

Vielleicht mal ein etwas anderer Einstieg in die Besprechung von Ole Bornedals neuen Film "Deliver us from Evil". Wie in der Kategorie "Director's Spotlight" üblich, wurde der Beitrag vor der Vorstellung mit einigen wenigen einführenden Bemerkungen von Seiten der Veranstalter des Festivals bedacht, die an dieser Stelle kurz zusammengefasst werden sollen: Das Fantasy Filmfest müsse sich von Seiten der Journalisten immer wieder mal die Frage gefallen lassen, ob das FFF nicht eine Veranstaltung wäre, in der Gewalt verherrlicht werden würde. Vielmehr sei es jedoch so, dass das Fantasy Filmfest Gewalt eben nicht nur zelebrieren würde, sondern als Bestandteil menschlicher Emotionen und Handlungen thematisieren und zeigen würde. Eine ebenso interessante wie diskutable Antwort, die jedoch zumindest im Fall von "Deliver us from Evil" ins Schwarze trifft. Oder aber anders ausgedrückt: So lange auf dem Fantasy Filmfest auch Beiträge von der Qualität des an dieser Stelle zu besprechenden Film ihren Platz haben, braucht das Festival sein Licht nicht unter den Scheffel zu stellen. "Deliver us from Evil" ist nicht weniger als ein zutiefst bewegender und verstörender Film, der den Zuschauer auch lange nachdem der Kinovorhang gefallen ist, beschäftigt. Und so ist es nur bezeichnend, dass das vollbesetzte Kino bei Einsetzen des vollständig lautlosen Abspanns wie paralisiert in seiner Schockstaare verharrte und sich eine Stille ausbreitete, in der man eine Stecknadel hätte fallen hören können – bevor dann endlich der verdiente Applaus aufkam.
"Deliver us from Evil" beginnt an einem Ort wie er eigentlich nicht friedlicher sein könnte. Eine ruhige, von Wasser umgebene Straße außerhalb einer kleinen dänischen Ortschaft. Es ist nur eine einzige Stimme zu hören, doch diese gehört einer offensichtlich allwissenden Frau. Ein ironisches Lächeln umspielt ihre Lippen, als sie uns von den Menschen erzählt, die in diesem entlegenem Ort leben. Sie erzählt von Johannes (Lasse Rimmer), der mit seiner Frau Pernille (Lene Nystrom) und seinen zwei Kindern dem städtischen Trubel entfliehen wollte und nun in seine ruhige Heimat zurückgekehrt ist. Auch berichtet sie von Lars (Jens Andersen), dem nichtsnutzigen Trinker und Bruder von Johannes, der seine Freundin regelmäßig windelweich prügelt, wenn diese "mal wieder mit einem Anderen gevögelt hat", wie sie alle Welt völlig schamlos wissen lässt, bevor die unbekannte Ezählerin schließlich auf Ingvar (Mogens Pedersen) zu sprechen kommt: Jenem Mann, der im ganzen Dorf nur ehrfürchtig "Major" gennant wird, und der seit dem Tod seines Sohnes, der im Rahmen des dänischen Militär-Engagements auf dem Balkan fiel, ein seeliches Wrack ist. Einzig seine Frau Anna, die gute Seele des Dorfes, vermag dem Verzweifelten noch Halt zu geben. Doch eines Tages ist Anna plötzlich tot: Totgefahren von Lars, der nicht auf die Straße geachtet hat und nun seine Tat vertuscht, indem er sie dem Balkanflüchtling Alain (Bojan Navojec) anzuhängen versucht. Als Alain auf der örtlichen Kirmis von Ingvar und dem wütendem Mob angegangen wird, versteckt ihn Johannes bis zum Eintreffen der Polizei in seinem Haus, und wird so mit seiner Familie zum Gefangenem im eigenen Heim, das er bis aufs Blut verteidigt.
Ole Bornedal hat "Deliver us from Evil" in ausgewaschene Bilder gekleidet, denen jede Farbe abhanden gekommen zu sein scheint. Trauer, Hass und Wut sind die dominierenden Emotionen in diesem Film um Schuld, Sühne und Vergeltung. In einigen Rezensionen ist Bornedal vorgeworfen worden, dass er mit "Deliver us from Evil" nur Themen wiederkäut die Andere, so vor allem Sam Peckinpah mit seinem "Wer Gewalt säht", bereits erzählt haben. Doch wenn man diese Themen so eindrücklich umsetzt, wie es Bornedal in seinem neuestem Film gelungen ist, dann scheint dieser Sachverhalt nicht wirklich kritikwürdig – Zumal nicht von jedem Zuschauer erwartet werden kann, dass sich dieser in der Filmgeschichte der letzten 30 Jahre auskennt. "Deliver us from Evil" gelingt es somit zu einem Filmerlebnis zu werden, das tief unter die Haut geht, das niemanden verschont und zu einem Menetekel menschlicher Abscheulichkeiten wird. Die Gewalt, die sich auf leisen Sohlen in die Geschichte schleicht und sich schnell zu einem rasendem Sturm der eskalierenden Gewalt auswächst, ist in ihrer Eindrücklichkeit dann auch, je längder der Film dauert, nur schwer erträglich.
Unerträglich sind die "Neger, Neger" Spottrufe mit denen der Albaner Alain beim Bier-Wettbewerb auf der örtlichen Kirmes vom hasserfüllten "White Trash" des Dorfes "angefeuert" wird. Gleiches gilt dann erst recht für die physische Gewalt, der sich Alain schnell ausgesetzt sieht. Aber auch Johannes zeigt im Zuge der Verteidigung seines Heims schnell sein häßliches Gesicht. Am Ende des Film wird sich keiner der Beteiligten seine Unschuld erhalten haben, niemand kommt ungeschoren davon. So wie die Bilder des Films ein Sammelsurium aus verwaschenen Farben bilden, so verzichtet Bornedal konseqenterweise auf die klare Trennung zwischen Schwarz und Weiß, wie sie für das Gute und das Böse so charakteristisch ist. "Erlöse uns von dem Bösen", die Zeile aus dem Vater Unser bleibt nicht mehr als ein frommer Wunsch. In Bornedals "Deliver us from Evil" mehr denn je, der den Glauben an das gute im Menschen bis in die Grundfesten erschüttert. Denn wie soll man von dem Bösen erlöst werden, wenn sie doch so tief in uns steckt und damit unser ständiger Begleiter ist? Ole Bornedal erreicht diese quasi apokalyptische Stimmung, der zeitweilig jede Hoffnung fremd ist, nicht zuletzt durch das Mittel der Überspitzung. Dies mag vielleicht sogar als zu sehr konstruiertes Destillat des Negativen kritikwürdig, erweist sich letztlich aber gerade in dieser hohen Dosis explodierender Gewaltspiralen als überaus zielführend.
Der Däne hat somit mit "Deliver us from Evil" nicht nur einen Film über Gewalt gedreht, die in uns Allen steckt, sondern hat noch dazu in die tiefsten Abgründe des menschlichen Seins geblickt. Abgründe, die so tief sind, dass man unweigerlich erschrecken muss. Dabei ist "Deliver us from Evil" von Allem etwas: Rassismusdrama, Gesellschafsstudie und Beschäftigung mit dem menschlichem Wesen an sich: "Du genießt das ja richtig! Du bist nicht besser, als diese Tiere!" schleudert Pernille ihrem Mann Johannes an einer Stelle entsetzt ins Gesicht, als sie das Feuer in seinen Augen entdeckt. Doch diese Bemerkung ist nicht ganz zutreffend. Tiere tun sich nicht das an, was sich Menschen immer wieder gegenseitig antun. Und zu was der Mensch fähig ist, das zeigt Bornedal ohne Kompromisse, denn auch Pernille, die mit dem Gedanken spielt Alain dem tobendem Mob auszuliefern, erweist sich als fehlbarer Mensch – So wie jeder in Bornedals düsterer und gewalttätiger Geschichte. Und "Deliver us from Evil" ist in der Tat ein gewalttätiger Film, der in seinen heftigsten Momenten kaum zu ertragen ist und das ist weniger der Drastik der Bilder geschuldet, als dem intesiven Schauspiel der Darsteller. Diese machen Bornedals Tour de Force erst zu dem, was der Film letztlich in seiner ganzen Konsequenz geworden ist: Es gibt nicht viele Filme die zur Folge haben, dass man sich der Menschheit schämen muss. "Deliver us from Evil" ist einer davon. - Fazit: 10 von 10 Punkten.
Rezension erschienen bei Wicked-Vision






3 Kommentare:
Sollte auch ein Film sein, der auch meine "muss-ich-noch-unbedingt-gucken-Liste" kommt. Die Thematik hört sich recht interessant an und vor allem die Tatsache, dass der Film aus Dänemark kommt, macht mir neugierig. Bislang habe ich immer sehr viel auf dänische Filme, die eben einfach mal völlig neue Wege gehen, gegeben.
Phil
Ja, den sollte man in der Tat gesehen haben. Und wer weiß? Ich denke der Film hat durchaus Chancen es dieses Jahr auch noch regulär ins Kino zu schaffen. Was mich sehr freuen würde.
"Deliver us from Evil" ist nicht weniger als ein zutiefst bewegender und verstörender Film, der den Zuschauer auch lange nachdem der Kinovorhang gefallen ist, beschäftigt. Und so ist es nur bezeichnend, dass das vollbesetzte Kino bei Einsetzen des vollständig lautlosen Abspanns wie paralisiert in seiner Schockstaare verharrte und sich eine Stille ausbreitete, in der man eine Stecknadel hätte fallen hören können – bevor dann endlich der verdiente Applaus aufkam.
Nun ja, ich bin ja, wie hier mancher Blogger schon kolpierte, recht perfide. Zudem auch noch - wie ein anderer Blogger kolportierte, sehr beschränkt. Vielleicht liegt es daran, dass mich der Film nach dem Abspann nicht mehr beschäftigte. Wer weiß. Wobei ich sagen muss, dass es auf dem FFF doch recht häufig vorkommt - zumindest war dies in Stuttgart der Fall -, dass das Publikum nach dem Film ruhig in den Sitzen verharrt. Egal ob sie jetzt ein dänisches Meisterwerk gesehen haben oder z.B. MOON, THIRST oder SKY CRAWLERS. Wobei es in Stuttgart keinen Applaus für den Bornedal gab (wir im Süden wissen aber auch gar nix zu schätzen).
Es gibt nicht viele Filme die zur Folge haben, dass man sich der Menschheit schämen muss.
Dazu bedarf es auch keiner Filme, da reicht es schon die Nachrichten anzuschalten oder wenn man etwas sportlicher ist, vor die Haustür zu gehen. Und so sehr der Film auch versucht das menschliche Übel allgemein zu portraitieren, empfand ich das Finale dann - wir sprachen ja schon drüber - als viel zu überzeichnet. Dann hätte Johannes auch noch Inszest mit seiner Tochter betreiben und Leif Christensen ein Schaf vergewaltigen müssen, damit auch diese Aspekte der Menschlichkeit noch eingefangen werden.
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