

Was soll man über „Antichrist“ schreiben, wo beginnen? Was darf Kunst, oder vielleicht sogar wichtiger: Muss Kunst erklärbar sein, beziehungsweise ist der Künstler dazu verpflichtet sein Werk zu kontextualiseren? Zumindest ein Teil der schreibenden Zunft hat genau dies von Lars von Trier in Cannes nachdrücklich verlangt. Dieser jedoch lehnte dies ab. Er mache seine Filme weder für ein Publikum, noch für die Kritik, sondern zuvorderst für sich selbst. Er habe es somit nicht nötig irgendetwas zu erklären. Die diesjährigen Filmfestspiele von Cannes hatten somit ihren Skandalfilm: „Antichrist“ brachte die Croisette zum Erzittern, teilweise schien Lars von Trier sogar der blanke Hass ins Gesicht zu schlagen: Sein bei Publikum und Kritik überaus kontrovers aufgenommener Film spaltet ohne jeden Zweifel die Gemüter. Über weite Strecken nur schwer erträglich, stellt „Antichrist“ – wie auch immer man zu diesen Film steht – einen der eindringlichsten Filme dieses Jahres dar, dessen Intensität nicht Wenige vor dem Ende des Films aus dem Kinosaal getrieben haben dürfte. In den Interviews, die Lars von Trier im Zuge der Premieren von „Antichrist“ gegeben hat, hat dieser immer wieder kolportiert, dass dieser Film nicht zuletzt das Resultat eines schwer Depressiven gewesen sei: „Als ich "Antichrist" geschrieben habe, hatte ich eine schwere Depression, und irgendwo in meinem kranken Kopf existierten ebendiese Bilder“ (Quelle: SPIEGEL). In dieser Lesart ist „Antichrist“ somit nicht weniger als Lars von Triers persönliche Therapiebewältigung einerseits und damit verbunden die Weitergabe seiner Dämonen an den „unschuldigen“ Kinozuschauer andererseits. Ob man die Einlassungen von Triers als glaubwürdig, oder doch eher als geschickt lancierte Äußerungen interpretiert, immerhin entstand ein großer Teil des Drehbuchs zu „Antichrist“ schon vor mehreren Jahren, muss schlussendlich jeder für sich selbst entscheiden. In Anbetracht des exaltiert-fatalistischen Bildersturms, den Von Trier in „Antichrist“ entfesselt, scheint erstere Deutung jedoch keinesfalls abwegig.
Es sind elegische, pathetische und – ja – auch prätentiöse Bilder mit denen Lars von Trier den Epilog von „Antichrist“ eröffnet. Die kleine, subtile Geste hat in diesem Film keinen Platz. Es regiert die surreal anmutende, in schwarz-weiß gehaltene und in Zeitlupe gefilmte Stilisierung des singulären Moments, der mehr Gemälde und weniger Film ist. Georg Friedrich Händels „Rinaldo“ ertönt voll der Trauer und Dramatik, während es das Ehepaar (Willem Dafoe und Charlotte Gainsbourg) unter der Dusche ekstatisch mit einander treibt. Draußen vor dem Haus tanzen die Schneeflocken im Wind, als der kleine Sohn erwacht. Kurz beobachtet er seine Eltern beim Sex, bevor er das Fenster in seinem Zimmer öffnet und auf die Fensterbank klettert. Dann fällt er in die Tiefe, einen Moment scheint es fast so, als ob er schweben würde. Das Kind stirbt, während Sie zum Höhepunkt kommt. Nur der Schnee fällt weiter, als ob nichts geschehen wäre. Während Er den Tod seines Sohnes verarbeiten kann, zerbricht Sie an ihre Trauer und muss stationär behandelt werden. Er, von Beruf Therapeut, will seine Frau – entgegen den Gepflogenheiten des Geschäfts – selbst behandeln und holt seine depressive Frau nach Hause. Dort konfrontiert Er Sie im Zuge der Therapie mit ihren Ängsten und fährt mit ihr in den Wald und zu der Hütte, in der sie im letzten Jahr ihre Dissertation über die Hexenverfolgungen in Europa begonnen hatte. Und so geht es in die Natur, wo ihm schon bald ein sich selbst zerfleischender Fuchs begegnen wird, der ihm ein warnendes „Chaos regiert!“ entgegen faucht.
Aufgeteilt in vier verschiedene Kapitel, dazu noch den Prolog und den Epilog, erzählt Lars von Trier vordergründig von einer an der Trauer zerbrechenden Ehe. Was sich im Einzelnen in die Kapitel „Trauer“, „Schmerz“ , „Verzweiflung“ und die „Drei Bettler“ unterteilt, ist jedoch letztlich viel mehr als ein simples Beziehungsdrama. Mit anderen Worten: Es ist nicht die Geschichte an sich, die den wahren Schrecken von „Antichrist“ definiert, sondern das was – um im Bild zu bleiben – unter der Wurzel schlummert. Angst ist das bestimmende Element des Films, die hemmt, die entfesselt und die gebändigt werden muss, aber vielleicht, zumindest in der Lesart des Films, besser niemals gebändigt worden wäre. Es ist geradezu entsetzlich dieser umfassenden Selbstzerstörung zweier Existenzen beiwohnen zu müssen, die sich am Ende in der grünen Hölle aus Farnen, Bäumen und Eicheln nichts mehr schenken und die Spirale eskalierender und schockierender Gewalt zur ultimativen Vollendung treiben. Unerträglicher ist dabei nur noch der Zynismus von Lars von Trier, mit der er seine Figuren, mit denen er scheinbar zu keiner Sekunde mitzufühlen bereit ist, in die Verdammnis führt. Dabei sind es nicht die in so ziemlich jeder Besprechung mal mehr und mal weniger ausführlich thematisierten Szenen der Verstümmlung, die - obgleich sie nur schwer zu ertragen sind - „Antichrist“ zu einem Manifest des Grauens werden lassen, sondern viel mehr das, was sich im unterschwelligen Bereich abspielt.
Es war einst Eva, die im Garten Eden von der verbotenen Frucht kostete, was die Vertreibung von Adam und Eva aus Gottes Paradies zur Folge hatte: Der Sündenfall. Lars von Trier ist immer wieder vorgeworfen, gerade auch in Bezug auf „Antichrist“, dass seine Filme zutiefst misogyn seien. Und in der Tat, das reaktionäre und mittelalterliche Bild, das Von Trier in „Antichrist“ zeichnet, ist unübersehbar. Ja, noch nicht einmal über Von Triers Verhältnis zu Frauen muss großartig spekuliert werden, wo er doch erst vor kurzem offen eingestand: „Ja, ich hasse die Frauen.“ […] „Ich liebe sie auch.“ (Quelle: FAZ) Es vermag also nicht weiter überraschen, dass „Antichrist“ die Dämonen seines Schöpfers wie ein Brennglas bündelt und fokussiert: Die Brücke wird geschlagen von der urchristlichen Stigmatisierung der Frau im Zuge des Sündenfalls, über den schrecklichen Exzessen der Hexenverfolgungen in der Frühen Neuzeit, bis hin zu der sich am Tod des Kindes schuldig fühlenden und selbst verdammenden Mutter. So Trier an dieser Stelle tatsächlich seine eigenen seelischen Abgründe erforscht, sollte man ihn nicht für diese verurteilen, sondern eher bemitleiden. Die christliche Metaphorik des Filmst ist somit offenkundig, ebenso wie die durch die Depression der Protagonistin induzierten Verkehrung der Vorzeichen: So kehren Mann und Frau zurück nach Eden, doch es ist nicht das Paradies, sondern viel mehr die Hölle. Die Natur sei das Reich Satans und da der Mensch – in der Lesart von „Antichrist“ vor allem die Frau - Teil dieser Natur sei, sei auch er Böse. Und in der Tat: Die Erhabenheit und Schönheit der Natur wird von „Antichrist“ ad absurdum geführt und ins krasse Gegenteil verkehrt: Eicheln hämmern unerbittlich auf das Dach der Hütte, Wanzen saugen Blut, Vögel fressen ihre eigenen Küken und Rehkälbern hängt die Totgeburt noch am Leib: Die Natur ist grausam, das Chaos regiert.
In diesem Chaos tobt nicht weniger als der ultimative Geschlechterkampf zwischen der männlichen Ratio und der weiblichen Libido. Es ist Seine Arroganz, sein Urvertrauen in die Wissenschaft, die Beide erst in den Wald brachte, die seine Frau mit ihren Dämonen konfrontiert hat und die schlussendlich doch zum Scheitern verurteilt ist. Erst eignete Sie sich im Zuge ihrer Recherchen zu den frühneuzeitlichen Gynoziden jenes furchtbare Frauenbild an, das sie eigentlich kritisch hinterfragen sollte und dann scheitert Er im Versuch seiner Frau zu helfen. Und mehr noch: Ihre Befreiung von ihren sie ängstigenden Dämonen gelingt nur unter dem Preis der Entfesselung etwas viel Bösartigerem: Ihrem eigenem Selbst. Die Verquickung von Sexualität und Schuldhaftigkeit, wie sie ab der ersten Minute von „Antichrist“ immer wieder kultiviert wird, keiner der Protagonisten kann sich dieser Interdependenz entziehen: „Der Therapeut fickt seine Patientin nicht“ doziert Er – und tut es trotzdem. Am Ende versinkt der Film in pure Agonie: Genitalien werden verstümmelt, Stangen durch Beine gerammt und mit einem Schleifstein beschwert. „Wolltest du mich umbringen?“ wird Er Sie am Ende fragen. Und Sie wird antworten: „Noch nicht. Die drei Bettler (Trauer, Schmerz und Verzweiflung) waren noch nicht da. Erst wenn sie erscheinen, wird jemand sterben müssen. Es wird Sie sein, die am Ende von den Bettlern heimgesucht wird. Die Hexe ist tot. Der Scheiterhaufen brennt.
Charlotte Gainsbourg spielt diese Rolle mit einer Inbrunst, die geradezu zum Fürchten ist. Ohne jegliches Erbarmen schreit, wütet und weint sie sich durch „Antichrist“. Sie spielt im wahrsten Sinne des Wortes auf, als ob ihr der Leibhaftige höchst persönlich erschienen wäre. Ohne Rücksicht auf Verluste, überwindet sie sämtliche Grenzen, die einem die eigene Scham für gewöhnlich setzt und fegt diese beiseite. Ihre Auszeichnung in Cannes kann somit wohl nur als konsequent bezeichnet werden, ist ihre Verkörperung der wildgewordenen Furie von einer Intensität gekennzeichnet, die einem in Mark und Bein übergeht. Ihr Gegenüber Willem Dafoe steht ihr in kaum etwas nach. So impulsiv Gainsbourg spielt, so zurückhaltend agiert Dafoe und verleiht seinem Charakter einen erschreckend emotionslosen Anstrich. Man möchte sich gar nicht ausmalen, wie dieser Film an den physischen und psychischen Substanzen der Darsteller gezehrt haben muss. Lars von Trier hat mit „Antichrist“ einen Albtraum in Filmgestalt inszeniert, der in seinen düsteren und fatalistischen und streckenweise gewalttätigen Bildern immer wieder an die Grenzen des psychisch Ertragbaren geht. Doch dieser Film hat keine wirkliche Botschaft, man kann nichts lernen. Oder vielleicht doch? „Antichrist“ ist ein Blick in die sprichwörtliche Hölle, die man niemals wieder betreten möchte. Ich weiß nicht, ob „Antichrist“ ein guter oder ein schlechter Film ist, denn dies sind ohnehin problematische Kategorien, die an dieser Stelle endgültig den Dienst versagen. „Antichrist“ ist verstörend und erschreckend, ja, es ist ein fürchterliches Erlebnis, das den Zuschauer gehörig in die Mangel nimmt. „Antichrist“ ist mit Sicherheit auch Kunst, die zu beeindrucken vermag. Wie man aber in diesem Fall „beeindruckend“ definieren will, muss jeder für sich selbst entscheiden. Wenn Lars von Trier mit „Antichrist“ tatsächlich seinen eigenen, ihn quälenden Dämonen ein Bild gegeben haben sollte, danke ich Gott das ich nicht Lars von Trier bin. - Fazit: Ohne Wertung.
Quellennachweis: Abbildungen aus "Antichrist". © 2009 MFA






10 Kommentare:
Uiuiui. Stimme dir in allen Punkten zu, konnte den Film auch nicht wirklich einordnen (daher meine 5,5/10 Wertung), aber interessant fand ich ihn doch sehr. Manche Aufnahmen waren aber gewaltig (Zeitlupe im Wald z.B.), aber daran lässt sich ja kein Film festmachen, besonders nicht, wenn die Charaktere in der zweiten Hälfte so viel Chaos anrichten.
Achja, toller Schlusssatz =)
Ja, "Anrichrist" hat wirklich immer wieder schöne Bilder zu bieten. Deswegen hat Lars von Trier ja auch in dem Gespräch mit dem Spiegel davon gesproichen, dass der Film fast zu schön sei. Nun ja, Schönheit liegt nun mal auch im Auge des Betrachters. :)
Ein wirklich gutes Review zum Film, und davon habe ich nicht wirkliche viele lesen können. Was mir jedoch immer wieder auffällt, daß fast jeder glaubt, daß Er den Tod seines Kindes verarbeitet hätte. Ich meine davon nichts im Film gesehen zu haben. Ich finde es fatal, wenn man der Rolle des Mannes in Antichrist nicht die gleiche Aufmerksamkeit zukommen läßt, wie die der Frau. Vielleicht liegt das ja auch in der Natur des Mannes, daß er sich nicht mit selbst beschäftigen kann. Ein elementarer Bestandteil des Filmes, wie ich finde.;)
Danke. Ich hatte schon den Eindruck, dass er mit seiner Trauer umgehen konnte, immerhin ist er es, der am Sarg seines Kindes weinen kann. Aber ich gebe dir Recht: "Antichrist" tut sehr viel dafür, um den Fokus auf die Frau zu verlagen, auch mein Hauptaugenmerk lag auf ihr und auch ich habe den Mann vernachlässigt ;-)
Ja, ich mache das immer ganz gerne, bei Analysen, erstmal verwirrenden Symbolismus entfernen und mich auf die Handlung konzentrieren. Muß nicht richtig sein. Aber dann sehe ich einen Mann, der nach dem Verlust seines Kindes nicht auch noch seine Frau bzw. Ehe verlieren möchte. Der seinen Medizinerkollegen nicht vertraut, von der Richtigkeit seines Handelns überzeugt ist, obwohl er sieht, daß er mit seinen Angsttherapien seine Frau quält. Er quält sie eindeutig, er maßregelt sie, bestimmt was gut für sie ist. Man kann die Arbeit an seiner Frau auch als Verdrängung seiner eigenen Gefühlswelt verstehen. Mit der Betonung auf kann. Es gibt da eine Szene, die mich auf diesen Trichter kommen läßt. Und zwar hat er ja erste Erfolge, als seine Frau plötzlich ihre Angst vor der Natur überwindet, im Wald herumtollt und sich darüber freut. Er hingegen scheint damit nicht einverstanden. Im Gegenteil, anstatt an ihrer Freude zu partizipieren, setzt er seine Behandlung ohne Pause fort und diktiert ihr weiterhin krank zu sein. Ich empfand die Szene fast schon teuflisch böse. Wenn ich da an von Triers Hitchcock Verehrung denke, komme ich auch sofort auf Marnie, der in seiner Thematik durchaus Ähnlichkeiten aufzuweisen hat. Von Triers Version ist nur um mehrere Stufen dunkler und pessimistischer.;)
Ja, das hört sich zumindest alles schlüssig an. Ich würde jedoch an einer Stelle noch mal einhaken:
Im Gegenteil, anstatt an ihrer Freude zu partizipieren, setzt er seine Behandlung ohne Pause fort und diktiert ihr weiterhin krank zu sein
Das kann man aber vielleicht auch anders interpretieren. Ich weiß nun leider nicht mehr genau, in welchem Kapitel diese Szene vorkommt (was dummerweise für meine Lesart eminent wichtig ist). Falls sich die anfänglichen Erfolge ihrer Therapie noch in Kapitel 2 "Schmerz" zeigen, kann man es auch so lesen, dass Er sich auf Grund seines (fehlgeleiteten) Urvertrauens in die wissenschaftliche Ratio einfach sicher ist, dass die von ihm postulierte 3. Phase "Verzweiflung" noch bevor steht, und er seine Frau die angebliche Heilung somit nicht abnimmt. Sollte sich diese Sequenz aber bereits im 3. Kapitel abspielen, macht dieser Kommentar nicht mehr ganz so viel Sinn. ;-)
Nein, da hast du mich falsch verstanden. Ich meinte nicht, daß seine Frau wieder gesund ist und er sie krank redet. Da habe ich mich falsch ausgedrückt. Ich meinte eher, daß er Angst davor hat, daß sie wieder gesund sein könnte. Das möchte ich noch nicht einmal als Bösartigkeit verstanden wissen.^^
Eigentlich müssten ja die drei Spalten in deinem Blog seitens des eindeutigen Umfrageergebnisses verschwunden sein. ;)
Hehe. In 2 Tagen gibt es dazu mehr. Im Übrigen ist das Ergebnis "Gefällt/OK" vs "Gefällt Nicht" ungefähr 50:50 ausgegangen. Also von wegen eindeutig ;-)
Gute Review und interessante Kommentare!
Kommentar veröffentlichen
In den Kommentaren können die folgenden HTML-Tags benutzt werden:
kursiv = <i>Testwort</i>
fett = <b>Testwort</b>
Links = <a href="http://www.deineURL.de/">Link Text</a>