

Ich verstehe die Welt nicht mehr, von der Jonathan Mostow in „The Surrogates“ erzählen will. Man muss sich das mal in letzter Konsequenz vorstellen: Die Menschheit flätzt sich nur noch im heimeligen Wohnzimmer rum, und lässt den Alltag von sogenannten Surrogates erledigen, die mit dem jeweiligen Nutzer verbunden sind und in letzter Konsequenz nicht mehr sind, als ferngesteuerte Hüllen mit menschlichem Antlitz. Was beispielsweise für den Soldaten oder den Polizisten noch ganz vorteilhaft sein kann, immerhin kann der Dienst versehen werden, ohne seine eigene Haut riskieren zu müssen, muss doch in Bezug auf das alltägliche Leben einer reichlich trostlosen Angelegenheit gleichkommen. Offensichtlich nämlich transportiert der Surrogate keinerlei Gefühl wie etwa Schmerz auf den jeweiligen Benutzer. Was angesichts von so unerfreulichen Nebenwirkungen wie Tod und Verstümmlung, die etwa den Soldaten im Krieg erwarten können, überaus angenehm ist, verliert dann seinen Reiz, wenn es um die angenehmen Dinge des Lebens geht. Was hab ich schon davon, wenn mein Surrogate in einer Diskothek dem heißesten Feger auf der Tanzfläche die Zunge in den Hals steckt (so die Einführung in den Film), ich das aber im eigentlichen Sinne zu Hause nicht fühlen kann? Genau davon aber erzählt „The Surrogates“; von einer Welt nämlich, in der die Menschen ihr Haus nicht mehr verlassen und im wahrsten Sinne des Wortes durch ihre Puppen leben. Die wenigen Menschen aber, die die Surrogates ablehnen, leben in kleinen Reservaten fernab der nunmehr ferngesteuerten Welt.
Im Jahr 2017 ist es jedenfalls soweit: 98 Prozent der Menschen nutzen Surrogates in sämtlichen Bereichen des alltäglichen Lebens. Gewaltverbrechen, Diskriminierung und die Übertragung von Krankheiten haben sich auf ein Minimum reduziert. Freude schöner Götterfunken, es lebe die technisierte Welt. Die paar Nörgler und ewig Gestrigen in ihren abgesperrten Reservaten vermögen die neue Idylle nicht weiter zu stören. Brisanter ist da schon der plötzliche Tod von Jarod Canter, dem Sohn von Dr. Lionel Canter (James Cromwell). Dieser erfand einst die Surrogates und führte die Menschheit auf eine neue Stufe der Evolution. Nun aber ist das eingetreten, was eigentlich nicht hätte möglich sein dürfen: Durch den Einsatz einer neuartigen Waffe werden nicht nur die Surrogates zerstört, sondern auch deren Träger. Massiver Blechschaden und biologischer Exitus gehen nun erstmals Hand in Hand. Dieser erste Mord seit Jahren scheucht nicht nur Dr. Lionel Canter, dem der Anschlag eigentlich galt, gehörig auf, sondern auch die offiziellen Behörden. Der FBI-Agent Tom Greer (Bruce Willis) und dessen Partnerin, Agent Peters (Radha Mitchell), werden auf den Fall angesetzt. Schnell führt die Spur zu einer Gruppe von Widerständlern unter der Führung des sogenannten Propheten (Ving Rhames), die den Surrogates den Kampf angesagt hat.
Auch im Fall von „Surrogates“ handelt es sich um eine Comicverfilmung, die nach wie vor wie Pilze aus dem Boden schießen. Nachdem mittlerweile fast alle großen Klassiker des Genres abgegrast worden sind, Hollywood aber ständig nach neuen Stoffen verlangt, erfährt nun der erst 2005 entstandene Comic von Robert Venditti und Brett Weldele seine Adaption für die große Leinwand. Es klang ja bereits in den ersten Worten dieser Rezension an: Die in „The Surrogates“ vorgetragene Prämisse ist in letzter Konsequenz nicht wirklich überzeugend vorgetragen. Anders als der in der Summe ebenfalls nicht sonderlich gelungene „Gamer“ handelt der Film nicht von einer Art realen Second-Life-Variante (sprich: Mensch steuert Mensch), sondern entmenschlicht den Alltag in einer Art und Weise, die nicht sonderlich plausibel erscheint. Als überaus naiv präsentiert sich in diesem Zusammenhang bereits die dokumentarische angehauchte Einführung in „The Surrogates“. Warum sich etwa durch die Einführung der Surrogates die Anzahl der Gewaltverbrechen reduzieren soll, ist nicht wirklich ersichtlich, sondern firmiert wohl viel eher ganz gemäß dem Motto „trau keiner Statistik, die du nicht selber gefälscht hast“, unter der Kategorie begrifflicher Spitzfindigkeiten: Gewaltverbrechen werden einfach zu Sachbeschädigungen. Toll. Warum noch dazu Millionen von Menschen ihrem echten Leben einfach so „lebe wohl sagen sollten, wird eigentlich zu keinem Zeitpunkt plausibel erklärt. Das singuläre Beispiel, das „The Surrogates“ in seiner Geschichte anbietet, nämlich dass die Frau unseres Helden Tom Greer den Unfalltod ihres kleinen Sohnes nicht verkraftet hat, und sich nunmehr in Form ihres Surrogates der realen Welt entzieht, ist in diesem Zusammenhang einfach nur noch platt.
Bruce Willis, der - zumindest was das Kino angeht – seine besten Tage nun auch schon hinter sich gelassen hat, ist es zunächst „vergönnt“ mit einer ziemlich dämlichen Frisur durch den Film hetzen zu müssen, wird dann aber schnell in bewährter Kahlkopfmanier zum Stützpfeiler der ganzen Chose, was allerdings nicht mit einem übergroßem Kompliment verwechselt werden sollte. Wenn „The Surrogates“ nämlich schon thematisch eine ganze Menge Potential verschenkt, so gilt dies ebenfalls für die zu Grunde liegende Inszenierung und den Spannungsbogen. Das sieht zwar alles ganz gefällig aus, was Regisseur Jonathan Mostow da auf die Beine gestellt hat, ist aber weit von dem entfernt, was man gemeinhin als fesselnd bezeichnen würde. Ansonsten präsentiert sich der Film als geradliniger Sci-Fi-Thriller, der jedoch zu keinem Zeitpunkt wirklich überraschen kann. Das hat man alles schon mal irgendwie in der Art, und vor allem noch dazu besser gesehen. In dieser Hinsicht macht der Film seinem Titel (Surrogat = künstlicher und minderwertiger Ersatz) alle Ehre. Auch das Ende des Films, das sich sich um Einiges subversiver gibt als es eigentlich ist, spricht diesbezüglich Bände. In der Summe stellt „The Surrogates“ also einen weiteren Vertreter eines Genres dar, welches zur Zeit ganz Groß im kommen ist: Künstliche Existenzen und Realitäten und das damit verbundene Verwischen der Grenzen, wird noch einige Filme hervorbringen, die sich diesem Thema annehmen werden. Es steht zu Hoffen, dass sie es besser machen, als zuletzt „Gamer“ und nun „The Surrogates“, die - wenn man so will – über die mittlerweile doch arg abgedroschene und billige Metapher, dass fette Kerle heiße Bräute steuern, nicht hinaus kommen wollen. - Fazit: 4,5 von 10 Punkten.
Quellennachweis: Abbildungen aus "Surrogates - Mein zweites Ich". © 2010 Walt Disney






7 Kommentare:
Die Grundidee hinter "Surrogates" interessiert mich ja erstmal schon. Die DVD wird mir dann schließlich ein eigenes Urteil zulassen.
Zugegeben, die Prämisse ist etwas unzureichend ausgearbeitet (welchen Zweck haben FBI und Polizei, wenn die Kriminalität mit 1% quasi nicht mehr existent ist?), aber abgesehen davon empfand ich den Film als ziemlich runde Sache. Wieso Menschen die Realität des Alltags aufgeben, um sich der Künstlichkeit der Surrogates auszusetzen, ist in meinen Augen zudem nur ein weitergedachter Schritt gegenüber unserer Gegenwart, die ja bereits extremst über Internet stattfindet [ich selbst sitze soeben an meinem PC und kommuniziere nicht in persona]. Da hier die Action weitestegehend runtergeschraubt wurde, war das alles auch nochmals eine Ecke gefälliger als bei GAMER, der ja bereits gelungene Züge enthielt. Und Willis' Frisur fand ich auch nicht dämlich, die war einfach nur konsequent in Anbetracht der Umstände. Ich glaube was das Thema von Filmen wie SURROGATES und GAMER angeht, divergieren wir Zwei ein wenig - was erklärt, warum ich die betreffenden Filme im ersten Fall sehr viel und im letzteren ein wenig besser einschätze als du. :-)
Lieber Christian, wir bei SchönerDenken stimmen Dir vollkommen zu. Die vielen unrealistischen Details (wer soll diese sauteure Technik bezahlen?) stören sehr. Dass der sonst so kritische Herr Lieb da nicht über die zusammenkonstruierte Geschichte stolpert, wundert :-) Fazit: Surrogates kann man mal weggucken, berührt aber gar nicht. (Podcast zum Film kommt die Tage)
"Der sonst so kritische Herr Lieb", hier wird man ja schon typisiert, wird man :-)
@ Flo:
ich selbst sitze soeben an meinem PC und kommuniziere nicht in persona
Aber das ist ja primär operativen Zwängen geschuldet. Ich würde gerne mit dir in einer Bar bei ein paar Bierchen über den Film diskutieren. Da dies aber nicht möglich ist, sucht man sich eben einen technisierten Ausweg. ;-
@SchönerDenken:
Bin, wie immer, gespannt auf euren Podcast. Vielleicht könnt ihr ja mein Dilemma auflösen. Glaube es zwar nicht, aber ich suche eine Lösung: Ich verstehe nicht, was an der Prämisse von "Surrogates" so toll sein soll...
Schade, ich hatte den Trailer sehr gemocht, aber auch ein Kollege hat den Film schon gesehen und ist zu einem ähnlich enttäuschenden Urteil gelangt. Tja, dann wohl doch: Wolkig mit Aussicht auf Fleischbällchen...
Ich finde es etwas schade, dass du die Kritik des Film etwas zu sehr an der Ausgangsidee aufhängst, an der du dich am meisten gestört zu haben scheinst. Ich fand "Surrogates" einen soliden Genre-Vertreter mit einer hübschen, wenn auch wenig originellen Botschaft am Ende, der leider etwas zu wenig Action-Elemente aufweist. Aber Bruce wird eben auch langsam alt ;-).
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