Rezension: "Ardennen 1944"













Es braucht gar nicht großartig betont werden, dass zwischen übersetzten (sic!) deutschen Filmtiteln und den Originaltiteln in qualitativer Hinsicht oftmals ein eklatantes Missverhältnis herrscht. Dies ist manchmal geradezu ärgerlich, so zum Beispiel im Fall von Stanleys Kubricks Heist film „The Killing“, dessen deutscher Titel („Die Rechnung ging nicht auf“) sich nicht entblödet, das Ende des Films bereits im Titel zu verraten. In anderen Fällen wiederum ist die ganze Angelegenheit schlicht und ergreifend einfach nur noch hochgradig peinlich, so degeneriert „Finding Neverland“, Marc Forsters wunderbarer Film über J. M. Barrie, in der deutschen Übersetzung zu einem unsäglichen „Wenn Träume fliegen lernen“. Im Fall von „Ardennen 1944“ ist die hiesige Übersetzung vor allem in die Irre führend, suggeriert der Titel doch, dass sich der Film primär mit der letzten großen deutschen Offensive im Zweiten Weltkrieg an der Westfront im Winter 1944 beschäftigt. Immerhin, auch wenn im Film zu keinem Zeitpunkt das Wort „Ardennen“ in den Mund genommen wird, lassen einige Indizien durchaus den Schluss zu, dass „Ardennen 1944“ irgendwann während der Ardennenoffensive verortet sein muss: So sprechen belgische Straßenschilder, der Wunsch der amerikanischen Soldaten nach warmer Winterkleidung und eine in die Handlung implementierte (aber nicht näher erläuterte) Offensive der Deutschen für die zeitliche Einordnung in den Kontext der Ardennenoffensive. Nichts desto trotz: In Kenntnis des Films, der sich zuvorderst mit dem Feind in den eigenen Reihen und weniger mit Wehrmacht und SS, den eigentlichen Antagonisten beschäftigt, ist der Originaltitel „Attack!“, zumal dieser für die narrative Prämisse des Films geradezu paradigmatisch ist, der ungleich passendere Titel.


Belgien im Winter 1944. Die Fox-Kompanie ist unter der Führung ihres Captains Erskine Cooney (Eddie Albert) in einem kleinen Städtchen in der Nähe der Front untergebracht. Die Stimmung innerhalb der Truppe, die sich seit der Invasion in der Normandie ununterbrochen im Einsatz befindet, ist mittlerweile an einem Tiefpunkt angelangt. Für diesen Zustand zeichnet sich nicht zuletzt Erskine Cooney höchst persönlich verantwortlich. Bei einem früheren Einsatz bei Aachen verlor die Fox-Kompanie auf Grund des zögerlichen und angsterfüllten Auftreten ihres Befehlshabers mehrere Männer. Zudem ist es ein offenes Geheimnis, dass Conney seinen Posten nur seinem Freund (und Vorgesetzten) Lt. Col. Clyde Bartlett (Lee Marvin) zu verdanken hat. Dieser wiederum sieht in der Protektion Coonies, dessen Vater ein hoch angesehener Richter in den USA ist, seine Chance gekommen, seinen politischen Ambitionen nach dem Krieg einen gehörigen Schub zu verleihen. So vermag es nicht Wunder zu nehmen, dass der wiederholte Protest von Lt. Joe Costa (Jack Palance) bezüglich seines unfähigen Befehlshabers bei Lt. Col. Bartlett ungehört verschallt. Als Costa schließlich von Cooney den Befehl erhält, das nahe gelegene Städtchen La Nelle mit ein paar Männern auszukundschaften, kommt es wiederholt zum offenen Konflikt zwischen dem Captain und seinem Leutnant. Sollte Cooney ein weiteres Mal die versprochene Verstärkung zurückhalten, so warnt ihn Costa, werde dies Konsequenzen haben: "I'll shove this grenade down your throat and pull the pin!". Es kommt, wie es kommen musste: Costa und seine Männer sehen sich in La Nelle einer deutschen Übermacht ausgesetzt und werden in einem verlassenen Gebäude eingekesselt. Die versprochene Unterstürzung bleibt jedoch erneut aus.


Mit dem 1956 entstandenen „Attack!“ ist Robert Aldrich wohl einer der interessantesten und sozialkritischsten amerikanischen Kriegsfilme jener Dekade gelungen. Aldrich, der das erste Mal mit dem Burt Lancester-Vehikel „Apache“ auf sich aufmerksam machen konnte, sollte seinen kommerziellen Zenit schließlich in den sechziger Jahren erreichen. Filme wie „Das dreckige Dutzend“ (1967) und der „Flug des Phoenix“ (1965) gelten mittlerweile als Klassiker. Aldrich, der schon Zeit seines Lebens zu den sozialkritischen, zynischen und kompromisslosen Vertretern seiner Zunft zählte, fällt mit seiner Schaffensphase in eine Übergangszeit des amerikanischen Hollwoodkinos. Das Studiosystem, das das goldene Zeitalter Hollywoods vor allem der dreißiger und vierziger Jahre prägte und primär Kinounterhaltung eskapistischer Natur hervorbrachte, hatte seinen Höhepunkt überschritten. Der Individualist Robert Aldrich machte aus seiner Abneigung gegen dieses System der Allmacht der Produzenten, das vor allem auch die Regisseure in ihrer Kreativität behinderte, nie einen Hehl. So ist es durchaus bezeichnend, dass Aldrich 1955 mit „The Big Knife“ einen Film eigenständig produzierte und inszenierte, der von einem Schauspieler in Hollywood handelt, der von seinem übermächtigen Studioboss in einen neuen Vertrag gezwungen wird und in der Folge in bester Tradition des Noir seine Integrität, seine Liebe sowie schlussendlich auch sein Leben verliert: „[…] the film was against the evils of Hollwood whose enormous profits made it stoop to gangsterism and even murder, a times, to keep the empire intact.“ [1], sollte Aldrich später „The Big Knife“ kommentieren.


Auch „Attack!“ ist in ähnlicher kritischer Intention zu lesen. Für diesen Film adaptierte Robert Aldrich, der durch genau solche Filme wie „The Big Knife“ und eben auch „Attack!“ dem Autorenkino zuzurechnen ist, das von Norman Brooks geschriebene (und wenig erfolgreiche) Theaterstück „Fragile Fox“. Wenn also „Attack!“ in vielen Sequenzen weniger einem klassischem Kriegsfilm gleicht, sondern immer wieder kammerspielartiger Natur ist, erklärt sich dies auch aus der Herkunft des Stoffes. Mit „Attack!“ wollte Aldrich nach eigenen Aussagen eine Geschichte über inkompetente Autoritäten innerhalb des amerikanischen Militärs erzählen: „[...] the hero went all the way against incompetent authority in trying to kill a cowardly captain responsible for the deaths of his men.“ [2] „Attack!“ ist somit auch eine direkte und unmissverständliche Absage an den amerikanischen Service film, der natürlich vor allem auf Grund seiner propagandistischen Natur während des Zweiten Weltkrieges Hochkonjunktur hatte. [3] Es vermag insofern nicht weiter zu überraschen, dass das Pentagon, das Hollywood – das „richtige“ Drehbuch vorausgesetzt – ansonsten gerne mit Rat, Tat und Materialien zur Seite stand (und bis Heute steht), die Kooperation mit Robert Aldrich verweigerte. So musste „Attack!“ mit geringsten Mitteln (das Budget betrug 750000$) produziert werden, was dem fertigen Film dementsprechend anzusehen ist, für die letztendliche Intention aber natürlich völlig unerheblich ist.


Getragen wird der Film vor allem von seinem Duell zwischen Lt. Joe Costa und Captain Erskine Cooney. Dem seinen Männern verpflichtete, aufrechte und zur Führung geborene Soldat auf der einen Seite, steht das verschlagene und feige Pendant auf der anderen Seite gegenüber. Zwischen Beiden steht der nicht weniger durchtriebene Bartlett, der – wie es der Trailer zum Film so schön ausdrückt – den Krieg als großes Pokerspiel versteht und dementsprechend führt. Gerade diese Metapher findet in den ersten Minuten des Films in einer der zentralen Sequenzen des Films seine Entsprechung, als sich die Offiziere Barlett, Conney und Costa zum Pokerspiel treffen, welches in den fast zwangsläufigen Eklat mündet. Auch wenn Robert Aldrich in „Attack!“ nicht die oberste Ebene der amerikanischen Armeeführung anprangert, ist seine Kritik an der Eignung und Integrität der (mittleren) Offiziersebene offenkundig. Mit „Wege zum Ruhm“ wird Stanley Kubrick ein Jahr später einen Film ähnlicher Intention in die Kinos bringen, der allerdings - anders als „Attack!“ - mittlerweile als Meilenstein des Genres gilt. Gleichwohl, bei all der Kritik am System, die Robert Aldrich in seinem Film anzubringen weiß, so will er dieses jedoch auf keinen Fall stürzen. Am Ende triumphiert die Integrität vor der Korruption. Georg Seeßlen trifft den Punkt, wenn er davon spricht, dass „diese Haß-Geschichten, die Aldrich immer wieder, und gelegentlich so brutal wie in »Attack!« zelebriert, freilich zugleich auch wieder für die Stabilität solcher Systeme [stehen]. Jedes Gewalt-Ritual stellt ein System in Frage, um es am Ende zu stützen.“ [4]


Auch in anderer Hinsicht unterliegt Robert Aldrich natürlich den Zwängen seiner Zeit: Das Töten und Sterben im Krieg wird zwar visualisiert, doch gelten für die Möglichkeiten der Gewaltdarstellung im Hollywood der fünfziger Jahren noch strenge Richtlinien. Gleiches gilt wohl in gewisser Weise auch für das von Aldrich artikulierte Feindbild seines Films, beziehungsweise für den Umgang mit den - in diesem Fall - deutschen Antagonisten. Ist es mittlerweile auch im amerikanischen Kino möglich, die unrechtmäßige Exekution (deutscher) Kriegsgefangener durch amerikanisches Militär zu visualisieren und somit auch immer ein Stück weit den Mythos vom Glorious War zu desavouieren (vgl. z. B. „Band of Brothers“, „Flags of our Fathers“), kann die direkte „Bestrafung“ des SS-Offiziers in „Attack!“ nur indirekt erfolgen (sprich: durch deutsches Feuer). Insgesamt aber nimmt die Beschäftigung mit dem äußeren Feind im Film nur eine untergeordnete Rolle ein, und geht über die mythische Unterscheidung von Wehrmacht und SS („It's SS!“) nicht hinaus. Im Fokus des Interesses steht, wie bereits erwähnt, der Feind in den eigenen Reihen. Eine Perspektive, die „Attack!“ schnell eine größere Öffentlichkeit verschaffte. So bewertete der Kongressabgeordnete Melvin Price die Entscheidung des Pentagon Aldrich die Unterstützung zu verweigern, als „a shameful attempt to impose censorship on a film because it dares to present an officer whose character is marred by the human failings of weakness and cowardice.“. Einschränkend fügte er jedoch noch schnell hinzu, dass die Good Guys im Film natürlich „more representative of the Army than the cowardly captain, who is clearly an exception“ sein würden. [5]


Aldrich versuchte diese Debatte um den Film für sich zu nutzen, so warb der Trailer mit den Worten: „Here is the hell behind the glory... the real guts and smell of battle! This is the story they didn't tell-of the heroes who stood up under fire, and the few who belly-crawled out!“ [6] Letztlich aber sollte Robert Aldrich mit „Attack!“ kein großartiger Erfolg beschieden sein, obwohl der Film wirtschaftlich durchaus reüssierte (was aber natürlich angesichts der geringen Produktionskosten relativ gesehen werden muss). Der Schluss liegt nahe, dass Robert Aldrich 1956 seiner Zeit noch voraus war. Dem amerikanischen Kinozuschauer war in diesem Jahr noch mehr der Sinn nach eskapistischer Unterhaltung. Zwölf Jahre später dann, also 1967, sollte Robert Aldrich mit „Das dreckige Dutzend“, der ironischerweise „Attack!“ nicht unähnlich ist, sein größter Erfolg gelingen. 1967 stellte jedoch für das amerikanische Kino eine Zäsur dar; eine neue Ära war angebrochen: So erteilte beispielsweise Mike Nichols im Zuge von „Die Reifeprüfung“ (1967) den Moralvostellungen der Elterngeneration eine klare Absage, während Arthur Penn mit seiner Gangster-Mär „Bonnie & Clyde“ (1967) dazu beitrug neben seiner gegen das Establishment gerichteten Botschaft, die Darstellung von Gewalt im Kino zu revolutionieren. Der Siegeszug des New Hollwood hatte begonnen und Robert Aldrichs „Attack!“ hätte wohl besser in diese Zeit gepasst. - Fazit: 7 von 10 Punkten.


Anmerkungen:

[1] Miller, Eugene. L. & Arnold, Edwin T. (Hrsg,): Robert Aldrich: Interviews. Mississippi 2004, S. 13.

[2] Ebd., S. 13.

[3] Gerhard, Paul: Krieg und Film im 20. Jahrhundert. Historische Skizze und methodologische Überlegungen. In: Chirari, Bernhard; Rogg, Matthias, Schmidt, Wolfgang (Hrsg.): Krieg und Militär im Film des 20. Jahrhundert. München 2003, S. 34.

[4] Seeßlen, Georg: Sodom und Gomorrha. URL: http://www.filmzentrale.com/essays/aldrichgs.htm (Stand: 06.12.09)

[5] Zitiert nach: Hughes, Darren: Attack! (1956) URL: http://www.longpauses.com/blog/2000/04/attack-1956.html (Stand: 06.12.09)

[6] Ebd.


Quellennachweis: Abbildungen aus "Ardennen 1944". © United Artists


3 Kommentare:

Dr. Borstel hat gesagt…

Klingt für mich wahrscheinlich nur aus dem Grund interessant, dass ich bei den Worten "Film" und "Ardennen" sofort wieder diese unglaublich faszinierenden, schockierenden Bilder aus "Band of Brothers" vor Augen habe. Trotzdem merke ich mir den Film mal vor.

C.H. hat gesagt…

Nice! Der Beitrag ist im Rahmen eines kommenden Referats an der UNI zum Thema "Krieg im Film" mit den Schwerpunkten "D-Day" und "Ardennenoffesnive" entstanden. Und ein Thema dieses Referats (das "Attack!" und "Band of Brothers" in Korrelation setztn wird) ist eben jener Vergleich beider Formate in Sachen Darstellung von Gewalt. Von daher bist du mit deiner Assoziation ganz vorne mit dabei. ;-)

fincher hat gesagt…

Ist mal vorgemerkt. Schon allein des Schwarz-Weißen wegen.^^ Danke für den Beitrag.

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