Rezension: "Jud Süß - Film ohne Gewissen"












Deutsche Filme über den Nationalsozialismus sind vor allem deshalb interessant, weil sie neben der eigentlichen Handlung per se etwas über den aktuellen kulturellen und politischen Erinnerungsprozess einer Gesellschaft verraten. Im sich aktuell vollziehenden Übergang von erlebter zu ausschließlich erinnerter Geschichte an das nationalsozialistische Terrorregime, spiegeln sich in den Filmen erinnerungskulturelle Fragen, Debatten und Konflikte, die in fiktionaler und populärkulturell aufbereiteter Form verhandelt werden. Neben der seit einigen Jahren in der Bundesrepublik intensiv diskutieren Frage, ob eine perspektivische Öffnung des Erinnerungsdiskurses zu Gunsten deutscher Opfergruppen zulässig ist, oder ob es sich dabei nicht doch um eine Form des Geschichtsrevisionismus handeln würde, rückt mittlerweile vor allem die Art und Weise, wie sich in fiktiver Form mit dem nationalsozialistischem Erbe auseinandergesetzt wird, in den Fokus des Interesses. Mussten die Nazis im internationalen Spielfilm quer durch die Genres – vom Historienfilm bis hin zur Sexploitation – schon immer als ideale Bösewichte herhalten, geht man in Deutschland mit diesem Thema naturgemäß weitaus sensibler um. Dass Sensibilität bisweilen aber auch einen Hang zur Übervorsichtigkeit impliziert, zeigt sich dabei immer wieder aufs Neue.


So hängt die offensichtlich zum bundespolitischen common sense gehörende und vom Feuilleton mit schöner Regelmäßigkeit begierig aufgenommene Frage „Darf man das?“ immer wieder dann wie ein Damoklesschwert über einer Filmproduktion, wenn ein vermeintliches Tabu gebrochen oder sich dem Schreckensgespenst des Nationalsozialismus auf andere Art und Weise abseits ausgelatschter Pfade ritualisierter Gedenkkultur genähert wird. „Darf man Hitler als Mensch zeigen?“ war der von den Machern des „Untergangs“ offensiv lancierte, die eigentliche Intention des Filmes bewusst verschleiernde, angebliche Tabubruch, der von den Rezipienten in der Folge dementsprechend schnell als Scheindebatte entlarvt wurde. „Darf man sich über Hitler lustig machen?“ - Was Chaplin bereits 1940 durfte, darf man in Deutschland natürlich noch lange nicht. Und so bekam es Dani Levy 2007 angesichts des sich über ihm senkenden Damoklesschwerts mit der Angst zu tun, so dass „Mein Führer – Die wirklich wahrste Wahrheit über Adolf Hitler“ letztlich als Satire versagen und wie ein Kartenhaus in sich zusammenstürzen musste. Im letzten Jahr fragte man schließlich: „Darf man Hitler und seine Vasallen – der Historie diametral entgegen gesetzt – in einem Kino ermorden lassen?“ Da Quentin Tarantino aber bekanntlich Quentin Tarantino ist, interessieren ihn solche deutsche Befindlichkeiten herzlich wenig. Und wenn nun ein Uwe Boll um die Ecke kommt und den industriellen Massenmord in Auschwitz inszenieren will, ist die erneute Frage nach dem „Darf man das?“ schon vorprogrammiert. Und um die Frage an dieser Stelle schon einmal zu beantworten: Natürlich darf Uwe Boll das. Eine pluralistisch-demokratische Gesellschaft muss dies aushalten. Andererseits muss man nicht alles, was man darf, auch tatsächlich in die Tat umsetzen. Und überhaupt evoziert dies nur die berechtigte Frage, ob in der Erinnerungskultur die Kultur nicht doch bisweilen verloren zu gehen droht.


Natürlich soll und darf sich also auch Oskar Roehler auf der fiktiven Basis eines Spielfilms mit dem Entstehungskontext des berühmtesten und auf Grund seiner handwerklichen Perfektion sowie der damit verbundenen Suggestionskraft schlimmsten Propaganda-Machwerks aus der Goebbels’schen Filmschmiede auseinandersetzen. „Jud Süß“ wurde seinerzeit von mehr als zwanzig Millionen Deutschen gesehen, und sollte in der Folge vor allem mit den Namen Veit Harlans und Ferdinand Marians verbunden sein. Während Hauptdarsteller Marian nach dem Krieg an dieser Rolle zerbrach, musste sich auch Regisseur Harlan Zeit seines Lebens mit seiner Beteiligung an „Jud Süß“ auseinandersetzen; das mit seiner Biographie direkt verbundene Lüth-Urteil des Bundesverfassungsgerichts gehört bis heute zu den herausragenden Grundsatzurteilen in Sachen freier Meinungsäußerung. Dieses Recht wurde – wenn man es so ausdrücken will – dem Film an sich nach 1945 abgesprochen. In Deutschland bis heute unter Verschluss, darf der Film nur unter strengen Auflagen gezeigt werden. Die Frage, ob dies in Zeiten von YouTube und sonstiger kommunikativer Vernetzung tatsächlich noch ein geeignetes und wirksames Werkzeug staatlicher Geschichtspolitik ist, sei einmal dahingestellt. Wie dem auch sei: Ein Film über den Film „Jud Süß“ musste in Deutschland auch 65 Jahre nach Ende des Zweiten Weltkrieges Debatten nach sich ziehen. Folgerichtig forderte der Zentralrat der Juden ein Verbot von Roehlers Film. Dazu ist dann doch nicht gekommen. Gleichwohl mussten sich Roehler und seine Schauspieler nach der Weltpremiere auf der Berlinale einige Pfiffe und Buhrufe gefallen lassen. Warum eigentlich?


Ende der Dreißiger Jahre wird der aufstrebende österreichische Schauspieler Ferdinand Marian (Tobias Moretti) von Propagandaminister Goebbels (Moritz Bleibtreu) für die Hauptrolle seines zu drehenden Propagandafilms „Jud Süß“ ausgesucht. Ein Film, der sich –keinesfalls plumpe Propaganda – mit den Größen des internationalen Kinos messen lassen soll. So diktiert es Goebbels seinem Regisseur Harlan (Justus von Dohnányi) ins Hausaufgabenbuch. Marian soll den laut Drehbuch durchtriebenen Juden Joseph Süß Oppenheimer spielen, der sich das Vertrauen seines Herzogs erschlichen und zum eigenen Vorteil ausgenutzt hat. Marian, der sich nie als sonderlich politisch verstanden hat, zögert und ziert sich. Er will die Rolle nicht, schmeißt Goebbels gar wutentbrannt einen Aschenbecher vor die Füße – und spielt die Rolle zum Missfallen seiner jüdischen Ehefrau Anna (Martina Gedeck) am Ende trotzdem. „Jud Süß“ wird ein voller Erfolg und verhilft Marian zu dem Ruhm, den er immer wollte. Gleichzeitig aber dämmert ihm mit der Zeit, mit wem er da eigentlich paktiert hat. Zusehends dem Alkohol verfallen, seine Frau betrügend, wandelt sich Marian zum Schatten seiner Selbst.


Oskar Roehler ist mit „Jud Süß – Film ohne Gewissen“ sicherlich einer von der Anlage her interessantesten deutschen Filme über dieses spezifische Stück deutscher Zeitgeschichte gelungen. In seiner Filmsprache weniger einer sklavischen Rekonstruktion historischer Ereignisse gleichend, präsentiert sich „Jud Süß – Film ohne Gewissen“ als tragödienhaftes Kammerspiel, in dem bisweilen reichlich dick aufgetragen wird. Dabei lebt der Film vor allem von seinen zwei Hauptdarstellern. Moritz Bleibtreu liefert mit seiner Interpretation des Joseph Goebbels sicherlich eine der besten darstellerischen Leistungen seiner bisherigen Karriere ab. In der Überakzentuierung des rheinischen Akzents Goebbels’ geradezu karikierend angelegt, dazu mit ausladender Gestik sowie einem gleichsam überbetont nachziehenden Bein ausgestattet, spielt Bleibtreu einen Verführer von geradezu mephistophelischem Format. Wenn sich Bleibtreu alias Goebbels leise, diabolisch grinsend an seine Opfer heranschleicht, kann man den Schwefel geradezu riechen. Bleibtreu steht mit Moretti ein Darsteller gegenüber, der seinen Marian als charmanten, gleichzeitig aber auch naiv wirkenden wienerischen Lebemann anlegt, der sich bereitwillig verführen lässt und dessen Leben langsam aber sicher aus dem Ruder läuft. Aus dem Ruder läuft allerdings mit zunehmender Spielzeit auch Roehlers Film. Gelingt es „Jud Süß – Film ohne Gewissen“ in der ersten Hälfte zu überzeugen und einen interessanten und fiktionalisierten Einblick in den Entstehungskontext des berühmt-berüchtigten Originals zu vermitteln, verliert der Film in der zweiten Hälfte zusehends die Balance. Marians Reise durch die besetzten Gebiete wo er mit ansehen muss, wie sein Film dazu genutzt wird, Wehrmacht und SS aufzustacheln ist ebenso wenig überzeugend umgesetzt wie der Abstecher in die Zeit nach 1945.


Ohnehin ist dann doch einiges an Roehlers Film problematisch. Dies gilt weniger für die dezidiert das Recht der künstlerischen Freiheit einfordernden Szenen, wie jene, in der Marian die Frau eines Lagerkommandanten (Gudrun Landgrebe) im Bombenschein, die Vergewaltigungsszene aus „Jud Süß“ imitierend, am geöffneten Fenster nimmt, sondern für den intentionalen Anspruch des Films, den Roehler in diesem Film offensichtlich vertritt. Vieles, was in „Jud Süß – Film ohne Gewissen“ erzählt wird, ist ja nun bekanntlich historisch nicht verbürgt, sondern aus dramatischen Gründen in das Narrativ implementiert worden. Das gilt für die jüdische Ehefrau, die Marian ebenso wenig hatte wie den jüdischen Freund Adolf Deutscher, den er erst bei sich versteckt, bevor dieser dann doch denunziert und deportiert wird. Es ist offensichtlich, dass in "Jud Süß - Film ohne Gewissen" Marians Beweggründe Goebbels zu Willen zu sein, angesichts seiner jüdischen Frau in einem anderen Licht erscheinen müssen. Dies stellt jedoch erst einmal grundsätzlich kein Problem dar, liegt es doch erstens im spezifischen Naturell des Spielfilms begründet zu fiktionalisieren, und zweitens wird der Tenor der Goebbels’schen Verführung und der Verführbarkeit Marians dadurch nicht geschmälert. Roehler jedoch wollte offenbar mehr als eine fiktionalisierte Reflexion: „Hitler oder Goebbels sind im Kino der letzten Jahre immer Knallchargen. Entweder in Komödien oder in irgendwelchen pseudohistorischen Filmen, die nicht wirklich erzählen, was da passiert ist. Ich glaube, dass mein Film eine Möglichkeit ist, den Leuten diese Geschichte nahezubringen. […] Ich habe mich haargenau an die Fakten und das gut recherchierte Drehbuch von Klaus Richter gehalten.“ (Quelle)


Und genau an diesem Punkt muss der Film natürlich wie ein Kartenhaus in sich zusammenfallen. Einmal abgesehen von der Tatsache, dass Bleibtreus Goebbels natürlich eine Knallcharge par exellance ist, muss man über den groben Stuss, den Roehler hier zum Besten gibt, fassungslos den Kopf schütteln. Vermittelt „Jud Süß – Film ohne Gewissen“ beim Sehen durchaus den Eindruck eine fiktionalisierte und dramatisierte Form einer vergangenen Geschichte zu sein, straft sich Roehler selbst Lügen. Wer seinem Protagonisten eine jüdische Ehefrau andichtet, um nur mal das offensichtlichste Beispiel anzuführen, und auch ansonsten reichlich dick aufträgt, gleichzeitig aber davon schwadroniert, einen sich an Fakten haltenden Film abgeliefert zu haben, hat offensichtlich einiges nicht verstanden. Wie passend, das Roehler im gleichen Interview noch den schönen Satz „Die Leute bei uns in Deutschland haben überhaupt kein Geschichtsbewusstsein“ zum Besten gibt. Man kann sich des Eindrucks nicht erwehren, dass hier ein Mann von sich auf Andere geschlossen hat. Letztlich bricht Roehler mit seinen Äußerungen, mit denen er nicht hinter dem Berg halten konnte, dem Film das Genick und schmälert so einen – Moretti und Bleibtreu sei Dank – eigentlich rundum unterhaltsamen Film. Und was sagt uns dieser Film nun zum Stand der deutschen Erinnerungskultur? Quentin Tarantino hat im letzten Jahr mit „Inglourious Basterds“ unzweifelhaft eine Tür geöffnet, durch die Oskar Roehler gleich einmal auch hindurch schreiten wollte. Leider aber hat er dabei offensichtlich den Schlüssel der Erkenntnis vergessen, ist mit dem Kopf gegen die verschlossene Tür geknallt, und hat sich eine blutige Nase geholt. – Fazit: 5 von 10 Punkten.


4 Kommentare:

Kaiser Soze hat gesagt…

Wirklich gut gschriebene Kritik. Vor allem die ersten Absätze. Zum Film an sich kann ich leider keine Stellung bezihen, da nicht gesehen.

Candide hat gesagt…

Ist wirklich sehr gut geschrieben, gefällt mir auch sehr.
Film habe ich noch nicht gesehen und hab das auch gar nicht vor. Eventuell mal als DVD...

Dr. Borstel hat gesagt…

Soll heißen, abgesehen davon, dass Roehler den Film mit dem Kleinreden seiner geschichtlichen Ungenauigkeiten selbst disqualifiziert, ist er tatsächlich gut gelungen? Freut mich zu hören, denn gerade dieser Kritikpunkt interessiert mich noch am wenigsten, und wenn er ansonsten ansehnlich ist - ich muss sagen, die Berlinale-Kritiken haben mich schon abgeschreckt - würde ich ihn mir tatsächlich gerne mal anschauen.

C.H. hat gesagt…

@ Kaiser & Candide:

Herzlichen Dank. Abgesehen davon, empfehle ich den Film später zu Leihen und auf DVD nachzuholen. Ich finde, dass er eine Chance verdient hat.

@ Dr. Borstel:

Das mit Roehler ist tatsächlich ein dicker Hund. Wir haben direkt nach dem Kinobesuch darüber diskutiert, ob der Film (in Teilen) quasi aus Versehen, oder aber gewollt satirisch wirkt. Nach dem vom Roehler verzapften Unfug muss man wohl leider sagen, dass Ersteres zutrifft. Aber ich habe den leisen Verdacht, dass Moretti und vor allem Bleibtreu schon ein wenig mehr verstanden haben, als ihr Regisseur. Ich finde, dass der Film - abseits dieser Schwächen - wegen seiner guten Ansätzen, mit diesem Stück Geschichte tatsächlich filmisch zu spielen, durchaus sehenswert ist. Gerade Bleibtreu wird ja von Teilen der Kritik wegen seiner Goebbels-Nummer hemmungslos verrissen. Für mich aber ist es seine beste bisherige Rolle gewesen.

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