

Wenn auch nicht jeder Lewis Carrolls „Alice im Wunderland“ gelesen haben wird, so wird doch fast jeder mit dem einen oder anderen Charakter der fantastischen Erzählung vertraut sein, sei es nun der verrückte Hutmacher, das weiße Kaninchen, die Grinsekatze, oder die despotische Herzkönigin mit ihrer Aversion gegen weiße Rosen. Es ist somit unbestritten, dass „Alice im Wunderland“ zu den bekanntesten und beliebtesten Kinderbüchern gehört, was sich auch an der Vielzahl der Verfilmungen des Stoffes ablesen lest. Und nun also Tim Burton mit dem neusten Versuch sich Alice im Wunderland anzunehmen. Die Erwartungen, die im Vorfeld an Burton und den Film gestellt wurden, waren hoch. Immerhin hat sich Tim Burton in der Vergangenheit immer wieder als begnadeter Filmemacher mit einer Vorliebe für das Skurrile, Morbide und Komische hervorgetan. Filme wie „Edward mit den Scherenhänden“, „Batman Returns“, „Sleepy Hollow“, „Corpse Bride“ und „Sweeney Todd“ zementierten seinen Ruf als Kreateur fantastischer und expressionistischer Bilderwelten. Und wenn seine Filme einmal nicht in Bildern schwelgten, konnte man sich sicher sein, siehe „Ed Wood“, dass er sich auch darauf versteht, den Zuschauer ausschließlich mit einer berührenden Geschichte abzuholen. Was konnte da in Bezug auf „Alice im Wunderland“ noch großartig schiefgehen, schien das doch der Stoff gewesen zu sein, auf den ein Mann wie Tim Burton nur gewartet hat. Sprechende Tiere, verrückte Hutmacher, rote Rosen und eine grinsende Katze – und das auch noch in 3D. Es ist also angerichtet, doch dem Einen oder Anderem dürfte nach dem Kinobesuch das Grinsen vergangen sein.
Es mag zwar immer noch Lewis Carrolls Alice im Wunderland sein, das Tim Burton da auf Zelluloid gebannt hat, doch hat er – was die ursprüngliche Geschichte angeht – kaum einen narrativen Stein auf dem anderen gelassen. Das muss zunächst einmal kein Nachteil sein, ist es doch ein legitimer Schachzug eine nunmehr über hundert Jahre alte Geschichte modernisieren zu wollen. Und so ist die kleine Alice (Mia Wasikowska) erwachsen geworden. Die junge Frau von zwanzig Jahren, die nach dem Tod ihres Vaters kurz vor ihrer arrangierten Hochzeit mit einem reichen aber einfältigen Snob des englischen Landadels steht, hat ihre einstigen Abenteuer im Wunderland vergessen. Einzig ein immer wieder kehrender und sie quälender Traum erinnert im Unterbewusstsein daran, dass da einmal etwas gewesen ist. Und nun steht sie also inmitten der versammelten Schar von Gästen vor ihrem Ehemann in Spe, der ihr gerade den von ihr befürchteten Antrag gemacht hat, als urplötzlich ein weißes Kaninchen in Weste auftaucht, das ungeduldig auf seine Taschenuhr schaut, bevor es sich von dannen macht. Ohne zu wissen, dass sie dem Kaninchen vor 13 Jahren schon einmal in die Tiefen des Kaninchenbaus gefolgt ist, rennt Alice auch diesmal hinter dem Karnickel her, plumpst erneut in den Kaninchenbau und findet sich im Wunderland wieder. Dort angekommen, wird sie von den wunderlichen Bewohnern der wundersamen Unterwelt kritisch beäugt. Ob sie wohl die richtige Alice ist? Die Alice, die die Herrschaft der despotischen Herzkönigin (Helena Bonham Carter) beenden, den üblen Drachen Jabberwocky erschlagen, und die gutherzige Weiße Königin (Anne Hathaway) wieder als Regentin einsetzen soll? Während Alice noch rummosert, das dies ihr Traum sei und ja schließlich wisse, dass sie Alice ist, wird sie zum verrückten Hutmacher (Johnny Depp) gebracht, der sich den Neuankömmling einmal genauer ansehen möchte.
Sobald Alice und damit Tim Burton den Fuß ins Wunderland setzt, weiß man wer da den Pinsel geschwungen hat. Wie so oft, wenn der gebürtige Kalifornier, Hand anlegt, kann sich seine fantastische Welt sehen lassen. In weiten Teilen überaus farbenfroh, dann jedoch wieder düster, so stellt sich Burtons Wunderland dar. Somit gilt: Wenn sich „Alice im Wunderland“ darauf konzentriert mit seiner optischen Finesse die zahlreichen kleinen, aus der Vorlage bekannten, Episoden auszustaffieren, ist der Film an Stärksten. Leider gilt das nicht für den bestimmenden roten Faden, der Burtons Film sicher durch die Spielzeit führen soll. Die Geschichte, die Linda Woolverton in ihrem Drehbuch erdacht hat, will viel zu selten funktionieren. Recht geradlinig erzählt, mangelt es „Alice im Wunderland“ an überraschenden Wendungen, an Spannungsspitzen, an denen sich der Film hochziehen kann. Gegen Ende des Films schließlich wird die Anbiederung an die fantastischen Verfilmungen der letzten Jahre („Der Herr der Ringe“, „Die Chroniken von Narnia“) nicht nur offenkundig, sondern stößt durchaus auch übel auf: Die blondelockte Amazone in der schimmernden Wehr, sprich: der wenig packend inszenierte Endkampf, deutet, an was Linda Woolverton am Ende des Films, nach Alice Rückkehr aus dem Wunderland noch einmal überdeutlich akzentuiert: Alice' Abenteuer im Wunderland als Startschuss emanzipatorischer Bestrebungen.
Am meisten leidet Tim Burtons „Alice im Wunderland“ an der emotionalen Teilnahmslosigkeit, die den gesamten Film und vor allem seine Charaktere durchzieht. An dieser Stelle bewegt sich die Filmkritik in einem Bereich, der sowohl der persönlichste, als auch der wichtigste Aspekt ist. Man muss es so deutlich sagen: In diesem Film scheitert Tim Burton da, wo er für gewöhnlich mit wehenden Fahnen reüssiert hat: Wenn Edward mit den Scherenhänden am Ende gejagt, beschimpft und verfolgt zurück in sein Schloss flüchtet, dann nimmt er das Publikum mit. Wenn Sweeney Todd von seiner Frau singt, dann nimmt er das Publikum mit. Wenn Victor mit seiner toten Braut in die Tasten haut, dann nehmen die Beiden das Publikum mit. Wenn Ed Wood trotz aller Widerstände mit naiver Begeisterung seinen Traum lebt, dann nimmt er das Publikum mit. Wenn Alice ihr Ross sattelt und in die Schlacht zieht, dann lässt sie das Publikum im Regen stehen. „Alice im Wunderland“ ringt quasi mit jeder Pore nach emotionaler Tiefe, erreicht diese aber selten bis nie. Das vermag nicht weiter zu verwundern: Es gibt kaum einen Burton Film der letzten Jahre, der so am Mainstream ausgerichtet ist, wie dieser. Ecken und Kanten sind eigentlich kaum zu finden, zu trivial erscheint diese ganze Geschichte um ein Mädchen, dass im Wunderland den Wert und die Bedeutung von Selbständigkeit lernt.
Zum Glück kann sich Tim Burton wieder einmal auf seinen Stammkomponisten Danny Elfman verlassen, dessen Partitur mal wieder exquisit ist. Dies gilt mir Abstrichen auch für die Darsteller. Helene Bonham Carter gefällt als verschroben-despotische Königin ohne Herz, dafür mit großem Kopf. Anne Hathaway agiert in ihrer Rolle als Weiße Königin ebenso bezaubernd, wie sie aussieht. Die Grinsekatze ist ohnehin der Renner. Erstaunlich blass hingegen bleibt jedoch Johnny Depp, der in seiner Rolle als Hutmacher zwar durchaus überzeugend agiert, so langsam aber sicher diesen Rollentypus, den er ja im weitesten Sinne auch schon im vorletztem Burton „Charlie und die Schokoladenfabrik“ verkörperte, abgenutzt hat. Für Mia Wasikowska gilt im Grunde das gleiche, wie für Depp: Solide, ohne jedoch zu glänzen, wobei dies in ihrem Fall auch der mangelnden Tiefe des Drehbuchs geschuldet sein dürfte, das außer Verwunderung und Selbstzweifeln nicht viel für die Actrice hergegeben hat. Wenn sich diese Besprechung nun ziemlich negativ anhört, so sei durchaus betont, dass „Alice im Wunderland“ im Grunde kein schlechter Film ist: Rein visuell ist Burtons Handschrift ebenso überdeutlich, wie überzeugend, und auch die Pointen sitzen zumeist sicher. Nichts desto trotz kommt man um die Feststellung nicht herum, dass es sich bei „Alice im Wunderland“ um den schwächsten Burton seit dem desaströsen Remake von „Der Planet der Affen“ handelt – und das ist dann doch enttäuschend. - Fazit: 7 von 10 Punkten.
3D-Check: Auch in Bezug auf „Alice im Wunderland“ wird der Zuschauer vor die Wahl gestellt, die Kinokarte entweder für die 3D- oder die 2D-Version zu lösen. „Alice im Wunderland“ stellt hier eine zweischneidige Angelegenheit dar. Rangiert der Film gerade am Anfang und am Ende, also den Szenen, die nicht im Wunderland spielen, mindestens eine Klasse unter der aktuellen Referenz „Avatar“, können sich die Effekt im Wunderland durchaus sehen lassen, und erreichen dort auch jene Räumlichkeit, die der Film zu Beginn noch vermissen lässt. Die Selbstverständlichkeit, die „Avatar“ (auf Grund des Einsatz spezieller 3D-Kameras) in der Darstellung von 3D erreicht, kann „Alice im Wunderland“ jedoch nicht bieten. Fazit: Falls das örtliche Kino den Film nur in 2D anbietet, braucht man sich nicht weiter ärgern. Wer die 3D-Möglichkeit hat, und „Alice“ ohnehin im Kino sieht, sollte die Mehrausgabe dennoch in Betracht ziehen.






11 Kommentare:
dass es sich bei „Alice im Wunderland“ um den schwächsten Burton seit dem desaströsen Remake von „Der Planet der Affen“ handelt
Traurig, aber wahr. Der Film und natürlich auch Hathaways Figur (mancher Fanboy *zwinker* beachte die Gewichtung) kommt allerdings viel zu gut weg. Ansonsten: Mantel des Schweigens über den Film und hoffen, dass sein FRANKENWEENIE wieder burtonesker wird.
Ich geh den Film heute Abend schauen und werde die Euros in eine 3D Karte investieren. Danke für die ausführliche Rezension vorab ;-)
Deine Besprechung fällt etwas motivierender als die der Blogger-Kollegen aus, ich glaub ich werde aber dennoch bitter enttäuscht werden :(
Nicht Uhrmacher! - HUTMACHER!
Mein ich ja. ;-) Danke.
Also, mir hat Hathaway mal gar nicht gefallen, Carter, Depp und Wasikowska hingegen gehen voll in Ordnung und die Grinsekatze ist der Hammer!
Meiner Meinung nach muss man für den 3D-Effekt aber nicht draufzahlen, zumindest hat der mich auch nicht sonderlich umgehauen.
finde deine bewertung auch zu positiv.
die grinsekatze war schon, neben "hübsche augen" hathaway, das beste am film.
ich denke, dass jeder der die 2d version anschaut und dann keine 3d enttäuschung erlebt, weitaus positver über den film empfinden kann, als son "3d erwartungs junkie" wie ich.
Zum 3D-Einsatz: Dass die Effekte zu Beginn und am Ende, also während Alice nicht im Wunderland ist, kaum auszumachen sind, hat den Grund, dass das surrealistische Wunderland einen verspielteren Charakter erhält. Das hat sich Burton schon gut überlegt.
Das hat sich Burton schon gut überlegt.
Das mag ja sein. Aber wenn die 3D-Effekte in diesem Teil so billig aussehen, als ob man zwei Pappfiguren vor die Kamera hält (und den Eindruck hat man gerade am Anfang des Film durchaus ein ums andere mal), dann ist das schlichtweg schlampig umgesetzt.
Ich hatte nicht eine Sekunde das Gefühl, dass die 3D-Effekte schlecht umgesetzt wurden.
Auch ich bin sehr enttäuscht. Verworrene Story, wenig Überraschung, Geistlos, ohne Tiefgang.
Ich persönlich habe das Gefühl der Film ist allein wegen der Effekte gedreht worden denn mitgerissen hat es mich nicht. Es war schon sehr kalt. Auch für mich ist es Burtons schlechteste Arbeit...
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