Rezension: "Das Kabinett des Dr. Parnassus"














„You see children know such a lot now, they soon don't believe in fairies, and every time a child says, 'I don't believe in fairies,' there is a fairy somewhere that falls down dead.“ -so lauten die Worte in J.M. Barries berühmter Erzählung „Peter Pan“. So ähnlich geht es auch dem einst berühmten Dr. Parnassus (Christopher Plummer), der Hauptfigur in Terry Gilliams neuem Film „Das Kabinett des Dr. Parnassus“. Dieser unterhielt über Jahrhunderte hinweg das Publikum mit seinem Imaginarium. Glaube und Fantasie können starke Mächte sein, doch hat die "Entzauberung der Welt" am Übergang zu Moderne am Anbeginn des 20. Jahrhunderts dafür gesorgt, dass die Künste von Dr. Parnassus in Vergessenheit geraten sind. Und so fristet der alte Mann ein trübes Dasein auf der Straße und versucht etwas anzupreisen, das mittlerweile nicht mehr gefragt ist: seine Geschichten. Man kommt nicht umhin zu bemerken, dass „Das Kabinett des Dr. Parnassus“ - zumindest thematisch - ein schöner, ein passender letzter Vorhang für Heath Ledger ist, der bekanntlich während der Dreharbeiten zu dem Film verstarb. „Das Kabinett des Dr. Parnassus“ und Heath Ledgers Tod sind somit nicht voneinander zu trennen, sähe der Film doch ganz anders aus, wenn Ledger noch am Leben wäre. Terry Gilliam entschied sich nach dem Tode seines Hauptdarstellers schnell dafür, den Film zu Ende zu führen und passte das Drehbuch den tragischen Umständen an. In der Folge sprangen Johnny Depp, Jude Law und Collin Farrell für ihren Freund in die Bresche, und trugen ihren Teil dazu bei, den Film zu beenden.


Das Wandertheater des Dr. Parnassus hat also, wie auch sein Besitzer, schon bessere Zeiten erlebt. Über die Jahrhunderte alt und grau geworden, versucht Dr. Parnassus seine Probleme in Alkohol zu ertränken. Einst versprach er Mr. Nick (Tom Waits), dem Leibhaftigem höchst persönlich, die Seelen seiner Kinder im Austausch gegen die Unsterblichkeit. Nun steht der sechzehnte Geburtstag seiner Tochter Valentina (Lily Cole) kurz bevor, und der Seelenfänger wartet schon darauf seinen Preis einzutreiben. Doch der Teufel liebt es zu spielen, und so bietet er Dr. Parnassus eine erneute Wette an. Wem es in drei Tagen zuerst gelänge fünf Seelen auf seine Seite zu ziehen, der soll Valentina zum Lohn bekommen. Dr. Parnassus Kabinett nämlich nimmt den Besucher mit auf eine Reise in die eigene Gedankenwelt und lässt ihn seine größten Wünsche erkennen. Doch auch der Teufel ist dort stets präsent, und führt die arglosen Besucher in Versuchung. Fünf Seelen, in drei Tagen – Die Chancen scheinen schlecht für Dr. Parnassus, bis er und sein Team eines Tages dem mysteriösen Tony (Heath Ledger) begegnen, der für neuen Schwung im eingestaubten Imaginarium sorgt.


Terry Gilliam ist einer der Regisseure, mit dessen Filmen man entweder etwas anfangen kann, oder eben nicht. Mit seinem neusten Werk ist ihm nun ein annehmbarer Film gelungen, der jedoch ein wenig unter der Verspieltheit seines Regisseurs leidet. Märchen, Romanze, faustsches Lehrstück um Versuchung und Moral, oder doch handfeste Gesellschaftskritik? „Das Kabinett des Dr. Parnassus“ ist von allem ein wenig, aber nichts richtig. Zu oft pendelt Gilliam zwischen den zahlreichen Versatzstücken seiner Geschichte hin und her, ohne eine klare Linie zu finden; was dem Fluss der Erzählung ziemlich abträglich ist. Hinzu kommt, dass nicht alle Elemente von Gilliams Geschichte im gleichem Maß gelungen sind. Während die ménage à trois rund um Valentina, Tony und Anton (Andrew Garfield) zu jeder Zeit viel zu oberflächlich wirkt und somit in empathischer Hinsicht keinerlei Tiefe hervorbringen kann, vermag das Duell zwischen Dr. Parnassus und Mr. Nick schon eher zu überzeugen. Gerade aber auch die von Gilliam in den Film implementiere Konsumkritik will nicht wirklich zünden. Weniger ist dann eben doch manchmal mehr, so dass zu dem Schluss gekommen werden muss, dass sich Terry Gilliam besser auf seine Geschichte über das Geschichten erzählen fokussiert hätte.


Visuell jedoch ist „Das Kabinett des Dr. Parnassus“ ein unbestrittener Genuss. Die zahlreichen Spielereien, optischen Bonbons und schönen Ideen lassen den Zuschauer einige der inhaltlichen Schwächen des Films schnell wieder vergessen. Christopher Plummer und Tom Waits prägen im Übrigen aus darstellerischer Hinsicht den Film, der aber natürlich in der öffentlichen Rezeption vor allem als Heath Ledgers letzter Film in Erinnerung bleiben wird. Der Tod des Schauspielers ist zum Einen auch auf Grund einiger inhaltlichen Begebenheiten des Films nicht völlig auszublenden, wird zum Anderen aber auch von Gilliam in einer wunderbar unaufdringlichen kleinen Szene gedacht. Der Schauspieler Heath Ledger hat jedoch in „Das Kabinett des Dr. Parnassus“ nicht gerade seine beste Leistung abgeliefert und agiert weitestgehend uninspiriert. De facto ist seine Verkörperung des smarten, aber undurchsichtigen Tony Lichtjahre von Ledgers Leistungen in „The Dark Knight“ und allen voran „Brokeback Mountain“ entfernt.


Waren zum Zeitpunkt von Ledgers Tod nahezu alle seine Szenen, die im realen London spielen, abgedreht, so fehlten noch die Sequenzen mit Ledger in den Fantasiewelten. Im Nachhinein, so zynisch das vielleicht klingt, erweisen sich die nötig gewordenen Drehbuchänderungen als Glücksgriff für den Film. Mit Ausnahme von Jude Law nämlich, der ebenso blass bleibt wie Ledger selbst, erweisen sich die anderen beiden Darsteller im Bunde als Gewinn für den Film. Das gilt vor allem für Johnny Depp, aber auch für Collin Farrell, der den größten und interessantesten Vertretungspart übernommen hat. Letztlich ist „Das Kabinett des Dr. Parnassus“ also ein zweischneidiges Schwert. Einer schönen Idee auf der einen Seite, steht die mangelnde Fokussierung von Terry Gilliam auf der anderen Seite gegenüber. Der Brite macht es seinem Publikum mal wieder nicht allzu leicht seine Filme zu mögen, in der Summe überwiegen jedoch die positiven Aspekte. Möge die Geschichte also weiter erzählt werden. - Fazit: 7 von 10 Punkten.


Quellennachweis: Abbildungen aus "Das Kabinett des Dr. Parnassus". © 2010 Concorde


13 Kommentare:

tumulder hat gesagt…

Amen.

luzifus hat gesagt…

Was ist denn eigentlich diese "unaufgringliche kleine Szene", in der Heath Ledgers Tod gedacht wird? Ich hab den Film gesehen und erinnere mich gerade nicht wirklich daran.

Ansonsten verwundert mich deine nichts desto trotz relativ hohe Bewertung des Films, obwohl du - wie ich auch meine - herausstellst, dass Gilliam sich mal wieder nicht auf etwas Bestimmtes in seiner Erzählung fokussieren konnte.

C.H. hat gesagt…

"unaufgringliche kleine Szene"

Du erinnerst dich an die Szene, in der auf dem Fluss die Portrait-Fotos von unter anderem James Dean und Rudolph Valentino, also sehr früh verstorbenen Großen des Showbizz vorbei treiben? Ich denke; es sehr offensichtlich ist, dass Giliam diese Szene nachträglich geschrieben hat und die hat mir sehr grfallen.

verwundert mich deine nichts desto trotz relativ hohe Bewertung des Films

Ich bin sehr leicht durch einen Film zu vereinahmen, wenn er Fantasie und den Mut für ausschweifende und kunstvolle Bilder besitzt. Deswegen die 7 Punkte. :)

luzifus hat gesagt…

Ah, ich denke, ich weiß, welche Szene du meinst. In der Tat: das klingt tatsächlich nachträgöich geschrieben.

Aber allein mit Fantasie und "Mut für ausschweifende und kunstvolle Bilder" bin ich nicht zu überzeugen. Ne Geschichte oder auch nur halbwegs sympathische Figuren sollte es auch geben. Sonst müsste ich ja auch "Avatar" richtig toll finden ;-).

C.H. hat gesagt…

Sonst müsste ich ja auch "Avatar" richtig toll finden ;-).

Jep, exakt das habe ich mir auch gedacht, als ich deine Kritik und sonstigen Kommentare zu Parnassus gelesen habe. ;-)

lalia hat gesagt…

hab's nun auch gesehen... und wieder fehlen mir die Worte für eine Kritik. Meine Begleiterin meinte: der seltsamste Film, den sie je gesehen hat. Das trifft es in etwa, und ich weiß auch nicht, ob er nun schlecht, oder gut ist. es dauert mal wieder ne Weile...

C.H. hat gesagt…

Naja, soooo seltsam fand ich den Film jetzt gar nicht, Gilliam war eben "nur" ein wenig verplant. ;-)

lalia hat gesagt…

hm, ja... da sind ein paar Dinge, die ich nicht ganz verstanden hab, wenn ich jetzt so drüber nachdenk...

Anonym hat gesagt…

ich persönlich finde nicht, daß sich gilliam nicht fokussiert. er hat lediglich einen komplexeren blick auf die zusammenhänge, die er darstellen will, als das bei "avatar" oder ähnlichen machwerken der fall ist. wer nicht so viel nachdenken möchte, findet unter den zeitgenössischen filmen ein reichhaltiges angebot; wer dagegen (wie ich ) genuß darin findet, über die möglichen botschaften lange herumzuphilosophieren, ohne eine eindeutige lesart vorgesetzt zu bekommen, kann jenseits von gilliam lange suchen.
daß die konsumkritik (in meinen augen eher eine umfassende gesellschaftskritik) einen fundamentalen bestandteil dieser modernen "faust"-variante (aktive fantasie vs passive berieselung) darstellt, ist offensichtlich; daß mr. nick am ende vielleicht doch nicht so fair spielt und valentinas seele trotzdem ihm gehört, weil sie der fantasie entsagt und stattdessen ein leben aus dem katalog lebt, ist nur eine mögliche interpretation, wenn auch mir momentan die liebste.
so macht kino spaß - wenn man auch tage und wochen danach noch was davon hat!

k.u.

C.H. hat gesagt…

wer dagegen (wie ich ) genuß darin findet, über die möglichen botschaften lange herumzuphilosophieren, ohne eine eindeutige lesart vorgesetzt zu bekommen, kann jenseits von gilliam lange suchen.

Äh, Nein! Um dich von den Qualen deiner langen Suche zu befreien: Richard Kelly, Stanley Kubrick, David Lynch, Jim Jarmusch
- um nur mal vier Regisseure zu nennen, die in ihren Filmographien eine ganze Reihe von Filmen haben, bei denen ausdrücklich philosophiert werden muss. Das hat mich jetzt gerade mal dreißig Sekunden gekostet. ;-)

PS: Drei der vier von mir genannten Regisseure gehören zu meinen Lieblingsregisseuren. Denn du hast völlig recht: "so macht kino spaß - wenn man auch tage und wochen danach noch was davon hat!" Zur Nummer 1 (Lynch) lassen sich hier noch dazu umfangreiche Texte finden. Nur mal so nebenbei erwähnt, um den unterschwelligen Vorwurf zu entkräften, dass ich "Parnassus" kritisiert habe, weil der Film zum nachdenken einlädt.

Anonym hat gesagt…

ja, ja, ja. weiß ich ja! es gibt auch noch viel mehr! und ein unterschwelliger vorwurf sollte das auch nicht sein. ich wollte bloß mal volkes stimme ein wenig nachjustieren und deutlich machen, daß es keute wie mich gibt, bei denen genau die ambivalenz und die offenen enden des erzählfadens den schläfenlappen freudig hüpfen lassen.
(und daß die genannten regisseure wahlweise tot, one-hit-wonder oder schon lange minderheitenprogramm sind, ist auch nicht so von der hand zu weisen. man ist schon froh, wenn sowas mal länger als eine woche im kino ist.)

gruß
k.u.

C.H. hat gesagt…

man ist schon froh, wenn sowas mal länger als eine woche im kino ist

Das ist natürlich völlig richtig, und ich wäre auch froh, wenn es für derartige produktionen mehr Platz geben würde. Aber man muss die Kinos, die ja auch nur wirtschaftliche Betriebe sind, auch ein wenig in Schutz nehmen. Man kann sich nunmal kein Arthaus-Publikum backen, und wenn die Leute lieber Bay sehen wollen, als Gilliam, dann ist das leider so. ;-)

Flo Lieb hat gesagt…

Kann Vielem zustimmen (zu verspielt, blasser Ledger, mehr als blasser Law), finde den Film jedoch als Ganzes weit weniger gelungen als du. In all seinen Bildern - und vielleicht auch durch Ledgers Tod - verliert Gilliam die Geschichte aus den Augen. Speziell mit dem Ende konnte ich relativ wenig anfangen, wenn sich der eigentliche Antagonist entlarvt, was ich in dieser Geschichte über Geschichten als Bruch empfinde, der letztlich der eigenen Prämisse nicht gerecht wird. Und so zynisch es klingt, denke ich doch, dass Ledgers Tod den Film für Viele besser erscheinen lässt als er eigentlich ist oder wahrgenommen würde, täte der Schauspieler noch leben.

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