

Großkönig Xerxes I. in "300"
1. Einleitung
Wenn die TAZ-Redakteure Poujeh Ansari und Patrick Hemminger in ihrer Besprechung Zack Synders „300“ vorwerfen, dass die Perser im Film „schlecht dargestellt werden“, ist ihnen nicht zu widersprechen. Erstaunen muss jedoch die Überraschung, die bei dieser Feststellung unterschwellig mitschwingt. Immerhin basiert ein großer Teil der Thermopylen-Rezeption um den persischen Großkönig Xerxes I. und Leonidas, dem Anführer der legendären 300, auf dem konstruierten, auf Mechanismen der Exklusion fußenden und somit oftmals abwertenden Gegensatz zwischen Griechen und Persern einerseits, sowie damit einhergehend „West“ und „Ost“ andererseits. Aber vielleicht spiegelt der 2007 durch „300“ ausgelöste weltweite Sturm der Entrüstung, der durch das Feuilleton fegte, auch nur die Tatsache wieder, dass die über Jahrhunderte tradierten “westlichen” Vorurteile, von denen sich im Übrigen auch ein großer Teil der Geschichtsschreibung lange Zeit nicht befreien konnte, von „300“ wie Sonnenstrahlen durch ein Brennglas fokussiert und gebündelt worden und damit für alle sichtbar ans Tageslicht gezerrt worden sind.
Dass die Geschichtsschreibung zu ihren Klienten nicht immer so gerecht ist, wie sie es im Zuge ihres selbstverpflichtenden Ideals der Objektivität eigentlich sein müsste, zeigt sich nicht zuletzt am Beispiel des persischen Großkönigs Xerxes I. Dieser wurde in der Wissenschaft lange Zeit zum Inbegriff des dilettantischen Despoten stilisiert: „In short, Xerxes was a weak personality whose faults showed mostly in his religious fanaticism, in his aesthetic enjoyment of beautiful surroundings and he wasted his time on women of penicious influence at the cost of state-affairs.“ Mag dieses Bild in den vergangenen Jahrzehnten nicht zuletzt auch ein Resultat ideologisierter Geschichtsschreibung gewesen sein, so ist es doch auch der dürftigen Quellenlage geschuldet. Das geflügelte Sprichwort, dass Geschichte von den Siegern geschrieben wird, trifft auch in der Causa Xerxes zu. Der Geschichtswissenschaft stehen als wichtigste und ergiebigste Quelle zum historischen Wirken des persischen Großkönigs nur die Historien des Griechen Herodot zur Verfügung. Eine vergleichbare persische Quelle, die das Bild abseits der wenig verfügbaren persischen Inschriften und Abbildungen ergänzen könnte, ist leider nicht existent.
Dieser Aufsatz soll sich jedoch weniger mit dem vorhandenen Xerxes-Bild in der Wissenschaft beschäftigen, auch wenn dies im Zuge der Argumentation der Arbeit immer wieder en passent geschehen wird, sondern fokussiert sich auf einen Vergleich der Xerxes-Darstellung bei Herodot und dem Bild des Großkönigs, das im Zuge von „300“ bei Frank Miller (Comic) und Zack Synder (Film) vorzufinden ist. Ziel dieses Textes, der Geschichte mit Popkultur in Korrelation setzt, ist es etwaige Gemeinsamkeiten und Unterschiede im Xerxes-Bild aufzuzeigen und heraus zu arbeiten. Flankiert von einer kurzen Rekapitualtion der Funktionsmechanismen der Imagination des Fremden in der griechischen Antike einerseits und der bekannten Xerxes-Biographie andererseits, wird sich der erste Abschnitt des Essays auf die Historien von Herodot fokussieren, bevor sich anschließend dem Comic und dem Film „300“ zugewandt werden kann. Auch dieser zweite Teil kann nicht ohne einen einführenden Exkurs auskommen, in dem zum Einen die Unterschiede von Graphic Novel zum Film, als auch zum Anderen auf die in den einleitenden Worten schon angedeutete Kontroverse um “300” thematisiert werden müssen.
2. Imagination des Fremden
Herodot war Grieche: Die Subjektivität der individuellen Perspektive mit ihrem spezifischen Standort ist eine unumstößliche Tatsache, die in der Historiographie stets berücksichtigt werden muss. Gleiches gilt jedoch nicht nur für die Quellentexte von Herodot, sondern auch mich, bin ich mir doch meiner westlichen Sozialisation und der damit verbunden Empfänglichkeit für Klischees und Vorurteile den „Orient“ betreffend sehr wohl bewusst. Der westlich geprägte Kulturkreis hat sich schon immer zuvorderst durch bewusste Abgrenzung des Eigenen (dem Bekanntem) von dem Anderen (dem Fremden) konsolidiert: Mechanismen der Exklusion und Inklusion haben dazu beigetragen eine Wahrnehmung des Fremden zu erzeugen, die zwar nicht per se einen abwertenden und aggressiven Kern in sich tragen muss, wohl aber dezidiert die Unterschiede betont. Wenn Edward E. Said in seiner Studie zum „Orient“ davon spricht, das sdieser eine europäische Erfindung sei, reicht diese Konstruktion bis in die Antike zurück. Der Gegensatz zwischen „West“ und „Ost“, also dem „Okzident“ auf der einen und dem „Orient“ auf der anderen Seite“, zeigt sich unmissverständlich auch in den Schriften von Herodot. Sowohl bei Herodot als auch bei anderen europäischen Autoren der Zeit lässt sich ein ganzes Sammelsurium an Vorurteilen und Klischees über den „Orient“ finden: Despotie, Dekadenz, Sinnlichkeit mit den damit verbundenen Nebenwirkungen sind somit klassische Topoi des „Orients“, die zum einen im weiteren Verlauf meiner Argumentation immer auftauchen werden, und zum anderen in ihrer Wirkungsmächtigkeit – wie das Beispiel „300“ zeigen wird - bis zum heutigen Tag überdauert haben.
Was hat es also nun mit der Wahrnehmung des Fremden auf sich? Eine Frage, die zwingend kontextualisiert werden muss, möchte man nicht in die Falle tappen, Herodots Geschichtsbild unreflektiert zu übernehmen. Dass die Wahrnehmung des Fremden zum Teil zunächst nicht viel mehr ist, als Eigenwahrnehmung, wurde im Vorigen bereits angedeutet: So nannten die Griechen zum Beispiel alle Nichtgriechen Barbaren. Dies war zunächst nicht mehr als eine relativ wertneutrale Bezeichnung und bezog sich auf die für das griechische Ohr unverständliche Sprachen der anderen Völker, und hatte somit noch nichts mit der dezidiert negativen Konnotation zu tun, die dem Begriff des Barbaren heute inhärent ist. Diese kam erst im 4. Jahrhundert vor Christus auf als Griechenland in Folge einer durch innenpolitische Querelen induzierten Schwäche unter die Herrschaft Persiens geriet. Die katalysierende Wirkung von Krieg und Besetzung förderte somit die Animosität und die dezidiert negativ behaftete Abgrenzung von dem Fremden. Herodot von Halikarnass' Wirken fällt in genau jene Sattelzeit des Übergangs zwischen diesen beiden Polen. Herodot erlebte zwar noch den Anfang des Peloponesischen Krieges zwischen Sparta und Athen, nicht aber das Ende des Konflikts mit, der Griechenland geschwächt und zersplittert zurück ließ und den Feinden Griechenlands Tor und Tür öffnete.
In den letzten Jahren hat die Forschung dem Entstehungskontext der Historien immer mehr Aufmerksamkeit geschenkt. Zum Einen muss natürlich berücksichtigt werden, dass Herodot seine Historien aus der Perspektive des Siegers circa fünfzig Jahre nach den eigentlichen Ereignissen verfasst hat und zum Anderen erfährt mittlerweile auch der konkrete innergriechische politische Subtext der Historien Bedeutung. So kommt Sara Forsdyke zu dem Schluss, dass „the last twenty years have witnessed a reversal of his negative view of Herodotus' political understanding“. Dies hat zur Folge, dass seine Historien nicht länger als „an antiquarian inquiry into the distant past, but as an active lesson for the political realities of his own day“ wahrgenommen werden. Ob Herodot im Angesicht der persischen "Barbaren" wirklich von „ehrlicher Bewunderung“ erfüllt war, wie es Albrecht Dihle suggeriert, wird im Folgendem noch zu verifizieren sein. Unstrittig ist jedoch, dass weder Herodot, noch andere griechische Quellen der Zeit, per se mit einer a priori gesetzten Vorstellung einer Minderwertigkeit der Fremden operierten. Vielmehr lassen sich in den Quellen zuvorderst drei Faktoren identifizieren, die den griechischen Sieg über die persischen Invasoren ermöglichten. Während der theologische Ansatz in der persischen Aggression einen Gottesfrevel sah, da sich die Perser über die gottgegebene Ordnung hinwegsetzen wollten, schrieb der wissenschaftliche Ansatz den griechischen Erfolg der Beschaffenheit Griechenlands zu: Während die „Menschen im warmen Süden intelligenter und ängstlicher seien als im Norden“, würden sich diese wiederum als erfindungsreich und unternehmungslustig erweisen, was eine besonders günstige Mischung der Eigenschaften seiner Bewohner zur Folge hätte. Der dritte Erklärungsansatz zielt schließlich auf die politische Ordnung der Griechen ab: Freie, nur dem Gesetz verpflichtete Bürger sind tapferer als Untertanen eines Monarchen.
Es wäre freilich eine unzulässige Verkürzung würde man diese Sichtweise der griechischen Intellektuellenschicht auf die gesamte damalige griechische Bevölkerung übertragen wollen. Was der sogenannte „kleine Mann“ auf der Straße dachte, darüber vermögen die schriftlichen Quellen nur wenig Aufschluss zu geben. Und so ist nicht auszuschließen, dass die Begegnung mit einer fremden Kultur eben nicht nur den Lerneifer anspornte, wie es Dihle völlig richtig ausdrückt, sondern abwertende Abwehrreaktionen auszulösen vermochte. Eine weitere in diesem Zusammenhang wichtige Quellengattung sind Bildquellen, die der Nachwelt zum Beispiel in Form von griechischer Keramikkunst erhalten geblieben ist. Die Rückschlüsse, die aus diesem Fremdenbild gezogen werden können, lassen den Schluss zu, dass in der griechischen Fremdwahrnehmung der „orientalischen“ Kultur Stereotypen präsent waren, die sich zum Teil – das Beispiel „300“ wird diese These untermauern - bis in die Gegenwart gehalten haben. Aber auch in diesem Fall wird der Aussagewert wieder durch den perspektivischen Standort beschränkt, da zahlreiche Gefäßdekorationen im Milieu einer siegreichen athenischen Bürgerschicht entstanden sind: „Wie bei den Schriftquellen verfügen wir also auch beim Bildmaterial nur über einen Ausschnitt aus einem über den gesamten griechischen Kulturraum nicht einheitlichen Spektrum an Vorstellungen vom mächtigen Nachbarn im Osten.“
Nichtsdestotrotz lassen sich natürlich aus den vorhandenen Stereotypen bestimmte ikonographische Codes und Klischees destillieren, die für die persische Darstellung durchaus typisch waren: Während die persische Tracht in der Regel durch eine overallartige Kombination aus Jacke und Hose mit Rauten- oder Zickzackmuster sowie Schnürschuhen und einer weich fallenden Kopfbedeckung identifiziert werden kann, gilt der Bogen als klassische Waffe der Perser. Komplettiert wird das Bild zuweilen durch einen nahezu mannshohen Rechteckschild. Des Weiteren gelten oftmals gelockte Haare und ein zotteliger Vollbart zu den physischen Erkennungsmerkmalen griechischer Darstellungen des östlichen Rivalen. Auch die griechische Vorstellung der „orientalischen“ Dekadenz findet immer wieder in den Darstellungen ihre Thematisierung, so dass sich fast alles, was nach griechischer Überzeugung für die persischen „Orientalen“ überhaupt typisch war, nämlich Reichtum, Luxus, Ausschweifung und Gewaltherrschaft, im Hof der persischen Großkönige manifestierte. Die negative Konnotation dieser symbolischen Codes ist dabei stets offenkundig. Auch wenn viele Bilder, vor allem Kampfdarstellungen, nicht von offensichtlichen Verunglimpfungen des Gegners dominiert werden, so ist allein schon der Rollenverteilung von Sieger und Besiegten eine eindeutige Wertung inhärent, gerade wenn die persischen Feinde fliehend dargestellt werden, was dem griechischen Ideal von Disziplin und Charakterstärke diametral gegenübersteht.
3. Xerxes bei Herodot
Die schriftlichen Quellen erlauben nun der Historiographie einen auf den ersten Blick recht kohärenten Eindruck auf das Leben des persischen Großkönigs Xerxes I. Die luzide Biographie, die Helen Sancisi-Weerdenburg in ihrem Aufsatz zu Xerxes offeriert, ist somit, wie sie im Zuge ihrer Argumentation auch deutlich akzentuiert, nicht mehr, aber auch nicht weniger als eine Rekapitulation der uns bekannten Lebensumstände von Xerxes aus den vorhandenen Quellen (Auf das an dieser Stelle auftauchende Problem der „westlichen“ Perspektive wurde im Vorigen bereits deutlich hingewiesen.): Als Sohn der Atossa geboren, wuchs Xerxes, so ist bei Platon zu erfahren, während der Regentschaft seines Vaters Dareius im Harem auf. Von seinem Vater entweder aus dynastischen Gründen oder wegen des Einflusses seiner Mutter, als Nachfolger nominiert, folgte er diesem schließlich auf den persischen Thron nach. Schon während der ersten Jahre seiner Regentschaft musste er sich mit Rebellionen in Babylon und Ägypten auseinandersetzen, was ihn angeblich dazu veranlasste, die auf Ausgleich und Respekt basierende Politik seines Vaters und Vorgängers aufzugeben. Einige Jahre später richtete er seine Aufmerksamkeit gen Griechenland, stellte ein gewaltiges Heer auf und marschierte gegen die griechischen Städte. Doch seinen Feldzügen gegen die Hellenen sollte kein Erfolg beschieden sein. Zwar schlug er die Spartaner und deren Verbündeten bei den Thermopylen, doch musste Xerxes bei der Seeschlacht von Salamis (480 v. Chr.) eine vernichtende Niederlage hinnehmen, bevor sein Heer auch an Land - bei Platae (479 v. Chr.) - von den Griechen geschlagen wurde. Als Resultat dieser militärischen Fehlschläge verlagerte Xerxes seine Tätigkeiten in der Folge auf zwei für ihn etwas ergiebigere Themenfelder: Bauwerke und Frauen. Gerade was das zweite „Thema“ angeht, ist die Nachwelt durch die Überlieferungen des Herodot ausgesprochen ausgiebig informiert worden. Xerxes' Regentschaft – und damit auch sein Leben - endete schließlich für ihn überaus unerfreulich, so fiel er 465 v. Chr. einem an seinem eigenen Hof geplanten Attentat, dessen Hintergründe nicht genau zu rekonstruieren sind, zum Opfer.
Es wurde in der Einleitung angedeutet, dass die moderne Historiographie – basierend auf diesen Quellen – ein eindeutiges Urteil über Herodot gefällt hat. Sancisi-Weerdenburg gelingt in ihrem Aufsatz eine pointierte Zuspitzung der im wissenschaftlichen Diskurs lange Zeit virulenten Standpunkten: „He was a bigot, passionist and a neurasthenic […], he was self-righteous […], he was very much in the shadow, and under the influence of his father […], a sovereign of indolent nature […], no easy mater […], a womaniser whose most impressive construction was the harem-building […], a creature motivated by passion rather than bei reaon […].“ Es hat erst in jüngster Zeit ein Paradigmenwechsel innerhalb der wissenschaftlichen Xerxes-Forschung stattgefunden, der die im Vorigen referierten Positionen relativiert und in ihrer Eindeutigkeit aus dem Forschungsdiskurs dispensiert hat. Dieser ist jedoch nicht das vordergründige Thema dieses Essays, auch wenn er stets präsent bleiben wird, so dass sich mit diesem Vorwissen im Folgenden dem konkreten Xerxes-Bild bei Herodot gewidmet werden kann. Schon die erste Erwähnung von Xerxes bei Herodot, in der es um die zukünftige Nachfolge seines Vaters Dareios geht, wirft ein zweifelhaftes Licht auf den Archämeniden, der je nach Auslegung von Herodots Historien nicht mehr war, als ein Regent von seiner Mutter Gnaden:
[…] brach unter seinen Söhnen ein heftiger Zwist aus um die Herrschaft; […]. Da sie [die Söhne] nicht von der selben Mutter waren, gerieten sie in Streit: Artobazanes machte geltend, daß er der älteste sei von den Nachkommen insgesamt […]. Xerxes, aber daß er der Sohn der Atossa sei, der Tochter von Kyros und Kyros sei es der den Persern die Freiheit errungen.
Zu guter Letzt aber konnte sich Xerxes gegen seine brüderlichen Konkurrenten durchsetzen, weil, so berichtet Herodot, demjenigen die Königswürde gehören würde, der als ältester Nachkomme während der Regentschaft des Vaters und Herrschers gezeugt worden ist. Aber auch ohne diese dynastische Nachfolgeregelung wäre Xerxes nach Herodot an die Macht gekommen, „denn Atossa war allmächtig.“ Ob diese Einschätzung jedoch der Wahrheit entspricht, sondern ob diese nicht eher zum narrativen Stil Herodots gehört, darf bezweifelt werden, weist doch Pierre Briant darauf hin, dass die Mutter des Kronprinzen am Hof keine speziellen und weitreichenden Rechte besaß. Nachdem Xerxes die abgefallenen Ägypter wieder unter persische Herrschaft gezwungen hatte, eine Episode, die bei Herodot nur am Rande Erwähnung findet, schmiedete er schon bald Pläne für einen Krieg gegen Griechenland:
„Wieviel Völkerschaften nun Kyros und Kambyses und dann mein Vater Dareios unterworfen und hinzugewonnnen haben, das braucht Kundigen niemand zu erzählen. Ich aber habe, seit ich diesen Thron übernommen, darüber nachgedacht, wie ich nicht zurückbleibe hinter meinen Vorgängern in dieser Würde und eine nicht geringere Macht hinzugewinne für die Perser. Und indem ich so nachdenke, finde ich heraus, wie wir weiteren Ruhm dazu erwerben können […]. Ich habe vor, erst eine Brücke zu schlagen über den Hellespont und dann das Heer durch Europa zu führen gegen Hellas, damit ich den Athenern heimzahle, was sie den Persern angetan und meinem Vater.“
Doch auch bei Xerxes' Beratungen über den anstehenden Feldzug gegen die Griechen lässt Herodot den Großkönig zwischen den Extremen eines hybriden und fehlgeleiteten Stolzes auf seine Abstammung (VII 11,3) und zögerlicher Unentschlossenheit (VII 12-19) hin und her pendeln. Gerade die Wankelmütigkeit von Xerxes wird bei Herodot überdeutlich akzentuiert: „It was a standard practise to contrast two counselors, one ambitious and stupid, the other wise and deliberate. This had the result, if not the intention, of portraining Xerxes as indecivise, even cowardly, whitch fits well with the traditional Greek presentation." Nach vier weiteren Jahren der Vorbereitung zog Xerxes schließlich gegen Griechenland in den Krieg und scheute auch nicht davor zurück die von der Natur gesetzten Grenzen aufzuheben. Als Xerxes Versuch den Hellespont zu überbrücken durch einen Sturm vereitelt wird, befahl er diesen mit der Geißel zu züchtigen:
„Du bitteres Wasser, dein Herr legt dir diese Strafe auf, da du ihn beleidigt hast, ohne Böses von ihm erlitten zu haben. Und der König Xerxes wird doch über dich weggehn, ob du nun willst oder nicht. Die aber geschieht es recht, daß keiner der Menschen dir ein Opfer darbringt, denn du bist ein wirbeliger und salziger Strom.“
Diese Anekdote ist in der späteren Rezeption geradezu paradigmatisch als Beweis für Xerxes Hybris und Despotie verstanden worden. Nicht nur das Xerxes sich anmaßt es mit den Gewalten der Natur aufnehmen zu können, befiehlt er außerdem, so berichtet Herodot, den Verantwortlichen, die das Übersetzen des Heeres zu beaufsichtigen hatten, den Kopf abzuschlagen. Ein Indiz für die Despotie und die Grausamkeit von Xerxes lässt sich bei Herodot auch an zahlreichen anderen Stellen seiner Historien finden. Als zum Beispiel der Lydier Pythios Xerxes nach einem unheilvollen Vorzeichen bittet seinen ältesten Sohn vom Kriegszug freizustellen, gerät Xerxes in unbändige Wut, die sich wie folgt entlädt:
„[...] jetzt aber wo du dich anders besonnen hast, und unverschämt wirst, sollst du bekommen, nicht was du verdienst, nein, Geringeres als verdient. Dich nämlich und die vier deiner Söhne schützt die Gastfreundschaft; doch der eine, an dem dir soviel liegt, soll dir zur Strafe das Leben verlieren. „Und als er [Xerxes] diese Antwort erteilt hatte, gab er denen, die dazu bestellt waren, auf der Stelle den Befehlen, den ältesten von Pythios Söhnen herauszusuchen und ihn mittendurch zu teilen und dann die eine Hälfte rechts von der Straße und die andere links hinzustellen, und da solle das Heer durchziehen.“
Auch in diesem Fall ist natürlich die Historizität von Herodots Bericht anzuzweifeln. Sancisi-Weerdenburg weist in ihrem Aufsatz darauf hin, dass die Art in der Herodot seine Informationen präsentiert, in drei Kategorien eingeteilt werden können: „a) complete tales which probably reached Herodotus as such […], b) actions of Xerxes based on hearsay or on reports of eyewitness […], and c) discussions of Xerxes with his advisers such as Artabanus, Demaratus, Artemisia etc.“ Auch wenn Sancisi-Weerdenburg völlig zu Recht darauf hinweist, dass die im Vorigen genannte Geschichte um Pythios als „tale“ zu bewerten ist und somit als Indikator für die Persönlichkeit des historischen Xerxes kritisch betrachtet werden muss, relativiert diese „tale“ jedoch keinesfalls das Xerxes-Bild, das Herodot zeichnen wollte. Auch wenn er im Vorwort der Historien darauf hinweist, dass er die ruhmreichen Taten „von Hellenen wie von Barbaren“ wiedergeben möchte, ist es offensichtlich das Herodot sowohl die Grausamkeit als auch die Hybris des Großkönigs immer wieder herausstellt. Diese „barbarische Rohheit“ erreicht einen weiteren Höhepunkt als nach einer Querung eines Flusses in der Gegend „Neunwege“ auf Xerxes Befehl je neun einheimische Jungen und Mädchen als Opfer lebendig begraben werden sollen (VII, 114, I).
Andererseits aber weist Herodot auch auf eine weichere, menschliche Seite des Großkönigs hin, als er diesen im Angesicht seines gewaltigen Heeres plötzlich in Tränen ausbrechen lässt, als ihm die Vergänglichkeit und Kürze des menschlichen Lebens bewusst wird (VII, 44). Dass dies in der Lesart von Herodot wohl aber in „weinerlicher“ Art und Weise auf sich selbst und weniger in Bezug auf das Leben seiner Soldaten bezogen war, legen Herodots Aufzeichnungen über die Schlacht bei den Thermopylen nahe, die Xerxes Grausamkeit seinen Feinden, aber auch den eigenen Truppen gegenüber immer wieder betont.
„Nun aber kamen sie außerhalb der Enge einander, und es fiel eine große Zahl Barbaren; denn hinten standen die Führer der Abteilungen in der Hand die Geißel, schlugen auf jeden ein und trieben sie immer weiter voran. Viele von ihnen stürzten auch ins Meer und kamen dort um, noch viel mehr aber wurden lebendigen Leibes von anderen zertrampelt.“32
„[...] und als er zu der Leiche von Leonidas kam, […], befahl er, man solle ihm den Kopf abhauen und auf einen Pfahl stecken. […] hätte er [Xerxes] nicht mit der Schändung seines Leichnams Anstand und Sitte verletzt; denn gerade die Perser pflegen sonst mehr als jedes andere Volk, von dem ich weiß, den Brauch, tapfere Krieger zu ehren.“33
Neben den von Herodot geschilderten Grausamkeiten des persischen Großkönigs zeigt er diesen immer wieder als Gottesfreveler. Schon im ersten Buch von Herodots Historien ist es Xerxes, der angeblich – ganz im Gegensatz zu seinem Vater – ein den Babyloniern heiliges Standbild entfernen und den Priester, der es beschütze, töten ließ (I, 183). Und auch während seines Feldzugs durch Griechenland ließ es sich Xerxes immer wieder nicht nehmen griechische Heiligtümer zu zerstören: „Die Barbaren aber durchzogen das ganze Land Phokis... Sie verbrannten und zerstörten alles, was sie fanden und legten Feuer an Städte und Tempel.“ Aus diesen Episoden in den Quellen Herodots meinte die Forschung lange Zeit ein Xerxes-Bild ableiten zu können, welches diesen im Gegensatz zu seinem Vater als Gottesfreveler brandmarkte. Eine wesentliche Rolle spielt in diesem Zusammenhang die berühmte Daiva-Inschrift, die zu den wenigen persischen Quellen gehört die zu Xerxes überliefert sind. In dieser heiß es: „Da machte ich [Xerxes] nach Ahura Mazdas Willen jene Götzenstädten dem Erdboden gleich und verkündete das Verbot: Die Daiva sollen nicht mehr verehrt werden.“ Diese Inschrift meinte man lange Zeit mit der im ersten Buch der Historien geschilderten Episode in Babylon gleichsetzten zu können. Diese Lesart ist jedoch nach neusten Erkenntnissen nicht länger aufrecht zu erhalten: „Die Daiva-Inschrift scheint […] überhaupt nicht auf eine spezifisch kriegerische Auseinandersetzung zu rekurrieren. H. Sancisi-Weerdenburg hat überzeugend postuliert, den Text vielmehr als allgemein programmatisch aufzufassen und als Zeugnis königlichen Herrschaftsverständnis zu interpretieren.“
In Bezug auf die griechischen Quellen kann somit davon ausgegangen werden, dass aus Herodot zuvorderst die Fassungslosigkeit über die Vorgehensweisen der Perser spricht, da Heiligtümer zu zerstören nach griechischer Lesart gleichbedeutend mit einem Angriff auf die Götter selbst ist. Somit scheint es verständlich, warum Herodot Xerxes, der sich erdreistet einen Krieg gegen die Götter zu führen, immer wieder Hybris unterstellt. Die moderne Forschung hat mittlerweile erkannt, dass die Demütigung des Gegners durch Verminderung seiner religiösen Potenz ein gängiges Mittel im Krieg und somit keine spezifische Charaktereigenschaft von Xerxes war. Nach der persischen Niederlage und Xerxes' Flucht vom Ort des Geschehens, von Herodot wiederum mit allerlei Grausamkeiten ausgestattet, richtet sich der Blick von Herodot auf die Ereignisse um Xerxes und die Frau seines Bruders Masistes. Schilderte Herodot in seinen Historien bislang vor allem Xerxes Vorbereitungen auf den Feldzug gegen Griechenland und den Feldzug an sich, lässt er sein Publikum auch an den „Frauengeschichten“ des persischen Herrschers teilhaben:
„Damals also, während er [Xerxes] sich in Sardes aufhielt, verliebte er sich in die Frau des Masistes. […] Als er sie mit seinen Anträgen, […], sich nicht geneigt machen konnte, […] - da betreibt Xerxes, weil ihm kein anderes Mittel übrig blieb, statt dessen die folgende Heirat: die Verbindung zwischen seinem eigenen Sohn Dareios und einer Tochter dieser Frau und des Masistes mit dem Gedanken, letztere eher zu gewinnen, wenn er so verfahre.“
Diese Geschichte wird ein tragisches Ende haben. Die Liebe von Xerxes zu der Frau seines Bruders erlosch nämlich schnell im Angesicht von Artaynte, der Tochter seines Bruders und der Frau seines Sohnes. Nun für Artaynte entflammt, suchte er die Frau für sich zu gewinnen und reüssierte auch in dieser Angelegenheit. Dermaßen euphorisiert erlaubte Xerxes Artaynte sich zu wünschen was immer sie haben wollte. Unglücklicherweise aber fiel ihr Augenmerk ausgerechnet auf ein prunkvolles Umhangtuch, das Xerxes von seiner Frau Amestris zum Geschenk erhalten hatte. So erfuhr seine Frau von Xerxes heimlicher Liebelei und schwor deren Mutter, die sie für die wahre Schuldige hielt, bittere Rache: „Die Brüste schnitt sie ihr ab und warf sie den Hunden vor und Nase und Ohren und Lippen, und schnitt ihr die Zunge heraus und dann schickte sie nach Haus, so furchtbar entstellt.“
Masistes, von Wut entflammt, machte sich zugleich mit seinen Söhnen auf den Weg nach Baktrien, um diese gegen seinen Bruder aufzuwiegeln, so dass sich Xerxes gezwungen sehen musste seinen Bruder und dessen Nachkommen zu töten: „So also ging es mit Xerxes' Liebe und Masistes' Tod“ beendet Herodot lakonisch diese Anekdote, die Xerxes in der Forschung das Bild eines schwachen und unfähigen Frauenhelden eingebracht hat, der seine Herrschaft wegen seiner Affären aus Spiel setzt. Sancisi Weerdenburg weist nun zurecht darauf hin, dass es sich bei der von Herodot gezeichneten Persönlichkeit von Xerxes weder um reine Fakten noch um pure Fiktion handelt, sondern eher um transformierte Traditionen. Folgt man dieser zutreffende Perspektive, lässt sich aus den Historien von Herodot ein Xerxes-Bild destillieren, das zwar zweifelsohne tendenziell negativ ist, aber auch einen zum Teil vom Schicksal fremdbestimmten Mann zeigt. Mit anderen Worten: Wer Herodots Historien ohne Kontextualisierung der Perspektive und der zeitlichen Umstände liest, wird keinerlei Schwierigkeiten haben Xerxes einen extrem negativen Anstrich zu verleihen. Diese These sollte angesichts der folgenden Ausführungen im Hinterkopf behalten werden.
4. "300": Der Comic, der Film und die Kontroverse
Die Schlacht bei den Thermopylen kann auf eine lange Rezeptionsgeschichte zurückblicken. 2007 rückte die Geschichte um Leonidas und Xerxes schließlich das letzte mal in den Fokus eines breiten öffentlichen Interesses. Zack Synders Comicverfilmung „300“, die auf der gleichnamigen Vorlage des amerikanischen Comicautoren Frank Miller beruht, sorgte von Beginn an für kontroverse Debatten. Während die Kritik den Film im Zuge seiner Weltpremiere auf der Berlinale mit Häme, Spott und Verrissen bedachte, entwickelte sich der Film beim „normalen“ Publikum zum mit kräftigem Beifall bedachten Renner. Im Spannungsfeld der aufgeheizten Debatten, die zwischen den Extremen des kulturellen Untergang des Abendlandes einerseits sowie harmloser Unterhaltung andererseits hin und her pendelten, waren gemäßigte Kommentare alsbald eine ausgesprochene Seltenheit. Das ist in gewisser Weise umso überraschender, als das der Comic von Frank Miller bereits 1998 entstanden ist. Miller, der weltweit als einer der besten und einflussreichsten Comicautoren gilt, ließ sich dabei nach eigener Aussage von dem Film „Der Löwe von Sparta“ inspirieren, den er in jungen Jahren gesehen hatte und der ihn seit diesem Tage fasziniert hat. Der grobschlächtige, reduzierte dabei jedoch ausdrucksstarke Zeichenstil Millers, der sowohl im klassisch geformten Männerkörpern schwelgt, als auch eine ganz bewusste Ästhetisierung der Gewalt vornimmt, wird dabei von Miller mit einer Geschichte verbundenen, welche die Perser – anders als zum Beispiel der 1962 im zeitpolitischen Kontext des Kalten Krieges entstandene „Der Löwe von Sparta“ - nicht länger als realen Gegner erscheinen lässt.


Tod auf dem Schlachtfeld: Eine Szene, zwei Deutungen
Zack Synders Film jedoch wurde angesichts seines zeithistorischen Entstehungskontext im Jahr 2007 und den damit verbundenen Spannungen zwischen den USA unter Bush und dem Iran, unmittelbar politisiert. Dies vermag einerseits angesichts Snyders vordergründigen Treue zur Vorlage ein Stück weit zu überraschen, andererseits hat Synder diese Lesart in gewisser Weise auch ein Stück weit provoziert. Im direkten Vergleich zwischen Comic und Film fallen nämlich zuvorderst drei inhaltliche Unterschiede auf. Zum einen erhält die im Comic kaum auftauchende Frau von Leonidas Königin Gorgo eine eigene Nebenhandlung, in der diese die wankelmütige „Heimatfront“ für die gerechte Sache hinter dem im Feld stehenden König zu versammeln versucht und zum anderen wird der Tod von Leonidas, anders als im Comic, von Synder in eindeutiger und somit den Opfergedanken betonenden Kreuzzigungspose inszeniert. Gerade die allegorische Anlehnung an den Opfertod Christi, die das Handeln von Leonidas geradezu sakrosant legitimiert, scheint dazu geeignet den Film in einer Weise zu überhöhen, die von Frank Miller, der nur eine Heldengeschichte erzählen wollte, nicht intendiert worden ist. Drittens finden sich im Film, anders als im Comic, immer wieder Dialoge, die sich dezidiert um Freiheit und deren Handlungsmaximen drehen, was zur Folge hat, dass der Film im weitaus stärkerem Maße als der Comic den der Thermopylen-Rezeption inhärenten Mythos von der griechischen Bewahrung Westeuropas nebst derer Normen und Werte vor der „persischen Gefahr“ kommuniziert.
Zack Synder selbst verwahrte sich gegen Unterstellungen, dass sein Film als Parabel auf die aktuelle amerikanische Politik zu verstehen sei, aber da war das Kind schon in den Brunnen gefallen. Der Film „300“, der in einem Satz als eine aus cineastischer Hinsicht virtuos choreographierte „Schlachtplatte“ mit äußerst dürftiger Story rezensiert werden kann, brachte das Feuilleton in einer Art und Weise zum Erbeben, welche die bloße Meinungsäußerung, ob es sich bei „300“ um einen gut oder schlechten Film handelt, schnell transzendierte. So führte man insbesondere in Deutschland eine peinlich anmutende Debatte um die Frage ob „300“ Euthanasie propagieren würde (inklusive dem Vorwurf einer „Leni Riefenstahl-Optik“), während in den USA sowohl das demokratische wie auch das republikanische Lager den Film mit offener Ablehnung bedachte: Während die Einen Leonidas und seine Getreuen mit Bushs Kampf gegen „Die Achse des Bösen“ in Verbindung brachten, verstanden die anderen die 300 als Äquivalent zu Al Quaida und Xerxes und sein gewaltiges Heer als Metapher auf Bush und die amerikanische Armee. Der Iran, sonst nicht gerade für seine Einhaltung der Menschenrechte bekannt, sah das iranische Volk in Gänze beleidigt und reichte bei der UNESCO Beschwerde gegen den Film ein. Zu guter Letzt wurde „300“ auch noch homophobe Tendenzen attestiert. Zyniker könnten somit behaupten, dass es sich bei „300“ um den politisch korrektesten Film aller Zeiten handelt, da sich praktischerweise alle beleidigt fühlen dürfen.
Es ist jedoch im Kontext dieses Textes nicht das Ziel die Kontroverse um den Film aufzulösen, beziehungsweise diesen gegen seine Kritiker zu verteidigen. Es muss jedoch konstatiert werden, dass die Angriffe gegen „300“ oftmals in nahezu phänomenaler Missachtung der narrativen Prämisse von Film und Comic vorgenommen worden sind. Es ist unstrittig, dass die persische Seite sowohl von Synder als auch von Miller in grotesk abwertender, negativer und tendenziöser Natur dargestellt worden ist. Dies ist jedoch aus der Perspektive von „300“, in der die Geschichte durch die griechischen und somit subjektiven Augen eines Heerführers vor der Schlacht bei Platae erzählt wird, nur konsequent. Mit anderen Worten: Bei „300“ handelt es sich um einen aufputschenden „Schlachtgesang“ dessen abwertende und auf Exklusion bauende Mechanismen unabdingbares Charakteristikum vom Comic und Film darstellen. Zentrum dieser schwarz-weißen Heldengeschichte ist dabei der Gegensatz zwischen Leonidas auf einen und Xerxes auf der anderen Seite.
5. Xerxes bei Miller und Snyder
Die im Film und Comic erzählte Geschichte kann an dieser Stelle mit wenigen Sätzen zusammengefasst werden: Angesichts der persischen Bedrohung Griechenlands entschließt sich der spartanische König Leonidas gegen die Weisung der sogenannten Ephoren gegen Xerxes ins Feld zu ziehen. Da er nicht entgegen der Weisung der Ephoren handelt darf, ist es ihm verboten das gesamte persische Heer zu mobilisieren. Stattdessen zieht er mit seiner persönlichen Leibwache zu den Thermopylen. Dort gelingt es den wenigen Griechen Xerxes Heer militärisch in Schach zu halten, bis diese schließlich Opfer des Verräters Ephialtes werden. Folglich fällt das persische Heer den wenigen Verteidigern in den Rücken, was zur totalen militärischen Niederlage führt. Leonidas und seine Soldaten fallen in der Schlacht. Delios, der als einziger Überlebender der Schlacht von Leonidas kurz vor der Niederlage zurück geschickt wurde, um von den Taten der 300 zu erzählen, fungiert sowohl im Comic als auch im Film als Erzähler, der das griechische Heer in die letztendlich entscheidende Schlacht bei Platae und damit in den griechischen Sieg führt.
Während im ersten Teil des Aufsatzes Herodots Fremdbild von Xerxes über einen breit gefächerten Zeitraum nachvollzogen werden konnte, bietet „300“ in dieser Hinsicht nur einen sehr isolierten Ausschnitt an. Xerxes tritt sowohl im Comic als auch im Film an nur fünf Stellen als Person in Erscheinung. Erstens: Während seiner Unterredung mit Leonidas und der damit verbundenen Aufforderung zur Kapitulation der Griechen. Zweitens: Als Zeuge der Niederlage seiner Elitetruppe, der sogenannten „Unsterblichen“. Drittens: Bei der Exekution seiner gescheiterten Generäle. Viertens: Im Zuge seiner Unterredung mit Ephialtes, den er auf die persische Seite ziehen kann und so der Schlüssel zu Xerxes militärischem Sieg bei den Thermopylen wird. Und schließlich Fünftens: Beim großen „Showdown“ als Xerxes von Leonidas unmittelbar vor dessen Tod verwundet wird.
Wo Herodot mit Worten auskommen musste um Xerxes zu beschreiben, setzen Comic und Film zuvorderst auf die visuelle Macht der Bilder. Xerxes wird bei seinem ersten Auftritt in „300“ (sowohl im Comic als auch im Film) als mit Gold und Schmuck behangener sowie geschminkter Riese visualisiert, der Leonidas auf einem überdimensionierten Thron, der von seinen Untertanen getragen wird, entgegen tritt. Miller räumt der Unterredung zwischen Xerxes und Leonidas insgesamt zwei Seiten und dreizehn Panels ein, was völlig ausreichend ist, um ein ganzes Konglomerat an Klischees zu versammeln, die Xerxes auch abseits seiner optischen Erscheinung auf den ersten Blick als „Orientalen“ identifizieren. Sowohl Despotie, veranschaulicht durch Leonidas Ausruf „Und sie [Die Perser] werden meine Lanzen schon bald mehr fürchten als deine Peitschen“, als auch die Hybris von Xerxes, die sich in seiner Replik („Sie fürchten nicht meine Hiebe, sondern meine göttliche Macht“) manifestiert, gehören zu den konstituierenden Elementen von Xerxes Persönlichkeit in „300“. Dass diese Aussage von Xerxes gerade im Film „300“ als programmatisch hinsichtlich der Grausamkeit des persischen Großkönigs verstanden werden muss, zeigt sich nicht zuletzt in der Hinrichtungs-Sequenz von Xerxes' Generälen, die dieser tobend und von blanker Wut erfüllt exekutieren lässt.
Sowohl der Goldschmuck als Indiz für die im „Orient“ herrschende Dekadenz, als auch die Beschreibung der Stimme von Xerxes als „so geschmeidig wie warmes Öl auf gut eingetragenem Leder“, was im Film aus cineastischer Perspektive perfekt umgesetzt wurde, komplettieren den verweichlicht wirkenden Charakter von Xerxes, der im Wesen und Wirken somit dem heroischen Leonidas diametral gegenübersteht. Dass der Comic von Frank Miller und damit auch die in optischer Hinsicht nahezu identische Filmadaption in seiner Bildsprache auf die angesprochenen ikonographischen Codes zurückgreift, zeigt sich in diesem Zusammenhang in quasi jedem Bild. Mit Ausnahme der in der Geschichte exponierten Xerxes-Figur, werden die Perser klassisch mit langen Bärten, der overallartigen Kombination in Karo und Rautenmuster nebst dem klassischen Eckschild, sowie auch immer wieder mit Pfeil und Bogen inszeniert. Die nahezu nackte Darstellung der Spartaner steht dabei in ebenso langer Tradition, kommuniziert dies doch nicht zuletzt unterschwellig ein Bild der körperlichen Makellosigkeit und Perfektion die den Griechen über den Barbaren erhebt. Der Gebrauch von stereotypen Symbolen dienst somit auch bei Miller und Synder nicht nur zur einfachen Unterscheidung der Kontrahenten, sondern artikuliert gleichzeitig ein gewollt abwertendes Bild der Perser.



"Orientale" Klischees in "300"
Diese Darstellung erreicht (zumindest im Film) einen weiteren Höhepunkt, als Xerxes den Verräter Ephialtes in seinem königlichen Zelt empfängt. Was Frank Miller in seinem Comic in nur wenigen Panels andeutet, wächst sich bei Zack Synder zu einem ganzen Sammelsurium an „orientalen“ Klischees aus. Pompöse Teppiche, Wasserpfeifen, Gold und Schmuck, sowie eine unüberschaubare Anzahl nackter, halbnackter und zum Teil auch entstellter Frauen, bilden ein von ikonographischen Vorurteilen nur so strotzendes „Gruselkabinett“, das seinesgleichen sucht. Inmitten dieser Umgebung, die auch vor Andeutungen von Sodomie und Homosexualität nicht halt macht, zeigt sich ein weiteres mal die Hybris von Xerxes, der Ephialtes dazu auffordert ihn nicht nur als König, sondern auch als Gott anzuerkennen. Es ist nicht zuletzt diese Prämisse die als ultimative Klimax für „300“ fungiert. Der moralische Sieg von Leonidas manifestiert sich abschließend in der Tatsache, dass es ihm gelingt, den „Gott“ bluten zu lassen, ihn also als fehlbaren Mensch zu entlarven.
6. Fazit:
Unterwirft man das Xerxes-Bild bei Herodot und bei „300“ einem direkten Vergleich, so kann man ohne jeden Zweifel feststellen, dass beide Ausgestaltungen des persischen Großkönigs einen gemeinsamen Hintergrund besitzen, sich in ihrer jeweiligen Ausformungen jedoch fundamental von einander unterscheiden. Symbole, ikonographische Codes sowie Klischees wie Hybris, Grausamkeit, Despotie und Dekadenz lassen sich sowohl in der antiken als auch in der popkulturellen Adaption des 21. Jahrhunderts ausmachen. Dies ist nur logische Konsequenz: Die Imagination des Fremden fußt dezidiert auf Mechanismen der Exklusion. Die Abgrenzung der eigenen kulturellen Identität, oftmals in eindeutig abwertender Ausformung, von einer anderen – in diesem Fall der persischen Kultur - ist in diesem Zusammenhang konstitutiv und kann auf eine lange Tradition zurückblicken. Mit anderen Worten: Herodot, Frank Miller und Zack Synder befinden sich auf der gleichen kulturellen – also westlichen – Seite und berichten folgerichtig aus dieser Perspektive. Den antiken Quellen, sei es nun in Form der Historien von Herodot, oder aber überlieferte Abbildungen, bilden in ihren stereotypen Symbolen, Metaphern und ikonographischen Codes die Grundlage für die in der gegenwärtigen westlichen Gesellschaft vorhandenen Klischees über den „Orient“. Der Blick auf „300“, der in seiner Bildsprache diese Vorurteile karikativ überzeichnet, macht dabei überdeutlich, dass sich diese Klischees bis in die Gegenwart gehalten haben.
Abseits dieser Klischees enden jedoch die Gemeinsamkeiten von Herodot und Frank Miller in Bezug auf den persischen Großkönig Xerxes. Zwar zeichnet Herodot diesen tendenziell negativ, was angesichts der historischen politischen Konstellation nicht weiter überraschend ist, jedoch lässt sich bei Herodot durchaus der Versuch erkennen Xerxes als ambivalente und vielschichtige Persönlichkeit zu charakterisieren. Die im Verlauf meiner Argumentation immer wieder eingestreuten Verweise auf den aktuellen Forschungsdiskurs konnten verdeutlichen, dass Herodots Ausführungen von der Forschung oftmals negativer ausgelegt worden sind, als es eigentlich nötig gewesen wäre. Mit anderen Worten: Die westliche Geschichtsschreibung hat lange Zeit ein Xerxes-Bild konstruiert, das mit der historischen Realität nicht mehr viel zu tun hat. Frank Millers „300“ ist somit in erster Linie nicht als in der Tradition von Herodots Historien zu verstehen, sondern viel mehr als Resultat eines mehr als zweitausend Jahre alten Prozesses, der per Sozialisation (und damit verbunden der Historiographie) Vorurteile und Klischees in den Köpfen der westlichen Gesellschaften verankert hat.
Wie in der Einleitung dieses Aufsatzes bereits angedeutet: „300“ stellt eine in seiner Umsetzung und Bildsprache totale Verdichtung sämtlicher westlicher Vorurteile des „Orients“ dar. Im Grunde verbietet es sich in Bezug auf die Xerxes-Darstellung in „300“ von einer wirklichen Charakterisierung des persischen Großkönigs zu sprechen. Xerxes stellt sowohl im Comic als auch im Film eine eindimensionale Karikatur dar, die als Folie für die von Miller und Synder aufgerufenen abwertenden Klischees fungiert. Es ist wohl zuvorderst diese Drastik und Kompromisslosigkeit in der Umsetzung (verbunden mit dem zeithistorischen Kontext), welche die aufgeheizte Debatte um den Film und den Comic „300“ möglich gemacht hat, da dieser den in weiten Teilen der westlichen Gesellschaft wohl noch virulenten Vorurteilen in Bezug auf den Osten einen Spiegel vorgehalten und bewusst gemacht hat. Und so ist „300“ vielleicht doch noch eine pädagogische Komponente inhärent, auch wenn dies mit Sicherheit weder von Frank Miller noch von Zack Synder intendiert worden ist.
Anmerkungen: