Rezension: Whatever Works














Nun ist er wieder zurück in New York, der Woody, der von sich sagt, dass er selbst ein wenig so sei wie seine Lieblingsstadt. Dabei war Europa ziemlich gut zu Allen und Allen war gut zu Europa. So durchstreifte er erst London, dann Barcelona, stets begleitet von seiner blondgelockten Muse Scarlett Johansson. Gerade sein letzter Film „Vicky Christina Barcelona“ um die verführerische ménage à trois rund um Bardem, Johansson und Cruz, wuchs sich in all der dem Film innewohnenden Leichtigkeit zu einem Manifest der südländischen Lebensart aus. Katalanisches Temperament, Laissez-faire und Joie de vivre – so ganz Ernst konnte Allen selbst nicht meinen, was er hier mit einem gewissen Augenzwinkern an europäischer Kultur und Lebensart zelebrierte. Immerhin, das schien „Vicky Christina Barcelona“ zwischen all der Sonne und der rotweingetränkten Glückseligkeit kommunizieren wollen, wenn das Leben funktioniert, auch in den absonderlichsten Konstellationen, dann lass es funktionieren: Whatever Works! Jetzt also wieder New York und die Frage muss erlaubt sein, wo es doch selbst schon die Spatzen von den Dächern pfeifen: Musste das denn noch sein? Noch ein Film, der New York als kathartisches Medium abfeiert? Nun ja, würde Allen wahrscheinlich selbst sagen, wenn es funktioniert, dann funktioniert es eben.


Boris Yellnikoff (Larry David) ist ein klassisches Arschloch. Sicher, er ist hochintelligent: Physiker, ein IQ von 200 und noch dazu für den Nobelpreis nominiert. Ein neurotischer Misanthrop und Exzentriker ist er trotzdem. Dass ihn seine Frau ob dieser unschönen Charakterzüge eines Tages die Koffer vor die Tür gestellt hat, vermag da nicht mehr wirklich zu überraschen. Überraschend war für Boris hingegen, dass sein Suizidversuch per klassischem Fenstersturz in einen Fehlschlag mündete und ihm außer einem nun steifen Bein nichts einbrachte. So verbringt er nun seine Zeit damit über die Welt zu schimpfen, seine wenigen Freunde zu beleidigen und kleine Kinder beim Schach bloß zu stellen. Und überhaupt, Spaß ist seine Sache nicht, vielleicht ab und an ein wenig klassische Musik. Wer sich jedenfalls in New York amüsieren möchte, so empfiehlt Boris ungeniert, der sollte doch am Besten über einen Besuch im Holocaust-Museum nachdenken. Und so könnte also Boris zeternd und schwatzend weiter seine Tage begehen, doch eines Abends findet er vor seiner Tür ein ziemlich hungriges Mädel vor, dass den Misanthropen tatsächlich dazu bewegen kann, sie auf eine Mahlzeit mit in seine Wohnung zu nehmen. Es stellt sich schnell heraus, dass die überaus hübsche, aber mindestens genauso dämliche Melodie (Evan Rachel Wood) vor ihren auf dem Land lebenden und christlich-dogmatischen Eltern geflüchtet ist. Es dauert nicht lange und aus der Zweckgemeinschaft wird mehr, und die Neunzehnjährige und der Sechzigjährige treten tatsächlich vor den Traualtar.


Das Drehbuch für „Whatever Works“ ist von Woody Allen bereits in den Siebziger Jahren geschrieben worden, doch als die Wunschbesetzung für die Figur Boris Yellnikoff (Zero Mostel) verstarb, lag das Projekt erst einmal dreißig Jahre lang auf Eis. Und auch wenn sich Allen alle Mühe gegeben hat, die Spuren der Zeit zu beseitigen und das Drehbuch für das 21. Jahrhundert zu adaptieren, so ganz kann man sich nicht des Eindrucks erwehren, dass sich die in „Whatever Works“ erzählte Geschichte mittlerweile selbst überholt hat. Zugegeben, es ist ja alles ganz nett, was Woody Allen da mit seinem neuesten Film anzubieten vermag und doch stellt „Whatever Works“ gemessen an den zwei, drei, vier letzten Filmen des New Yorkers ein Rückschritt dar. Das liegt nicht zuletzt auch daran, dass einige der Allenschen Kniffe dieses mal im Sande verlaufen. Das Durchbrechen der vierten Wand zum Beispiel, das von Allen gerade zu Beginn des Films minutenlang und damit exzessiv zelebriert wird, vermag nicht wirklich zu überzeugen. Gleiches gilt für Larry David, der sich zwar redlich bemüht und weit davon entfernt ist als Ausfall gelten zu müssen, dessen Auftritte aber nur selten von wirklich nachhaltiger Natur sind. Man kann somit nicht verhehlen, dass man sich während des Films das eine oder andere mal Woody Allen selbst in die Rolle des neurotischen Boris Yellnikoff wünscht. Prinzipiell gilt erstaunlicherweise das „Whatever Works“ (und damit David) seine besten Momente genau dann gelingen, wenn es der Film am wenigsten darauf anlegt.


Doch keine Sorge: Wo Schatten zu finden ist, kann auch das Licht nicht weit sein und so hat auch dieser Filme seine zahlreichen lichten Momente. Überstrahlt wird „Whatever Works“ von Evan Rachel Wood, die in der Rolle des naiven, aber herzensguten Dummchens zum Aushängeschild des Films wird. Wie schon Scarlett Johannsson (vor allem in „Match Point“), wie schon Penelope Cruz, wie schon...to be continued, ist es die Frauenfigur die einen Allen-Film erst richtig interessant macht. Evan Rachel Wood steht dieser Riege in nichts nach und gefällt durch ihr nuanciertes, ausdrucksstarkes und ironisierendes Schauspiel, welches den ihrer Filmfigur inhärenten klischeehaften Fallstricken geschickt aus dem Wege geht. Wie von Woody Allen gewohnt, sind es vor allem die intelligenten Dialoge und der damit einhergehende Wortwitz, die den Film bis in die zweite Hälfte tragen, in der Allen dann zum Glück noch mal ein wenig an der Schraube gedreht hat. Bei all dem Bemühen nämlich „Whatever Works“ allein durch die ungewöhnliche Paarkonstellation zwischen Boris und Melodie zum Leben zu erwecken (zumal es ganz atypisch so ist, dass sich das junge hübsche Ding in den alten Sack verknallt, und eben nicht umgekehrt), zeigt sich relativ schnell, dass dies allein im Fall von „Whatever Works“ nicht genug ist.


Somit ist es für den Film ein Glücksgriff, wenn in der zweiten Hälfte Melodies Eltern, erst die Mutter und dann später der Vater, vor der Tür stehen und New York seine liberale Arbeit entfalten kann. Dann nämlich wird aus der prüden und das Wort Gottes predigenden Landpomeranze fluchs die extrovertierte Künstlern, die stilecht mit pornographischen Ausstellungen und zwei Liebhabern aufwarten kann und der nicht weniger verbissene Daddy darf erst seiner Verflossenen hinterherweinen und dann seiner schwulen und bis dato unterdrückten Veranlagung frönen. Ist es nicht schön, was New York alles kann? Nun, natürlich ist diese ganze Chose ziemlich absurd, gesehen hat man den ganzen Firlefanz auch schon mal und trotzdem: Es funktioniert, zumindest in gewisser Weise und mit Abstrichen versehen. Vielleicht aber sollte Woody Allen in Zukunft doch darauf verzichten dreißig Jahre alte Drehbücher zu entstauben. Nichts desto trotz; man darf sich weiterhin auf die neuen Filme des Auteurs freuen. Man munkelt, dass er für seinen nächsten Film Präsidentengattin Carla Bruni verpflichtet hat. Mon Dieu! C'est magnifique! - Fazit: 7 von 10 Punkten.


Quellennachweis: Abbildungen aus "Whatever Works". © 2009 Central Film


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