Rezension: "A Serious Man"












Wenn die Coens in bester „Constant Sorrow“-Manier zum Ausflug in religiös-mythologische Gefilde laden, dann wird das in der Regel ein ziemlich amüsanter Abstecher in die Walachei. So geschehen im Zuge von „O Brother Where Art Thou?“, in dem sich die beiden Brüder vor allem von Homers Odyssee inspirieren ließen und diese nach Mississippi verlegten. Nun sind sie also wieder da, jüngst mit „A Serious Man“ in zwei Kategorien (darunter „Bester Film“) für den Oscar nominiert und man durfte gespannt sein, ob nach der relativen Enttäuschung von „Burn after Reading“ wieder ein Aufwärtstrend zu erkennen ist. Für diese Aufgabe haben sich Joel und Ethan ein Heimspiel ausgesucht und wenden sich einer jüdischen Gemeinde in den USA der späten Sechziger Jahre zu. Eine Siedlung, die der Gemeinde, in der die Coens ihre Kindheit verbracht haben, recht ähnlich ist, ohne dass sich daraus automatisch ein autobiographischer Anspruch ableiten soll. So weit die Coens selbst im Interview mit dem Spiegel zu den Entstehungsbedingungen von „A Serious Man“, der sich letztendlich als interessanter, aber auch – allein schon auf begrifflicher Ebene – als reichlich hermetische Angelegenheit erweist.


Eigentlich führt Larry Gopniks (Michael Stuhlbarg) ein ganz beschauliches Leben. Seiner Tätigkeit als Professor für Physik geht er mit Leidenschaft und Freude nach. Und wenn er abends nach Hause in sein eigenes Heim kommt, dann erwarten ihn Frau und Kinder mit dem Abendessen. Doch eines Tages beginnt seine heimelige Idylle ganz unvermittelt zu bröckeln, bevor sie langsam aber sicher wie ein Kartenhaus über ihm zusammen stürzt. Zunächst muss er sich den Bestechungsversuchen eines durch die Prüfung gerasselten Studenten erwehren, und dann eröffnet ihn seine Ehefrau Judith (Sari Lennick) abends auch noch, dass sie sich in den verwitweten Nachbarn Sy Ableman (Fred Melamed) verguckt hat, und deshalb so schnell wie möglich die Scheidung will. Dass Larrys Bruder Arthur (Richard Kind) in diesen Tagen auf Grund persönlicher Probleme mit der Familie unter einem Dach wohnt, macht die Sache ebenso wenig besser, wie Larrys kiffender Sohn Danny (Aaron Wolff) oder die aus der Geldbörse ihres Vaters stehlende Tochter. Bereits aus seinen eigenen vier Wänden vertrieben, wird es nun noch schlimmer als Larry erfährt, dass bei der Berufungskommission, die über seine Festanstellung zu entscheiden hat, verleumderische Briefe eintrudeln, die ihn in Misskredit bringen. Kaum hat er dies verdaut, wartet schon die nächste Hiobsbotschaft auf den armen Kerl als sein Nebenbuhler Sy tödlich verunglückt und Larry nun auch noch die Beerdigung des schmierigen Nachbarn bezahlen soll. In seiner persönlichen Not wendet er sich an die Rabbis der Gemeinde; doch die vermögen Larry Gopniks auch nicht aus seiner Sinnkrise zu erlösen.


Bedienten sich die Coens einst bei Homer, so ist es in diesem Fall völlig offensichtlich das Buch Hiob. Das Buch also, das von dem Mann erzählt, der einst von Gott zahlreichen Prüfungen unterzogen worden ist, um seine Glaubensfestigkeit unter Beweis zu stellen. Und auch unser Freund Larry fragt sich immer häufiger womit er, der doch in seinem Leben stets korrekt gehandelt hat, diese ganzen Schicksalsschläge eigentlich verdient hat. Eine Antwort auf diese Frage erhält er freilich nicht, aber im Grunde ist Larry die Erkenntnis auch gar nicht sonderlich wichtig. Er will nur sein eigenes Leben zurück, das doch noch vor wenigen Tagen so beschaulich vor sich hin plätscherte. Aus dieser Ausgangssituation gelingt es den Brüdern (endlich wieder) eine intelligente und äußerst amüsante Parabel zu stricken, die das ganz typische Coensche Geschmäckle besitzt. Gerade der eigentümlich wirkende Prolog von „A Serious Man“, eine auf den Punkt gelungene Allegorie auf den Film an sich, erweist sich als Volltreffer. Als richtige Entscheidung erweist sich auch der Entschluss der Brüder die Rollen diesmal nicht aus dem Pool ihrer etablierten Darsteller besetzt zu haben. In „A Serious Man“ spielen fast ausschließlich unbekannte Gesichter, die man noch nicht so oft auf der Leinwand gesehen hat. Gerade Michael Stuhlbarg erweist sich in diesem Zusammenhang als echter Glücksgriff für den Film, trägt doch gerade seine lakonische Mimik entschieden dazu bei, den von den Coens in den dem Film implementierten Humor noch zusätzlich zu akzentuieren. Selbiges gilt für Fred Melamed, den man in der Rolle von Sy gerne häufiger auf der Leinwand gesehen hätte.


Vor allem aber spürt man in Bezug auf diesen neuesten Film der ohne Zweifel talentierten Regisseure und Drehbuchautoren, und das ist durchaus neu, dass sie mit „A Serious Man“ - Autobiographie hin oder her – einen sehr persönlichen Film abgeliefert haben, der den Blick auf einen kleinen kulturellen Mikrokosmos der USA in den Sechziger Jahren preisgibt. Allein deswegen grenzt sich der Film gerade auch von den letzten Beiträgen der Coens ab, auch wenn er nicht die gleiche Sogkraft zu entfesseln vermag, wie vor allem der mit vier Oscars ausgezeichnete „No Country for old Men“. Um es auf den Punkt zu bringen: Mit „A Serious Man“ machen die beiden Brüder wieder das richtig, was sie in ihrem letzten Film so schmerzlich vermissen ließen. „A Serious Man“ hingegen bleibt, was den Wortwitz und die zahlreichen wohl platzierten Spitzen angeht, auf gleichbleibend hohem Niveau. Vielleicht hätte Larry Gopniks in seinem Leben einfach nicht so ernst sein sollen. Seine Schöpfer haben es ja durchaus versucht, aber noch nicht einmal mit seiner Mrs. Robinson die da nackt und mit Joint und Eistee bewaffnet im Garten liegt und die nur auf Larry zu warten scheint, kann der Kerl etwas anfangen. Apropos Schöpfer, da haben wir es doch: Es ist nicht Gott, der Larry prüft, sondern die Coens. Und die bleiben sich auch in „A Serious Man“ durchaus treu: Dumme Taten werden geradezu unerbittlich bestraft. - Fazit: 7 von 10 Punkten.


Quellennachweis: Abbildungen aus "A Serious Man". © 2010 Tobis


2 Kommentare:

Candide hat gesagt…

Als richtige Entscheidung erweist sich auch der Entschluss der Brüder die Rollen diesmal nicht aus dem Pool ihrer etablierten Darsteller besetzt zu haben. In „A Serious Man“ spielen fast ausschließlich unbekannte Gesichter, die man noch nicht so oft auf der Leinwand gesehen hat.

Die Intention der Coens war es übrigens ausschließlich gläubige, jüdische Schauspieler zu engagieren, weniger also "unbekannte Gesichter" zu wählen.

Vor allem aber spürt man in Bezug auf diesen neuesten Film der ohne Zweifel talentierten Regisseure und Drehbuchautoren, und das ist durchaus neu, dass sie mit „A Serious Man“ - Autobiographie hin oder her – einen sehr persönlichen Film abgeliefert haben, der den Blick auf einen kleinen kulturellen Mikrokosmos der USA in den Sechziger Jahren preisgibt.

Würde ich so nicht sagen, schließlich sind alle Filme sehr persönlich wobei "Fargo" hier mit Sicherheit als Paradebeispiel fungiert.

Ansonsten gebe ich Dir Recht. Auch ich war von "Burn After Reading" nicht so begeistert, bei "A Serious Man" trafen die Brüder schon eher meinen Geschmack.

Flo Lieb hat gesagt…

Wertungstechnisch würde ich d'accord gehen, aber eigentlich ohne wirkliche Begründung. Der Film ist ganz okay, aber irgendwie kann ich nicht sagen wieso. Fand sowohl Sy als auch Arthur zwei total nutzlose Figuren, die es nicht gebraucht hätte. Ganz speziell Arthur. Zudem schien mir der Film relativ unkoordiniert, was man daran merkt, das aus unerfindlichen Gründen die zweitwichtigste Handlung die des Sohnes ist, der seine $20 zurückbrauch. Was sich vielleicht - laut IMDb - dadurch erklärt, dass das die erste Idee war und der Rest mit Larry dann erst folgte. Generell würde ich aber nicht sagen, dass hier besser gemacht wurde, was in BAR misslang. Die Filme nehmen sich nicht viel, nur ist der Ton, den ASM einschlägt, meiner Ansicht nach gefälliger. An Filme wie FARGO, BARTON FINK, LEBOWSKI oder selbst HUDSUCKER und TMWWT kommen die Werke der Coens aber schon seit einem Jahrzehnt nicht mehr heran (leider).

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