

Man steht manchmal als Kritiker in der Verlegenheit über einen Film schreiben zu wollen, zu dem einem schlicht und ergreifend die Hintergründe zu den Beteiligten fehlen. Oder aber anders ausgedrückt: Die Kontextualisierung des gesehenen Films in das Gesamtwerk wird zu einer Sache oberflächlichen Nacherzählens schnell angelesener Informationen. So geht es mir jedenfalls im Fall von „Kommissar Bellamy“ des französischen Regisseurs Claude Chabrol. Chabrol, offensichtlich wesentlicher Vertreter der französischen Nouvelle Vague und bekannt für seine oftmals sehr sozialkritischen Filme, hat in seiner Karriere weit über 50 Filme abgedreht – von denen ich keinen einzigen gesehen habe. Optimale Voraussetzungen also den nun in den deutschen Kinos laufenden „Kommissar Bellamy“ mit Gérard Depardieu in der Hauptrolle zu besprechen. Mit anderen Worten: Weder kann diese Kritik eine Aussage über etwaige typische Elemente Chabrols treffen, die sich „Kommissar Bellamy“ eventuell wiederfinden lassen, noch kann der Film in einen größeren Gesamtkomplex eingefasst werden. Was jedoch bleibt, und darauf kommt es ja auch letztlich an, ist eine Kritik zu einem Film der an dieser Stelle – im Gegensatz zu vielen anderen zu lesenden Meinungen – überaus positiv ausfallen wird.
Es ist Sommer und der Kommissar Paul Bellamy (Gérard Depardieu) entflieht zusammen mit seiner Frau Françoise (Marie Bunel), wie in jedem Jahr, dem Pariser Trubel für ein paar Wochen und verbringt seinen Urlaub in dem ruhigem Städtchen Nîmes. Die holde Zweisamkeit wird jedoch jäh gestört, als ein fremder Mann ununterbrochen um das Ferienhaus des Kommissars herumschleicht. Schließlich kommt es zwischen beiden Männern doch zum Gespräch, in welchem von Noël Gentil (Jacques Gamblin), wie sich der Mann nennt, erfährt, dass dieser einen Mann getötet habe. Interessiert hört sich der Kommissar diese Geschichte um Liebe, Mord und einen Versicherungsbetrug an, und begibt sich in der Folge auf die Spur nach des Rätsels Lösung. Währenddessen trifft auch Bellamys Halbbruder Jacques Lebas (Clovis Cornillac) im Feriendomizil des Paares ein, was zwischen den Brüdern alsbald für Spannungen sorgt.
Was sich zunächst als Auftakt für einen Krimi mit Anleihen an die schwarze Serie nebst klassischer Femme Fatale präsentiert, wandelt sich schnell zu einer sozialkritischen Charakterstudie die zuvorderst auf die Persönlichkeiten der Protagonisten abzielt, und den zu lösenden Kriminalfall folgerichtig schnell in den Hintergrund treten lässt. Zentrum von „Kommissar Bellamy“ ist logischerweise Gérard Depardieu, den man in einer Hauptrolle schon lange nicht mehr so gut gesehen hat, gefällt mit seinem nuancierten und teils sehr physischen Spiel, das in diesem Film über Neugier, Eifersucht, Liebe und Wut und Verlangen die komplette Bandbreite menschlicher Emotionen abdeckt. Der von Depardieu verkörperte Charakter ist es auch, der die Verbindung zwischen den beiden narrativen Strängen des Films darstellt. Denn während es zum Einen um Verbrechen als Folge fehlgeleiteter Liebe geht, handelt der zweite – wahrscheinlich sogar wichtigere Teil des Films – von dem innerfamilären Konflikt zwischen den beiden Halbbrüdern. Letztlich ist das auch der Teil des Films, welcher der gelungenere von beiden ist, allein schon deshalb weil Chabrol die erzählte Kriminalgeschichte über weite Strecken schon nahezu fahrlässig vernachlässigt, und diese somit zu keinem Zeitpunkt sonderlich in die Tiefe geht.
Insgesamt ist „Kommissar Bellamy“ über weite Strecken gemächliches, aber sehr interessantes Darsteller-Kino, welches vor allem von Depardieu getragen wird, aber auch die anderen Darsteller wissen in ihren Rollen zu überzeugen. Wäre ich mit der literarischen Figur Kommissar Maigret vertraut, immerhin ist der Film unter anderem deren Schöpfer Georges Simeon gewidmet, mir würde zu „Kommissar Bellamy“ wahrscheinlich noch mehr einfallen. Und wäre ich mit dem Oeuvre von Chabrol vertraut, würde mir dementsprechend noch einiges mehr ein- und auffallen. So bleibt mir nur zu sagen, dass „Kommissar Bellamy“ ein äußerst lohnenswerter Film darstellt, auch wenn ich mir sicher bin, dass ich nur die Hälfte der von Chabrol in den Film implementierten Symbole und Metaphern verstanden habe. Allein das mir während des Films die Doppeldeutigkeit der Namen der Protagonisten nicht aufgefallen ist (Bellamy, Sancho, Leullet, Gentil, Bonheur, Lebas), erinnert mich an die alte Weisheit, das man manchmal den Wald vor lauter Bäumen nicht sieht. - Fazit: 7 von 10 Punkten.
Quellennachweis: Abbildungen aus "Komissar Bellamy". © 2009 Concorde






2 Kommentare:
Man steht manchmal als Kritiker in der Verlegenheit über einen Film schreiben zu wollen, zu dem einem schlicht und ergreifend die Hintergründe zu den Beteiligten fehlen.
Das ist ja auch keine notwendige Bedingung ;-)
Da sieht mal einer an, das ist also ein Chabrol? Hatte ich im Vorfeld gar nicht mitbekommen, wobei ich mir auch nicht den Trailer angesehen hab. Bin ohnehin nicht der größte Fan vom Claude, von daher ...
P.S.: Ein hilfreicher Einstieg wäre Asterix & Obelix gewesen, bedenkt man dass hier Depardieu und Cornillac wieder zusammen spielen :-)
Das ist ja auch keine notwendige Bedingung ;-)
Ne, ist aber schon schöner. ;-)
zum PS: Ist mir gar nicht aufgefallen...:D
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