Rezension: "Away We Go"














Sam Mendes gehört zu den stilsichersten und interessantesten Regisseuren der Gegenwart, auch oder vielmehr gerade, weil er kein ausgesprochener Vielfilmer ist. Fünf Kinofilme sind seit 1999 unter der Regie des Briten entstanden. Lagen zwischen seinen ersten vier Filmen stets drei Jahre folgte sein neuster Streich „Away We Go“ überraschenderweise nur ein knappes Jahr nach seinem letzten Film „Zeiten des Aufruhrs“. Auffällig ist, dass die Regiearbeiten von Sam Mendes bislang vor allem von einem Thema dominiert worden sind. Auch „Away We Go“ erzählt, wie auch schon „American Beauty“ und „Zeiten des Aufruhrs“, von den Schwierigkeiten und Hindernissen die in einer Beziehung eines (hier: wilden) Ehepaars überwunden werden müssen. Kleidete Mendes dieses Sujet im Zuge seines oscarprämierten Erstlings noch in das Gewand einer beißenden und zynischen Satire, setzte er das Seziermesser hingegen in „Zeiten des Aufruhrs“ ganz ohne mildernde Narkotika an und zerlegte die Träume einer jungen Familie in ihre Einzelteile. Dass der Brite aber auch anders kann, beweist er nun mit „Away We Go“ mit dem der talentierte Regisseur seinen bisher ruhigsten und melancholischsten Film abgeliefert hat. Zu verdanken hat dies Sam Mendes nicht zuletzt dem wunderbaren Drehbuch von Dave Eggers, der die Geschichte zu „Away We Go“ zusammen mit seiner Frau erdacht und verfasst hat.


Burt Farlander (John Krasinski) und Verona De Tessant (Maya Rudolph) sind beide Anfang dreißig und haben in ihrem Leben eigentlich noch nicht sonderlich viel erreicht. Sicher, das leicht verschrobene Paar liebt sich und ist auch sonst ganz zufrieden, auch wenn es seinen zukünftigen Weg noch nicht wirklich gefunden hat. Dieses Gefühl verstärkt sich noch zusätzlich durch die Schwangerschaft von Verona, auch weil der soziale Fixpunkt der kleinen Familie von dem einen auf den anderen Tag wegbricht: Burts Eltern, die ursprünglich ihren großelterlichen Pflichten nachkommen sollten, eröffnen den werdenden Eltern eines Tages unvermittelt, dass sie in einigen Wochen nach Belgien auswandern werden. Nichts ist es also mit der elterlichen Unterstützung für Burt und Verona, die abends einen Entschluss fassen, jetzt wo sie nichts mehr an ihrem jetzigem Wohnort hält: Away we Go! Und so machen sich Burt und die im sechsten Monat schwangere Verona am nächsten Tag auf den Weg quer durch die USA. Alte Freunde und Verwandte sollen auf der Suche nach dem perfekten Heim für die ungeborene Tochter besucht werden. Die erste Station: Phoenix.


„Away We Go“ ist ein leiser Film, dessen Bilder, Szenen und Momente von Mendes mit Bedacht ausgewählt worden sind. Wenn Burt und Verona am Anfang ihrer Reise auf einer Rolltreppe in den ungeplanten und unbekannten Morgen gleiten, ist das Kinozitat der berühmten Nichols-Einstellung („Die Reifeprüfung“) selten so passend und gezielt eingesetzt worden. Denn letztlich geht es auch in „Away We Go“ zum einen um die Ungewissheit der eigenen Zukunft als zum anderen um den Traum nach dem perfekten Lebensentwurf. Burt und Verona, dieses sympathische und idealistische Paar bilden dabei keine Ausnahme: Die Pappfenster und die kaputte Heizung sollen endlich ausgedient haben. Irgendwo, so glauben beide ganz fest, muss es doch diesen einen Platz geben, an dem Sie sich nicht mehr wie Versager fühlen müssen. Der Road Trip der Burt und Verona quer durch die USA führen wird, tabuisiert dabei die Schwierigkeiten und Lebensängste seiner Protagonisten nicht. Dies war noch nie die Methode von Sam Mendes, der aber in „Away We Go“ seinen Figuren erstmals etwas schenkt, was er in „American Beauty“ und „Zeiten des Aufruhrs“ partout noch nicht geben wollte: Hoffnung. Dieser Film aber ist voller Hoffnung, Herzlichkeit und Wärme, nicht zuletzt deshalb, weil die Farlanders weder die Burnhams noch die Wheelers sind.


Bei all der Bedächtigkeit und Nachdenklichkeit die „Away We Go“ stellenweise durchzieht, ist Mendes neuster Film, der ohne jeden Zweifel das Zeug zu einem echten Independent-Hit besitzt, vor allem eines: urkomisch. Dafür zeichnen sich zum einen zunächst einmal John Krasinski und Maya Rudolph verantwortlich, die sich abseits ihrer stillen Momente immer wieder hemmungslos komische Wortgefechte liefern. Anders als in seinen anderen Film hat sich Sam Mendes im Fall von „Away We Go“ dazu entschieden die Hauptrollen nicht mit großen Namen zu besetzen, sondern mit Darstellern, die zumindest in Sachen Kinoerfahrung noch weitestgehend unbefleckt sind und diese Rechnung geht auf. Zum Andren lebt „Away We Go“ von seinen deftigen Übertreibungen auf den American Way of Life. Ob nun die durchgeknallte Ex-Chefin von Verona, die mit Vorliebe sich und ihre adipösen Kinder der Lächerlichkeit preisgibt oder aber die „Quasi-Cousine“ von Burt, die sich als irre Esoterik-Tante entpuppt (absolut großartig: Maggie Gyllenhaal!): Stets entwickeln die Szenen eine Dynamik die „Away We Go“ an die Grenze zur Satire bringen. Dass diese Linie aber niemals komplett überschritten wird, liegt an den anderen, ruhigeren Episoden, die die unterschwellige Ernsthaftigkeit dieses in weiten Teilen herzhaften und humorvollen Vergnügens nie vollständig in Vergessenheit geraten lässt.


Es ist Sam Mendes hoch anzurechnen, dass er die Untiefen dieses Balanceaktes quasi mühelos zu umschiffen vermag. Nicht wenige Regisseure haben sich an der Aufgabe einen gleichsam beschwingten wie nachdenklichen Film zu inszenieren mächtig übernommen. „Away We Go“ ist jedoch einer dieser seltenen Fälle, wo dieses Unterfangen tatsächlich gelingt. Mehr als nur gelungen ist im Übrigen der Soundtrack von „Away We Go“ geraten. Wenn im Fußball der Fan als der zwölfte Mann gilt, dann ist die musikalische Untermalung von Mendes Neuem als zusätzlicher Darsteller anzusehen. De facto gehört der gitarrenlastige, ruhige, melodische und melancholische Soundtrack, der neben einigen Klassikern zuvorderst aus der Feder von Alexi Murdoch stammt zu dem Besten, was in diesem Jahr Sachen Musik auf der großen Leinwand zu sehen gewesen ist. Murdoch, der für „Away We Go“ nicht nur zahlreiche Stücke aus seinem Album „Time Without Consequence“ beisteuerte, sondern auch noch eine ganze Reihe weiterer Stücke eigens für den Film komponierte, prägt den Film mit seiner Stimme und den Liedern, die von Mendes dann auch stets zum richtigen Zeitpunkt eingesetzt worden sind.


Auch in seinem fünften Kinofilm macht sich also das sichere Händchen und das Gespür von Sam Mendes bezahlt, der es geschafft hat Figuren, Bilder und Akustik zu einem harmonischen Ganzen zusammenzufügen. Am Ende der 98-minütigen Spielzeit, die wie im Fluge an einem vorbeizieht, werden Burt und Verona am Ziel ihrer Reise angekommen sein. Auf diesem Trip sind sie sich nicht nur näher gekommen, sondern haben auch viel gelernt: Über Heimat, Vertrauen und den perfekten Lebensentwurf, der in den meisten Fällen nicht mehr als ein Mythos ist. Das „Away We Go“ wahrscheinlich der Film von Sam Mendes bisherigen Regiearbeiten sein wird, der aller Voraussicht nach die geringste Aufmerksamkeit erhaschen wird, ist dabei fast schon wieder tragisch. Sam Mendes war in seinen bisherigen Filmen noch nie ein Träumer. Das er nun dazu bereit ist seine Protagonisten mit einem optimistischen Blick in die Zukunft zu entlassen macht „Away We Go“ zu seinem bislang schönsten Film: „Home We Go“ - Fazit: 9 von 10 Punkten.


Quellennachweis: Abbildungen aus "Away We Go". © 2009 Tobis


8 Kommentare:

JMK hat gesagt…

seit wann poppt denn hier Werbung auf, wenn man kommentieren will?

Das ist aber so ein Film, dessen Trailer ich schon schrecklich fand. Dieses offensichtlich zur Schau gestellte Indie-Pärchen geht gar nicht.

C.H. hat gesagt…

Werbung?!!! Was für Werbung?

Zum Film: Du weißt gar nicht was du verpasst! ;-)

Kaiser_Soze hat gesagt…

Eigentlich mag ich ja Mendes´ Filme, und trotz deiner überschwänglichen Worte bekomme ich keine Lust auf den.

C.H. hat gesagt…

So, ich hoffe das Problem ist nun erledigt. Wenn nicht, bitte melden. Unterdessen erlaube ich mir mal die "filmfremden" Kommentare zu entfernen. ;-)

@ Kaiser:

Hm, Schade. Aber spätestens auf DVD solltest du dem Film eine Chance geben! (Gilt auch für jmk).

fincher hat gesagt…

Mist, das wird dann schon der dritte Film in dieser Woche, den ich mir zwecks Ferien im Kino anschauen muss (sollte).^^

C.H. hat gesagt…

Und was sind die anderen beiden Filme?

fincher hat gesagt…

"Antichrist" in der Abendvorstellung, wusste gar nicht, dass der noch reinkommt. Und "Das weiße Band" morgen.

Filmkritikerin hat gesagt…

@JMK - war das deutsche Trailer, den du so schrecklich findest? Bei dem kommt die Musik von Murdoch erst zum Schluss - und auch sonst ist der dt. Trailer wirklich schlimm!
@kaiser - das kann ich so überhaupt nicht nachvollziehen! Ich fand den Film ziemlich fantastisch. Aber vielleicht wirds ja was mit der DVD.

Kommentar veröffentlichen

In den Kommentaren können die folgenden HTML-Tags benutzt werden:

kursiv = <i>Testwort</i>
fett = <b>Testwort</b>
Links = <a href="http://www.deineURL.de/">Link Text</a>

 
Creative Commons License
Dieser Blog ist unter einer Creative Commons-Lizenz lizenziert.