

„Give me your tired, your poor, Your huddled masses yearning to breathe free, The wretched refuse of your teeming shore; Send these, the homeless, tempest-tost to me, I lift my lamp beside the golden door!“ - die berühmten und programmatischen Worte der Freiheitsstatue, sie gelten nicht mehr. Amerika will sie nicht länger haben, die Müden, die Armen und Unfreien, vor allem wenn sie aus dem arabischen Teil des Erdballs kommen. Die Zeiten haben sich geändert. Wenn Thomas McCarthy in „Ein Sommer in New York – The Visitor“ den Fokus der Kamera auf die Freiheitsstatue richtet, um anschließend auf die Skyline von Manhattan mit deren zwei tiefen Wunden zu schwenken, dann ist der Grund dafür offensichtlich. Der 11. September 2001 hat die USA und die Welt verändert. Und so ist „Ein Sommer in New York“ zuvorderst ein Film über New York, über die USA und über die Befindlichkeiten einer verunsicherten Gesellschaft. Wieder ist es – wie so oft - New York, dem eine karthatische Wirkung zugedacht wird. Erst im letzten Jahr kehrte Woody Allen in „seine“ Stadt zurück, und feierte den „Big Apple“ in „Whatever Works“ als kraftvolles Medium der individuell-liberalen Entfaltung. In diesem Film ist jedoch stets offenkundig, dass Allen ein Drehbuch aus den Siebzigern verfilmt hat, das im Jahr 2010 von einer nahezu altbackenen Romantik geprägt ist. Mit „Ein Sommer in New York“ gelingt Thomas McCarthy, wenn man so will, der ernste Gegenentwurf zu Woody Allens Film, der bereits 2007 abgedreht, erst jetzt in den deutschen Kinos angelaufen ist.
Wie in Allen's „Whatever Works“ steht auch in „Ein Sommer in New York“ ein von Sinnkrisen gepeinigter Mann im Herbst seines Lebens im Vordergrund; im Fall von McCarthys Film natürlich ohne zynisch-satirische Note. Walter Vale (Richard Jenkins) hat seine besten Tage hinter sich gelassen. Einst war der Hochschullehrer glücklich und zufrieden, doch nach dem Tod seiner Frau ist der Witwer zu einem gleichgültigen Einzelgänger geworden, der seiner Lehrtätigkeit nur noch automatisiert und bar jeglicher Leidenschaft nachgeht. Als er eines Tages gebeten wird für eine Kollegin auf einer Tagung in New York einzuspringen, erwartet ihn bei der Ankunft in seiner New Yorker Wohnung eine handfeste Überraschung. In seiner Badewanne liegt eine junge Frau (Danai Jekesai Gurira), die von ihm ebenso überrascht ist, wie er von ihr. Ihre erschreckten Schreie rufen ihren Freund Tarek (Haaz Sleiman) auf den Plan, der Walter fast aus seiner eigenen Wohnung wirft. Schnell stellt sich heraus, dass Tarek und Zainab, so der Name der jungen Frau, Opfer eines Missverständnis geworden sind, wurde ihnen doch diese Wohnung im Glauben überlassen, dass diese leer stehen würde. Eilig machen sich die Beiden aus dem Staub und verschwinden in die Nacht von New York. Walter aber, der ahnt, dass Tarek und Zainab keine Unterkunft für die Nacht haben, eilt ihnen hinterher und bietet ihnen an zu bleiben. Mit der Zeit freundet sich der bis dato verbittert wirkende Hochschulprofessor mit den Beiden an, die sich – wie er schnell erfährt – illegal in den USA aufhalten. Vor allem die Musik von Tarek, der meisterhaft die Djembé spielt, hat es Walter angetan. Als Tarek wenige Tage später durch einen unglücklichen Zufall in der U-Bahn von der Polizei kontrolliert wird, und auf Grund seiner fehlenden Aufenthaltsgenehmigung in Abschiebehaft gerät, beginnt Walter zusammen mit Zainab und Mareks Mutter Mouna (Hiam Abass) für seinen neuen Freund zu kämpfen.
Thomas McCarthy ist mit „Ein Sommer in New York“ ein bemerkenswert ruhiger, einfühlsamer und auf kultureller Verständigung nebst politischer Komponente bedachter Film gelungen, der sich allerdings nicht völlig von stereotypen Konstrukten lösen kann. Im Prinzip behandelt der Film drei Ebenen. Die Erste fokussiert sich auf Walter, dessen Lebensgeister völlig erloschen scheinen, bis er Tarik kennen lernt. Die Musik ist es, die die beiden Männer mit einander verbindet und die Grundlage für eine Freundschaft der besonderen Art legt. Wenn der Hochschulprofessor im Anzug im Central Park mit seinem syrischen Freund zusammen auf die Trommel einschlägt, und seine Augen zu leuchten beginnen, sind das kraftvolle und schöne Bilder, die der Film findet. Ebenso berührend wie die Freundschaft zwischen Tarek und Walter, ist die zarte romantische Bande, die sich nach Tareks Inhaftierung zwischen Walter und dessen Mutter Mouna bildet, die nach New York geeilt ist, um ihren Sohn beizustehen. Die zweite Ebene des Films versteht sich als Plädoyer für die Vielfalt der Kulturen und gegen das gegenseitige Misstrauen, vor allem nach dem 11. September. So wie Walter mit der Zeit seine Zurückhaltung gegenüber Tarek verliert, und Zainab ihre anfängliche Angst vor Walter überwindet, so soll auch der Zuschauer im Kinosessel seine Vorurteile überwinden.
Zu guter Letzt platziert Thomas McCarthy seinen Film als unmissverständliches Statement gegen die gängige Abschiebepraxis in seinem Heimatland. Ausgerechnet dieser Teil des Films, quasi die dritte Ebene, ist jedoch am wenigsten ausgereift und setzt zu sehr auf wohlfeile und vereinfachende narrative Konstruktionen. Dies beginnt damit, dass Tarek und Zainab in ihrer eloquenten Mehrsprachigkeit und weitestgehend in die Gesellschaft integrierten Lebensweise wohl kaum zu den „typischen“ illegalen Einwanderern in die USA gehören, und endet damit, dass die Mitarbeiter der Abschiebehaftanstalt, als Stellvertreter einer fehlgeleiteten Politik, in einer Kälte und Distanziertheit gezeichnet werden, die sie schnell in die Rolle der Buhmänner abgleiten lässt. Darüber aber, dass diese Beamten nur ausführendes Werkzeug einer von oben geleiteten Maschineerie sind, und sich überbordende Emotionalität allein schon aus Gründen des Selbstschutz nicht erlauben können, scheint der Film nicht wirklich nachzudenken. Wohl aber gelingt es Thomas McCarthy die Hilflosigkeit, die Angst und die Wut der Protagonisten einzufangen, die Helfen wollen aber nicht wirklich können.
Nicht nur aus inszenatorischer Sicht kommt „Ein Sommer in New York“ also einem beachtlichen Wurf gleich, auch was den Cast angeht, hat sich da ein toll aufspielendes Ensemble versammelt. Das gilt für den charismatischen Haaz Sleiman ebenso wie für für Richard Jenkins, der seinen persönlichen Persönlichkeitswandel glaubhaft verkörpert. Über allen aber steht Hiam Abass in ihrer nuancierten Interpretation der stolzen, dabei aber gleichzeitig nicht minder verletzlichen und verletzten Frau. In der Summe ist Thomas McCarthy somit ein schöner kleiner Film geglückt, der sich seinem Heimatland nach dem 11. September annimmt. Ob man diese äußerst sensibel vorgetragene Geschichte als zu konstruiert bemängeln möchte, oder nicht doch viel mehr als äußerst klug gesponnenes erzählerisches Netz, muss allerdings jeder für sich selbst entscheiden. Es ist wahrlich nicht das erste Mal, dass ein Film einen kritischen Blick auf die allzu oft unmenschlich erscheinenden Mühlen der Bürokratie wirft, selten war diese Perspektive so ansprechend umgesetzt. Auch wenn „Ein Sommer in New York“ also mit Sicherheit nicht perfekt ist, wartet der Film mit genügend ruhigen, bewegenden und gelungenen Momenten auf, so dass man sich gewünscht hätte, dass dieser Film nicht ganze zwei Jahre auf seine hiesige Kinoauswertung hätte warten müssen. - Fazit: 8 von 10 Punkten.
Quellennachweis: Abbildungen aus "Ein Sommer in New York - The Visitor". © 2010 Pandastorm Pictures






3 Kommentare:
Noch nie von gehört. Thematik klingt ja nichts besonders dolle. Aber ich lass mich gerne eines Besseren belehren.
Stimme zu, dass es ein netter und ruhiger Film ist. Aber irgendwie muten deine Worte etwas blauäugig an. Das Symbol der Freiheitsstatue finde ich als Einleitung in den Text überaus gelungen. Die Politik der USA von damals - zumindest dringt es subtil so durch - auch heute noch geltend machen zu wollen, irgendwie nicht. Man muss sich auch das Problem der illegalen Einwanderer mal vor Augen halten. Pro Jahr sind das in den USA eine halbe Million, die sich inzwischen - insgesamt - auf über 22 Millionen Menschen summiert haben. Was in etwa sieben Prozent der Gesamtbevölkerung der USA entspricht. Ich kann also verstehen, dass die USA nicht mit Blumenkränzen an den Grenzen stehen und alle Tareks dieser Welt durchwinken. Auch wenn es im Film natürlich "unrechtmäßig" erscheint, wie mit ihm verfahren wird.
@ Kaiser:
Was heißt denn hier bitte "die Thematik klingt nicht besonders dolle"? Das ist hochaktuell. ;-)
@ Flo:
In der Tat. Aber ich denke, dass die Blauäugigkeit weniger aus meinen Worten spricht, sondern aus dem Film. Das, was du da völlig zu Recht anführst, nämlich das die USA natürlich nicht jeden in ihr Land lassen können, umgeht "Ein Sommer in New York" mal ganz geschickt, in dem er da zwei eloquente und ultrasymphatische Beispiele aus der Masse herauspickt. Das ist ja auch das, was ich bezüglich der dritten Ebene des Films kritisiert habe.
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