

Science-Fiction ist oftmals ein Spiegel, der der gegenwärtigen Gesellschaft ihre Probleme vor Augen führt. Neill Blomkamp, der Regisseur von „District 9“, trifft somit den Nagel auf den Kopf, wenn er die Science-Fiction als das am besten geeignete Genre einstuft, um die eigene Gegenwart zu reflektieren: „Und zwar deshalb, weil die Zuschauer in die Zukunft versetzt werden und deshalb lange nicht realisieren, dass der Film tatsächlich von ihnen und ihrem eigenen Leben handelt. Und deshalb kann man viel weiter gehen, viel extremer werden, als wenn man sich direkt mit der Gegenwart beschäftigen würde.“ Der nur mit einem verhältnismäßig geringen Budget ausgestattete Film (Man spricht von ungefähr 30 Millionen Dollar), stellt sich somit in eine Reihe der Meilensteine des Science-Fiction-Films, ohne jedoch letztendlich deren Klasse zu erreichen. Wenn von Seiten eines Teils der Zuschauer und der Kritik also immer wieder unterschwellig kolportiert wird, dass es sich bei „District 9“ um den besten Science-Fiction Film der letzten Jahre handeln würde, dann scheint dies letztendlich doch ein wenig übertrieben. Unstrittig ist jedoch, dass Neill Blomkamp mit „District 9“ einen vielversprechenden und in der Summe überaus interessanten Film abgeliefert hat. Nicht zuletzt aus dieser Perspektive ist es ein absoluter Glücksfall, dass aus dem von Peter Jackson und Neill Blomkamp geplanten ursprünglichen Projekt das Computerspiel „Halo“ zu verfilmen nichts geworden ist. Nichts hätte das Kino weniger gebraucht, als eine weitere missglückte Videospiel-Adaption, zumal es dann wohl erst mal nicht zu „District 9“ gekommen wäre. So aber drückte Jackson Blomkamp 30 Millionen Dollar in die Hand, verbunden mit der Aufforderung daraus etwas Sinnvolles zu machen.
Und so ging es schließlich an die Produktion von „District 9“, von dem die große Masse erstmal nicht sonderlich viel mitbekam. Erst das geschickt eingesetzte virale Marketing um den Film,eröffnete dem Film eine medienwirksame Plattform. Mittlerweile hat sich „District 9“ zu einer veritablen Erfolgsnummer entwickelt, die ihre Kosten allein schon am ersten Abend des Kinostarts in den USA zur Hälfte wieder eingespielt hatte. Der Erfolg setzte sich auch auf dem diesjährigen Fantasy Filmfest fort, auf dem der Film von den Zuschauern zum besten Film in der Newcomer-Rubrik gekürt wurde. Mit seinem Kinodebut reüssiert Neill Blomkamp, der mit „District 9“ seinen eigenen Kurzfilm „Alive In Jo´Burg“ ein weiteres mal verfilmt hat, nicht zuletzt in der Angelegenheit seinen Film als unterhaltsame und dabei gleichsam allegorische Lehrstunde auf das Apartheid-Problem seines Heimatlandes zu inszenieren. Der Südafrikaner Blomkamp hat somit die Chance genutzt im weitesten Sinne eine Geschichte über die Geschichte seines Heimatlandes erzählen: „District 9“ ist auch und vor allem ein Film über Vorurteile, Rassismus, Diskriminierung und Segregation, dem es aber in seiner letztlichen Intention auch gelingt die südafrikanischen Grenzen zu Gunsten einer universellen Botschaft zu transzendieren. Nichts desto trotz: Der Fokus des Films liegt natürlich auf Südafrika. Jenem Land, das im nächsten Jahr die Fußballweltmeisterschaft austragen soll und nach wie vor von zahlreichen Konflikten und Problemen durchzogen ist: Aids, Kriminalität, die nach wie vor existierenden Slums, sowie die immer weiter auseinander klaffende Schere zwischen Arm und Reich, zählen zu den virulenten Problemfeldern, die dem nach wie vor im Land stets schwellenden Rassismus immer neue Nahrung geben.
Vor nunmehr zwanzig Jahren tauchte über dem Himmel von Johannesburg ein riesiges Raumschiff auf. Sämtliche Versuche mit den Unbekannten Kontakt aufzunehmen, waren ohne Erfolg, so dass sich die südafrikanischen Behörden dazu entschlossen in das Raumschiff einzudringen. Dort fand man über eine Million halbverhungerter Aliens. Man errichtete alsbald ein Lager direkt unter dem Raumschiff, District 9 genannt, in das die insektoiden Neuankömmlinge eingepfercht wurden. Es dauert nicht lange bis die Aliens mit den Menschen in Konflikt geraten. Vorurteile und wahre Begebenheiten befeuern sich gegenseitig, so es dass irgendwann zu ersten Ausschreitungen zwischen der Bevölkerung und den „Shrimps“, wie die Aliens von den Menschen despektierlich genannt werden, kommt. Die Verantwortung für das hermetisch abgeriegelte Lager, in der die fremdartigen Besucher unter lebensunwürdigen Bedingungen hausen müssen, trägt die sogenannte Multi-National United Organistaion, die sich im Verbund mit einer privaten Sicherheitsfirma um die Bewachung und Aufrechterhaltung von District 9 kümmert. Nebenbei ist die MNU aber auch der zweitgrößte Waffenproduzent der Welt, so dass es nicht weiter zu verwundern vermag, dass der MNU wenig an dem Wohlergehen der „Shrimps“ liegt, dafür umso mehr an ihren wirtschaftlichen Interessen. Die Waffentechnik der Aliens könnte sich nämlich als überaus lukrativ für die MNU erweisen. Dies Sache hat nur einen Haken, denn die Funktion der Waffen der Außerirdischen ist an deren DNA-Signatur gekoppelt. Als die MNU auf Grund der anhaltenden Proteste der Bevölkerung die Entscheidung trifft, District 9 aufzulösen und die fremden Besucher an einen Platz außerhalb von Johannesburg anzusiedeln, wird die Verantwortung dem jungen Teamleiter Wikus van de Merwe (Shartlo Copley) übertragen. Doch die Umsiedlung verläuft nicht wie geplant. Als Wikus van de Merwe versehentlich mit einer Flüssigkeit der Aliens in Kontakt kommt, beginnt eine langsame Transformation, an deren Ende seine Verwandlung zum „Shrimp“ steht. Da sich nun aber seine DNA mit der der Aliens verbindet und er somit die Waffen der Außerirdischen bedienen kann, wird er für die MNU zum Lottogewinn und zum meistgesuchten Menschen des Planeten.
„District 9“, der mehr oder weniger in Rückblenden erzählt wird, brilliert vor allem in seinem ersten Drittel, das weniger an einen Spielfilm, sondern an einen Dokumentarfilm erinnert. In diesen Phasen gelingt es Neill Blomkamp dann auch einen ungeheuer dichten und faszinierenden Science-Fiction Film zu erzählen, der einen Blick für die im Film thematisierten Probleme hat. Rassismus, Vorurteile, wirtschaftliche Interessen, sowie die Mechanismen der medialen Berichterstattung in all ihren Facetten, fließen in diesem ersten Abschnitt zu einem verflochtenen Gesamteindruck zusammen, der mehr auszusagen vermag, als es die letzten beiden Drittel von „District 9“ dann noch vermögen. Gerade auch die Entscheidung die Aliens nicht von vornherein als mitleidserregende Kreaturen zu zeichnen, sondern diese ganz im Gegenteil mit einer ganzen Reihe von negativen Attributen auszustatten, führt zu einem ambivalenteren und somit gelungenem Gesamtbild. Vor allem aber bleibt sich Blomkamp an dieser Stelle selbst treu, wo er doch der Meinung ist, dass auch der beste Science-Fiction-Film bei aller Kraft und Schärfe nur reflektieren, aber nichts verändern könne. Und so ist „District 9“ nicht weniger als eine gekonnte Reflektion seiner eigenen Perspektive über die Geschichte und den vorhandenen Status Quo seiner Heimat. Leider aber bleibt er diesem Stil im weiteren Verlauf des Films nicht treu, so dass er ihn zwar nicht in Gänze ad absurdum führt, wohl aber degradiert er diesen zu einem bloßen Mittel zum Zweck. Der Zweck ist dann leider doch wieder nur der altbekannte Fokus auf eine actionlastige Geschichte. So einfordernd nämlich der erste Abschnitt des Films ist, so popcornlastig wird es dann gegen Ende. Das macht „District 9“ mit Sicherheit nicht zu einem schlechten Film, zumal die Action von Blomkamp mehr als nur gekonnt in Szene gesetzt worden ist, führt aber dazu, dass „District 9“ Potential verschenkt.
Überaus gelungen ist zudem die Optik des Films. Den Aliens merkt man ihre Herkunft aus dem Computer kaum an und auch ansonsten hat „District 9“, nebst nicht weniger Referenzen an das Genre, eine Menge starker Bilder zu bieten, die erheblich zu der im Film stets stimmigen Atmosphäre beitragen. Man könnte an dieser Stelle noch anfügen, dass dies im Anbetracht der geringen Mittel überaus erstaunlich ist, vielmehr kann dies aber wohl als Indiz dafür genommen werden, was möglich ist, wenn man die vorhandenen Mittel effektiv einsetzt. Mehr als einfach nur Gelungen ist dann im Übrigen die Leistung des prägenden Protagonisten des Films. Shartlo Copley gelingt eine überaus starke Performance zwischen vorurteilsbehaftetem Bürokraten und anschließend von den eigenen Leuten Verfolgten, der ausgerechnet bei den „Shrimps“ Hilfe findet. Insgesamt stellt „District 9“ somit einen würdigen Vertreter des Science-Fiction Genres da. Über weite Strecken überaus intelligent, ansprechend und auch innovativ geraten, verhindern es die angesprochenen Schwächen im Detail und vielleicht sogar die fehlende Konsequenz den zu Beginn eingeschlagenen Weg fortzusetzen, dass es zu höheren Weihen reicht. - Fazit: 7,5 von 10 Punkten.
Anmerkung: Die in der Besprechung zitierten Äußerungen Blomkamps stammen aus seinem Gespräch mit dem SPIEGEL: „Aliens im Asylantenlager“.






6 Kommentare:
Den muss ich auch noch unbedingt sehen. Man hört ja zum Großteil überwiegend Gutes über den Film und deine Rezension liest sich auch überaus vielversprechend.
an welcher Stelle D9 nun sonderlich intelligent zu sein scheint, erschliesst sich mir ja eh nicht:-)
Dann schau noch mal genau hin, gerade in Bezug auf die erste Hälfte. Man muss einen Film ja nun auch nicht schlechter machen, als er ist... ;-)
Aus der Sicht eines SciFi Fans hätte man aus dem Film sicher noch mehr rausholen können, aber womöglich wird es einem Teil 2 vorbehalten bleiben die Geschichte zu Ende zu erzählen und dabei auch auf die Umstände des Transports zu sprechen zu kommen, im Rahmen dessen der Absturz stattfand.
Die Story ist zu einem guten Stück deckungsgleich mit der der Serie "Alien Nation". Dort strandete ein Schiff mit außerirdischen Flüchtlingen in L.A. Die Flüchtlinge wurden aber teils in die Gesellschaft (zwangs-)integriert und es kam auch hier zu einer Ghettoisierung und allerlei Geheimniskrämerei und Spannungen.
Gespannt bin ich ja mal, ob du dir auch Pandorum anschauen wirst..
Gespannt bin ich ja mal, ob du dir auch Pandorum anschauen wirst..
Die Frage kann ich beantworten und ich werde dich wohl entäuschen müssen. "Pandorum" steht nicht auf meiner Agenda. Der Trailer zu dem Film hat mich eigentlich nur genervt, so dass ich den mal schön auslassen werde. Ob ich dem Film Unrecht tue, werde ich dann also frühestens auf DVD erfahren. ;-)
Pandorum hättest du dir anschauen sollen der ist ganz nett gemacht . . .
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