

Der geneigte Leser, der sich an dieser Stelle eigentlich eine Rezension zu „Operation Walküre – Das Stauffenberg Attentat“ erhoffte, der sei an dieser Stelle um Verzeihung und Geduld gebeten (Oder aber er springt sofort zur eigentlichen Rezension) – Er wird, dass soll an dieser Stelle versprochen sein, am Ende der Ausführungen erkennen, warum dieser Exkurs, sowie die Thematisierung wichtiger Fragen in diesem Kontext von Relevanz ist.
Eine kleine Vorkritik
Kann und sollte man „Operation Walküre – Das Stauffenberg Attentat“ losgelöst von der konkret historischen Bedeutung der Figur Stauffenberg besprechen? Sollte man einfach akzeptieren, dass es Regisseur Bryan Singer und den anderen an diesem Projekt Beteiligten offensichtlich primär darum ging einen spannenden Thriller auf Zelluloid zu bannen und weniger einen cineastischen „Aufsatz in einer Vierteljahresschrift für Zeitgeschichte“ [1] zu verfassen? Und in der Tat, dies kann zunächst einmal in der Tat akzeptiert werden, ohne das dem Film damit ein automatischer Ablassbrief ausgestellt wird, doch macht es sich derjenige Rezensent offensichtlich zu einfach, der „die Freunde des Aktenstudiums und der Quellenkritik“ [2] a priori als umherirrende Gestalten klassifiziert, die sich „gelegentlich ins dunkle Kino“ [3] verirren um „dem Drehbuch den einen oder anderen angeblichen Fehler im historischen Detail nachzuweisen“ [4]. Die also - und dies implizieren diese Worte ja offensichtlich - besser von diesem Film ferngehalten werden sollten. Nun ist es natürlich völlig richtig, dass sich zum Einen auch der Historiker im Kontext seines subjektiven Schaffens automatisch in das Reich der Konstruktion, und eben nicht der Rekonstruktion begibt, dass somit zum Anderen auch der Geschichtswissenschaftler dem Anspruch der Weisheit letzten Schluss liefern zu können enthoben ist und das Gleiches zu guter Letzt selbstverständlich auch für die erzählende Kunst des Schreibens und Filmens gilt. Es mutet an dieser Stelle nur ein wenig seltsam an, dass in diesem Kontext ausgerechnet Leopold von Ranke als Beweisführer instrumentalisiert wird, der zwar erkannte, dass „Jede Epoche unmittelbar zu Gott ist“, aber eben auch von der Hoffnung und Bestreben beseelt war, zu ergründen wie „Es wirklich gewesen war.“ Das dies nun einmal leider nicht möglich ist, darauf wollte der im vorigen wiederholt zitierte Rezensent wohl offensichtlich (zu Recht) hinaus, doch wären geistige Größen wie Chladenius oder auch Max Weber an dieser Stelle die eindeutig passendere Wahl der Beweisführung gewesen.
Es vermag natürlich den Einen oder Anderen durchaus zu verwundern, dass es neben den Freunden des schnöden Aktenstudiums auch noch Jene gibt, die nicht nur Connaisseure der Quellenkritik, sondern eben auch der Filmkritik sind. Und es stimmt ja auch: Nichts ist schlimmer, als ein „verstaubter“ Historiker, der einen Film ausschließlich unter dem, was man gemeinhin als „historische Korrektheit“ bezeichnen würde, zu beurteilen sucht. Doch werden in diesem Zusammenhang nicht verschiedene Ebenen vermischt? Das sich nämlich aus dem Stoff des in dieser Rezension zu besprechenden Films eminent wichtige Fragen ergeben, die - wenn sie schon nicht explizit gestellt werden müssen, so aber eben doch implizit gestellt werden können - und die eben nichts mit dem „korrekten“ Wiedergeben historischer Ereignisse zu tun haben, soll im Folgenden in einem kurzem Abriss exemplifiziert werden. Dies scheint allein schon deshalb nötig, weil dieses Thema immer noch ein Schwieriges ist aus dem sich mannigfaltige Kontroversen speisen. Das diese Einschätzung keine hohle Metapher, sondern Realität ist hat die hysterische und aufgeregte Debatte, die sich seit dem Bekanntwerden des Projekts um die Dreharbeiten im Allgemeinen (Stichwort: Bendlerblock) und Tom Cruise (Stichwort: Scientology) im Speziellem entzündet hat und die damit exemplarisch für das immer noch unentspannte Verhältnis, welches weite Teile der deutschen Gesellschaft offensichtlich zur eigenen Geschichte pflegen, eindrucksvoll gezeigt.
Nun ist ist es ganz ohne jeden Zweifel so, dass eine semantisch orientierte Problematisierung des Terminus „Widerstand“, der in seiner Verwendung oftmals viel zu unreflektiert gebraucht wird in diesem Kontext viel zu weit führen würde. Nichts desto trotz kann in diesem Fall ein kurzer begriffsgeschichtlicher Exkurs von Nutzen sein, weist er doch auf ein in diesem Zusammenhang nicht ganz unwesentliches Problem hin: Welche Personengruppe und welche Handlungen werden eigentlich von diesem Terminus abgedeckt? Ist also zum Beispiel zwischen Dem, der mit Vorsatz den Hitler-Gruß verweigerte und Jenem, der über Jahre (Etwa in Berlin) jüdische Mitbürger bei sich in der Wohnung versteckte und so dem unheilvollen Zugriff der Nationalsozialisten entzog, in qualitativer Hinsicht zu unterscheiden? Oder aber sind all diese Handlungen vielmehr pauschal unter dem Widerstands-Begriff zu subsumieren?
Umfassen also die Formen des Widerstandes gegen das nationalsozialistische Terror-Regime ein weites Spektrum so gilt gleiches (natürlich nicht im quantitativen Sinne!!) auch für die verschiedenen gesellschaftlichen Träger des Widerstands. „Die Attentäter des 20. Juli“, die „Weiße Rose“, „Die Rote Kapelle“, der „Kreisauer Kreis“ dürften wohl noch die bekanntesten Vertreter sein, während Personen wie beispielsweise Georg Elser nur einem kleinen Kreis von Informierten ein Begriff sein dürfte. An dieser Stelle zeigt sich die diffizile Komplexität des öffentlichen Erinnerns, was also im kollektiven Gedächtnis der Gesellschaft memoriert wird. Eindeutig ist aber auch, dass dieser Prozess durchaus zu steuern ist. Die Grundsätze einer Ethik der Erinnerung müssen in diesem Kontext zur handlungsweisenden Maxime werden, die sich jedoch stets im Spannungsfeld zwischen den professionalisierten Hütern der Erinnerung – also den Historikern – einerseits und gesellschaftlich-politischen Interessen andererseits befinden (Wobei der Historiker als Bestandteil der Gesellschaft natürlich nicht von dieser zu trennen ist). Und so hat auch der Widerstand vom 20. Juli 1944 rund um Graf Claus Schenk Graf von Stauffenberg in der öffentlichen Rezeption einen beschwerlichen Weg genommen: Kurz nach dem Krieg von weiten Teilen der noch jungen bundesdeutschen Gesellschaft als Eidbrecher und Verräter gebrandmarkt, von der offiziellen Politik jedoch schnell zu Ikonen erhoben, in der DDR, in deren Weltbild Widerstand gegen das dritte Reich nur vom linken Spektrum der Gesellschaft ausgehen konnte, viele Jahre lang vernachlässigt, ist der 20. Juli 1944 im Jahr 2009 als wichtiges Element der deutschen Opposition gegen Hitler, so scheint es, endgültig angekommen – Die öffentlichen Gelöbnisse der Bundeswehr im geschichtsträchtigen Bendlerblock sprechen zumindest in dieser Hinsicht eine deutliche Sprache. Gleichwohl: Zur Lage der Motive vermag auch diese vordergründige Akzeptanz einer ambivalenten historischen Figur nichts auszusagen.
Eine Ambivalenz die sich natürlich nicht zuletzt aus der Tatsache des weitläufigen und keinesfalls homogenen Personenkreis der Verschwörer und der damit einhergehenden Fraktionierung der Motive ergibt. Die eine, monokausale und alles erklärende Begründung für das Attentat wird es von daher nicht geben. Das Bestreben dem Genozid an den Juden ein Ende zu setzten, sowie den zu diesem Zeitpunkt längst verlorenen Krieg zu beenden sind zwei Aspekte die von den Verschwörern selbst ventiliert worden sind, die jedoch in der historischen Bewertung durchaus zu hinterfragen sind. So ist festzuhalten, dass diese Beweggründe mit einiger Sicherheit für einige der Verschwörer ausschlaggebend waren, für einige jedoch mit Sicherheit nicht oder nur in einem weit geringerem Maße. Die Ursächlichkeiten des 20. Juli 1944 sind von dato so komplex wie es die letztendliche Rezeption des Attentats in der Folgezeit ist. Viele Fragezeichen müssen sich dort ergeben, wo klare Antworten gewünscht sind: Wäre es auch zum Attentat gekommen, wenn die Wehrmacht den Krieg erfolgreicher gestaltet hätte? Kann man bezüglich des Zeitpunkts von Zufall sprechen? Wäre das Attentat in moralischer Hinsicht glaubwürdiger gewesen, wenn es vor dem Untergang der 6. Armee in Stalingrad, der amerikanischen Invasion in der Normandie und vor der kompletten Vernichtung der Heeresgruppe Mitte (Mit dem Verlust von 28 Divisionen) erfolgt wäre? Hätten die Verschwörer den Krieg sofort in Gänze beendet, oder hätten sie versucht im Westen einen Separat-Frieden zu schließen? Und auch in diesem Fall kann eine pauschale Beantwortung dieser Fragen nicht erfolgen. Kann man etwa für Ludwig Beck in Anspruch nehmen, dass dieser schon früh gegen Hitler Opposition bezogen hat und bereits 1943 unglücklich mit einem Attentat scheiterte, muss diese Frage ebenfalls für die wohl schillerndste Figur des Attentats vom 20. Juli 1944 gestellt werden: Claus Philipp Maria Schenk Graf von Stauffenberg.
Die Bewertung von Stauffenberg im stetigem Konflikt zwischen den ihm oftmals zugeschriebenen Adjektiven des „überzeugten Nazis“ einerseits und „ikonenhaften Helden“ andererseits ist ein komplexes Unterfangen. Ein aristokratisch geprägter Nationalist, ein leidenschaftlicher Soldat und eben kein Demokrat. Ein Mann von dem überliefert ist, dass er die Juden als Volk, dass „sich nur unter der Knute wohl fühlt“ bezeichnet hat. Ein Mann, der 1939 für Hitler bereitwillig ins Feld gezogen ist. Und auch an dieser Stelle werden wieder weitreichende Fragen evoziert: Ist etwa zu unterscheiden zwischen einem latenten Rassismus und Antisemitismus, wie er in weiten Teilen der damaligen (und vor allem nicht nur deutschen) Gesellschaft zu finden war und dem bewussten Willen und Vorhaben einen Völkermord zu begehen? Wird Stauffenberg für den bloßen Versuch des Attentats zu Recht als Held verehrt oder sind es vielmehr seine wahren Beweggründe, die von entscheidender Natur sind? Letztendlich ist dies eine Frage, die wohl jeder für sich selbst entscheiden muss. Doch sollte Eines bei all der berechtigten Skepsis nicht vergessen werden. Unzählige Menschen hätten im Falle eines Erfolgs gerettet werden können, so aber ging das Sterben an den Fronten bis Mai 1945 ebenso unvermindert weiter wie der Holocaust. Gleiches gilt für das unermessliche Leiden der Zivilbevölkerung in ganz Europa.
Rezension: „Operation Walküre – Das Stauffenberg Attentat“
Tunesien 1943: Oberstleutnant i. G. Claus Philipp Maria Schenk Graf von Stauffenberg (Tom Cruise) vertraut sich seinem Feldtagebuch an: Der Krieg sei verloren, Hitler für die Zerstörung Deutschlands verantwortlich, der Völkermord an den Juden ein Verbrechen. Es muss sich, da ist sich Stauffenberg sicher, etwas ändern und dies noch dazu schnell. „Du kannst Deutschland oder dem Führer dienen. Nicht beiden“ - Dies ist seine handlungsleitende Maxime, der er nur wenige Momente später folgt, indem er einen Befehl Hitlers verweigert, beziehungsweise mit dem Zweck modifiziert, möglichst vielen deutschen Soldaten einen in seinen Augen sinnlosen Tod zu ersparen. Minuten später wird Stauffenberg schwer verwundet in der Wüste Tunesiens liegen, während in der Zwischenzeit an der Ostfront ein weiteres von zahlreichen Attentaten auf Adolf Hitler fehlschlägt: Die Bombe, die Generalmajor Henning von Tresckow (Kenneth Branagh) in das Flugzeug des Diktators geschmuggelt hat, zündet nicht. Ein neuer Plan und ein neuer Mann muss her. Dieser neue Mann ist ebenjener schneidige Offizier, der in Tunesien verwundet und mittlerweile zum Oberst befördert wurde. Der sich dazu entschieden hat Hitler zu töten und somit seinen soldatischen Eid zu brechen: Ist erstmal Hitler beseitigt, so der Plan des kleinen Zirkels von Militärs und Vertretern des bürgerlichen Widerstands, soll unverzüglich der Walküre-Befehl ausgegeben werden, der vom Regime ursprünglich dazu konzipiert wurde, die eigene Macht bei einem Staatsstreich zu sichern, der aber von den Widerständlern in der Art modifiziert wurde, dass er sich gegen das Regime verwenden lässt. Am 20. Juli 1944 bringt Stauffenberg die Bombe zur Explosion – Mit dem bekanntem Ergebnis und den damit verknüpften Folgen.
Wurde im Vorigen das grotesk anmutende Spektakel, dass sich in Deutschland seit dem Bekanntwerden des Projekts entzündete, ebenso kurz thematisiert, wie die eminent wichtigen Fragen die in Bezug auf Stauffenberg und dem 20. Juli zu stellen sind, kann an dieser Stelle somit unverzüglich zur eigentlichen Rezension übergeleitet werden. Ein Film, gerade wenn er so offensichtlich auf Unterhaltung hin konzipiert worden ist, muss sich verständlicherweise in der Umsetzung eines historischen, noch dazu ohne Zweifel sensiblen Stoffes, mit gewichtigen Problemen konfrontiert sehen, die es mindestens zu umschiffen, im besten Fall sogar zu lösen gilt. „Operation Walküre – Das Stauffenberg Attentat“ wählt in dieser Hinsicht den einfachsten Weg, da das Drehbuch die angesprochene Fraktionierung der Motive sowohl in Bezug auf Stauffenberg, als auch in Bezug auf die anderen beteiligten Personen am 20. Juli vollständig unterschlägt, weil grobschlächtig pauschalisiert. Exemplarisch kann dies an der filmischen Stauffenberg-Konzeption durchdekliniert werden. Ein Zelt in der Wüste zu Beginn des Film muss der Khartasis augenscheinlich genug sein. Das Leben Stauffenbergs vor dem Krieg, seine Rolle in diesem Waffengang bis 1943 – es spielt keine Rolle. Die Motive, die ihn antreiben, sie stehen absolut und edelmütig zu Beginn des Films und werden zu keiner Sekunde hinterfragt. Was Regisseur Bryan Singer dem Zuschauer an dieser Stelle bietet ist ein Ritter ohne Furcht und Tadel, ein Superheld wie er aus dem Comic und nicht aus der Historie hervorgegangen zu sein scheint. Stauffenberg ist in diesem Film – und das muss dann doch erstaunen – eindimensionaler als es so manche Comic-Figur etwa in den „X-Men“-Verfilmungen ist. Wer Hitler töten will, muss augenscheinlich und a priori ein guter Mensch sein, dies ist es, was die Bilder durchaus plump suggerieren.
Tom Cruise verkörpert somit einen Stauffenberg, wie er undankbarer nicht zu spielen ist. Wo soll Präsenz auf der Leinwand entstehen, wenn es die Rolle nicht hergibt. Cruise Interpretation ist somit routiniert, beschränkt auf die reine Verkörperung des agil handelnden jungen Offiziers, der im Gegensatz zu einigen seinen Mitverschwörern als ein Mann der Tat und nicht des Zauderns dargestellt wird. Nun ist der Fokus des Films auf Stauffenberg nicht zu Vorderst zu kritisieren, sondern viel mehr als konsequent zu bezeichnen. Offensichtlich ist jedoch auch, dass Cruise hinter zahlreichen Kollegen des Ensembles schauspielerisch zurück stehen muss. Dies gilt vor allem für die gelungene Verkörperung des Generals Friedrich Ollbricht durch Bill Nighy, aber auch für Christian Berkel, der Oberst Albrecht Mertz von Quirnheim eine eindrucksvolle Präsenz verleiht. Zahlreiche weitere Darsteller könnten in dieser Aufzählung ohne Weiteres genannt werden, so dass letztendlich zu konstatieren ist, dass es zwar Cruise ist, der als Zugpferd von den Werbeplakaten blickt, ohne das insgesamt stark aufspielende Ensemble aber ein echtes Problem hätte.
Doch soll an dieser Stelle nicht unterschlagen werden, dass es Singer mit „Operation Walküre“ gelungen ist eine - zumindest für den deutschen Zuschauer – altbekannte Geschichte auf durchaus spannende und packende Art und Weise zum wiederholten Male eindrucksvoll zu erzählen. Dies, und absolut nur dies, ist neben der schauspielerischen Leistung einiger Darsteller der Grund dafür, warum der Film letztendlich für das, was er sein will, funktionieren kann. Und es zeigt sich eben doch wieder einmal, dass es die Amerikaner sind, die genau wissen, wie man eine gute Ausgangsgeschichte in packende und auch visuell durchaus beeindruckende Bilder zu kleiden hat. Es sind nicht wenige Szenen, die einen hervorragenden Eindruck der dramatischen Dynamik eröffnen können, die sich in 1944 in den Stunden nach dem Attentat in Berlin abgespielt haben: Wie das Regierungsviertel abgeriegelt, die Schergen der SS und SA inhaftiert worden sind, wie aber auch der Staatsstreich letztendlich am menschlichem Versagen und dem Faktor Zufall scheitern musste. Summa summarum kann sich selbst der, der nicht nur mit dem groben Ablauf, sondern auch mit weiteren Einzelheiten der historischen Abläufe vertraut ist, der Dynamik der Bilder nicht entziehen. Als Amüsant sind hingegen die völlig hemmungslos eingesetzten Herrschaftssymbole des Nationalsozialismus zu bezeichnen, was sich durch den gesamten Film zieht und somit zu einer letztendlich erheiternden – weil überstiliersten - Aopstrophierung der immer wieder tradierten „Film--Nazi-Klischees“ aus Hakenkreuz, dem fetten Göring und blondem Schoßhündchen verkommt.
Schlussendlich muss jedoch konstatiert werden, dass sich „Operation Walküre“ jeglicher Brisanz verweigert. Keine der im ersten Teil gestellten Fragen bezüglich der Motive, Ziele und des beteiligten Personenkreises, allen voran Stauffenberg, werden in diesem Film von Singer ernsthaft und tiefgründig thematisiert. Nein, es kann an dieser Stelle wirklich nicht darum gehen, einen kritisierenden Überblick über die der Dramaturgie geschuldeten Anpassungen an Ablauf und Konstellation und Zeichnung der Figuren zu evozieren, doch „Operation Walküre“ ist in seiner Summe aus den genannten Gründen nicht mehr als ein handwerklich gut gemachter Thriller, der sich jeglicher provozierenden (und damit interessanten) tiefschürfenden Ambitionen konsequent verweigert. Warum dies zwar durchaus legitim ist, gleichzeitig aber auch die Tatsache mit sich bringt, warum dieser Film in seiner Summe vom Inhalt her gesellschaftlich völlig unwichtig ist, dass steht in „Der kleinen Nachkritik“ - Fazit: 5 von 10 Punkten.
Eine kleine Nachkritik
Es war noch lange hin bis zu Kinostart, da wusste es die FAZ, oder sollte man besser sagen Frank Schirrmacher, natürlich schon längst vor allen Anderen: „Bryan Singer ist dabei, einen Film zu drehen, der, wenn nicht alle Zeichen trügen, Deutschland mehr verändern wird als irgendein anderer denkbarer Film der letzten Jahrzehnte.“ [5] Das ist groß, das ist toll und wenn man schon mal dabei ist, dann kann man ja Tom Cruise auch noch gleich einen Bambi für Courage verleihen, weil er – der große Star – sich dazu herabgelassen hat Stauffenberg zu spielen. „Es lebe das heilige....“ - Jaja, das Debakel um Cruise' Dankesworte in der nachfolgenden Rede dürften bekannt sein. Und nun ist der Film in den Kinos zu sehen und Schirrmacher legt gleich mal nach: „Hollywood hat erreicht, was nur Hollywood kann: eine international weitgehend unbekannte Geschichte und ihr Motiv zu globalisieren.“ [6] Das ist groß, das ist toll. Aber mal abgesehen davon, dass dies vielleicht sogar ein positiver Nebeneffekt des Streifens ist, macht allein diese Tatsache aus dem Film auch einen großen Film? Ja, wir Historiker sollen uns ja angeblich da raus halten, verderben wir am Ende doch nur die Laune: „Deshalb sind Debatten über Einzelfragen historischer Authentizität unangemessen“ [7] Gut, es ist ja nun in der Tat verstanden doch stellt sich doch die Frage, was wäre, wenn jetzt einer in die Staaten reist und in den Kinos eine große schwarze Pappwand mit weißem Text mit der Geschichte des 20. Julis vor die Leinwand hängt. Dann wissen die Leute auch Bescheid, aber aus der schnöden Pappwand wird deshalb noch lange kein guter Film. Selbst die FAZ, die sich alle Mühe gibt den Film (zu) offensichtlich zu sekundieren, kann sich nicht entscheiden warum sie das eigentlich tut. Eine (gleichsam manipulative) Zusammenstellung offenbart nämlich: „Operation Walküre ist - man glaubt es kaum - der spannendste Thriller der letzten Zeit.“ [8] Und deswegen wird er jetzt Deutschland verändern, weil so spannend ist? Und was ist nun die Moral von der Geschicht'? It's very simple: Den Fokus der eigenen Kritik einfach nur drauf zu legen was Andere angeblich alles nicht kritisieren dürfen, reicht in der Summe leider ebenso wenig aus, wie das angeführte Argument der großartigen informativen Wirkung des Films (Die, wie gesagt völlig unabhängig von der Konzeption des Films als Faktor herangezogen wird). Wo bleibt da das Kino, der Film per se, eben jener, der sich traut wichtige Fragen zu stellen, der eben nicht feige ist, so wie es „Operation Walküre“ letztendlich ist. Aus qualitativer Sicht ist dieser Film ein mittelmäßiger und beliebiger Thriller. Lebt mit dieser Erkenntnis und hört auf einen Mythos zu schaffen, dem der Film von der ersten bis zu letzten Sekunde nicht gerecht wird!
Quellennachweis: Abbildungen aus "Operation Walküre – Das Stauffenberg Attentat". © MGM, United Artists, Achte Babelsberg Film, Bad Hat Harry Productions