Rezension: "Gamer"












Mark Neveldine und Brian Taylor konnten 2006 positiv überraschen. „Crank“ machte seinem Namen alle Ehre und präsentierte sich als durchgestylter Actiontrip auf Speed, der seinen von Jason Statham verkörperten Helden Jev Chelios ohne Pause durch die Straßen von Los Angeles hetzte. Pausen waren ebenso wenig gefragt, wie eine in irgendeiner Art und Weise durchdachte Geschichte. Dafür punktete der Film mit unkonventionellen Ideen, wüst inszenierter und fotografierter Action, die ohne Rücksicht auf Verluste dorthin gegangen ist, wo es weh tut. Das Sequel „Crank 2 – High Voltage“ variierte dann die ganze Chose geringfügig, in dem sie dem Ganzen noch einmal die Krone aufsetzte. Aber schon im Fall von „Crank 2“ zeigte sich, dass Weniger manchmal Mehr ist, oder aber mit anderen Worten: Einige Geschmacklosigkeiten hätten dann doch nicht sein müssen. Nun sind Neveldine und Taylor mit ihrem neuen Film zurück. Von diesem dufte man Ähnliches erwarten, wie von den beiden vorherigen Filmen des Duos. „Gamer“ schlägt dabei in eine Kerbe, die im dystopischen Actionkino der letzten Jahrzehnte mitnichten neu ist, dessen thematische Fortspinnung nun aber auf Grund der immer weiter voran schreitenden technischen Möglichkeiten in der Unterhaltungsindustrie nur konsequent ist.


Im antiken Rom schlachteten sich die Gladiatoren im Circus Maximus zum Plaisir des Volkes gegenseitig ab; das Blut floss in Strömen. In der Gegenwart hat die Menschheit weniger blutrünstige Formen dieser archaischen Unterhaltung gefunden, jedoch funktionieren Sportarten wie Boxen und Wrestling nach dem gleichen adrenalingeladenen Prinzip. Actionlastige Science-Fcition wie zum Beispiel „Frankensteins Todesrennen“ (oder das Remake „Death Race“) griff diese anthropologische Konstante immer wieder auf, und ließ die zukünftige Menschheit wieder in alte, längst überwunden geglaubte Muster zurückfallen: Zum Tode verurteile Verbrecher fungieren als moderne Gladiatoren, die sich in live übertragenen Sendungen auf Leben und Tod duellieren. Als „Frankensteins Todesrennen“ 1975 gedreht wurde, ahnte man jedoch noch nicht, wohin sich die Unterhaltungselektronik entwickeln sollte. Stichwort: Virtuelle Realitäten. Heute führen schon Jugendliche virtuelle Kriege und ballern sich als Marines, Söldner und Terroristen durch animierte Schlachtfelder, oder bewegen sich als Avatare durch künstliche Welten („Second Life“). Was wäre nun – quasi der nächste Schritt der technischen Evolution - wenn es möglich wäre, dass Menschen andere Menschen aus Fleisch und Blut wie Spielfiguren steuern könnten?


Von dieser Prämisse geht „Gamer“ aus. Neveldine und Taylor entwerfen eine in einer nicht allzu fernen Zukunft spielenden Welt, in der der Milliardär Ken Castle (Michael C. Hall) eine Technik entwickelt hat, die es der zahlenden Kundschaft ermöglicht andere, mit Nanosonden ausgestatteten Menschen, zu steuern. Zwei unterschiedliche Spielmodi hat das Imperium von Castle schon auf den Markt gebracht. Zum Einen „Society“, in welcher der Spieler, vor seinem Monitor zu Hause sitzend, stets live dabei, seine reale Spielfigur durch eine bunte und glitzernde Welt lenkt. Und zum Anderen „Slayer“, in dem verurteile Todeskandidaten in verschiedenen Arenen gegeneinander antreten, natürlich auch hier stets gesteuert von ihren alten Egos hinter dem Monitor. Einer von diesen modernen Gladiatoren ist Kable (Gerad Butler), dessen Spieler den Hünen erfolgreich durch 29 Gefechte geführt hat. Ein letzter Sieg noch, und Kable wird seine Freiheit zurückerhalten. Müßig, dass dies von Ken Castle nicht vorgesehen ist, und so nutzt Kable die plötzliche Chance, die sich durch die unverhoffte Hilfe der Untergrundbewegung Humanz ergibt, um dem System zu entkommen. Tatsächlich gelingt ihm der Ausbruch aus der Arena und so macht sich Kable, stets verfolgt von Castles Schergen, auf die Suche nach Frau (Amber Valetta) und Kind.


Gamer“ ist rein aus unterhaltungstechnischer Hinsicht die konsequente Weiterführung von den vorhergegangenen „Crank“-Abenteuern, nur das Jason Statham hier von Gerad Butler ersetzt wird, der seine Sache ganz ordentlich macht. Ansonsten ist von der ersten Sekunde an unschwer zu erkennen, dass man es mit einem Film von Nelvedine/Taylor zu tun hat. Ohne große Pause scheppert und kracht es, was das Zeug hält. Auch was die mal mehr und mal weniger gelungenen schrillen Einfälle angeht, weiß man jederzeit in wessen Haus man sich da verirrt hat. Das alles ist ganz spaßig und funktioniert in diesem Sinne auch von der ersten bis zur letzten Sekunde, zumal der Soundtrack über Marilyn Manson bis hin zur Bloodhound Gang überaus passend ist. Doch während „Crank“ und „Crank 2“ gar nicht erst versuchten irgendeinen Inhalt zu vermitteln, meinen sich Neveldine und Taylor in „Gamer“ einer in der gegenwärtigen Gesellschaft aktuellen Debatte anzunehmen müssen, und dieser Schuss geht erwartungsgemäß nach Hinten los. Sicherlich böte das Thema an sich genug Potential, um sich kritisch mit den Fragen nach (zukünftigen) Grenzen und Auswirkungen der Unterhaltungsindustrie zu beschäftigen, welche die eigene und die künstliche Identität immer weiter miteinander verschmelzen lässt, beziehungsweise immer neue Tabus auslotet. Wenn man aber, so wie in „Gamer“, genau das abfeiert, was man kritisiert, beziehungsweise vorgibt zu kritisieren, dann ist das eine höchst scheinheilige Angelegenheit.


Wenn also Kable seinem jugendlichen Spieler irgendwann ein „Hey, hier sterben richtige Menschen“ an den Kopf wirft, während „Gamer“ ansonsten fleißig dabei ist, eine bis in die Haarspitzen auf cool inszenierte und ästhetisierte Gewaltorgie abzufackeln, kommt das mit der Sozialkritik nicht mehr ganz so gut. Gleiches gilt für die Umsetzung von „Society“ die in ihrer quietschbunten und verheißungsvollen Optik wohl kaum dazu geeignet ist, irgendetwas zu hinterfragen. Und so darf dann auch völlig folgerichtig der fette und verschwitzte Kerl vor dem übergroßen Monitor seine weibliche Spielfigur mit tiefem Ausschnitt und engen Hotpants auf der Suche nach sexuellen Ausschweifungen durch die Gegend zu steuern. Vorher gibt’s noch saftig einen auf den Arsch und dann wird fröhlich penetriert, was das Zeug hält. Dann das nächste mal wider doch bitte einen Neveldine/Taylor-Film, der auf die sozialkritischen Themen verzichtet und sich auf das beschränkt, was die Beiden, und das ist unbestritten, richtig gut können: Das, flotte, stilsichere und erfrischend unkonventionelle Inszenieren von Actionorgien in postmoderner Optik. - Fazit: 5 von 10 Punkten.


Quellennachweis: Abbildungen aus "Gamer". © 2010 Universum


11 Kommentare:

doscorazonesblog hat gesagt…

Also, wenn man den inhaltlichen Aspekt ausblendet, wird man von der Action sehr gut unterhalten, wenn ich das richtig verstehe. Nun, ich warte sowieso bis zur DVD.

C.H. hat gesagt…

Ja, kann man ungefähr so sehen. Aber auch abseits der Story finde ich "Crank", was den Spaßanteil angeht, um einiges gelungener.

tumulder hat gesagt…

So, so. Da hast du dich also auch wie so viele andere reinlegen lassen.^^

C.H. hat gesagt…

So, so. Da hast du dich also auch wie so viele andere reinlegen lassen.^^

So, so. Und das soll jetzt also selbsterklärend sein, oder wie? ;-) Ich reime mir das jetzt mal aus deiner Rezension zusammen: Ich bin Neveldine/Taylor auf dem Leim gegangen, weil ich "Gamer" als kritischen Blickwinkel [auf die von dem Film aufgegriffenen Themen missverstanden habe.

Da kann ich dich aber beruhigen, so naiv bin ich dann doch nicht, Neveldine/Tylor so etwas wie Sozialkritik zuzutrauen. Allerdings tun sie einiges dafür, um unterschwellig genau das zu suggerieren und veranstalten ihre Party unter einem schlampig übergeworfenen Deckmantel der Möchtegern-Kritik. Und das ist alles was ich sage: Sie sollen ihre Filme machen, dann aber bitte ohne solche Sätze wie "Hey, hier sterben richtige Menschen", oder Bezeichnungen wie "Humanz". Das können sie dann bitte lassen und wieder zu dem überzugehen, was du im Zuge von "Crank 2" als "Gewaltverherrlichung, Misogynie, etc. pp" bezeichnet hast. Das finde ich für die Filme, die die beiden bislang gemacht haben, weitaus ehrlicher. ;-)

tumulder hat gesagt…

Ist der schlampig entworfene Deckmantel der Möchtegern-Kritik nicht gekonnt überspitzte Ausformulierung der Behauptungen selbsternannter Medienspezialisten und Kritiker? Töten lernen am Computer etc.. Und entlarvt diese Ausformulierung nicht viel mehr diese Behauptungen als Schwachsinn? Du unterschätzt die beiden da doch ein wenig.

Mehr als noch mehr Wackelkamera, noch mehr Schnitte, noch abstrusere Einstellungen sind den beiden Regisseuren nicht zum Thema Steigerung eingefallen. Zynismus verkommt zum platten Eiertreterhumor. Nur zur Erinnerung, von Gewaltverherrlichung, Misogynie, etc. pp in meinem Kommentar keine Spur. Nur formale Kritik.^^

Aber wieder zurück zu Gamer. Das Finale ist doch noch deutlicher zu lesen, als schon bei Crank und Crank2. Oder etwa nicht? Spielfeld mit Antagonist und Protagonist, die beide von außen gesteuert werden.;)

C.H. hat gesagt…

Ist der schlampig entworfene Deckmantel der Möchtegern-Kritik nicht gekonnt überspitzte Ausformulierung der Behauptungen selbsternannter Medienspezialisten und Kritiker?

Nein. Das würde ich einem Paul Verhoeven abnehmen, aber nicht den Beiden. ;-)

"von Gewaltverherrlichung, Misogynie, etc. pp in meinem Kommentar keine Spur."

Doch. In deinem Kommentar zu meiner "Crank 2"-Besprechung ;-)

tumulder hat gesagt…

Oho, da hast du aber was völlig missverstanden. Hatte ich doch in meinem Kommentar lediglich auf die sonst von dir so restriktiv durchgezogenen Bewertungskriterien angespielt, die du z.B. der Hostel und SAW Reihe unterziehst. Ich habe mich ja damals nur gewundert, dass die bei Crank 2 doch sehr schnell über den Haufen geworfen wurden, da es sich um einen Film handelt, der dir gefällt. Ist aber wahrscheinlich nicht wirklich rübergekommen.;)

C.H. hat gesagt…

Nicht wirklich. ;-)

tumulder hat gesagt…

Jetzt aber mal wieder zu Gamer. Ich halte ihn tatsächlich für zwar nicht stark, aber doch recht gelungen. Die angedeutete Sozialkritik, die so viele da ausmachen wollen, kann ja gar nicht sein, wenn man die beiden Crank Filme mit in den Kontext einbezieht. Ein schön schnodderiger, sich keinesfalls anbiedernder B-Movie. Nicht mehr und nicht weniger. Klasse. Hätte ich nicht erwartet.

C.H. hat gesagt…

Na dann ist ja gut, wenn wenigstens du zufrieden bist. ;-)

tumulder hat gesagt…

Na klar, für Avatar Super Finder ist Gamer natürlich überhaupt nix.XD

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