

Man ist ja ziemlich schnell dabei, Jason Reitmans „Up in the Air“ in den Kontext der aktuellen Wirtschaftskrise, die die Welt – allen voran die USA – schwer getroffen hat, zu verorten. Und es ist auch nicht von der Hand zu weisen, dass die letztendliche Gestalt, die der Film angenommen hat, von der Rezession beeinflusst worden ist. Die Leute, die in „Up in the Air“ gefeuert werden, beziehungsweise passender ausgedrückt: wegrationalisiert werden, sind von Personen verkörpert worden, die auch in Wirklichkeit ihre Jobs verloren haben. Man mag dies als eine kitschig anmutende Manipulation des Zuschauers bewerten, doch verfehlt die Maßnahme ihre Wirkung nicht: Die Reaktionen der Geschassten wirken authentisch, eben weil sie von Leuten kommen, die diese existentielle Grenzerfahrung bereits durchleiden mussten. Jason Reitman erweist sich nun als lernfähiger Regisseur, der sich stets gesteigert hat und in seinem erst dritten Film bereits ziemlich weit oben angekommen ist. Nach der über weite Strecken gelungenen bissigen Satire auf die Tabaklobby („Thank You for Smoking“) und dem im Grunde sehr guten „Juno“, nun also „Up in the Air“, an dem Reitman mit Unterbrechungen bereits seit 2002 gearbeitet hat. Basierend auf der Romanvorlage von Walter Kirn, präsentiert sich der fertige Film als heißer Kandidat für die kommende Oscarverleihung, gerade auch was seinen Hauptdarsteller angeht.
Ryan Bingham (George Clooney) fühlt sich an dem Ort heimisch, wo die meisten anderen Menschen keine Sekunde länger als unbedingt nötig verbringen wollen. Die Flughäfen dieser Welt sind sein zu Hause: Die Schalter, die Flughafenlounges, die Hotelzimmer wo er gut 300 Tage im Jahr absteigt. Wer Ryan einmal auf dem Weg von seinem Hotelzimmer bis hin zu seinem Flugzeug beobachtet hat, weiß um die Perfektion seiner automatisierten Handgriffe: Von der Sicherheitsschleuse bis zum Verlassen des Flugzeugs sitzt jede Bewegung. Das geregelte Leben zwischen portionierter Seife und Vielfliegermeilen verleiht dem Mann, dessen größter Traum es ist als erst siebter Mensch überhaupt zehn Millionen Bonusmeilen zu erfliegen, das Gefühl innerer Zufriedenheit. Ein gutes Gefühl, das sich noch verstärkt, als er eines Abends in einer Bar auf Alex (Vera Farmiga), die wie er ständig über den Wolken unterwegs ist, trifft. Nachdem sich beide mit ihren zahlreichen Bonuskarten gegenseitig angeturnt haben, landen sie flugs in der Kiste, bevor sich – nicht ohne die Terminkalender zu synchronisieren - wieder auf den Weg zu ihren nächsten Aufträgen machen. Ryan Binghams Job: Leuten überall in der Welt mitzuteilen dass sie ihren Job verlieren. Sein Unternehmen, das er vertritt, springt für all die feigen Bosse ein, die sich nicht dazu in der Lage sehen, ihre Mitarbeiter selbst vor die Tür zu setzten. Und so sitzt Bingham Tag für Tag in einem anderen Betrieb vor verzweifelten Menschen und versucht diese mit gewandter Zunge davon zu überzeugen, dass ihr Rausschmiss keine Katastrophe, sondern viel mehr eine große Chance sei. Bingham ist gut in dem was er tut, sehr gut sogar, und er weiß dies auch. Umso größer sein Ärger, als sein Job auf Betreiben der forschen Newcomerin Natalie Keener (Anna Kendrick) zu einem Bürojob wegrationalisiert werden soll: Feuern per Videoanruf.
Wie auch schon in „Thank You for Smoking“ nimmt sich Jason Reitman des sympathischen Arschlochs an; eine Rolle die George Clooney auf den Leib geschrieben ist. Hollywoods Charmeur gelingt in der Rolle des eloquenten Fieslings mit den freundlichen Augen eine eindrucksvolle Leistung. Wie er seine „Kunden“ abserviert, ohne dass diese wirklich merken, wie ihnen eigentlich mitgespielt wird, ist ganz großes Kino. Wenn „Up in the Air“ nun nicht in Gänze perfekt ist, dann liegt das auch an den Gesetzmäßigkeiten Hollywoods, die den Antihelden der Geschichte zwangsläufig in eine tiefe persönliche Krise führen müssen. Im Fall von Ryan Bingham ist dies natürlich die von Vera Farmiga exquisit verkörperte Alex. Zwischen all den Suiten und Lounges merkt Ryan dann doch ziemlich schnell, dass er von Alex mehr möchte, als das von ihr ihm gegenüber lancierte: „Ich bin die perfekte Frau, um die du dir keine Gedanken machen musst. Ich bin wie du, nur mit Vagina.“. Die Phasen in der Reitman den Film und seinen Helden in die Freuden des Familienlebens einzuführen versucht, erweisen sich dann folgerichtig als die schwächsten im Film. Dieser ist immer dann am stärksten, wenn er in den kalten Hallen der Flughäfen oder in den Büros der unglücklichen zukünftigen Arbeitssuchenden spielt. Glücklicherweise kratzt der Flieger dann doch noch die Kurve, und verfliegt sich nicht im Irrgarten der Gefühlsduselei. Auch am Ende wird Bingham erneut das Flugzeug besteigen, wenn auch mit einem bitteren Beigeschmack.
Weitaus gelungener ist da der Gegensatz zwischen Bingham und seiner ungeliebten jungen Kollegin, die er aus Übungszwecken mit auf seine Tour nehmen muss. „Up in the Air“ erweist sich gerade in diesen Szenen als überaus intelligent konstruierte Komödie, dessen schlichte Eleganz nicht von ungefähr an die großen Glanzzeiten der Screwballkomödien erinnert. In seinen besten Momenten ist Reitmans Film aber auch unfassbar böse und zynisch. Gerade deshalb gelingt es Reitman der aktuellen Gesellschaft ein Stück weit den Spiegel vorzuhalten. Denn so ein wenig sind wir in unserer Rastlosigkeit und Streben nach Effizienz um dem System zu genügen alle wie Ryan Bingham. Kapitalismuskritik über den Wolken, wo sich die große Freiheit dann doch als eine arg begrenzte Angelegenheit erweist. Am Ende von „Up in the Air“ hat zumindest bei Natalie eine kathartische Wirkung eingesetzt, doch Binghams Rucksack bleibt leer. Man lehnt sich am Schluss mitnichten wohlig in den Kinosessel zurück, wohl aber ist man auf hohem Niveau unterhalten worden. Jason Reitman ist mit „Up in the Air“ einer der seltenen Filme gelungen, die den Spagat zwischen Komödie und Tragödie geschafft haben. Es bleibt zu hoffen, dass „Up in the Air“ den einen oder anderen Oscar mit nach Hause nehmen darf. Verdient wäre es ohne jeden Zweifel. - Fazit: 9 von 10 Punkten.
Quellennachweis: Abbildungen aus "Up in the Air". © 2010 Paramount






10 Kommentare:
Nein!
Richtig, dem Film wäre jede Auszeichnung gegönnt, die zu bekommen ist, allerdings wird er wohl letztlich eines der "Opfer" des Avatar-Hypes werden und der Überfälligkeit wegen wird wohl auch Clooney gegen Jeff Bridges den Kürzeren ziehen.
Da magst du (leider) Recht haben...
Das Ende hat mich überrascht. Nicht ganz so Hollywoodmäßig, ist aber auch typisch Reitman. Ich denke es gibt den Oscar fürs beste Drehbuch ansonsten sieht es ziemlich blau aus.
Ich stimme dann mal Flo zu, auch wenn ich den Film einen Tick positiver sehe als er. Wenn Bingham tatsächlich ein Fiesling wäre, hätte mir der Film vielleicht besser gefallen. Aber weder diese Charakterisierung kann ich nachvollziehen, noch die "bösen und zynischen" Momente, die du zu erkennen glaubst. Im Vergleich zu Thank You For Smoking ist dass gar nichts und selbst der hätte wesentlich bissiger sein können. Der Reitman hat einfach zu viel Angst, sein Publikum zu vergraulen.
Also ich finde ja, dass dies mit Abstand Reitmans bester Film ist. In "Juno" ging mir diese neunmalkluge Göre ziemlich schnell auf den Senkel, und "TyfS" vermasselt es auf Grund der Vater-Sohn-Story in der Tat ziemlich schnell mit der Satire. Und wenn Bingham die Leute da mit seinen wohlfeinen Argumenten eiskalt abserviert, finde ich das schon ziemlich zynisch. ;-)
"Juno" hab ich noch gar nicht gesehen. Diese "quirky" Indiekomödien hab ich über. Mein Problem mit der Bingham-Figur ist, dass er trotz seines Jobs auf Sympathiefigur getrimmt wird. Deswegen ist seine Tätigkeit im Vergleich zur Entlassung via Videokonferenz noch "sanft". Der Film tendiert dazu, ihn als Leidenden zu stilisieren, was sich beispielsweise auch darin äußert, dass er unverdient Ziel der Wut völlig fremder Menschen wird. Er ist der Puffer zwischen den verantwortlichen Bossen und den Arbeitnehmern. Durch diesen "Leidensfaktor" gehen IMO satirische, wirklich böse Spitzen verloren. Bingham ist ja eigentlich ein netter Kerl und so. ;)
Schöne Kritik.
Und zu der Figur des Ryan Bingham habe ich in meinem Blog mal einen kleinen Beitrag geschrieben. Vielleicht gefällt er ja.
-Spoiler Comment-
Auch ich finde den Film klasse, aber auch mich lässt das Ende etwas ratlos zurück. Einerseits folgt er den Hollywoodgesetzen ein Stückweit, verletzt sie ja dann mit dem Ende aber wieder. Verstößt z.B. gegen das Gesetz der Heldenreise, es wird nicht ganz klar in wieweit sich Ryan geändert hat/haben soll. Sicher er hat gelernt, dass Familie wichtig ist, man anderen Menschen auch helfen kann und ist zeitweise von seiner empty Bag philosophie weggekommen, die sich aber doch eigentlich durch den Reinfall mit Alex dann ja doch irgendwo wieder bewahrheitet. Am Ende steigt er wieder ins Flugzeug und macht den selben Job wie zuvor. Für einen Episodenfilm ist dann aber doch zuviel passiert...
Am Ende steigt er wieder ins Flugzeug und macht den selben Job wie zuvor.
Aber imho unter anderen Voraussetzungen: Zu Beginn lebt er dieses Leben, weil er es für richtig hält, am Ende lebt er es weiter, weil ihm nichts anderes mehr bleibt.
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