Rezension: "Ondine - Das Mädchen aus dem Meer"











Es war einmal vor nicht (allzu) langer Zeit, da verfing sich eine junge Frau in dem Fangnetz eines irischen Fischers. So oder so ähnlich erzählen sich die Menschen seit Jahrhunderten Geschichten, Fabeln und Märchen, in denen seltsame Wesen aus dem Meer die eine oder andere Rolle zu spielen haben. So gab der sagenumwobene König Artus – tödlich verwundet – sein nicht minder berühmtes Schwert Excalibur der Herrin vom See zurück, von der er es einst erhielt. Oder denken wir an die Loreley. Noch heute ist der Lorelyfelsen, am Ufer des Rheins gelegen und nach der legendären Nixe, deren betörender Gesang die Seemänner in ihr nasses Grab beförderte, benannt, Anziehungspunkt für unzählige Touristen. Die Zeichentrickschmiede Walt Disney sorgte mit ihrem Klassiker „Ariel“ schließlich dafür, dass die kleine Meerjungfrau nicht nur den Lesern von Hans Christian Andersens Märchen ein Begriff wurde, sondern auf der ganzen Welt bei Groß und Klein ein Publikum fand. Mit „Ondine – Das Mädchen aus dem Meer“ versucht sich nun Neil Jordan an einer erneuten Erzählung über die Wesen aus dem Wasser, die – fast immer weiblich und wunderschön – entweder selbst nach Erlösung suchend, oder aber als Verderben bringende Sirenen fester Bestanteil menschlicher Mythensysteme geworden sind.


Es ist Morgen wie jeder andere, als der Fischer Syracuse (Colin Farrell) sein Boot besteigt und in der Hoffnung auf einen guten Fang aufs Meer hinausfährt. Der trockene Alkoholiker, der von den Bewohnern des kleinen Küstenorts nur abschätzig Circus genannt wird, erträgt sein Leben in stillem Schmerz. Von seiner immer noch trinkenden Frau getrennt lebend, die gemeinsame Tochter lebensbedrohlich an den Nieren erkrankt, lebt der melancholische Syracuse von einem Tag zum Nächsten. Doch dieser Tag ist kein Tag wie jeder Andere. Riesengroß seine Überraschung, als er eine junge Frau (Alicja Bachleda-Curuś), die sich in seinem Netzt verfangen hat, aus der kalten See fischt. Offensichtlich fast ertrunken, erholt sich Frau, die sich selbst Ondine nennt, relativ schnell. Ins Krankenhaus will sie jedoch nicht. Niemand soll sie sehen und so ringt sie dem Fischer das Versprechen ab, sie in seinem kleinen Haus direkt am Strand zu verstecken. Als Syracuse seiner Tochter Annie (Alison Barry), einen Tag später diese Geschichte als Märchen verkauft, hält diese die mysteriöse Fremde für eine Selkie. Da Syracuse jedoch kein sonderlich begabter Geschichtenerzähler ist, schöpft das aufgeweckte Mädchen bald Verdacht und macht sich heimlich auf den Weg zu dem Strandhaus ihres Vaters, wo sie tatsächlich auf Ondine, das geheimnisvolle Mädchen aus dem Meer, trifft.


Neil Jordan ist mit „Ondine“ ein kleiner, aber zumeist feiner Film gelungen, der in seiner melancholischen und zurückhaltenden Bedächtigkeit zum Innehalten einlädt. Die malerisch anmutende kleine Ortschaft, in der die Zeit stehen geblieben scheint, wird von traumhaften Landschaftsaufnahmen eingerahmt, die die rauen Schönheit der irischen Natur einzufangen vermögen. Zusammen mit der dazu passenden, romantisch angehauchten musikalischern Untermalung macht sich Jordan vor allem in der ersten Hälfte seines Films daran, den märchenhaften Ursprüngen seiner Erzählung Rechung zu tragen. So entwickelt sich Ondine für den mürrischen Fischer zum doppelten Glücksfall. Nicht nur das ihre Gesänge dem bislang vom Fangpech verfolgten Syracuse urplötzlich volle Netze bescheren, kommen sich die Beiden auch zwischenmenschlich näher. Die zarte Bande wird jedoch schnell auf die Probe gestellt, was die Grundstimmung von „Ondine“ ziemlich apprupt vom Märchen zum Thriller kippen lässt. Zwar gelingt es Jordan die beiden Teile des Films stimmig miteinander zu verbinden, nichts desto trotz ist die plötzliche Verortung des Films inmitten der Abgründe der menschlichen Gesellschaft ein durchaus schmerzhafter Akt. Glücklicherweise verleiht die Entzauberung des Märchens zu Gunsten von Suff, Verbrechen und Tristesse dem Film zwar einen geerdeten Anstrich; vermag ihn jedoch nicht zu brechen.


Dies ist nicht zuletzt auch den beiden Hauptdarstellern zu verdanken. Colin Farrell und Alicja Bachleda-Curuś, auch im wirklichen Leben liiert, legen ihre Charaktere mit der nötigen emotionalen Zerrissenheit an, die erforderlich ist „Ondine“ über die Zeit zu tragen. Gerade Farrell gefällt in seiner Verkörperung des irischen Fischers, der mit lakonischer Melancholie, aber auch Ironie, seinen zumeist grauen Alltag zwischen kranker Tochter, trinkender Ex und leerem Fischernetz bewältigt. Als überaus gelungen muss auch die Leistung von Alison Barry bezeichnet werden, die die oftmals etwas altkluge wirkende Tochter mit jener Portion kindlicher Verletzlichkeit ausstattet, die in zahlreichen anderen Filmen fehlt und die Figur davor bewahrt, ins Nervige abzurutschen. Insgesamt ist Neil Jordan mit „Ondine“ ein in der Summe schöner, Fernweh erzeugender Film gelungen, der – ohne groß zu glänzen – weitestgehend frei von Schwächen geblieben ist und dabei stets zwischen sagenumhauchter Erzählung und lebensweltlicher Erdung pendelt. Und auch wenn dieser Schwenk innerhalb der Erzählung durchaus schroff daherkommt, kehrt Neill am Ende des Films dann doch wieder zu den märchenhaften Ursprüngen zurück, mit denen er „Ondine“ beginnen ließ: Und wenn sie nicht gestorben sind, dann leben sie noch Heute. – Fazit: 7,5 von 10 Punkten.


6 Kommentare:

Dr. Borstel hat gesagt…

Ah, den möchte ich sehen, seit ich den wunderbaren Trailer zu Gesicht bekommen habe. Vielleicht noch im Kino, mal schauen, ansonsten auf jeden Fall auf DVD. Farrell mag ich seit "In Bruges" ja ziemlich gerne, und der Film verspricht doch einiges.

Candide hat gesagt…

Der Trailer sieht ja wirklich nicht schlecht aus, aber da ich momentan eh nicht mit den Filmegucken nachkomme, wird der wohl erst auf DVD gesichtet. Klingt jedenfalls schon mal ganz gut.

doscorazonesblog hat gesagt…

Kann mich Dr. Borstel anschließen. Ich warte aber auf jeden Fall auf die DVD, da er sowieso nicht bei mir im Kino läuft.

C.H. hat gesagt…

@ All:

Ja, der Film lohnt sich. Ob nun noch im Kino, oder an einem kalten und grauen Herbsttag gemütlich zu Hause auf dem Sofa. Schönes, gefühlvolles Kino!

Leonard Huevos hat gesagt…

Verschwendung von Zeit, besser an den Strand gehen :)

leon der profi hat gesagt…

Sehr schönes Review. Leider wurde der Film großteils ignoriert und zu wenig pubzliziert. Weder in diversen Foren, noch Bekanntenkreis war er bekannt. Ich habe ihn vor einigen Wochen gesehen und mit 8,5 bewertet, da mir die märchenhafte Atmosphäre sehr gut gefallen hat, da sie nie zu surreal oder fern von Realität ist. Ein sehr schöner Blog.

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