Rezension: "Che – Revolución"














Che Ernesto Guevara – Arzt, Soldat, Marxist, Revolutionär, Ikone, Symbol, Mythos. Die historische Figur Che Guevara scheint längst vom eigenen Mythos überwölbt zu sein. Das berühmte Foto von Alberto Korda zählt zu den bekanntesten Portraits der Geschichte. Ein Symbol, das mittlerweile millionenfach auf T-Shirts, Anhängern und Aufnähern prangt. Die Frage, ob sich jeder der dieses mittlerweile etablierte Symbol der Populärkultur trägt, auch über das geschichtliche Wirken Guevaras im Klaren ist, scheint durchaus berechtigt. Der Mann, der hinter Fidel Castro die maßgebliche Figur der kubanischen Revolution war, und schließlich in Bolivien sein Ende durch die Kugeln eines Exekutionskommandos fand, gehört somit ganz gewiss zu den schillerndsten Figuren der Geschichte. Wer sich der Herausforderung stellt das Leben Guevaras, oder auch nur Episoden daraus verfilmen zu wollen, der hat bezüglich der Konzeption des Films die Qual der Wahl. Entweder man entscheidet sich dafür die Person hinter dem Symbol in den Vordergrund zu stellen, was in einer Dekonstruktion des Mythos münden würde, oder aber man zollt diesem Mythos auch in filmischer Gestalt Tribut. Der Versuch von Regisseur Steven Soderbergh und seinem Hauptdarsteller Benicio del Toro ist nun bei weitem nicht der erste Versuch das Leben des berühmten Revolutionärs in die Kinos zu bringen, mit über vier Stunden Spielzeit die sich auf zwei Filme verteilen, ist es wohl aber ein ziemlich ambitionierter Versuch.


Steven Soderberghs „Che – Revolución“ (so der deutsche Titel des ersten Teils) ist von Teilen der Kritik vorgeworfen worden, dass er Guevara romantisieren und verklären würde, also mit anderen Worten in ein zu positives Licht rücken würde. Dieser Vorwurf ist – soweit er die eigentlichen Sachverhalt betrifft – korrekt. Doch auch wenn die Einschätzung der Sache richtig ist, so ist dies für den Film, zumindest theoretisch, kein Problem. Offensichtlich hat sich „Che – Revolución“ für eine Perspektive entschieden, die auf der subjektiven Sichtweise von Che Guevara selbst basiert. Solange der Film (und damit die daran Beteiligten) zu dieser Perspektive stehen, ist dies auch völlig legitim. Und zumindest der Film steht dazu. Im Abspann ist zu lesen, dass „Che – Revolución“ auf den Aufzeichnungen Guevaras rekurriert, die dieser unter dem Titel „Episodes of the Cuban Revolutionary War“ verfasst hat. Es wäre allerdings wünschenswert gewesen wenn dieser für die Intention des Films eminent wichtige Hinweis an prominenterer Stelle, nämlich direkt am Beginn des Films, platziert worden wäre. Kann man die eingenommene Perspektive von „Che – Revolución“ und damit auch das in dem Film ventilierte Bild von Guevara akzeptieren, so muss man sich doch über die Äußerungen der Beteiligten selbst wundern, die diese legitime Konzeption des Films selbst wieder konterkarieren Im Interview mit der Süddeutschen Zeitung hat Benicio del Toro zu Protokoll gegeben, dass das Ziel der beiden Filme darin bestünde, die „historische Wahrheit“ über Che Guevara zu erzählen. Mal abgesehen davon, dass der Historiker den Begriff der „historischen Wahrheit“ als solchen ablehnen würde, ist völlig offensichtlich, dass sich an dieser Stelle Konzeption des Films und die Aussage von del Toro diametral gegenüberstehen: Ein Film, der sich in seinem Selbstverständnis auf die Aufzeichnungen des zu Porträtierenden beruft, kann nicht gleichzeitig in dem Sinne Objektivität für sich beanspruchen, wie es Benicio del Toro in diesem Interview getan hat. Entweder war ihm dieser Sachverhalt nicht bewusst, oder aber diese Aussagen basieren auf marktstrategischen Gründen. Beides macht die Sache nicht besser.


Man könnte auch fast den Eindruck bekommen, dass dieser Aussage auch eine gewisse Unentschlossenheit zu Grunde liegt, die man „Che – Revolución“ im Übrigen deutlich anmerken kann. Oder aber anders ausgedrückt: Der Film macht aus einer im Prinzip überzeugenden Anlage und dem Potential, das diesem Ansatz inhärent ist, eindeutig zu wenig. „Che – Revolución“ beschäftigt sich nicht nur mit den Geschehnissen im Kubanischen Wald der Jahre 1957 bis 1959, als es Guevara und Castro nach zweijährigem Guillerakrieg tatsächlich gelang das von den USA gestützte Batista-Regime militärisch zu besiegen und damit die Revolution zu einem erfolgreichen Ende zu führen, sondern spielt auf zwei weiteren Ebenen, die in schwarz-weißen Bildern immer wieder in die Erzählung des Films eingewoben sind. Neben dem 1964 erfolgten Auftritt Guevaras vor den Vereinten Nationen, ist es vor allem das mit einer Journalistin geführte Interview, welches von Interesse ist. Es ist unverständlich warum Soderbergh an dieser Stelle die große Chance ausgelassen hat, den Mythos Guevara, der im Film vor allem durch die Geschehnisse in Kuba kolportiert wird, in eben diesem Interview, das sich ja auch in der Kolorierung von den anderen Szenen maßgeblich unterscheidet, auf intelligente Art und Weise zu hinterfragen. Es wäre nicht einmal nötig gewesen den Mythos in Gänze zu dekonstruieren, wohl aber hätten ein paar kantige und zum Nachdenken anregende Ecken innerhalb des Films schon einiges bewirkt.


Handwerklich hingegen ist „Che – Revolución“ von herausragender Klasse. Kameraführung, die Szenen im Dschungel, die Landschaft per se, auch die optische Inszenierung des Commandante ist von bemerkenswertem Niveau. Benicio del Toro liefert eine sensationelle Leistung als Che Guevara ab, die von der Körperhaltung bis zur Mimik perfekt wirkt. Allein der durch sein Asthma ausgelöste und fast ikonenhaft zelebrierte Hustanfall zu Beginn des Films, vermag dies exemplarisch zu unterstreichen. Es sind somit also immer wieder einzelne Bilder, die den Film aus dem totalen Mittelmaß herausheben, ansonsten vermag dieser erste Teil aber nur selten wirklich zu funktionieren. Dies ist interessanterweise noch nicht einmal ausschließlich dem Problem der Perspektive geschuldet, auf dessen Sachverhalt in dieser Rezension bislang verstärkt der Fokus lag, sondern auch und vor allem der Umsetzung. „Che – Revolución“ hat sich dezidiert für die subjektive Perspektive von Guevara entschieden, doch in der Umsetzung ist Soderberghs Film erschreckend zäh und uninspiriert geworden. Die Person Guevara bleibt dem Zuschauer – obschon Identifikationsfigur – seltsam fremd. Soderbergh gelingt es nicht, und dieses Versagen darf jetzt nicht mit einer eventuellen Haltungslosigkeit des Films verwechselt werden, den Zuschauer emotional in den Film mit einzubeziehen. Was bleibt ist ein Film, der den Zuschauer nur selten zu fesseln vermag, und sich im wahrsten Sinne des Wortes wie ein mit wenig Genuss zu lesender Tagebucheintrag von Che Guevara anfühlt.


Erschwerend kommt noch hinzu, dass man sich nicht des Eindruckes erwehren kann, dass „Che – Revolución“ mit Abstand einer der schlechtesten Synchronisationen der letzten Zeit erfahren hat. Mit anderen Worten: Der Film funktioniert im Deutschen überhaupt nicht. Das sich der Verleih nicht dazu durchringen konnte, den Film im spanischen Original mit Untertiteln in die Kinos zu bringen, und somit den Weg eines „Letters From Iwo Jima“ zu beschreiten, muss hart kritisiert werden. Bedenkt man die Tatsache, wie impulsiv die Gestiken und Mimiken der Protagonisten im Film wirken – mal abgesehen davon, dass die spanische Sprache ohnehin um einiges impulsiver ist, als die Deutsche – möchte man ob der monotonen und unmotivierten deutschen Fassung nur noch mit dem Kopf schütteln. Im Übrigen darf man gespannt sein, ob es Soderbergh gelungen ist, den zweiten Teil („Che – Guerilla“) im Vergleich mit dem Erstling qualitativ zu steigern. Die Vermutung, dass dieser erste Teil nur ein Aufgelopp für den zweiten Teil war, in dem Hintergründe und Beweggründe der Geschichte eingeführt werden sollten, liegt durchaus nahe. Wenn allerdings noch nicht einmal das auf befriedigende Art und Weise gelungen ist, und der Film noch dazu Schwierigkeiten hat, für sich selbst zu stehen, ist das in der Tat ein Problem. Gerettet wird dieser erste Teil durch die handwerkliche Klasse der Bilder und dem brillantem Auftritt von Benicio del Toro. - Fazit: 6 von 10 Punkten.


Quellennachweis: Abbildungen aus "Che – Revolución". © 2009 Morena Films


14 Kommentare:

Flo Lieb hat gesagt…

Entweder war ihm dieser Sachverhalt nicht bewusst, oder aber diese Aussagen basieren auf marktstrategischen Gründen.

Ich denke was er meinte war, dadurch dass man Guevaras Aufzeichnungen über die Revolution aus dessen Augen übernimmt, blickt man der historischen Wahrheit ins Gesicht, weil Guevara ja dabei war und so.

Die Vermutung, dass dieser erste Teil nur ein Aufgelopp für den zweiten Teil war, in dem Hintergründe und Beweggründe der Geschichte eingeführt werden sollten, liegt durchaus nahe.

Soweit ich weiß, hat der zweite Film inhaltlich nicht mehr wirklich viel mit dem Ersten zu tun. Bzw. beschäftigt er sich mit einem desillusionierten Che in den Wäldern Boliviens und stellt die eigentlich Geschichte dar, die Soderbergh erzählen wollte. REVOLUCION hat er dann nur gemacht, weil er quasi "musste".

Ich schein im Übrigen der Einzige gewesen zu sein, der mit del Toros Leistung nicht wirklich zufrieden war. Immmerhin etwas, wenn Tumulder und du schon hinsichtlich der Wertung mit mir auf einem Level stehen (ich MUSS doch irgendwie irgendwo gegen den Strom schwimmen, weiß man doch).

C.H. hat gesagt…

Ich denke was er meinte war, dadurch dass man Guevaras Aufzeichnungen über die Revolution aus dessen Augen übernimmt, blickt man der historischen Wahrheit ins Gesicht, weil Guevara ja dabei war und so.

Und das das nicht zwangsläufig mit einer historischen Wahrheit übereinstimmen muss, brauche ich dir ja wohl nicht zu sagen. ;-) Tagebücher gehören nun mal zu den subjektivsten Quellen, die es gibt. Und nun ja, wenn del Toro das gemeint haben sollte, dann war es schon sehr ungeschickt formuliert. ;-)

Flo Lieb hat gesagt…

Und das das nicht zwangsläufig mit einer historischen Wahrheit übereinstimmen muss, brauche ich dir ja wohl nicht zu sagen.

Das wollte ich damit auch nicht sagen, sondern nur meine Interpretation von seiner Äußerung liefern. Ich denke, dass er denkt, dass das was Guevara über die Revolution sagt, am Nähesten bei der Wahrheit liegt. Daher die Äußerung. Ich selbst würde bezweifeln, dass es eine historische Wahrheit gibt.

C.H. hat gesagt…

Sehr richtig. Du bist ja auch Historiker. Und wie ich im Text schon geschrieben habe, wir Historiker lehnen den Begriff der Historischen Wahrheit ja auch mit Freuden ab... ;-)

Flo Lieb hat gesagt…

Naja, dazu muss man ja nicht Geschichte studiert haben, um sich das erschließen zu können ;-)

tumulder hat gesagt…

Naja, ich denke Guevaras Motivation wird eindeutig vermittelt. Die braucht auch gar nicht weiter großartig erklärt werden. Was Flo aber an Del Toros Leistung auszusetzen hat wird er uns wohl nie verraten, oder habe ich sein Review verpaßt?

C.H. hat gesagt…

Es geht mir da weniger um die Klarstellung seiner Motivation, die in der Tat offensichtlich ist, zumindest wenn man Phrasen und 2 Szenen in Mexiko beim Abendessen als offensichtlich erachtet. ;-) Aber geschenkt. Was mir gefehlt hat, war mal ein Blick hinter die Fassade von Guevara, ein Blick in seine Persönlichkeit im Sinne einer Interpretation. Mir was das in weiten Teilen zu oberflächlich.

PS: Schau noch mal bei Flo genau auf dem Blog nach (Rubrik Querverweise). Da hast du sogar kommentiert... :D

tumulder hat gesagt…

Also ich finde der Film beschäftigt sich einzig und allein mit Guevaras Charakter. Vielleicht ein wenig einseitig, wenn du das mit oberflächlich meinst.;)

Flos Review habe ich wohl schon wieder vergessen, muß an der Luftfeuchtigkeit liegen.^^

tumulder hat gesagt…

Ach ja, ich erinnere mich. Ist ja auf Moviemaze erschienen. Aber selbst da kann ich nur nachlesen, daß Del Toro Guevara mit Jesus verglichen haben soll.;)

Flo Lieb hat gesagt…

Aber selbst da kann ich nur nachlesen (...)

--> "Der bei den Filmfestspielen von Cannes im vergangenen Jahr ausgezeichnete Benicio del Toro bleibt in seiner Rolle als Che erstaunlich blass. Stets sieht man del Toro, wie er sich als Guevara zu geben versucht, aber nie will der Mexikaner so richtig mit der Figur verschmelzen. Er spielt (...) dennoch (...) überzeugend"

tumulder hat gesagt…

Ja Flo, das ist aber schon ein Paradoxon, was du uns hier servierst. Er versucht Guevara zu spielen, was ihm anscheinend nicht gelingt, ist dabei dennoch überzeugend? Was denn nun? Ich weiß schon was dir an seinem Spiel fehlt, aber hast du mal über Soderberghs Konzept nachgedacht?;)

Flo Lieb hat gesagt…

Für mich hat "überzeugend" eine andere Bedeutung als für dich. Daher ist es in meinen Augen kein Paradoxon, obschon ich damit leben kann, wenn meine Äußerung deiner Ansicht nach keinen Sinn ergibt, da sie sich widerspricht.

tumulder hat gesagt…

Was bedeutet denn für dich, daß dich jemand überzeugt hat? Ich folge da einfach der deutschen Sprache, in der "überzeugen" für "etwas glaubhaft machen" benutzt wird. Wenn Del Toro jetzt also überzeugend Che darstellt, dann kann er es nicht nur versucht haben, dann muß es ihm auch gelungen sein. Ich will dir nicht ans Bein pinkeln, ich will nur wissen was dir an seinem Spiel nicht gefallen hat.

Flo Lieb hat gesagt…

Für mich heißt Überzeugen (im Film), dass es nicht stört der Handlung zu folgen. Ein unauffälliges Spiel, das weder schlecht noch gut ist. Quasi solide. Und dass ich del Toro blass finde, weil er nicht mit der Figur verschmelzen kann, ist ein Sonderstatement, wegen all der Anerkennung, die ihm entgegengebracht wurde. Er spielt für mich solide im Film an sich und bleibt relativ blass, wenn man seine Leistung per se betrachtet. Er spielt einen Revolutionär, der im Wald rumrennt und keucht. Das kauf ich ihm ab, dahingehend überzeugt er. Aber den Menschen Guevara oder dessen Darstellung, den/das nicht, da bleibt er für mich die ganze Zeit über del Toro, der die Augen zusammenkneift und leicht den Mundwinkel verzieht, wie man es ihn immer machen sieht.

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