Rezension: "Sherlock Holmes"












Ob sich Sir Arthur Conan Doyle jemals hätte träumen lassen, welche Karriere seine berühmteste literarische Figur machen würde? Ich denke schon. Würde man ihn Heute fragen können, man könnte ziemlich sicher sein, dass er nicht allzu überrascht von dem anhaltenden Erfolg seiner Figur wäre. Denn schon zu Lebzeiten Doyles führte dessen Entscheidung, Holmes sterben zu lassen, zu großem Unmut bei der immer weiter anwachsenden Leserschaft. Und so ließ Doyle seinen Helden von den Toten auferstehen und revidierte somit auf literarische Art und Weise das Ableben von Holmes. Müßig zu erwähnen, dass die Abenteuer um Sherlock Holmes und seinen getreuen Freund und Helfer Dr. Watson geradezu prädestiniert dafür sind, um auch auf Zelluloid erzählt zu werden. Die wohl berühmteste Filmreihe um den britischen Meisterdetektiv, ob nun Vorlagengetreu oder nicht, stellt wohl der in den späten dreißiger und frühen vierziger Jahren entstandene britische Zyklus um Basil Rathbone dar, der das öffentliche Bild des Meisterdetektivs unbestritten geprägt hat. Und nun kommt also Guy Ritchie daher gelaufen und versucht sich an einer modernen Adaption der berühmten Kriminalgeschichten. Daran ist zunächst einmal noch nichts auszusetzen, zumal Ritchie vor allem mit seinen ersten beiden Filmen „Lock, Stock and Two Smoking Barrels“ und „Snatch“ bewiesen hat, dass er kultig angehauchte Crime-Action zu inszenieren vermag. Danach ging es aber mit seinen Filmen stetig bergab und auch wenn ihm mit „Rock N Rolla“ eine nette Rückkehr zu seinen Wurzeln gelang, musste man im Vorfeld zu Recht skeptisch sein, ob die Liaison zwischen Ritchie und Holmes funktionieren kann. Das Publikum in den USA hat diese Frage mittlerweile mit einem klaren „ja“ beantwortet, und bescherte dem Briten sein bestes Einspielergebnis in den USA überhaupt.


Wir befinden uns im London des 19. Jahrhunderts, das von einer ganzen Reihe von Morden heimgesucht wird. Zum Glück lebt in der Metropole an der Themse auch Englands berühmtester Detektiv, und so gelingt es Sherlock Holmes (Robert Downey Jr.) und seinem getreuen Kompanion Dr. Watson (Jude Law) einen weiteren Mord in letzter Sekunde zu verhindern und den Täter Lord Blackwood (Mark Strong) dingfest zu machen. Dieser baumelt schon bald am Galgen, nicht ohne Holmes vorher dezent darauf hinzuweisen, dass die Geschichte an diesem Punkt noch lange nicht ausgestanden ist. Und tatsächlich: Schon wenige Tage nach der vermeintlich erfolgreichen Hinrichtung des Schurken kursieren Gerüchte in der Stadt, dass Blackwood von den Toten auferstanden sei. Und damit nicht genug: Es sterben weiterhin Menschen, teils wichtige Persönlichkeiten der englischen Politik. Schnell ist Holmes klar, dass er es hier mit einer groß angelegten Verschwörung zu tun haben muss, die bis in die vornehmen Häuser der britischen Oberschicht reicht. Als sich dann noch Irene Adler (Rachel McAdams), eine alte Liebschaft von Holmes, in das undurchsichtige Spiel einklinkt, steckt Holmes endgültig in einem Dilemma zwischen Ratio und Emotion, das von den Heiratsabsichten seines besten Freundes Watson noch zusätzlich verstärkt wird.


Sherlock Holmes“ ist in der 2010er-Fassung zunächst einmal ein waschechter Guy Ritchie-Film, was man ab der ersten Minute auch spürt. Sonderlich intellektuelles Kino braucht also nun wirklich niemand zu erwarten. Ritchie liefert vielmehr bewährte Genre-Kost und lässt den scharfen Intellekt seines Helden zu einer teilweise ziemlich plumpen Hau-Drauf-Anleitung verkommen, wie denn der nächste Bösewicht am besten vermöbelt werden kann. Und weil der Sherlock von Heute nicht nur theoretisch ein Genie ist, sondern auch praktisch einiges auf dem Kasten hat, gibt’s dann gleich mal eine auf die Nuss: Bare-knuckle Fight Reloaded: Guy Ritchie ist sich nicht zu schade, sich selbst zu zitieren; im direkten Vergleich zwischen „Golden Brown“ und „Rocky Road to Dublin“ gibt es dann übrigens keinen klaren Gewinner. „Sherlock Holmes“ ist also ein harmloser Jungs-Film, der auch den Ladys gefallen wird. Der aber auch auf Grund seines klaren Bekenntnisses zum Mainstream nur selten von wirklich packender Natur ist. Der Meisterdetektiv Sherlock Holmes ist ein Actionstar geworden: Er springt kopfüber in die Themse, balanciert auf der halb fertig gestellten Tower-Bridge und liefert sich sich eine Schlägerei nach der Anderen. Im Grunde wäre dies ja alles gar nicht weiter wild, wäre es Ritchie zumindest gelungen, seine zahlreichen Actionszenen mit einer funktionierenden Geschichte zu verbinden. Diese aber hangelt sich mehr schlecht als recht durch den Film, und will mit ihren zahlreichen und überkonstruiert wirkenden Verflechtungen nur selten überzeugen.


Als frappierend erweist sich die Einfallslosigkeit der ganzen Angelegenheit auch an anderer Stelle. Man kann sich des Eindrucks nicht erwehren, dass sich Ritchie für seinen Holmes bei einer berühmten TV-Figur bedient hat, die sich wiederum ihrerseits von Conan Doyles berühmten Detektiv hat inspirieren lassen. Es ist kein Geheimnis, dass Sherlock Holmes Vorbild für den kratzbürstigen und misanthropischen Dr. House (Hugh Laurie) gewesen ist, der mit Sarkasmus und Dreitagebart seine Patienten auf geniale Art und Weise diagnostiziert und seine Mitarbeiter genauso gerne quält. Und nun also präsentiert Ritchie seinen Holmes als kratzbürstigen Zyniker mit Dreitragebart, dessen Sprüche oftmals verletzender Natur sind, und seinen besten Freund Dr. Wilson - Verzeihung: Dr. Watson - damit immer wieder zur Weißglut bringt. Ähnlichkeiten zum ständig schlecht gelaunten Doktor sind also keineswegs zufällig und wahrscheinlich durchaus gewollt. Immerhin aber ist diese Rolle Robert Downey Jr. auf den Leib geschrieben. Der in den letzten Jahren überaus gefragte Schauspieler mag zwar kein Holmes klassischer Prägung sein, vielmehr sieht er mit Schlapphut und Sonnenbrille wie ein ständig zugedröhnter Rockstar aus, doch in diesen Ritchie-Film passt er wie die Faust aufs Auge. Ob man Downey Jr. dafür gleich mit dem Golden Globe auszeichnen muss, sei einmal dahingestellt, nichts desto trotz bleibt zu bemerken, dass er und Jude Law nicht nur den Fall lösen, sondern auch den Film retten.


Wenn die vorherigen Worte nämlich auch sehr kritisch klingen, qualifiziert sich „Sherlock Holmes“ durchaus als kleiner Spaß für zwischendurch, der eher visuell, denn narrativ punktet. Gerade die Bilder des viktorianischen London wissen ein ums andere Mal zu gfallen, wie auch Rachel McAdams ganz adrett aussieht, selbst wenn ihre Rolle nicht sonderlich viel hergibt. Man muss also keinesfalls so ein begnadeter Analytiker wie Sherlock Holmes sein, um zu dem Ergebnis zu kommen, dass Guy Ritchie mit seinem neuesten Film erneut kein großer Wurf gelungen ist. In der Summe geht der Film aber in Ordnung. Außerdem: Auch wenn das arg auf Sequel getrimmte Ende des Films ein wenig störend erscheint, ist mit der Einführung des einen und ultimativen Gegenspielers von Sherlock Holmes, nämlich Professor Moriarty, das Versprechen gegeben, dass sich ein zweites Holmes-Abenteuer mit Downey Jr. weiter steigern kann. Ein wenig mehr Sorgfalt auf die Geschichte und etwas weniger Konzentration auf die harte Rechte von Holmes wäre dann aber schon angebracht. - Fazit: 6 von 10 Punkten.


PS: Wer sich Übrigens mal an dem „echten“ Sherlock Holmes versuchen möchte, aber zu faul zum Lesen ist, der kann sich HIER einige von Doyles Geschichten rund um den berühmten Detektiv als Hörbuch kostenlos runterladen. Darunter auch mit „Das letzte Problem“ das Abenteuer, das Holmes (vorläufig) in die ewigen Jagdgründe befördert.


Quellennachweis: Abbildungen aus "Sherlock Holmes". © 2010 Warner Bros.


5 Kommentare:

Candide hat gesagt…

Kann ich im Großen und Ganzen so unterschreiben.
Nettes Kino für Zwischendurch, wenn man Ritchies Erstlinge aber kennt und schätzt ist sein Holmes leider etwas enttäuschend...

xander81 hat gesagt…

Jo, seh ich auch so. Punktzahl passt auch, was soll man da schon mehr sagen...

luzifus hat gesagt…

Ich kann dir auch größtenteils zustimmen: Mehr als gut gemachte Unterhaltung will der Film nicht sein - und das ist er zweifelsohne. Aber das Cliffhanger-Ende für den zweiten Teil fand ich dann auch schon wieder etwas zu plump.

C.H. hat gesagt…

So viel Konsens zu meinen Worten. Das ist ja kaum zu ertragen... ;-)

donpozuelo hat gesagt…

Und ich hab den Film immer noch nicht gesehen - dabei wollte ich immer unbedingt. Aber je mehr ich darüber lese, frage ich mich doch, ob ich nicht einfach die Leih-DVD abwarte, um mir zu viel Geld-Ausgeben zu ersparen.

Ich find's nur gut, dass ich meine Gedanken zu dem FIlm (die nur auf dem Trailer beruhen) hier wiederfinde :)

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