Rezension: "Precious - Das Leben ist kostbar"











Ende März liefen in den deutschen Kinos zeitgleich zwei Filme an, die kontroverse Debatten nach sich zogen. Während sich „Blind Side“ dem Vorwurf ausgesetzt sah, ein hilfloses und bedürftiges schwarzes Schoßhündchen vom weißen Frauchen am Nasenring durch die Manege zu zerren, und noch dazu einer zutiefst republikanischen Version des American Dream zu huldigen, wurde auch der zweite Film im Bunde, nämlich „Precious“, alsbald mit Vorwürfen konfrontiert, die dem Film einen latenten Rassismus unterstellten. Kamen diese Anschuldigen im Fall von „Blind Side“, in dessen Zuge Sandra Bullock zu Recht ihren ersten Oscar einheimsen konnte, auf Grund der skizzierten Figurenkonstellation nicht ganz unerwartet, musste man im Fall von „Precious“ über den Vorwurf des Rassismus schon erstaunter sein. Immerhin basiert der Film auf der Vorlage der afroamerikanischen Autorin Sapphire, und auch der Regisseur von „Precious“, Lee Daniels, ist Afroamerikaner. Und so entbrannte vor allem in den USA eine Debatte, die vor allem auch von der afroamerikanischen Bevölkerung geführt wurde. Die einen beklagten sich, dass Daniels sich mit seinem Film in den Dienst weißer Vorurteile gestellt hätte, die anderen forderten die Kritiker des Films lautstark auf, endlich ihre eigene Geschichte zu reflektieren und nicht jede kritische Auseinandersetzung a priori als rassistisches Geplänkel zu brandmarken.


Harlem in den Achtziger Jahren. Gezeigt wird das Leben eines Teenagers, wie es fürchterlicher nicht sein könnte. Die stark übergewichtige Claireece „Precious“ Jones (Gabourey Sidibe) ist 16, kann kaum Lesen und Schreiben, erwartet dafür aber bereits ihr zweites Kind. Ihr erstes Kind ist noch dazu behindert, ein Resultat inzestuöser Fortpflanzung. Der Erzeuger ihrer Kinder ist nämlich ihr eigener Vater, der sie seit Jahren vergewaltigt. Ihren Schmerz und ihre Verzweiflung frisst das Mädchen in sich hinein, denn auch ihrer Mutter (Mo’Nique) kann sie sich nicht anvertrauen, wird sie doch von dieser ebenfalls physisch und psychisch misshandelt. Nur nach außen hin herrscht eine äußerst brüchige Fassade der Harmonie, kann es sich die arbeitslose Mutter nicht leisten, die Zuwendungen vom Sozialamt zu verlieren. Erst als Precious von sich aus den ersten Schritt aus dieser familiären Hölle wagt, und an einem alternativen Schulmodell teilnehmt, regt sich so etwas wie Hoffnung. In den Wänden des Klassenzimmers gelingt es der Lehrerin Mrs. Rain (Paula Patton) das Vertrauen des in sich gekehrten Mädchens zu erlangen, und die Mauer des Schweigens zu durchbrechen.


Regisseur Lee Daniels hat in einem Interview zu seinem neuen Film zu Protokoll gegeben, dass man „Precious“ nicht zu ernst nehmen soll (tip Berlin). Diese Aussage ist schlichtweg unverständlich, da sie sofort die Frage nach der Legitimation dieses sozialkritischen Films stellt, ist wohl aber auch direkte Folge der Angst des Regisseurs, dass ein Film wie „Precious“ als Kassengift wirken könnte. Offensichtlich ist, dass Daniels die visuelle Gewalt in „Precious“ auf ein Minimum reduziert hat. Wenn Precious sich angesichts der immer wiederkehren Misshandlungen in ihre Traumwelten flüchtet, dann nimmt sie den Zuschauer stets mit und erlaubt ihm immer wieder Atem und Luft zu holen, wo er es eigentlich nicht dürfen sollte. Bei all der Wut, dem Leid und der Trauer, Themen die den Film durchziehen und tragen, ist er jedoch nicht völlig ohne Hoffnung. Dass „Precious“ dieser schwierige Balanceakt gelingt, nämlich den Zuschauer am Ende gleichsam mit Zuversicht und Unbehagen aus dem Film zu entlassen, muss mit als größte Stärke von Daniels Film gewertet werden, wie „Precious“ überhaupt ständig zwischen den emotionalen Extremen pendelt. Wenn die von Mo’Nique verkörperte Mutter gegen Ende des Films vor ihrer Tochter und der zuständigen Sozialarbeiterin in Tränen ausbricht und mit Argumenten, die kaum nachzuvollziehen sind, ihre Taten entschuldigen will, wird der Zuschauer gleichsam und im steten Wechsel von plötzlichem Mitleid und tiefster Abscheu durchflutet werden.


Nicht nur in dieser Szene lebt „Precious“ von seinen großartigen Darstellern. Mo’Nique gewann für diese Rolle folgerichtig den Oscar für die beste Nebendarstellerin, aber auch Gabourey Sidibe hätte einen Award verdient gehabt. Die größte Überraschung in diesem Ensemble ist jedoch der Auftritt von Mariah Carey, die – schwarzhaarig und ungeschminkt – die für Precious zuständige Sozialarbeiterin verkörpert, und eine äußerst memorable Leistung abliefert, die man vorher nicht für möglich gehalten hätte. Wüsste man nicht, dass es sich hier um Carey handelt, man würde es nicht glauben. Ihnen allen ist es zu verdanken, dass „Precious“ derart überzeugend geraten ist. Inhaltlich nämlich, dass zeigt sich vor allem an der geradezu engelsgleichen Lehrerfigur der Mrs. Rain, ist der Film durchaus konventionell geraten, was sich von Zeit zu Zeit auch in ziemlich austauschbar wirkenden Phrasen manifestiert. Letztlich spielt dies, ob der Wucht der in dem Film immer wieder entfesselten und verhandelten Emotionen keine Rolle. Bei „Precious“ handelt es sich somit wohl um einen der intensivsten Filme des bisherigen Kinojahres. Ob man „Precious“ nun in seiner Darstellung latenten Rassismus, oder aber die Abbildung einer unangenehmen „Wahrheit“ attestieren möchte, so wie es Daniels für seinen Film in Anspruch nimmt (gleiches Interview), ist wie so oft eine Frage der Perspektive. Wie auch im Fall von „Blind Side“ halte ich persönlich den Film nicht für rassistisch, sondern für ein Substrat unfassbarer Leidensgeschichten. Das kann dann, wie im Fall des an dieser Stelle bereits zitierten Interviews als „Symbolgeschichte afroamerikanischer Tragödien“ gedeutet werden, oder aber – was mir lieber wäre – einfach nur als Symbolgeschichte menschlicher Tragödien. - Fazit: 7,5 von 10 Punkten.


Quellennachweis: Abbildungen aus "Precious". © 2010 Pro Kino


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