

Das diesjährige Kino hat es offensichtlich mit den Staatsfeinden. Vor einiger Zeit begab sich Richet auf die Spuren des französischen Staatsfeind Nummer 1 Jean Jacques Mesrine, der in den Siebziger Jahren Frankreich in Atem hielt („Public Enemy No. 1 Mordinstinkt & Todestrieb“) Und nun folgt auch Michael Mann, der sich in seinem neuesten Film „Public Enemies“ der historischen Figur John Dillinger annimmt. Und auch wenn zwischen Mesrine und Dillinger gut fünfzig Jahre liegen, die Parallelen sind zumindest in der medialen Außendarstellung offenkundig, wurden sie doch beide auf Grund ihres charismatischen Auftretens als moderne „Robin Hoods“ bezeichnet und zeichneten sich nicht zuletzt beide für spektakuläre Gefängnisausbrüche verantwortlich. Im Gleichschritt gingen sie auch ihrem Ende entgegen. Beide starben durch die Kugeln der staatlichen Ordnungsmacht, die ihnen stets mehr oder weniger erfolgreich auf den Fersen war. Doch während das französische Kino mit ihrem Gangster-Epos in qualitativer Hinsicht ein gewaltiges Ausrufezeichen setzen konnte, müssen bei Manns „Public Enemies“ eine Menge Fragezeichen zurück bleiben.
Die große Depression, welche die Welt uns insbesondere auch die USA Anfang der dreißiger Jahre fest im Griff hatte, bot den perfekten Nährboden für das Verbrechen. Die Mafia und sonstige Kriminelle halten das Land in Atem und fordern die staatlichen Behörden stets aufs Neue heraus. Einer jener Outlaws ist John Dillinger (Johnny Depp), der mit einigen Getreuen immer wieder die Banken des Landes überfällt. Eingedenk seiner charismatischen Wirkung, vermag es kaum Wunder zunehmen, dass dem Kriminellen schon bald Sympathien innerhalb der Gesellschaft genießt. Doch auch die Staatsmacht bleibt nicht untätig, und setzt seinen besten Mann auf Dillinger an. Der junge und viel versprechenden Agent Melvin Purvis (Christian Bale) hat sich als knallharter Spürhund bewährt und erhält nun seine große Chance. Schon bald entspinnt sich zwischen Jäger und Gejagtem eine furioses und gewalttätiges Katz und Maus Spiel. Und während sich die Schlinge um Dillingers Hals immer enger zieht, vermag selbst die Geliebte des Kriminellen, die junge Billie Frechette (Marion Cotillard), den Ganoven nicht dazu bewegen dem verbrecherischen Treiben ein Ende zu setzen. Dillinger ist sich sicher, dass er der Polizei immer einen Schritt voraus sein wird.
Neue Techniken sind eine gute Sache, wenn man weiß wie und vor allem warum man sie einzusetzen hat. Oder aber anders ausgedrückt: Die Wahl der technischen Mittel sollte immer der Sache dienen, und nicht einfach nur, weil sie vorhanden sind. „Public Enemies“ ist von Michael Mann komplett auf Digital Video gedreht worden, was dem Film nicht sonderlich gut zu Gesicht steht – Gelinde gesagt. Die schnelle, flexible und verwackelte Kamera, die vielleicht zu einem Jason Bourne aus dem 21. Jahrhundert passen mag, wirkt bei diesem Period Piece, das ja auch einen gewissen epischen Anspruch von Natur aus in sich trägt, erschreckend deplatziert. Mit der Entscheidung Manns für DV geht somit Einiges, man möchte fast sagen Alles von dem Flair verloren, was derartige Filme in der Vergangenheit ausgezeichnet hat. Wie man es richtig macht, hat nicht zuletzt Clint Eastwood in diesem Jahr mit seinem Period Piece „Der fremde Sohn“ aus inszenatorischer Sicht eindrucksvoll bewiesen. Und sollte es Michael Mann tatsächlich darum gegangen sein, mit dieser Kameratechnik auch einen optischen Bruch mit dem klassischen Konventionen des Gangster-Genres zu bewirken, so hat er sich dies mit der Geschichte, die er ihn „Public Enemies“ erzählt, von Beginn an verbaut.
Diese nämlich bricht mitnichten mit irgendwelchen Mythen – zumal er diese Nähe mit seinen Verweisen auf das klassische Kino ja auch sucht - sondern hält sich geradezu sklavisch an die für dieses Genre typischen Elemente. Der Film soll einerseits von dem großen Duell zwischen Dillinger und Purvis getragen werden, und andererseits durch die Implementierung der typischen Romanze des Gangsters überzeugen. Narrative Parallelen zwischen Manns Meisterwerk „Heat“ und „Public Enemies“ sind an dieser Stelle unverkennbar. Doch wo „Heat“ das Duell zwischen Jäger und Gejagtem auch in eine höchst eindrucksvolle psychologische Studie kulminieren ließ, versagt „Public Enemies“ in dem Bemühen seinen Figuren Tiefe und Relevanz einzuhauchen. Wie wenig der Film eigentlich zu erzählen hat, zeigt sich vor allem gegen Mitte des Films, als Mann sich darauf beschränkt seinen Film als mit der Zeit nur noch enervierende Ballerorgie zu inszenieren, die nichts mehr mit dem pointierten Einsatz eskalierender Gewalt vorheriger Filme Manns zu tun hat. Dass der Abschluss des Films dann noch in ein völlig konstruiertes romantisch-verkitschtes Ende abgleiten muss, das in feinster DV-Optik die Tränen in Zeitlupe über Billies Augen schwappen lässt, kann nur noch mit blankem Hohn goutiert werden.
Am Undankbarsten ist dieser hart am Abgrund des Desasters wandelnde Film mit Sicherheit für die prominenten Zugpferde von „Public Enemies“. Während Johnny Depp seinen Part mit routinierter Zurückhaltung interpretiert und vor allem mit seinem spitzbübischem Charme zu arbeiten weiß, gelingt es Christian Bale immerhin sich gegenüber seiner dürftigen Leistung als John Connor in „Terminator – Die Erlösung“ wieder zu steigern – Was allerdings auch nicht schwer war. Und es ist dann an der Französin Marion Cotillard in ihrer relativ kleinen Rolle als Geliebte von Dillinger den nachhaltigsten Eindruck zu hinterlassen. In der Summe lässt sich also wenig Positives zu „Public Enemies“ sagen: Die im Grunde grandiose Ausstattung wird durch die völlig deplatzierte Optik ebenso verschenkt, wie auch die Darsteller auf Grund des völlig unzureichenden Drehbuchs, dem es zu keinem Zeitpunkt gelingt eine den Zuschauer wirklich interessierende Geschichte zu vermitteln, in der Luft hängen gelassen werden. Immerhin war die musikalische Untermalung nicht schlecht. - Fazit: 4 von 10 Punkten.
Quellennachweis: Abbildungen aus "Public Enemies". © 2009 Universal Pictures






11 Kommentare:
Wie schon Mal abseits erwähnt: von Mann erwarte ich seit ALI nix mehr.
Halten wir fest, was dieser Film uns mitgibt: Christian Bale steigert seine Leistung nach TERMINATOR 4. Kann es ein vernichtenderes Urteil geben? :)
Tja, wohl nicht wenn man bedenkt, aus wessen Mund dieser Satz kommt... :)
Die HD-Technik hat Mann nach eigenen Worten eingesetzt, um den Film immersiver zu gestalten. Ich denke, dass ihm das visuell gesehen teilweise auch gelingt. Allerdings steht ihm die von dir auch angesprochene fragwürdige Narration im Wege. PE wirkt unentschieden. Teilweise erinnert die distanzierte Abhandlung der Ereignisse an Soderberghs Che, aber da ist Mann nicht konsequent genug. Er stilisiert Dillinger mit der anachronistischen Musik etc. zum Filmhelden, verzichtet aber wiederum auf die dazugehörige Dramaturgie.
Ich sehe den Film zwar insgesamt etwas positiver als du, bin aber noch immer etwas verstört von dem Erlebnis. Mein Hauptproblem ist nicht mal die HD-Technik an sich, sondern dass Mann anscheinend noch nicht raus hat, wie er sie richtig benutzt. Licht, Raum und Bewegung wirken in einem HD-Film völlig anders. Urbane Landschaften können den Atem rauben (s. Collateral), während schnelle Schwenks und dazugehörige Schnitte wesentlich desorientierender wirken. Mann ist keinesfalls so radikal verwackelt wie Greengrass und trotzdem hat er in PE auf das geniale Staging der Actionszenen verzichtet, wie es noch in Heat zu finden war. Stattdessen ist mir der ganze Shootout im Wald auf Grund der Reißschwenks als ein einziger Farbstreifen in Erinnerung geblieben.
Genau wie alle anderen technischen Innovationen (Montage, Kamerabewegung, Ton, Farbe, Cinemascope, ...) wird auch HD erst nach langer Übung gemeistert werden. Das Problem HD + Period Piece ist meiner Meinung nach trotzdem eines der Gewöhnung.
Noch ein Wort zu Bale: Der ist immer nur so "gut" wie seine Figuren und Purvis an sich ist absolut uninteressant. Das nenne ich mal eine Fehlbesetzung.
Das mir diese HD-Optik in einem 30er Jahre Gangster-Epos nicht gefällt, ist in der Tat dann erst mal mein perönliches Problem.
Ob Mann das mit dem HD drauf hat (oder nicht) darüber möchte ich mir auch kein Urteil anmaßen. Dafür hab ich von den Technika des Filmedrehens zu wenig Ahnung. Aber ich hab eben nach deinem Hinweis bezüglichs Manns Intention noch mal recherchiert, und letztlich wollte er dann ja wirklich, dass sich der Zuschauer in die Zeit hineinversetzt sieht. Mit anderen Morgen: Ziel und Zweck war Authenzität zu erzeugen, und Mythen des Genres zu vermeiden. Nur leider will die erzählte Geschichte, die schrecklich stereotyp und klischeebeladen ist, nicht dazu passen - Da sind wir uns ja auch einig. Bin mal gespannt, was du zu dem Film schreibst... ;-)
Hatte ich auch heute gesehen. Wäre fast eingeschlafen, allerdings kamen dann noch gegen Ende 'nen paar gute Szenen (wie Dillinger ins Hauptquartiert marschiert; der Showdown vorm Kino etc.) Zum Brüllen war imho der Satz "Ich muss auf die Toilette" beim Verhör Marion Cotillards. Wat hat der Saal gelacht.^^
Ach das war ne bestimmte HD Technik. Und ich hab mich schon gefragt ob ich nicht mal zu dem Optiker meines Vertrauens gehen sollte^^. Ganz ehrlich, mir taten die Augen weh, bei diesen Szenen. Total verwirrend. Danke für die Aufklärung!
Also ich stimme deiner Kritik wieder mal total zu, lieber C.H., wie ich schon mal sagte: Du sprichst mir aus der Seele. Gerechte Punktevergabe am Ende.
Ich fand den Trailer schon nicht so sehenswert aber wegen Johnny (schmacht!) hab ich ihn mir angesehen. Er war auch das Einzige was den Film für mich erträglich gemachthat! Die Geliebte war echt schlimm! Meiner Meinung ne totale Fehlbesetzung!
@ fincher:
Euer Kino-Saal hat aber einen zeimlich komischen Humor. Bei uns hat da keiner gelacht (Vielleicht auch weil zu diesem Zeitpunkt schon alle eingeschlafen waren.
@ Franzi:
Wobei ich Marion Cotillard doch ein wenig in Schutz nehmen möchte. Ich vermute bei dieser undankbaren Rolle hätte wohl Keine brilliert.
Ach, die ganzen Dialoge waren doch ziemlich ausgelutscht und unfreiwillig komisch. Da muss man ganz einfach schmunzeln.^^
@ Franzi:
Auch ich fand Frau Cotillard nicht wirklich fehlbesetzt. Die Rolle war nur undankbar - ebenso wie die von Bale. Gerade bei Purvis wäre es doch mal interessant gewesen, zumindest irgendeinen Zusammenhang zwischen seiner Charakterzeichnung und der unmotivierten Texteinblendung am Ende (dass er einige Jahre später Suizid beging) herzustellen. Auch trat er nur ein paar Jahre später aus dem FBI aus aufgrund seines angespannten verhältnisses zu J. Edgar Hoover. Auch das wird kaum thematisiert, hätte sich aber angeboten, um beiden Figuren etwas mehr Profil zu verleihen und nicht so sehr gegen Johnny Depp abzustinken.
Die fehlende Tiefe der Figuren fasst es treffend zusammen. Das hier ist ein Haufen nichts, bis in die Nebenrollen mit Stars besetzt, aber ohne Geschichte. Furchtbar langweilig und redundant, hinzu kommt dass mich allenfalls Stephen Lang von den Darstellern überzeugen konnte. Zum Glück hab ich für sowas kein Geld ausgegeben, dagegen ist TERMINATOR SALVATION ja ein kleines Meisterwerk...
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