eine Kugel in den Kopf von Mesrine jagen, während seine Verlobte vor Angst schreiend nur wenige cm daneben sitzt. Das Bild, was an dieser Stelle in all seiner Wertigkeit skizziert wird, ist offenkundig. Mit anderen Worten: Würde man "Todestrieb" für sich allein betrachten, entsteht ein völlig anderes Bild von Mesrine, als es im Verbund der beiden Teile entsteht. Da sich die beiden Filme aber natürlich bedingen und zusammengehören, und der Zweite natürlich auch die Vorarbeit des Ersten nutzt, wäre es natürlich nicht legitim "Todestrieb" isoliert zu betrachten, oder gar in der Form zu kritisieren. Nichts desto trotz scheint mir die Beobachtung, der vorgenommen Tendenz im zweiten Teil für plausibel.

tumulder hat gesagt…

"Todestrieb" jedoch zeichnet Mesrine in der Summe um einiges positiver. Naja, da hast du dich aber ganz schön von den tollen Bildern vereinnahmen lassen. Der Mann bringt im Film ständig Menschen um, ballert einfach drauf los, raubt eine Bank nach der anderen aus. Der bezahlt die Leute damit sie die Schnauze halten. Legt seine Partner bei der kleinsten Revolte ab wie andere die Unterhosen wechseln. Ich sehe da absolut keine positivere Darstellung als in Mordinstinkt. Das bleibt doch alles nur an der Oberfläche, aber richtig. Und auch die Festnahme am Anfang des Filmes resultiert doch nicht aus Rücksichtsnahme vor der Frau, sondern aus reiner Aussichtslosigkeit. Mesrine ist doch kein Selbstmörder. Wie gesagt, ich sehe da überhaupt keine neue Facette Mesrines. Und gerade die letzte Szene findet überhaupt keine Wurzel im Erzählten. Klar, sein Tod ist eindeutig als Hinrichtung zu definieren, aber wo bleibt denn bitte der Unterbau? Wo erzählt Richet von Mesrines Wirkung in der Öffentlichkeit, von seinem subversiven Potential?

C.H. hat gesagt…

Es geht doch aber nicht wirklich um die Handlungen Mesrines an sich, die in der Tat nichts positives an sich haben, sondern um die Suggestion der Bilder. In der Hinsicht hast du sogar nicht ganz Unrecht, denn es geht mir ja gerade um die vereinnahmende Kraft der Inszenierung Richets, die in ihrer Wirkung im zweiten Teil einen anderen Ton trägt, als noch in "Mordinstinkt". Und so mag es natürlich sein, dass sich Mesrine seiner Verhaftung nicht erwehrt, weil er weiß das er keine Chance hat, doch das bebilderte Gespräch mit Broussard suggeriert ja das Gegenteil. Hätte man diese Szene aus dem Film gestrichen, man hätte einen ganz anderen Eindruck von der Haftung, nämlich nur den von dir erwähnten Zweck-Rationalismus.

"Wo erzählt Richet von Mesrines Wirkung in der Öffentlichkeit, von seinem subversiven Potential?"

Da gehe ich mit dir völlig d'accord. Das habe ich ja auch in meiner Kritik bemängelt: "Doch letztendlich bleiben die Versuche des Films Mesrine abseits seiner Taten und Persönlichkeit zu beleuchten, auf Ansätze beschränkt. Das Spiel Mesrine mit den Medien verkommt in „Todesspiel“ zu einer Einbahnstraße: Es wird zwar gezeigt, wie Mesrine die Öffentlichkeit zu nutzen weiß, doch die andere Seite, die Reaktion der Öffentlichkeit mit all ihrer Faszination und Romantisierung des Verbrechers, bleibt ebenso unbeleuchtet, wie es der Film auch versäumt seinen Film in einen größeren gesellschaftlich-politischen Kontext der Zeit zu verorten."

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