

Verbrechen, Leidenschaft, Liebe, Suspense und knisternde Erotik. Der Erotikthriller ist eine Kunst für sich, der sowohl einige ikonographische Sequenzen der Filmgeschichte hervorgebracht, als auch der einen oder anderen Darstellerin zum Durchbruch verholfen hat. So verdankt Sharon Stone Verhoeven's „Basic Instinct“ ihren großen Durchbruch; ihr alsbald zum popkulturellen Zitat gewordener Beinschlag wurde quasi über Nacht zur Ikone des Genres. Nur wenige Jahre später hatte Stone diesen Nimbus wieder verspielt. Mit „Sliver“ versuchte sie sich ein weiteres mal im gleichen Genre, musste an dem Film jedoch scheitern. Anders Jack Nicholson und Jessica Lange, deren Nummer auf dem Küchentisch in „Wenn der Postmann zweimal klingelt“, das Kinopublikum rätseln ließ, ob es sich bei dieser kleinen Einlage wirklich noch um Schauspielerei gehandelt habe, oder ob es Nicholson und Lange nicht doch tatsächlich haben krachen lassen. Ende der Achtziger heizte auch Ellen Barkin dem Publikum ordentlich ein, und wusste in dem schwül-heißen Südstaatenthriller „The Big Easy“ zu überzeugen. In die Hitze des Mississippi-Deltas zog es auch Neve Campell und Denise Richards, deren „Wild Things“ auf seine Weise ebenso raffiniert wie freizügig geraten ist. Auch Stanley Kubrick nahm sich mit seinem letzten Film „Eyes Wide Shut“ diesem Genre an, und begab sich auf die Spuren mangelnder zwischenmenschlicher Kommunikation. Im weitesten Sinne handelt nun auch „Chloe“ von diesem Thema und erzählt von einer Ehe am Scheideweg.
Catherine Stewart (Julianne Moore), Gynäkologin von Beruf, hat sich seit Wochen auf diesen Tag gefreut. All ihre Freunde und Bekannten haben sich im Haus der Stewarts versammelt, um Catherines Ehemann David (Liam Neeson) zu seinem fünfzigsten Geburtstag gebührend zu überraschen und zu feiern. Doch die mit viel Liebe vorbereitete Feier fällt ins Wasser, als das Geburtstagskind seinen Flug und damit das Fest verpasst. Als Catherine am nächsten Morgen zufällig eine SMS von einer ihr unbekannten Studentin auf dem Handy ihres Mannes entdeckt, keimt in ihr der Verdacht, dass sie ihr Mann, der noch nie einem Flirt abgeneigt war, mit einer Anderen betrügt. Ein zufälliges Aufeinandertreffen mit der Prostituierten Chloe (Amanda Seyfried) lässt Catherine auf die Idee kommen, David eine Venusfalle zu stellen: Die bildhübsche Chloe soll ihrem Mann bei nächster Gelegenheit ansprechen und verführen. Wenige Tage später treffen sich die beiden Frauen zum Rapport. Chloe berichtet Catherine davon, wie sie David in einem Café angesprochen und verführt habe. Diese ist entsetzt, sieht sie sich doch in ihrem Anfangsverdacht bestätigt, gleichzeitig fühlt sie sich jedoch auch zu Chloe und deren Erzählungen hingezogen.
Wie bei Kubricks „Eyes Wide Shut“, ist es auch im Fall von Atom Egoyans „Chloe“, einem Remake des französischen Films „Natalie“, die emotionale Entfremdung eines Ehepaars, das als auslösendes Element fungiert. Zu Beginn folgt der Film Catherine in ihre Praxis, wo sie eine Patientin, die darüber klagt, dass sie in ihrem ganzen Leben noch keinen Orgasmus gehabt habe, mit den Worten zu beruhigen versucht, dass es sich bei diesem nur um eine Anzahl von Muskelkontraktionen, und keinesfalls um etwas Mythisches handeln würde. Gleichzeitig hält David, Musikprofessor von Beruf, eine begeisternde Vorlesung über die Anziehungskraft der Musik. Dort die ob ihrer Weiblichkeit verunsicherte Catherine, hier der charmante Professor, der es sich nicht nehmen lässt, mit jeder Kellnerin zu flirten. Es sind letztlich diese Selbstzweifel, die Catherine dazu treiben, ihren Mann auf die Probe zu stellen. Egoyan gelingt es mit seiner Inszenierung, die ebenso elegant wie präzise ist, diese Grundproblematik aufzubereiten und so den Nährboden für die folgende ménage à trois zu schaffen, in der Liam Neeson noch die geringste Rolle zu spielen hat. Zwar gelingt ihm eine überaus pointierte Darstellung des selbstbewussten Intellektuellen, doch die wichtigeren Protagonisten in Egoyans Film sind die beiden Frauenfiguren.
Moore stattet ihre Catherine mit einer Verletzlichkeit aus, die sie über die gesamte Spielzeit beibehält. Die aus dem Fokus ihres Mannes, dafür aber in die Fänge der lolitahaften Chloe geratene Frau ist das emotionale Zentrum des Films, um das sich alles dreht. Amanda Seyfried, in „Chloe“ als klassische Femme Fatale mit vollen roten Lippen sowie blondgelocktem Haar zu sehen, und vom SPIEGEL unlängst als Frau mit „porzellanhaften Gesichtszügen“ treffend beschrieben, hingegen verkörpert die nicht minder verletzliche, sich aber ihrer Reize umso sicherere, Edelhure. In der noch jungen Karriere von Seyfried, ist die Figur der Verführerin wohl die bislang anspruchsvollste, aber auch interessanteste Rolle. Und auf die Kunst des Verführens versteht sich Chloe wie keine Zweite. Es sind ihre Schilderungen ob des mit David erlebten, die Catherine trotz der in den Worten stets mitschwingenden Verletzungen erregen, so dass sie dieses Spiel, anstatt ihren Mann mit den Tatsachen zu konfrontieren, schließlich weiterspielt. Es sind jene Momente, in denen die verbale Erotik wirkungsmächtiger ist, als die visuelle – und das in einem Film - , die zu den stärksten des Films gehören. „Chloe“ ist sinnlich, leidenschaftlich und in seiner filmästhetischen Sprache ein Genuss. Einzig die Tatsache, dass Atom Egoyan am Ende den einfachsten aller Auswege sucht, und sich dann doch ein wenig zu hollywoodlike aus der Affäre zieht, ist zu bedauern. - Fazit: 7 von 10 Punkten.
Quellennachweis: Abbildungen aus "Chloe". © 2010 Kinowelt






4 Kommentare:
Klingt durchaus positiv also was ich da so lese. Die Moore wird von mir genauso wie Neeson sowieso immer gern gesehen und Seyfried wirkt im Trailer ein bisschen wie die Johansson.
Mhhh, muss diese Tage mal ernsthaft abwägen ob sich ein Kinobesuch lohnt oder ob ich lieber auf die Leih-Disc warte.
Ich finde, dass man für den Film die 5,50 für die Kinokarte guten Gewissens investieren kann. :) Juliane Moore spielt wirklich sehr stark, Neeson ist sowieso eine sichere Bank, wenn er nicht gerade als Zeus mit Blitzen um sich schmeißt, und die Seyfried mag ein wenig wie die Johansson aussehen, ist darstellerisch aber imho überhaupt nicht mit J. zu vergleichen.
Es ist eine Erleichterung zu lesen, dass Seyfried ihre Rolle gut spielt. Nach ihren Rollen in "Veronica Mars" und "Jennifer's Body" war ich mir nämlich noch nicht so sicher, dass sie auch ernstere Rollen umsetzen kann. Wird vorgemerkt, aber eher für den DVD-Release.
Sehr gute Rezension! Den Film werde ich mir bestimmt anschauen. Bin sehr gespannt darauf. Danke!
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