

Man sollte die katalysierende Wirkung, die der Sport auf das kollektive Gedächtnis einer Gesellschaft haben kann, nicht unterschätzen. Man braucht diesbezüglich ja nur an den deutschen Erfolg bei der Fußballweltmeisterschaft 1954 in der Schweiz zu denken. Und spätestens als am Ende der achtziger Jahre die Erinnerungsgeschichte in den Fokus der Geschichtswissenschaft rückte, ist dieses Phänomen hinsichtlich der konstituierenden Wirkung, die eben auch der Sport für eine Nation (oder andere Gemeinschaften) haben kann, endgültig zum Untersuchungsgegenstand geworden. Es kommt nicht von ungefähr, dass in dem von Hagen Schulze und Étienne François herausgegebenen dreibändigen Werk „Deutsche Erinnerungsorte“ die Bundesliga Aufnahme gefunden hat. Wenn die Besprechung zu Clint Eastwoods „Invictus“ nun also nicht mit Nelson Mandela, sondern mit diesem Thema anfängt, dann hat das durchaus seinen Grund. „Invictus“ ist mitnichten, wie im Vorfeld an einigen Stellen suggeriert, eine Biopic über Mandela, sondern eine einzelne Episode aus Mandelas politischem Wirken nach seiner Wahl zum Präsidenten von Südafrika im Jahr 1994. Es geht also an dieser Stelle darum, falschen Erwartungen den Wind aus dem Segel zu nehmen. Um es deutlich zu sagen: Wer „Invictus“ in Erwartung einer Biographie beizuwohnen betrachtet, wird unvermeidlich ein Opfer seiner eigenen Prämisse werden.
1990 wird Nelson Mandela (Morgan Freeman) aus seiner jahrzehntelanger Haft entlassen und gewinnt vier Jahre später nach dem Ende der Apartheid als erster Farbiger die Präsidentschaftswahlen Südafrikas. In der Folge muss es Mandela nicht nur darum gehen, sein Land wirtschaftlich wieder auf die Beine zu bringen, sondern auch die tiefen und hasserfüllten Gräben zwischen der weißen Minderheit und der schwarzen Mehrheit des Landes, die von den ehemaligen Kolonialherren stets unterdrückt worden sind, zu beseitigen. Mandela erkennt schnell, dass ein erster Schritt zur gegenseitigen Versöhnung die 1995 im eigenen Land stattfindende Weltmeisterschaft im Rugby sein kann, nur gibt es diesbezüglich zwei nicht unwesentliche Probleme. Zum einen ist Rugby als Inbegriff des weißen Sports bei der farbigen Minderheit Südafrikas ebenso verhasst, wie das grün-goldene Trikot der sogenannten Springboks, das als Symbol für die Apartheid steht. Zum anderen gehört die Nationalmannschaft Südafrikas, in der bis auf eine Ausnahme nur Weiße spielen, nicht gerade zu den Favoriten. Spätestens im Viertelfinale, so die Prognose der Experten, soll für die Springboks Endstation sein. Für Mandela, der seine politische Reputation dafür aufs Spiel gesetzt hat, dass die Springsboks ihre Farben und Traditionen beibehalten durften, ist dies nicht genug, und so lädt er den Kapitän des Teams zu sich zum Tee ein. Sein Auftrag an Francois Pienaar (Matt Damon): Die Weltmeistertitel für Südafrika, als integrierendes Symbol des Neuanfangs ins eigene Land zu holen.
Clint Eastwood wird am 31. Mai achtzig Jahre alt werden und der Kinoveteran ist immer noch nicht müde. Zehn Filme hat der Mann, der einst als Dirty Harry berühmt wurde, in den letzten zehn Jahren gedreht. Darunter solche Meisterwerke wie „Million Dollar Baby“ oder „Letters from Iwo Jima“, um nur mal zwei Filme zu nennen. Eines der Themen, das sich wie ein roter Faden durch das Oeuvre von Eastwood zieht, ist Rache. So zu sehen natürlich in seiner Rolle des Callahan, aber auch vor allem in seinen Werken als Regisseur: „Erbarmungslos“, „Mystic River“, aber auch sein letzter Film, „Gran Torino“, sprechen in dieser Hinsicht eine deutliche Sprache. Gerade jener letzte Film hat diesbezüglich jedoch gezeigt, dass sich die filmische Sicht von Eastwood auf die Dinge in den letzten Jahren gewandelt hat. Verkommt die Rache seines Helden in „Gran Torino“ bereits zu einer ironisierenden Metapher, die nicht mehr zum Ziel führt, ist es nun in „Invictus“ endgültig Zeit, dieser üblen Emotion abzuschwören. „Invictus“, dieser vordergründige Sportfilm nach einer wahren Begebenheit, fügt sich somit geradliniger in das Gesamtwerk Eastwoods ein, als dies auf den ersten Blick vielleicht ersichtlich ist. Welches größere Symbol als Nelson Mandela könnte es in diesem Zusammenhang geben, der dreißig Jahren von den weißen ehemaligen Kolonialherren eingekerkert wurde, um anschließend, ungeachtet seiner eigenen schmerzvollen Biographie, den schwierigen Weg auf sich zu nehmen, ein Land einen und als erster die Hand zur Versöhnung ausstrecken zu müssen?
Morgan Freeman spielt Nelson Mandela nicht nur, er ist es. Mimik und Körpersprache sind von eindrucksvoller Präzision. Man lehnt sich wahrlich nicht aus dem Fenster, wenn man Freeman in „Invictus“ seine beste Leistung seit Jahren attestiert. Die Tiefe, mit der Freeman seinen Mandela anlegt, zeigt sich immer wieder in kleinen Momenten, die „Invictus“ zu dem Film, machen der er geworden ist. Wenn Rugby für Mandela zunächst nur ein politisches Mittel ist, er in der Endphase des Turniers aber sogar Treffen mit ausländischen Vertretern unterbrechen lässt, um sich ergebnistechnisch auf den neusten Stand zu bringen, spürt man die geradezu kindliche Freude und Erregung über den Sport an sich, die langsam aber sicher ihre Bahnen bricht. Irgendwann wird Mandela von seiner Beraterin spöttisch gefragt, ob sein Interesse an Rugby denn nun wirklich politischer Natur sei. Und Mandela antwortet: Es ist menschlich. Wie überhaupt „Invictus“ ein weiterer sehr humanistischer Film von Eastwood ist, der nach seinem Kriegsdoppel „Flags of Our Fathers“ und “Letters from Iwo Jima“, sowie den bereits angesprochenen „Gran Torino“ ein weiteres Mal den Ausgleich zwischen den Kulturen beschwört.
Clint Eastwood setzt dies in seinem gewohnt ökonomischen und pointierten Regiestil immer wieder gekonnt in Szene. Zur Mitte des Films lässt er die Springboks in die ärmlichen Townships von Johannesburg fahren und mit den dortigen Kindern trainieren. Um Fritz Langs Credo aus „Metropolis“ zu variieren: Hier wird der Sport Mittler zwischen Gehirn und Hand. Und tatsächlich: Über das Rugby, über den sensationellen Erfolg der Mannschaft, wird ein erster Schritt getan, um zusammenwachsen zu lassen, was bislang nicht zusammen gehörte. Die Menschen im Stadion, die leergefegten Straßen, der farbige Junge auf dem Polizeiauto der weißen Polizisten. Natürlich, in gewisser Weise ist das Bild, das Eastwood in „Invictus“ anbietet, naiv und bei näherer Betrachtung leicht zu desavouieren. Dieses eine Finale in Südafrika, dieser eine Sieg, hat die Probleme des Landes nicht gelöst, hat nicht die Arbeitslosigkeit beseitigt und hat dem Rassismus unter Garantie keinen endgültigen Riegel vorgeschoben. Doch um einen analytischen Blick auf die Entwicklung Südafrikas unter Mandela geht es Clint Eastwood nicht. Und so ist es legitim, wenn die Apartheid nur am Rande thematisiert wird, wenn Mandela nur in einem sehr isolierten Ausschnitt seines Lebens gezeigt wird. Wenn man also so will, könnte man zu dem Schluss kommen, dass „Invictus“ ein den Zuschauer manipulierendes Feel-Good-Movie ist. Und auch wenn man es sich mit dieser Einschätzung ein wenig einfach machen würde, im Grunde trifft dies durchaus zu. Wer bereit ist, sich auf den Film einzulassen, wird ähnlich berauscht werden, wie die abertausend Menschen im Stadion von Johannesburg.
„Invictus“ mag nun nicht perfekt sein, gerade gegen Ende verfällt Eastwood in einen für ihn untypischen, weil überdeutlichen Symbolismus, der so nicht unbedingt nötig gewesen wäre. Spätestens aber, wenn er den Sport auf dem Rasen einfängt - welch großartige Kameraarbeit von Tom Stern -, zeigt sich wieder seine gewohnte Präzision. Und so gehört „Invictus“ in gewisser Weise auch dem Rugby. Diesem beinharten Sport, von dem im Film einmal gesagt wird, dass er ein Sport für Proleten sei, der von Gentlemen gespielt wird, während Fußball ein Spiel für Gentlemen sei, das von Proleten gespielt wird. Matt Damon, neben Freeman der zweite Star des Films, gelingt in diesem Zusammenhang eine glaubhafte Verkörperung von Francois Pienaar. Jenem Mann der als Angehöriger der weißen Oberschicht aufgewachsen ist, und nun von Mandela dazu auserkoren wurde, als Symbol für eine ganze Nation zu fungieren. Clint Eastwood hat sich für seinen Film, der von nun an zu den besten Sport-Filmen, auf Grund seiner ambivalenten Natur per se ein kompliziertes Genre, überhaupt gezählt werden muss, weil er - auch wenn der Film nicht sämtliche Konventionen dieses Genres umschiffen kann - geschickt die Wechselwirkung zwischen dem Sport und dessen konstituierender Wirkung im Sinne eines zusammenführenden Gemeinschaftserlebnis thematisiert, bei dem gleichnamigen Gedicht des englischen Dichters William Ernest Henley inspirieren lassen: „I am the master of my fate: I am the captain of my soul.“ Ich finde, dass dies eine sehr schöne Metapher für diesen Film ist, trifft sie doch für Nelson Mandela ebenso zu, wie für jene Mannschaft, die am 24. Juni 1995 im Endspiel der Rugby-Weltmeisterschaft die hochfavorisierten Neuseeländer besiegt hat. Invictus: Unbezwungen. - Fazit: 8 von 10 Punkten.
Quellennachweis: Abbildungen aus "Invictus". © 2010 Warner Bros.






2 Kommentare:
Hierzulande bot sich bisher leider nur die italienische Synchronisation an, deshalb habe ich noch einen Moment gewartet. Als Eastwood-Fan möchte ich "Invictus" aber unbedingt noch im Lichtspielhaus anschauen.
Deine Besprechung bestätigt meine Erwartungen an den Streifen, nur auf die "ungewohnte und unnötige Symbolik am Ende" bin ich jetzt so richtig gespannt
Bin ich mal gespannt, ob dir das auffällt, bzw. du das ebenso siehst. Ich hab mir bei den Szenen gedacht: Ach Clint, das hätte jetzt aber nicht sein müssen. Aber einen Moment später hatte er mich schon wieder. :)
Kommentar veröffentlichen
In den Kommentaren können die folgenden HTML-Tags benutzt werden:
kursiv = <i>Testwort</i>
fett = <b>Testwort</b>
Links = <a href="http://www.deineURL.de/">Link Text</a>